Kein Kriegskirchen-Tag?

Der kriegerische Schatten der Reformation

Martin Luther konnte bekanntlich ohne Tränen vom Blut der antifeudalistischen Bauern an seinem Hals sprechen und meinte zum Kriegshandwerk, sofern es aus seiner Sicht der rechten Sache diente:

Die Hand, welche das Schwert führt und würget, ist nicht mehr Menschen Hand, sondern Gottes Hand, und nicht der Mensch, sondern Gott hänget, rädert, enthauptet, würget, krieget.

Martin Luther

Das könnte heute ein ISIS-Ideologe auch nicht blasphemischer predigen. An anderer Stelle erläutert der Reformator:

Man darf beim Soldatsein nicht darauf sehen, wie man tötet, brennt, schlägt, gefangennimmt, usw. Das tun die ungeübten, einfältigen Kinderaugen, die [auch] dem Arzt nicht weiter zusehen, als wie er die Hand abnimmt oder das Bein absägt, aber nicht sehen oder bemerken, dass es um die Rettung des ganzen Körpers geht. Ebenso muss man auch dem Amt des Soldaten oder des Schwertes mit männlichen Augen zusehen, warum es so tötet und grausam ist. Dann wird es selber beweisen, dass es ein durch und durch göttliches Amt ist und für die Welt nötig und nützlich wie Essen und Trinken.

Martin Luther

Mit zeitbedingten Vorstellungswelten und Denkhorizonten kann man nicht alles entschuldigen. Denn es gab unter den reformationswilligen Zeitgenossen im 16. Jahrhundert ja auch pazifistische Christen . Deshalb verstiegen sich die Reformatoren in Artikel 16 der "Confessio Augustana" gar zu einer anti-jesuanischen Verdammung all jener, die eine Unvereinbarkeit zwischen Christentum und Krieg (sowie Todesstrafe) lehrten.

Auf diesen häretischen Bekenntnisartikel werden noch heute die lutherischen Kirchendiener verpflichtet, weshalb seine vom Versöhnungsbund angekündigte Rückführung nach Augsburg leider wirklich an der Zeit ist. Der Kirchentag 2017 könnte in dieser Sache ein vorauseilendes Votum von unten initiieren und vor aller Welt klarstellen, dass die auch im Einklang mit führenden Reformatoren vorgenommene Ermordung pazifistischer Christen heute nur glaubwürdig bedauert werden kann, wenn man zuvor die zugrundeliegende kriegskirchliche Irrlehre endlich amtlich verabschiedet.

Einzelne Vertreter jener rar gewordenen evangelischen Pfarrer-Generation, die nach 1945 in weiten Teilen radikal mit den Traditionen eines staatstreuen Kriegskirchentums gebrochen hat, melden sich auch heute noch zu Wort und werden sich vielleicht auch auf dem Kirchentag 2017 bemerkbar machen.

Zu den eigenen Angeboten von Friedenschristen gehört u.a. ein Werkstatt-Programm , das sich z.B. mit Erasmus von Rotterdam, dem Zeitgenossen Luthers, beschäftigt. Ob die vor genau 500 Jahren vorgetragene Weisung dieses unermüdlichen Anklägers der Kriegskirchlichkeit in Berlin und Wittenberg Gehör findet, werden wir in wenigen Tagen wissen:

Alle müssen sich gegen den Krieg verschwören und ihn gemeinsam verlästern. Den Frieden aber sollen sie im öffentlichen Leben und im privaten Kreise predigen, rühmen und überall in die Köpfe bringen.

Erasmus von Rotterdam

Die großen Kirchen in Deutschland, das sieht Eugen Drewermann leider allzu richtig, sind in Fragen der Kriegsmaschinerie "untätig und vollkommen angepasst". Hier gibt es wahrlich eine ökumenische Harmonie, aber sie gereicht den Christen und Christinnen in unserem Land nicht zur Ehre. 5

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