Kein Platz im Hotel Amerika

Hotel Amerika

Über Maria Leitner, die Pionierin der Undercover-Reportage

Der Günter Wallraff der Weimarer Republik war eine Frau. Maria Leitner wurde zweimal ins Exil gezwungen, berichtete unter Lebensgefahr aus Nazi-Deutschland und verschwand 1941 auf der Flucht. Eine Erinnerung.

Haben Bücher auch im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit noch eine Aura? Manche ganz bestimmt, oder zumindest dann, wenn man um ihre Geschichte weiß. Die Erstausgabe von Hotel Amerika wirkt recht unscheinbar. 314 in großer Schrift bedruckte Seiten zwischen hellblauen Buchdeckeln, auf denen steht, dass es sich um einen "Reportage-Roman" handelt. Sehr aufwendig hergestellt wurde das Buch nicht. Man merkt ihm an, dass der Neue Deutsche Verlag, bei dem es 1930 in einer Auflage von 6000 Exemplaren erschien, auf die Kosten achtete - aus wirtschaftlicher Notwendigkeit und auch, weil es sich für einen Verlag, dessen wichtigste Zielgruppen die Arbeiter, die Angestellten und die Arbeitslosen waren, nicht gehört hätte, mitten in der Weltwirtschaftskrise teure Prachtbände auf den Markt zu bringen.

Willi Münzenberg, der Verleger, war damals noch ein überzeugter Kommunist. Er war Chef des zweitgrößten Medienkonzerns der Weimarer Republik (der größte war die Unternehmensgruppe des deutschnationalen Alfred Hugenberg, eines Steigbügelhalters von Adolf Hitler). Der Kinofan Münzenberg gründete den Prometheus Verleih, der sowjetische Filme wie Eisensteins Panzerkreuzer Potemkin in die deutschen Kinos brachte, produzierte Mutter Krausens Fahrt ins Glück (1929) und war an der Herstellung eines anderen deutschen Filmklassikers beteiligt, der Gegenstand des größten Zensurskandals in der sterbenden Republik war und den man leider auch nur sehr selten zu sehen bekommt, weil ARD und ZDF immer Unterhaltungsfilme aus dem Dritten Reich zeigen müssen: Kuhle Wampe oder Wem gehört die Welt? (1932).

Münzenberg versuchte, die Frage im Sinne der Arbeiter zu beantworten. Seine Zeitungen und Verlage bezogen eindeutig Stellung gegen Nationalsozialismus und Führerkult. Wenn ein Roman im Neuen Deutschen Verlag erschien, konnte man das bereits als eine politische Aussage verstehen. Den Schutzumschlag zu Hotel Amerika, steht im Impressum der Erstausgabe, entwarf John Heartfield, der Meister der Photomontage und auch ein entschlossener Nazi-Gegner. Das Buch ist extrem selten geworden. Wenn man es überhaupt noch findet, dann nur ohne Umschlag, im mehr oder weniger vergilbten Blau des Leineneinbandes. Das hat mit einem sehr traurigen Tag der deutschen Geschichte zu tun.

Am 10. Mai 1933 lud die gut organisierte, von einem Vertreter des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes geführte "Deutsche Studentenschaft" in fast jeder Universitätsstadt zur öffentlichen Bücherverbrennung. Die Vorarbeit hatten Repräsentanten des Verbandes Deutscher Volksbibliothekare geleistet. Sie hatten ein Ausleihverbot für "bolschewistische, marxistische und jüdische Literatur" in deutschen Büchereien angeregt und gleich mit der Identifizierung der "Volksschädlinge" begonnen. Auf den Scheiterhaufen landete auch Maria Leitners Roman. Am 16. Mai veröffentlichte das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel die "erste amtliche Liste" des preußischen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, in der die Belletristik-Titel aufgeführt waren, die bei der "Säuberung" der Volksbüchereien aus den Regalen verschwinden sollten. Zur "Ausmerzung" vorgesehen waren Werke von 94 deutschsprachigen und 37 fremdsprachigen Autoren, wobei man damals andere Unterscheidungen machte.

Weil Nazis scheinbar nichts zu blöd ist, hatte die "Deutsche Studentenschaft" am 12. und 13. April zwölf Schwachsinns-"Thesen wider den undeutschen Geist" in den Universitäten ausgehängt:

These 5: Schreibt der Jude deutsch, dann lügt er.

These 7: Wir wollen den Juden als Fremdling achten, und wir wollen das Volkstum ernst nehmen. Wir fordern deshalb von der Zensur: Jüdische Werke erscheinen in hebräischer Sprache. Erscheinen sie in Deutsch, sind sie als Übersetzung zu kennzeichnen. [...] Deutsche Schrift steht nur Deutschen zur Verfügung. Der undeutsche Geist wird aus öffentlichen Büchereien ausgemerzt.

Zu den 131 Autoren auf der schwarzen Liste für die "Schöne Literatur" (es gab außerdem Listen für "Allgemeines", "Kunst" und "Geschichte") gehörten Bertolt Brecht, Oskar Maria Graf, Ernest Hemingway, B. Traven, Upton Sinclair, Anna Seghers, Ernst Toller, Irmgard Keun, Jack London, Erich Kästner, Isaak Babel, Lion Feuchtwanger, Thomas und Heinrich Mann, Jaroslav Hašek und Alfred Döblin. Mit dabei war auch Maria Leitner mit Hotel Amerika.

Wahrscheinlich musste sich Maria Leitner oft spöttische Bemerkungen anhören, weil sie am 19. Januar 1892 im kroatischen Ort Varasdin (das heutige Varazdin, bei Zagreb) geboren wurde, den man eigentlich nur aus Emmerich Kálmáns Operette Gräfin Mariza kennt ("Komm mit nach Varasdin"). Ihr Vater Leopold war ein jüdischer Bauunternehmer. Weil er sich in Budapest bessere Geschäfte erhoffte, zog die Familie, in der Deutsch gesprochen wurde, 1896 um. Für Maria Lékai (die ungarische Version des Namens Leitner) war das ein Glücksfall, weil Budapest viel weltoffener war als der Operetten-Ort und bessere Bildungsmöglichkeiten bot. Von 1902 bis 1910 besuchte sie die "Ungarische Königl. Höhere Mädchenschule".

Die europäischen Universitäten waren Frauen damals noch zumeist verschlossen. Maria ging deshalb in die Schweiz, wo man in dieser Hinsicht fortschrittlicher war. Möglicherweise studierte sie Kunstgeschichte, Anglistik oder fernöstliche Sprachen, aber das weiß man nicht genau. 1913 begann sie, für eine große Boulevardzeitung in Budapest zu schreiben. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde sie Auslandskorrespondentin in Stockholm. Der Krieg und dessen für die k.u.k. Monarchie unglücklicher Verlauf hatten Folgen. Leopold Leitner verlor sein kleines Baugeschäft (er starb 1918); Marias Mutter schlug sich als Pensionswirtin durch. Unter Ungarns Jugend, besonders in den Städten, wuchs der Antimilitarismus.

Das Attentat von Sarajewo hatte den Krieg ausgelöst. Viele junge Leute dachten, dass ihn ein zweites Attentat beenden und eine revolutionäre Entwicklung einleiten könnte. János (Johann), einer von Marias Brüdern, war schwer lungenkrank und wollte sich opfern, weil er glaubte, dass er nicht mehr lange zu leben haben würde. Sein Anschlag auf Graf Istvan Tisza, ungarischer Ministerpräsident und eine Symbolfigur des Krieges, scheiterte am 16. Oktober 1918 offenbar daran, dass er keine Ahnung von Waffen hatte. Er drückte ab und nichts passierte, weil er die bereits schussbereite Browning-Pistole noch einmal "entsichert" hatte.

János Lékai (Johann Leitner)

János wurde festgenommen. Die Presse ging auf die Jagd nach Interviews mit seinen Angehörigen. Der Reporter des Pesti Futur (Pester Kurier, 23.10.1918) machte die nach Budapest zurückgekehrte Maria Leitner ausfindig und traf "eine interessante junge Dame, die bei meinem Eintritt im [revolutionären] ‚Aktionsbuch' blätterte, das keine zehn Personen in Pest kannten". "Das Fräulein" diktierte ihm in den Notizblock, dass sie von den "terroristischen Absichten" ihres Bruders nichts geahnt habe. Aber was hätte sie anderes sagen sollen? Bekannt ist jedenfalls, dass sie genauso wie János und ihr jüngerer Bruder Miksa (Maximilian) zum "Galileo-Kreis" gehörte, einer sich schöngeistig gebenden Tarnorganisation für radikale, sozialistische Studien betreibende Anti-Militaristen.

In der Nacht vom 30. auf den 31. Oktober 1918 brach in Budapest ein Arbeiter- und Soldatenaufstand aus. Am 24. November wurde die von Béla Kuhn angeführte Kommunistische Partei Ungarns gegründet. Maria Leitner und ihre Brüder (János war in den revolutionären Wirren freigekommen) traten in die KP ein, die sich nach dem Rücktritt der bürgerlichen Regierung (20.3.1919) mit den Sozialdemokraten in aller Eile zur Sozialistischen Partei Ungarns zusammenschloss. Dann wurde die Räterepublik ausgerufen.

Im Gegensatz zu ihren Brüdern, die wichtige Funktionärsposten bekleideten, weiß man nicht, was Maria Leitner zu der Zeit machte. Vermutlich hielt sie sich im Sommer 1919 im Burgenland auf, dem damaligen Deutschwestungarn (das Burgenland kam erst 1921 zu Österreich). Das lässt sich daraus ableiten, dass sie 1929 in der Berliner Welt am Abend in Fortsetzungen die Erzählung "Sandkorn im Sturm" veröffentlichte. Aus der Geschichte spricht die eigene Erfahrung. Die Handlung spielt in einem burgenländischen Dorf zur Zeit der Konterrevolution. Im Wirtshaus feiert man auf Kosten des örtlichen Großgrundbesitzers die brutale Wiederherstellung der alten Ordnung (sowie einen dumpfen Antisemitismus), und zur allgemeinen Belustigung wird ein Repräsentant der Räterepublik gefoltert. Als der Mann stirbt, sind alle sehr betroffen. Die Stimmung kippt um, aber da ist es schon zu spät.

1929 schrieb Maria längst Texte, die Volker Weidermann (Das Buch der verbrannten Bücher) zu Recht als "Glanzstücke der Neuen Sachlichkeit" bezeichnet. "Sandkorn" dagegen ist stilistisch noch vom Expressionismus beeinflusst. Man kann also vermuten, dass sie die Erzählung bald nach den Ereignissen des Sommers 1919 schrieb und 1929 eine Zeitung fand, die sie zum zehnten Jahrestag der gescheiterten Revolution in Ungarn druckte. Wie oft bei Maria Leitner geht es darum, wie die einfachen Leute von den Mächtigen manipuliert und zu Handlungen gebracht werden, die ihnen nur schaden können. Das Ende ist programmatisch für ihr gesamtes Schreiben. Sara will ihrem Sohn den Anblick des gefolterten und getöteten Menschen ersparen. Heinrich, ihr aus dem Krieg heimgekehrter Mann, ist dagegen, dass etwas verborgen wird:

Sara hielt ihn fest. Ihre Hände verdeckten schnell seine Augen: "Du sollst nicht hinschauen", flüsterte sie. "Du sollst nichts wissen." Heinrich aber löste ihre Hände von seinem Gesicht. Er nahm das Kind in seine Arme und flüsterte: "Verhülle nicht seine Augen. Er soll sehen. Er soll wissen."


Am 1. August 1919 trat der von Kommunisten und Sozialdemokraten gebildete Revolutionäre Regierende Rat zurück. Am 6. August putschten rechtsgerichtete Offiziere und leiteten so das blutige Ende der Räterepublik ein. Über die Zahl der Opfer gibt es nur Schätzungen. Die faschistischen Weißgardisten sollen 5000 Menschen getötet und mehr als 70 000 in Gefängnisse und Internierungslager gesteckt haben, in denen weiter gefoltert und gemordet wurde. Johann Leitner berichtete darüber in seinem Aufsatz "Der weiße Terror in Ungarn", der im Februar 1920 in der Zeitschrift Junge Garde erschien. Er war nach Wien geflohen, wohin ihm seine Geschwister bald folgten. János schreibt, dass es auch dort keine Sicherheit gibt:

Diese weißen Bluthunde kennen kein Asylrecht. Man hat erfahren, dass sie selbst aus Wien Genossen verschleppt und unter den schrecklichsten Martern getötet haben.

Das ist wohl der Grund, warum er den Bericht unter dem Namen "J. Lékai" veröffentlichte. Die Verschleierung der Identität konnte lebensnotwendig sein. Maria machte sich um fast zwei Jahre jünger, als sie sich in Wien anmeldete und als Geburtsdatum den 22. Dezember 1893 angab. Mit Eitelkeit hatte das nichts zu tun. Auf diese Weise war sie weniger leicht als jene Maria Leitner zu identifizieren, die am 19. Januar 1892 in das jüdische Geburtsregister von Varasdin eingetragen wurde.

Maria Leitner (zweite von links, sitzend) 1920 als Jugenddelegierte auf dem 2. Kongress der Kommunistischen Internationale in Moskau

János reiste im Frühjahr 1922 im Auftrag der ungarischen KP und des Komintern in die USA. Dort arbeitete er als Chefredakteur des von ihm gegründeten Uj Elöre ("Neuer Vorwärts"), der einzigen linken Tageszeitung für in Amerika lebende Ungarn. Im September und November 1923 druckte der Neue Vorwärts in Fortsetzungen Marias ungarische Übersetzung von The Iron Heel ab, einen Roman des Seewolf-Autors Jack London. The Iron Heel ist die erste der großen Dystopien des 20. Jahrhunderts und genauso lesenswert wie Jewgenij Samjatins Wir (1920), Aldous Huxleys Brave New World (1932) und George Orwells 1984 (1949).

Geschrieben unter dem Eindruck der 1905 von der Armee, der Geheimpolizei und den Todesschwadronen des Zaren niedergeschlagenen Revolution in Russland, ist der im Januar 1908 erschienene Roman auf eine unheimliche Weise prophetisch. Jack London schildert eine faschistische Gesellschaft (bei ihm sind die USA der Jahre 1912 bis 1932 betroffen), als habe er bereits Mussolinis Italien, Horthys Ungarn und Hitlers Deutschland gekannt. Jeder Widerstand wird gnadenlos unterdrückt. Die Herrschenden halten sich eine eigene Gewerkschaft, um die gegen Billiglöhne aufbegehrenden Arbeiter zu spalten. Die Geheimpolizei hat überall ihre Agenten und tötet Regimegegner. Terrorakte werden instrumentalisiert, um Überwachungs- und Kontrollmaßnahmen durchzusetzen, ohne die der Schutz der Bürger nicht gewährleistet sei. Das Buch ist weiter aktuell.

In The Iron Heel geht die Macht von einer Oligarchie der Kapitalisten aus, die ihre Kriege von einer de facto ihr gehörenden Privatarmee führen lässt. Die Oligarchen leben in einer paradiesischen Stadt, zu der die Proletarier nur als Arbeitssklaven Zutritt haben. In den Straßenschluchten von Chicago bricht schließlich eine Rebellion aus. Man darf wohl annehmen, dass Thea von Harbou The Iron Heel kannte, als sie den Roman Metropolis und das Drehbuch für den Film von Fritz Lang schrieb. Das umstrittene Ende von Metropolis könnte von Harbous Antwort auf Jack London sein, bei dem sich ein Bischof den beißenden Spott des Helden zuzieht, als er fordert, dass sich Kapitalisten und Arbeiter die Hände reichen sollen.

Metropolis

The Iron Heel ist auch deshalb bemerkenswert, weil es einer der ersten von einem Mann verfassten Romane mit einer Ich-Erzählerin ist. Avis Everhard, die Witwe des Revolutionshelden, hinterlässt ein autobiographisches Manuskript. Avis selbst ist verschwunden und wurde wahrscheinlich von den Faschisten umgebracht. Das nimmt bereits das Schicksal Maria Leitners vorweg, die den Roman übersetzt hat.

Eines der wenigen Photos, die es von ihr gibt, zeigt Maria mit anderen Jugenddelegierten des 2. Kongresses der Kommunistischen Internationale (Komintern), der im Sommer 1920 in Moskau abgehalten wurde. Dort lernte sie vermutlich Willi Münzenberg kennen. Die Verbindung zu ihm scheint nie abgerissen zu sein. Man weiß, dass er empfahl, Texte Marias in der zu seinem Presseimperium gehörenden A-I-Z (Arbeiter-Illustrierte-Zeitung) zu veröffentlichen. Möglicherweise wurden ihre Artikel auch in Arbeiterzeitungen in den USA abgedruckt, zum Beispiel in der New Yorker Volkszeitung, zu deren Redaktion János gute Kontakte hatte. Weil nur in Ausnahmefällen noch Unterlagen über gezahlte Honorare vorhanden sind, lässt sich das schwer nachweisen. Um die Autoren vor Verfolgung zu schützen, erschienen die Artikel in linken Zeitungen und Zeitschriften oft anonym.

1921/22 arbeitete sie für den Verlag der Jugendinternationale in Berlin-Schöneberg, einem kosmopolitischen Treffpunkt und Debattierplatz für Linke und KP-Funktionäre aller Nationalitäten. Das bestätigt Luise Kraushaar, die dort Mädchen für alles war:

Maria Leitner war - soweit ich mich erinnere - täglich im Verlag. Ob sie dort angestellt war, weiß ich nicht. Sie saß immer in einem winzigen Zimmer, in das gerade ein Schreibtisch und ein Sessel hineinpassten. [...] Hier arbeitete die kleine zierliche Ungarin, immer auf einem untergeschlagenen Bein hockend. Sie sprach sehr gut deutsch, aber mit starkem Akzent. [...] Sie war wenig gesprächig und arbeitete offenbar sehr intensiv.

1923 erschien im Berliner Axel Juncker Verlag ihre erste Buchveröffentlichung: Tibetanische Märchen, von ihr ausgewählt und (wohl aus dem Englischen) ins Deutsche übertragen. Bestimmt hoffte sie auch auf Leser in Ungarn und anderen Teilen des habsburgischen Vielvölkerstaates, der nun zerfallen war. In Gesellschaften mit einer strengen Zensur gewöhnen sich die Leser daran, auf den unter der Oberfläche versteckten Subtext zu achten. Märchen, die zunächst ganz unpolitisch wirken, waren schon immer gut geeignet, eine Botschaft zu transportieren, die nicht offen ausgesprochen werden konnte, ohne Autoren bzw. Leser in Schwierigkeiten zu bringen.

Tibetanische Märchen

Eines der Themen in Maria Leitners Sammelband ist die Macht und deren Missbrauch. Der Königssohn im Märchen "Der stumme Krüppel" etwa kann sich an seine bisherigen Leben erinnern. Nach einer früheren, 60-jährigen Herrschaft wurde er in der Hölle wiedergeboren und musste 60 000 Jahre lang schlimmste Qualen erdulden. Deshalb will er nicht wieder König werden. Um sich der Herrschaft zu entziehen, "welche zu töten und zu quälen zwingt", tut er so, als sei er behindert. Sein Vater will die Thronfolge sichern und inszeniert eine Hinrichtung, um seinen Sohn zum Einlenken zu zwingen. Einmal fragt der Prinz, ob in der Hauptstadt keine Menschen wohnen. Was nach dem Satz eines Verrückten klingt, findet eine einfache Erklärung. Er habe, so der Prinz, die Stadt für unbewohnt gehalten, weil sich niemand traute, den Herrscher nach einer Begründung für das Todesurteil zu fragen. Maria Leitner, das steht fest, lebte in einer anderen Stadt.

Mitte der 1920er trat sie einen mehrjährigen Amerika-Aufenthalt an. Ihre dort entstandenen Artikel erschienen in verschiedenen Publikationen des liberalen Ullstein-Verlags, insbesondere in der Monatszeitschrift Uhu. Im Septemberheft 1925 des Uhu heißt es:

Wir haben unsere Mitarbeiterin Fräulein Maria Leitner mit der schwierigen und mutigen Aufgabe nach Amerika geschickt, die dortigen Erwerbsmöglichkeiten, die sich dem Europamüden in erster Linie bieten, durch das Opfer persönlicher Dienststellungen zu studieren.

Und im Augustheft 1928:

Maria Leitner ist für den "Uhu" drei Jahre in Amerika gewesen und hat in etwa 80 verschiedenen Stellungen: als Kellnerin, als Dienstmädchen [...] und vieles andere, Einblicke in das häusliche Leben des amerikanischen Mittelstandes gewonnen, wie sie sonst selten Amerikareisende erhalten [...].

Sie stellte sich also nicht als Journalistin aus Deutschland vor, die eine Artikelserie über die amerikanische Arbeitswelt schreiben wollte, sondern als arme, ungelernte Einwanderin (oder, wenn nötig, als erfahrene Fachkraft mit erfundenem Lebenslauf). So lernte sie - von ganz unten - im Land der Freien und der Gleichen ein Amerika kennen, in dem es sehr wohl soziale Hierarchien und Klassengegensätze gab und das wenig mit dem romantisierten Bild zu tun hatte, das man sich von den USA vielerorts machte. Man kann ihre Texte gut in Verbindung mit Chaplins Modern Times lesen, oder auch mit Der verlorene Sohn, einem einige Jahre später entstandenen Wirtschaftskrisenfilm des stark unterschätzten Luis Trenker, der ähnlich abenteuerlustig und neugierig war wie Maria Leitner. Vieles von dem, was sie vorfand, hatte Jack London bereits in The Iron Heel beschrieben. Dessen überlebensgroße Helden gibt es bei ihr allerdings nicht.

Der verlorene Sohn

Eine ihrer ersten Stationen ist "eine der größten über ganz New York verstreuten Massenabfütterungsanstalten", ein Automatenrestaurant. Dort erlebt sie etwas, das ihr noch oft widerfahren wird: anstelle ihres Namens erhält sie vom Arbeitgeber eine Nummer. Die Gäste erscheinen ihr wie entindividualisierte Roboter, obwohl alle Nationen und Kulturen vertreten sind:

Und doch sind sich alle so ähnlich, wie zwei Brüder sich ähnlich sein können. Sie tragen alle die gleichen billigen Kleider, die gleichen Hemden, die gleichen Ausverkaufsschuhe, sie essen alle jeden Tag die gleiche Tomatensuppe, [...] sie verdienen den gleichen Wochenlohn, sie arbeiten alle gleich schwer, gleich lang. Die Roboter essen meist stehend, oder sie sitzen nur gerade so lange, bis sie die nötigen Kalorien und Vitaminmengen zur Instandhaltung der Maschine zu sich genommen haben. Sie werden von klein auf zu dem Tempo erzogen, das sie, wenn sie in dieser Welt vorwärtskommen wollen, einhalten müssen.

Später wird sie - als Fließbandarbeiterin in einer Schokoladenfabrik, als Tabakdreherin in einer Zigarrenfabrik - weiter eine Welt erforschen, in der das Wohl der Maschinen immer wichtiger ist als das der Menschen, die zu deren Verlängerung geworden sind. Im Automatenrestaurant zeichnet sich das bereits ab:

[...] auch hinter den Automaten stehen unsichtbar in dem schmalen, heißen Gang Automaten. Sie legen Sandwiches auf Teller, immer wieder neue, sie verteilen Kuchen und Kompott. [...] Wir anderen Automaten tragen die schweren Tablette, räumen immer wieder das schmutzige Geschirr ab, das sich alle fünf Minuten auf jedem Tisch von neuem auftürmt. Automaten stehen ganz unten in der Tiefe [...] und waschen Geschirr, den ganzen Tag, die ganze Nacht. Automaten sitzen an der Kasse und [...] Automaten gehen auf und ab zwischen den Tischen und geben acht, den ganzen Tag, den ganzen Abend, ob die Essautomaten auch ihre Pflicht erfüllen, den ganzen Tag, den ganzen Abend, und essen, schnell essen.

Modern Times

Maria wird Dienstmädchen bei einem reichen Alkoholschmuggler, Scheuerfrau im größten Hotel der Welt und "Verkäuferin" in einem Warenhaus, wo ihre Aufgabe darin besteht, Ladendiebe in flagranti zu erwischen. Dieses Kaufhaus ist die moderne Variante von Charles Dickens' London, und das gruselige Gegenstück zu dem, was Charlie Chaplins Tramp nach Ladenschluss in Modern Times erlebt. Das schlimmste Verbrechen überhaupt ist das Eigentumsdelikt. An den Wänden des Verkaufsraums hängen Bilder von Gefängniszellen und gefesselten Händen, Zeitungsausschnitte mit Berichten über verurteilte Diebe und Warnungen, dass diesen die Deportation droht:

Auf der Balustrade aber steht ein ganzes Heer von Polizisten, unbeweglich, wie Wachspuppen in einem Panoptikum. Sie warten nur auf ein Alarmzeichen, um zum Leben zu erwachen und die Sünder ihrer wohlverdienten Strafe zuzuführen.


Die ersten Monate verbrachte Maria offenbar in New York, um in der Nähe ihres lungenkranken Bruders sein zu können. Nach János' Tod (17.6.1925) unternahm sie ausgedehnte Reisen. Sie berichtete über inhumane Arbeitsbedingungen in den Südstaaten und an der Millionärsküste von Florida, aus der Sicht eines Stubenmädchens über die amerikanische Mittelstandsfamilie, über ein Lynching im mondänen Kurort Aiken, die Sträflingskolonie von Französisch-Guyana, Haiti, den Diamantenabbau und die Zerstörung des Urwalds in Britisch-Guyana, schwarze Arbeiter in Südafrika, die Ausbeutung Südamerikas durch die großen Erdölfirmen aus Europa und den USA, die US-amerikanische Großindustrie, die auf das Erstarken der Gewerkschaftsbewegung im Norden mit der Abwanderung in den Süden reagiert, wo sie die Löhne drücken kann.

In all ihren Berichten kommen zwei Überzeugungen zum Ausdruck, die auch ihre Erzählung "Sandkorn im Sturm" prägen. Arbeiter, Angestellte und Bauern müssen sich organisieren und solidarisch handeln, wenn sie ihre Lage verbessern wollen. Die Vorraussetzung für wahrhaft solidarisches Handeln ist ein Verständnis dafür, dass die Welt ein komplexes System ist, in dem das, was an einem Ende passiert, am anderen Ende gravierende Auswirkungen haben kann. Vieles von dem, was sie berichtet, könnte heute, zu Zeiten von Globalisierung und Finanzkrise, kaum aktueller sein:

Kein Ereignis bleibt isoliert, nirgends, auch in den entferntesten Winkeln der Erde kann etwas geschehen, das nicht alle gleichmäßig anginge. Die Welt ist ein organisches Ganzes, auch wenn sich die einzelnen Teile noch so heftig bekämpfen.

Mehrfach war Maria Leitner Hotelangestellte. Ihre so gewonnenen Erfahrungen verarbeitete sie im Reportageroman Hotel Amerika, den die Linkskurve, das Presseorgan des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller, wie folgt ankündigte:

Maria Leitner, Mitbegründerin des kommunistischen Jugendverbandes Ungarns, zieht hier das Fazit ihres Aufenthaltes in Amerika. Die Handlung ist ein Kriminalfall in einem amerikanischen Luxushotel, das zum Symbol der kapitalistischen Welt wird.

Auf die Verbindung der Autorin zur KP wird hingewiesen, weil das Buch in einem kommunistischen Verlag erschien und in der Linkskurve besprochen wurde. Eine kommunistische Agitationsschrift ist der Roman aber nicht. Am heftigsten diskutiert - und dies insbesondere in linken Kreisen - wurde damals darüber, ob es zulässig sei, das ästhetische Repertoire des Romans um das Instrumentarium der Reportage zu erweitern. In den Augen der Traditionalisten minderte das die literarische Qualität.

Der Roman beginnt mit dem Traum der jungen Shirley O'Brien (Nummer 2122) von einem besseren Leben. Dann wacht sie auf. Sie ist noch immer ein Aschenputtel und befindet sich im Personaltrakt des Hotels Amerika. Für das Wäschemädchen beginnt ein neuer Arbeitstag. Im Hotel wird von vielen dienstbaren Geistern die pompöse Hochzeit der verwöhnten Tochter eines Pressemagnaten vorbereitet. Langsam entsteht ein Mikrokosmos der amerikanischen Gesellschaft. "Das Hotel", heißt es einmal

steht jetzt vor ihnen wie eine riesenhafte, ungeheuere, hellerleuchtete Schachtel, in die unzählige Menschen, unzählige Schicksale gepfercht sind, Menschen aus allen Klassen und aus allen Teilen der Welt, Reiche und Arme, Glückliche und Elende. Hier ist alles angehäuft, Hölle und Himmel, Trauer und Glück, Krankheit und Übermut.

Shirley trifft Arbeitskollegen, Vorgesetzte und einen mysteriösen Hotelgast namens Fish, der etwas sagt, das auch das Credo der Autorin sein könnte:

Haben Sie auch manchmal dieses kitzelnde Gefühl, hineinsehen zu wollen in alle Häuser, in alle Wohnungen, Lokale, Geschäfte, in die Warenhäuser, Fabriken, Wolkenkratzer, Hospitäler, hineinsehen in alles: die Gedärme, das Herz, das Gehirn, das ganze Innere, die Triebfeder, die Hintergründe sehen, entdecken, erkennen können? Überkommt Sie nicht auch manchmal diese Neugierde?

Damit aber enden die Gemeinsamkeiten. Herr Fish hat etwas herausgefunden, das Maria Leitner bestimmt veröffentlicht hätte: Strong, der Vater der Braut, lässt seine Zeitungen für eine Friedenskonferenz werben, veröffentlicht aber gleichzeitig die Schriften eines japanischen Kriegstreibers und sorgt so für Aufträge an die Rüstungsindustrie, mit der er unter einer Decke steckt. Fish versucht dagegen, Strong mit seinem Wissen zu erpressen. Der Verleger ist übrigens eine Mischung aus Joh Fredersen, dem Herrscher von Metropolis und William Randolph Hearst, der eines der realen Vorbilder für Orson Welles' Citizen Kane war. Das Hotel Amerika mit seinem pompösen Dachgarten, in dem die Reichen feiern, während die Armen weiter unten für den reibungslosen Ablauf sorgen müssen, ist Maria Leitners Version der Stadt Metropolis.

Metropolis

Shirley begreift allmählich, dass es noch andere Träume gibt als den, selbst ein reicher Hotelgast zu werden, während die anderen weiter für einen Hungerlohn schuften müssen. Ihre wichtigste Begegnung an diesem Arbeitstag im Hotel ist die mit Fritz, einem gelernten Dreher aus Deutschland. Fritz musste sich als Küchenjunge verdingen, weil er in seinem alten Betrieb eine Gewerkschaft organisieren wollte. Als das Personal verdorbene Kartoffeln essen soll, kommt es zu einer spontanen Arbeitsniederlegung. Der vom Aufstand der Matrosen in Panzerkreuzer Potemkin inspirierte Streik bleibt ein Strohfeuer. Wer wie Shirley gewagt hat, den Mund aufzumachen, wird entlassen. Aber einige von den Angestellten begreifen, dass sie mehr sind als eine Nummer:

Es beginnt [Shirley] klar zu werden, dass der ganze große Betrieb nur durch die Arbeitenden in Bewegung ist, dass ohne sie alles stillstehen müsste, ohne sie, die am schlechtesten leben. Es fällt ihr ein, dass sie sich doch noch mit dem neuen Küchenjungen unterhalten müsste, bevor sie für immer fortgeht. Was meinte er, als er sagte, sie müsse noch viel lernen, aber dann könnte sie viel tun für alle?

Panzerkreuzer Potemkin

Im Frühjahr 1931 kam in Berlin Der Weg der Frau auf den Markt. Im sechsten Heft wurde Maria Leitner mit einem Porträtphoto als ständige Mitarbeiterin der neuen Zeitschrift vorgestellt:

Maria Leitner schildert in spannenden Reportagen fremde Erdteile und die Gegensätze von Luxus und Armut in Amerika.

Sie selbst steuerte zur Werbekampagne für die Zeitschrift einen Text bei, in dem sie die Notwendigkeit einer solchen Publikation auf dieselbe Weise begründete, wie heute Frauen in Ländern wie Afghanistan oder dem Irak erklären, warum sie für eine weibliche, wenig gebildete Zielgruppe Zeitschriften oder Radioprogramme machen:

Die Frage, warum die Frauen in so großen Massen im reaktionären Lager stehen, wird viel diskutiert. [...] Gegen den Verdummungsfeldzug der Reaktion ist es um so schwerer anzukämpfen, weil die Mehrzahl der Frauen (Hausfrauen, Heimarbeiterinnen, Angestellte und Arbeiterinnen der Kleinbetriebe) viel isolierter von ihren Klassengenossen leben als die Männer. Ich glaube, dass Der Weg der Frau besonders geeignet ist, auch diese Frauen für die proletarische Sache zu gewinnen und ihnen ihre Lage klar zu zeigen.

Wegen solcher Äußerungen wird Maria Leitner gelegentlich in die "Frauenliteratur"-Schublade eingeordnet. Das wird ihr nicht gerecht. 1932 erschien beim Agis Verlag (Berlin und Wien) das Buch Eine Frau reist durch die Welt, in dem ausgewählte Reportagen versammelt sind. Wenn der Titel nicht wäre und wenn viele der Tätigkeiten, die sie als weiblicher Wallraff ausübte, nicht typische Frauenberufe gewesen wären, würde man sich schwer tun zu entscheiden, ob da eine Frau oder ein Mann schreibt. Ihr genau beobachtender, analytischer Blick hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Teil 2: In geheimer Mission im Dritten Reich

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