Kein "Köln 2.0" für die "Hooligans gegen Salafisten"

Bis zu 6.000 Menschen demonstrierten in Hannover gegen rund 3.000 Hooligans, Rechtsextremisten und Islamfeinde

War das nun "Köln 2.0", wie die neonazistische Splitterpartei "Die Rechte" vollmundig postete? Oder war das ein weiterer Schritt hin zu einer Art sozialen Bewegung von Rechts, wie mancher fabulierte? In Hannover haben am Samstag statt der erwarteten und angemeldeten 5.000 nur rund 3.000 Hooligans, Rechtsextremisten und Islamfeinde an einer weiteren Kundgebung der "Hooligans gegen Salafisten" (HoGeSa) teilgenommen. An zwei Gegendemonstrationen nahmen laut Lokalpresse insgesamt bis zu 6.000 Menschen aus dem linken und bürgerlichen Lager teil. Im Unterschied zu den Hooligan-Ausschreitungen in Köln (Ausschreitungen und Fremdenhass) kam es in Hannover überwiegend erst am Ende zu Zwischenfällen.

Im Vorfeld des HoGeSa-Aufmarsches hatte die Polizei diesen verboten. Das Verwaltungsgericht Hannover hob das Verbot jedoch auf. Was auf den ersten Blick wie ein Sieg der HoGeSa wirkte, erwies sich jedoch später als Pyrrhussieg, stellte das Gericht doch klar, dass statt eines Demonstrationszuges nur eine Standkundgebung hinter dem Hauptbahnhof möglich sei und die Polizei "Beschränkungen" erlassen müsse. Jene Auflagen dürften für einen Kreis der Teilnehmer und Organisatoren schmerzhaft gewesen sein.

Ein strenges Alkoholverbot, ein Verbot allzu rechtslastiger und offen volksverhetzender Parolen, die Leibesvisitation eines jeden Teilnehmers sowie das Stellen jeweils eines nicht vorbestraften Ordners auf 30 Teilnehmer gehörten zu den Auflagen. Angesichts des alkoholisierten und aggressiven Auftretens der Hooligans bei den An- und Abreise zu dem Aufmarsch Ende Oktober in Köln erließ die Bundespolizei zusätzlich ein weitreichendes Alkoholverbot in jenen Bahnlinien, die die Hooligans und Rechtsextremisten zur An- und Abreise nutzen würden.

Untersagt wurde überdies ein Auftritt der "kampferprobten" Hooligan-Band "Kategorie C" (KC) aus Bremen, die den Soundtrack zu der HoGeSa-Bewegung geschrieben hat. Die sich unpolitisch gebende Musikgruppe, die eine Schnittstelle zwischen Hooligan- und Neonazi-Szene darstellt, war schon in Köln dabei. Einen Tag vor Köln gastierten KC in Slowenien auf einem Konzert aus dem Umfeld der offen neonazistischen und in Deutschland verbotenen "Blood & Honour"-Bewegung. Der Politologe Richard Gebhardt stellt denn auch bezüglich jener unpolitischen Camouflage fest, dies sei die "Lebenslüge" der seit Jahren nach rechts offenen Hooligan-Szene.

Versuche der HoGeSa, das Auftrittsverbot von KC mit einer Eilendscheidung vor dem Oberverwaltungsgericht Lüneburg noch zu kippen, misslangen. Der heiß ersehnte Auftritt der Band - die Gerichte sahen die Gefahr, derlei könne die Teilnehmer der Kundgebung zu Gewalt aufstacheln - musste also ausbleiben und konnte daher auch im Vorfeld nicht dazu beitragen, dass mehr Hooligans an die Leine kamen. KC-Sänger Hannes Ostendorf war dennoch vor Ort. Die HoGeSa selbst kritisierten die für sie und ihre Mobilisierung sehr ungünstigen Auflagen in einer Pressemitteilung und verglichen die heutige Demokratie mit einer "neuen BRD-Diktatur".

Dass in Hannover an einem für die Bundesliga-Clubs spielfreien Samstag weniger Teilnehmer als in Köln erschienen, dürfte nicht nur an den Auflagen und dem Rechtsstreit über die Zulässigkeit der Versammlung gelegen haben, sondern auch daran, dass in Wunsiedel zeitgleich ein Neonazi-Aufmarsch stattfand. Zudem hatten sich frühzeitig Ultras und Hooligans aus Hannover von den HoGeSa distanziert, denn sie sahen es "als respektlose Provokation" an, dass fremde Hooligans "ungefragt eine Demonstration in unserer Stadt anmelden". Auch Eintracht Braunschweig rief seine Anhänger zum Boykott auf.

Aber auch das diffuse Gemisch an Meinungen der Teilnehmer sorgte für Probleme. So nahmen etwa aus dem Ruhrgebiet sowie dem Umland von Hannover zahlreiche Neonazis der Partei "Die Rechte" (DR) an der HoGeSa-Kundgebung teil, obschon offenbar einer der Mitorganisatoren via Facebook "rechte und linke Extremisten auf[forderte], sich […] fern zu halten!" Ein DR-Ratsvertreter war am Donnerstag noch durch eine antisemitische Ratsanfrage darüber, wie viele Juden in Dortmund lebten und ob sie dort auch registriert seien, aufgefallen. Der Präsident des Zentralrates der Juden, Dieter Graumann, sagte der WAZ, diese "scheinheilige Anfrage" sei "abscheulicher und perfider Antisemitismus."

Zugleich versuchen immer mehr eher bürgerlich wirken wollende Islamfeinde an der HoGeSa-Bewegung anzudocken, die sich gegenüber Juden und Israel solidarisch zeigen. So kritisierte denn auch Sebastian Nobile aus Köln, ein Aktivist aus dem nahen Umfeld der rechtsradikalen Splitterpartei "Pro NRW" und tief gläubiger Christ, bei Facebook, dass Vertreter der DR, dieser "behämmerte[n] Partei", in Hannover anwesend seien. Einer der wichtigsten Neonazis aus Niedersachsen, der schon wegen Volksverhetzung verurteilte Dieter Riefling aus Hildesheim, merkte zu Nobiles Eintrag pampig an, dass er der HoGeSa-Versammlung fern bleibe, weil dort längst "Zionsknechte" aktiv seien.

Eine Art Hauptredner auf der "Hogesa"-Kundgebung war der Vorsitzende der islamfeindlichen Minipartei "Die Freiheit", Michael Stürzenberger. Einst in der CSU aktiv, unter anderem als Pressesprecher der Münchener CSU, ist Stürzenberger heute einer jener Islamfeinde, die Israel und den Juden gegenüber solidarisch auftreten und eigentlich auch mit Neonazis nichts zu tun haben wollen. In Hannover sprach er jedoch vor rechtsgerichteten Hooligans, Mitgliedern und Sympathisanten der DR, der NPD und Vertretern von neonazistischen "Kameradschaften". Im Publikum waren zudem Vertreter von sich rechtspopulistisch gebenden Parteien, islamfeindlichen Initiativen und Mitglieder der AfD (Zwischen Nadelstreifen, Abendkleid, Hooliganismus und Islamisierung).

Stürzenberger fabulierte vom Lastwagen herab denn auch von einer neuen Volksbewegung. Das islamfeindliche Blog "Politically Incorrect" (PI), für den der Redner aus München gelegentlich auch schreibt, wertete die Kundgebung passend dazu als einen weiteren Schritt hin zur "Massenbewegung". Der Journalist Stefan Schölermann kommentierte demgegenüber, die Kundgebung sei "der Anfang vom Ende" der HoGeSa-Bewegung. Wohl kaum jemand wolle "quer durch die Republik" reisen, "um dumpfbackigen Reden zu lauschen". Hunderte Hooligans seien nur angereist, weil sie auf Prügeleien oder Krawall aus gewesen seien, so Schölermann.

Letztlich sorgte diese diffuse Gemengelage dafür, dass die niedersächsische Landeshauptstadt deswegen und wegen der Gegendemonstrationen den größten Polizeieinsatz in ihrer Geschichte erlebte. Gerade Teilnehmer aus der antifaschistischen Demonstration, aber auch Teile der Hooligans gerieten zeitweise mit der Polizei aneinander und es kam zu kurzen Rangeleien, Provokationen und lautstarken Wortgefechten. Am Abend soll es zudem im Verlauf der Abreise zu kurzen Zusammenstößen und Schlägereien einzelner, versprengter Gruppen beider Seiten mit der Polizei und untereinander gegeben haben.

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