Kein Geld für Spekulanten

Immer mehr Initiativen geben eigene Regional-Währungen heraus

Sie heißen „Sterntaler“, „Berliner“, „Regio“ oder „Bürgerblüte“ und sind das Gegenteil von dem um die Welt wirbelnden Geld der Finanzspekulanten: Die Regio-Währungen, die in ganz Deutschland von verschiedenen Initiativen ausgegeben werden und nur regional gelten. Mehr als 50 solcher Bürgerwährungen werden mittlerweile bundesweit gezählt, von Berchtesgaden bis nach Kiel und von Stuttgart bis nach Berlin. Und ein derartiges Geld sollte bereits einmal - in der Weltwirtschaftskrise von 1929 - die Rettung vor dem Finanzkollaps bringen.

Wer im Zisterzienserkloster Leinau in Oberbayern im Klosterladen einkaufen will, der muss dort nicht mit dem Euro zahlen. Wer Bienenwachskerzen oder Holzspielzeug erstehen will, kann dies auch mit dem „Regio“ tun. Kein Wunder, ist doch Abt Klaus Schlapps 1. Vorstandsvorsitzender des Vereins Ostallgäu regional, der ebenso wie sein Bruderverein Oberland regional die lokale Währung herausgibt. Auch bei Diplom-Ingenieur Paul Wildenauer in Geretsried bei München kann man mit dem Regio die Leistungen des Garten- und Landschaftsbau-Unternehmers bezahlen, zumindest teilweise.

„Von der Idee her ist das ein ethisch korrektes Tauschmittel“, erklärt Monika Herz den Grundgedanken des „Regio“. Sie lebt in Peißenberg, gut 40 Kilometer südöstlich vom Kloster Leinau. Und auch sie zahlt mit dem Bürgergeld. 15 Regios hat sie neulich im Buchladen für einen Kalender hingeblättert, 50 Regios im „Eine-Welt-Laden“ für Kaffee, Hirse und andere Lebensmittel.

Mittlerweile haben sich der lokalen oberbayerischen und schwäbischen Währung rund 240 Läden und Betriebe angeschlossen. So kann man auch in der weißblauen Landeshauptstadt in der Bäckerei Fritz mit dem Regio bezahlen ebenso wie in einer Steuerberatungskanzlei in Dachau oder bei einer Parfümerie in Murnau. Das Alternativ-Geld gibt es sogar bei der Bank, zum Beispiel bei der Raiffeisenbank Beuerberg-Eurasburg. Deren Vorstandsvorsitzende Helmuth Lutz findet den Regio „grundsätzlich gut“ und überlegt schon mal, ob man nicht ein Regio-Girokonto einrichten könnte, damit man mit der Alternativ-Währung auch bargeldlos bezahlen kann. Immerhin sind bei den „Spitzenreitern“ unter den lokalen Währungen wie dem Chiemgauer Geldscheine im Gegenwert von 130.000 Euros im Kreislauf.

Aber was ist so alternativ an den Chiemgauern, Sterntalern und Regios? Für Eva Lang, Professorin für politische Ökonomie an der Bundeswehruniversität in Neubiberg bei München, ist es die fehlende „Wertaufbewahrungsfunktion“ des Bürger-Geldes, das es grundsätzlich von der „normalen“ Währung unterscheidet. Denn der Regio ist ebenso wie seine bundesweiten Gegenstücke kein Geld zum Horten und schon gar kein Geld zum Spekulieren. Und wer den Regio daheim unter das Kopfkissen legt, der hat bald keinen mehr. Denn die Alternativ-Währung ist sogenanntes Schwundgeld. Es verliert mit der Zeit an Wert, der Regio zum Beispiel muss durch aufgeklebte Marken immer wieder „erneuert“ werden.

Der Vater dieses Gedankens war der Finanztheoretiker Silvio Gesell (1862 - 1930). Sein Studienobjekt war Argentinien gewesen, das 1890 unter einer schweren Wirtschaftskrise litt. Die Folgen kommen uns heute sehr bekannt vor: Die Menschen verloren das Vertrauen in die Banken und horteten ihr Geld zuhause. Damit aber waren diese Werte dem Wirtschaftskreislauf entzogen und standen nicht als Kredit für die produzierenden Unternehmen zur Verfügung. Dem wollte Gesell mit einem Schwundgeld, das an Wert verliert, wenn es nicht zirkuliert, entgegensteuern.

Erfolgreich ausprobiert wurde dieses Prinzip bei der Weltwirtschaftskrise 1929. So ließ der Bürgermeister der österreichischen Stadt Wörgl 1932 eine Parallelwährung zum damaligen Schilling drucken, das nur im Gemeindegebiet galt. Das Schwundgeld verlor monatlich einen Prozent an Wert und bewirkte wahre Wunder: Der Wirtschaftskreislauf kam in Gang, die lokale Wirtschaft blühte auf und die Arbeitslosigkeit ging innerhalb eines Jahres um 25 Prozent zurück.

Das erfolgreiche Experiment, das weltweit Aufsehen erregte, wurde allerdings aus politischen Gründen verboten, als sich 200 andere Gemeinden für das Alternativgeld interessierten. Auch in den USA wurde 1932 unter der Roosevelt-Regierung über ein Schwundgeld nachgedacht, ein schließlich aber nicht realisierter Plan sah vor, vier Milliarden an Notgeld auszugeben, das mit aufzuklebenden Briefmarken „aktuell“ gehalten werden sollte.

Die Stützung der heimischen Wirtschaft, das ist auch heute die Idee des Alternativgeldes. „Der Regio ist das Gegenstück zur Globalisierung“, so Professorin Eva Lang. Mit ihm werden regionale Produkte gekauft, die von regionalen Betrieben hergestellt werden. Allgäuer Käse also statt Billigkäse aus dem Discounter. Und das Schwundgeld kann nicht als Wertträger aus der Region abgezogen werden und als globales Spielgeld um den Globus wandern. Lang: „Man ist nicht den Reizen der Spekulation ausgesetzt.“

Freilich, so die Professorin, sei der Regio oder andere Bürger-Währungen ein ergänzendes Geldsystem, das keine globalen Probleme lösen könne. Doch könnte damit im Falle einer ähnlichen Finanzkrise wie 1929 und wie in Wörgl immerhin der lokale Wirtschaftskreislauf aufrecht erhalten werden.

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