Kein Sex im Weltraum?

Allmählich öffnet sich die NASA Überlegungen, in die Weltraumforschung auch Untersuchungen über die psychischen Reaktionen und die Gruppendynamik von langen Aufenthalten einzubeziehen

Es müssen ja nicht gleich bemannte Reisen zum Mars oder gar längere Aufenthalte in künftigen Weltraumkolonien sein, es reicht auch schon, wenn in den nächsten Jahren die Internationale Raumstation fertiggestellt sein und von Männern und Frauen für längere Aufenthalte bewohnt wird, um die Frage näher angehen zu müssen, wie denn die Menschen in diesem doch ziemlich isolierten Gefängnis miteinander umgehen. Und dabei könnte auch die Frage eine Rolle spielen, wie es denn die Astronauten mit ihrer Sexualität halten, auch wenn darüber offiziell noch nicht gesprochen wurde und die NASA dieses Thema gerne vermeidet.

Zwar gibt es auf der Erde reichlich experimentelle Situationen, einstmals etwa die Klöster, heute eher die Gefängnisse oder Kasernen, lange Aufenthalte in U-Booten oder auf Ölplattformen im Meer oder auch die modisch werdenden freiwilligen Gefangenschaften für Medienspektakel, doch ist die Situation für Astronauten wahrscheinlich ein wenig anders. Bislang jedenfalls waren die Aufenthalte im Weltraum relativ kurz, und auch die Zahl der Astronauten, die sich beispielsweise gleichzeitig in der MIR aufhielten, klein. In der Internationalen Raumstation aber werden siebenköpfige Crews bis zu einem halben Jahr es miteinander aushalten müssen - und wenn man gar einmal zum Mars reisen will, ist man gleich über zwei Jahre unterwegs, mit geringen Chancen, sich wirklich bei der Enge aus dem Weg gehen zu können.

Untersucht wurden bislang von der NASA vornehmlich die physiologischen Folgen längerer Aufenthalte im Weltraum, die eher psychologischen Themen sind zwar wichtig für die Eignung und bei der Ausbildung von Astronauten, doch im Mittelpunkt stehen Körper und Technik, schließlich waren gemischtgeschlechtliche Gruppen bislang auch eine Ausnahme, was sich aber im nächsten Jahrhundert so nicht mehr durchhalten lassen wird. Die NASA hat, wie der Psychologe und NASA-Berater Robert Bechtel in Scientic American sagt, die weicheren Wissenschaften stets hintangestellt: "Sie fürchten, dass die Beimengung von nicht quantifizierbaren Dingen wie Sexualität oder Psychologie irgendwie von der technischen Seite des Weltraumflugs ablenken könnte. Unsere Aufgabe ist, sie davon zu überzeugen, dass es im gegenwärtigen und künftigen Weltraumprogramm für beides Platz gibt."

Schon im letzten Jahr wurde der Bericht A Strategy for Research in Space Biology and Medicine in the New Century vom Komitee für Weltraumbiologie und -medizin beim National Research Council veröffentlicht, der davon ausgeht, dass längere Aufenthalte im Weltraum, in denen Menschen unter "psychosozialen Bedingungen, die für isolierte und abgeschlossene Orte charakteristisch sind", leben müssen, erhebliche Veränderungen im Verhalten der Einzelnen und der Gruppe hervorrufen werden. Die Geschichte der Weltraumfahrt habe bei vielen Gelegenheit gezeigt, dass die Energie absinken kann, dass die Stimmungen sich verändern, falsche Entscheidungen getroffen werden, die Beziehungen untereinander schlecht sein können oder es Probleme mit Gedächtnis und Aufmerksamkeit gibt. Noch hätten zwar diese negativen psychischen Reaktionen zu keiner Katastrophe geführt, aber das sei keine Rechtfertigung, Probleme beiseite zustellen, die durchaus schlimme Folgen haben können.

Aus diesem Grund empfahl das Komitee die Durchführung von "nicht-invasiven quantitativen und qualitativen Untersuchungen" des Verhaltens vor, während und nach dem Weltraumaufenthalt. So sollen die emotionalen, kognitiven und physiologischen Reaktionen auf die Schwerelosigkeit, aber eben auch die Verhaltensreaktionen gegenüber der Wahrnehmung von körperlichen Gefahren, der eingeschränkten Privatsphäre sowie der körperlichen und sozialen Monotonie zum Forschungsgegenstand werden. Auch auf die "interpersonellen Faktoren" sollte man dabei schauen, z. B. darauf, welche "Folgen die psychosoziale Heterogenität der Crew für Konflikte innerhalb der Mannschaft, deren Zusammenhalt und Leistungsfähigkeit während einer Mission" haben kann. Dabei spielen nicht nur individuelle Unterschiede und Verteilung der Aufgaben (Hierarchie etc.) eine Rolle, sondern auch kulturelle Unterschiede, vielleicht wenn man Geistes- und Naturwissenschaftler zusammensteckt. Entwickelt werden sollen daraus natürlich in erster Linie Gegenmaßnahmen wie ein besseres Training der Astronauten für die Gruppensituationen, das Auffüllen der "unstrukturierten Zeit", so dass weniger Langeweile und Monotonie auftritt, die Veränderung des Designs der Raumschiffe, der Einsatz von psychoaktiven Medikamenten oder die Verwendung von Geräten, um die Sprache zu analysieren, so dass sich auch vom Boden aus die interpersonellen Beziehungen besser beurteilen lassen.

Wie Scientific American berichtet, will sich jetzt die NASA zusammen mit dem National Space Biomedical Research Institute (NSBRI) dem Problem des menschlichen Verhaltens im Weltraum widmen und die psychosoziale Dynamik sowie das Gruppenverhalten untersuchen. Unsicher freilich ist, ob das Thema Sexualität dabei zum Gegenstand werden wird: "Obgleich wir im Augenblick keine Forschung über die menschliche Sexualität fördern", so Frank Sulzman von der NASA-Abteilung Life Sciencies, "so sehen wir, dass dies ein schwieriges und empfindliches Thema ist." Und Ronald White vom NSBRI sagt: "Das menschliche Sexualverhalten und die Beziehung der Geschlechter gehören zu den Hauptthemen, die in der künftigen Forschung untersucht werden sollten."

Ganz soweit ist man also bei der NASA noch nicht. Die Astronauten werden zwar nicht kalt geduscht, aber eher noch mit Arbeit zu- oder mit Medikamenten eingedeckt, um keine falschen Gedanken entstehen zu lassen ... Gerüchte gibt es, dass die Russen weniger spartanisch im Weltraum waren als die amerikanischen Astronauten und Astronautinnen. Die Japaner haben den angeblich ersten Sex von Wirbeltieren im Weltraum detailliert aufgezeichnet. Das aber waren nur Fische, die sowieso im Wasser schweben.

Allerdings könnte nicht nur vorgestellter, sondern wirklicher Sex im Weltraum unter der Bedingung der Schwerelosigkeit ein hartes Geschäft werden. Anders sieht man dies bei Spacefuture.com, wo heftig überlegt wird, wie denn der Weltraumtourismus in Gang gebracht werden und wie er aussehen könnte. Hier wird die Lust in der Schwerelosigkeit gefeiert: "Unter anderem bedeutet Schwerelosigkeit, dass Sie und Ihr Partner sich umeinander bewegen können, ohne dass die Gefahr besteht, dass einer - oder ein Körperteil von Ihnen - gequetscht wird. Weder Arme noch Beine schlafen ein! Sicherlich ist es wahr, dass man einen gewissen "Kniff" für das "Rendez-vous und Docking" lernen muss. Beispielsweise hat ein Autor vorgeschlagen, spezielle Shorts mit vier Beinen zu benutzen, um die Paare zusammenzuhalten. ... Andere Autoren haben eine Reihe von speziellen Möbeln und Einrichtungen in schwerelosen Schlafzimmern vorgeschlagen, um zu verhindern, dass man davon schwebt und mit dem Kopf an die Wand schlägt. ... Aber es gibt hier einen großen Bereich für unterhaltende Experimente für Designer und für User. ... Wir können vermutlich davon ausgehen, dass Hochzeitsreisen in den Weltraum ein wesentlicher Bestandteil des Weltraumtourismusmarktes werden."

Und immerhin hat der Sex im Weltraum schon eine philosophische Abhandlung eingeheimst: A Philosophical Inquiry into the Role of Sexology in Space Life Sciences Research and Human Factors Considerations for Extended Spaceflight. Der damit promovierte Autor hat allerdings auch gleich ein Sex-Institut gegründet, um wieder mehr im Irdischen zu landen. Noch gibt es auf der Erde mehr zu tun. (Florian Rötzer)

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