Kehrt der Bunker wieder?

Bunker auf der Krim. Bild: Martin Kaule aus seinem Bildband "Faszination Bunker"

Über das großenteils ausrangierte Element der Kriegsführung

Unter einem Bunker versteht man ein befestigtes Bauwerk, das Schutz vor feindlichem Angriff bieten soll. Der Bunker dient entweder zum Schutz von Soldaten beim Gefecht, um ihre Angriffs- und Verteidigungssituation zu verbessern oder aber zum Schutz der Zivilbevölkerung bei einem Luftangriff.

Anzeige

Seit Ende des 2. Weltkriegs, der einen "Bunker-Bau-Boom" auslöste, hat sich die Funktion dieser Festungsbauten geändert. Im Kalten Krieg, vor allem in den 1980er Jahren, wurden die alten Bunker für den drohenden Atomschlag umgebaut. Bunker erhielten eine zeitweilige Renaissance.

Im Folgenden soll diesen Veränderungen nachgegangen werden. Möglicherweise entsteht daraus eine Architektur des Utopischen. Paul Virilio befeuerte mit seinem Buch "Bunker Archéologie" die ästhetische Diskussion über Bunker.

Befestigte Bauwerke gibt es, seitdem Menschen Krieg gegeneinander führen. Die Funktionalität der Bunker hängt stets von ihrer Architektur ab: Luftschutzbunker werden häufig knapp über oder unter der Oberfläche gebaut, Flaktürme hingegen, wie sie in Wien noch stehen, wie der Name impliziert, ragen in die Höhe. Zugleich geschützt, aber dennoch fähig zum Beschuss der feindlichen Luftwaffe.

In Mitteleuropa gehört diese Option der Vergangenheit an. Das hängt nicht allein vom Friedensschluss in Bezug auf Großkriege zwischen den europäischen Staaten ab. Die wenn auch zerstörerische Wirkung von Bomben aus anfliegenden Kampfflugzeugen kann mit der flächendeckenden Wirkung einer Atombombe nur schlecht verglichen werden. Die Einschlagskraft übersteigt jede konventionelle Bombardierung.

Die Angst vor dem Einsatz einer solchen Mega-Bombe bestimmt wesentliche Teile der Abschreckungspolitik in den 1980er Jahren: der Bunkerbau dient einer möglichen Gefahrenabwehr.

Eine Schrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft im DGB zeigt deutlich die alltägliche Konfrontation mit einem möglichen Atomerstschlag und einem anschließenden "nuklearen Winter". Für den Unterricht werden Zeitungsartikel und weitere Dokumente aufgearbeitet. Die Paranoia dieser Zeit richtet sich auf einen möglichst umfassenden Schutz vor dem Angriff. Doch was dann? Wie sollen Menschen in einer Umgebung überleben, die von einer oder sogar mehreren Atombomben verwüstet wurde? Wann ist es möglich, wieder an die Oberfläche zu treten? Vielleicht gar nicht mehr?

Wenn der Atomschutzbunker aufgesucht wird, sind die Vorgaben der Warnfilme längst überflüssig. Jetzt geht es um den effizienten Schutz vor der physikalischen Macht der Bombe. Angesichts einer alles zerstörenden Wasserstoff-Bombe oder A-Bombe denken manche Menschen an Gott als einzigen Schutz.

Anzeige

Diese Linie kann fortgeführt werden: der Bunker als invertierte Kathedrale oder als "negative cathedral", wie es Márió Z. Nemes in der Sonderausgabe des Magazins "Technologie und das Unheimliche" zum Thema: Bunker Revisited ausführt. Der Raum, in dem Gott wohnt und der vor jedem dämonischen Einfluss schützt, also auch vor der Massenvernichtungswaffe. Das Vertrauen in die Wehrtechnik reicht nicht mehr aus.

Die Form der Bunker besitzt Kubisches. Mit etwas Fantasie mag man eine Verbindungslinie zu den Kathedralen der Gotik sehen. Beide, die Kathedrale wie auch der Bunker, schützen vor der Apokalypse. Mit dem Unterschied, dass die Bunker aus Stahlbeton gebaut sind und sich vor dem Auge des Feindes zu verbergen suchen.

Das Material, aus dem Bunker bestehen, muss vor Geschossen schützen. Ihre ursprüngliche Schutzfunktion hebt sie aus jedem Konzept zivilen Wohnens heraus -zumindest solange der Krieg noch andauert. Der 2. Weltkrieg produziert nicht nur einzelne Bunker in Städten zum Luftschutz der Zivilbevölkerung. Eine ganze Küste soll mit einer Verteidigungslinie bestückt werden; die "Organisation Todt" baute unter hoher Ausbeutung von Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen eine Masse an Bunkern an der Atlantikküste. Der Schutz vor dem Tod aus der Luft wird durch den Tod der Bausklaven bedingt.

Die Invasion der Alliierten konnten sie nicht verhindern. Virilio beschäftigt sich in seinem Buch mit diesen Bunkern, die er in der Kindheit erlebte. Die Verbindung von Technologie und Kriegsführung zieht sich auch durch andere Schriften von ihm, z.B. in seinen Studien zur Geschwindigkeit.

Die erhältlichen Berichte, sieht man mal von Propaganda ab, wiederholen sich: Bunker versprechen vieles und halten nicht immer alles. Ihre architektonische Erscheinung täuscht. Sie suggerieren Stabilität, Schutz, sogar Souveränität. Zumindest in der Propaganda der Bunkerbaunation.

Nach dem 2. Weltkrieg zieht ein neuer jahrzehntelanger Konflikt auf: Im Kalten Krieg wächst eine neue Gefahr - der bereits genannte Atomkrieg. Es stellt sich bald heraus, dass die bestehenden Bunker aus dem letzten Weltkrieg einerseits "aufgerüstet" werden müssen, andererseits für den Zivilschutz zu wenige Bunker vorhanden sind. Der private Bunkerbau sollte diesem Zustand Abhilfe schaffen.

In den frühen 1960ern stieg die Zahl der Firmen, die Privatpersonen Bunker anboten. Im historischen Rückblick wirken die Anzeigen und Presseberichte zu diesen Bunkerbauten leicht absurd. Die Schlagzeile "Im Gartenbunker das Überleben trainieren. Firma Hundhausen stellt Schutzräume für Atomkatastrophen vor" bringt das Eindringen der militärischen Ordnung in den Alltag auf den Punkt. Das taucht in einem Materialordner für den Schulunterricht in den 1980ern auf.

Bunker Ahrweiler. Bild: Martin Kaule aus seinem Bildband "Faszination Bunker"

Während Firmen für zahlungskräftige Personen Angebote entwickeln, verschlingt der Bunkerbau für die politische und wirtschaftliche Elite der BRD Unsummen an Steuergeldern. Der Regierungsbunker in Bad Neuenahr-Ahrweiler kostet bis zur Fertigstellung und für die Inbetriebhaltung geschätzte 3 Milliarden DM. Ob er dann wirklich für einen atomaren Erstschlag und die postnukleare Welt gerüstet war, steht auf einem anderen Blatt. Alle 2 Jahre wurde er im Rahmen von kombinierten Nato-Übungen (WINTEX) auf seine Funktionstätigkeit geprüft. Dafür bezogen 2000 Mitarbeiter für drei Wochen den Bunkerkomplex.

Mitarbeiter schildern eine Atmosphäre, die sich aus gespieltem Alltag und einer Art Lagerkoller zusammensetzte. Einer Panik im Schutzbau sollte die sogenannte "Bunkermoral" entgegenwirken. Disziplin und Verteidigungsbereitschaft sollen das Zusammenleben auf engstem Raum garantieren.

Der Regierungsbunker nutzt Tunnelanlagen, die bereits in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts konzipiert wurden. Die Tunnel waren für den Betrieb einer Eisenbahn vorgesehen, die beim Krieg gegen den "Erzfeind" Frankreich schnelle Transportbewegungen ermöglichen sollte. Der Bau verzögert sich jedoch bis nach dem 1. Weltkrieg. Im Dritten Reich wurden die Tunnel zunächst zur Champignonzucht genutzt; die Anlagen dann 1943 für 20.000 Reichsmark verkauft. Nach Kriegsbeginn wurde dort die Waffenproduktion mit Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen eingelagert.

Mit dem Eintritt in die Nato musste die BRD einen atombombensicheren Ausweichsitz vorweisen. Die verantwortlichen Stellen erinnerten sich an das Tunnelsystem, die Nähe zur damaligen Hauptstadt Bonn war ein weiterer Punkt. Über dem Tunnel befand sich eine bis zu 112 Meter dicke Schieferdecke - das galt als ausreichender Puffer. In regelmäßigen Übungen wurde die Funktionsfähigkeit überprüft. Die Atmosphäre war gespannt:

Militärseelsorger Heinz Christ erzählt von einem Verlust des Zeitgefühls, weil der Tag- und Nachtrhythmus fehlte […]. Andere berichten von schlechter Luft und der psychischen Anspannung bis hin zum "Bunkerkoller".

Jacobs/Paul-Jacobs 2008: 94-95
Anzeige