Kein liebevoller Neandertaler in uns

Ausgestorben, ohne eine genetische Spur zu hinterlassen

Sie liebten sich wohl nicht und sie hatten keinen gemeinsamen Kinder, der Neandertaler und der moderne Mensch. In unseren Genen finden sich jedenfalls keine Spuren des ursprünglichen Bewohners Europas

Schädel eines Neandertalers, Fundort: La Chapelle (Frankreich), Bild: André Langaney

Wie es aussieht, ist der Neandertaler schlicht ausgestorben und hat auf dieser Welt nur seine Knochen als biologische Spuren hinterlassen. 1856 gruben Steinbrucharbeiter im Neandertal bei Mettmann nahe Düsseldorf einige fossile Skelettteile aus, es waren 16 Stücke, darunter eine Schädeldecke. Erstaunt betrachteten die Anthropologen die massiven Knochen, vor allem die dicken Wülste über den Augen des Schädels. Ein Mensch und doch ganz anders als der Homo sapiens sapiens: der Homo sapiens neanderthalensis war gefunden.

Seitdem wird viel über ihn diskutiert. Sicher ist, dass er bereits vor 150 000 Jahren, (und zuvor seine Vorfahren) in Europa, dem Nahen Osten und Usbestikan gelebt hat. Es ist etwa 40 000 Jahre her, da kam der moderne Mensch in Europa an, der Cro-Magnon-Mensch, der eine Weile mit dem Neandertaler zusammen die Landstriche bevölkerte, bis dann der europäische Ureinwohner vor knapp 30 000 Jahren endgültig verschwand (vgl. Neandertaler: Fand der erste Weltkrieg vor 40.000 Jahren statt?). Was genau geschah, ist bis heute umstritten. Inzwischen tendieren die Anthropologen dazu, den kleinen, stämmigen und muskulösen Neandertaler nicht mehr für den keulenschwingenden, wilden Primitivling der Eiszeit zu halten, sondern für ein Kulturwesen, das sich liebevoll um Angehörige kümmerte und sie feierlich bestattete, kulturelle Ausdrucksformen entwickelte und durch Sprache kommunizierte.

Wie haben die beiden verschiedenen Menschengruppen parallel nebeneinander oder sogar miteinander gelebt? Haben sie sich gemieden, vielleicht sogar bekämpft oder haben sie sich toleriert, vielleicht sogar geliebt, gemeinsame Nachkommen gezeugt? Diese Fragen sind noch nicht endgültig beantwortet, aber immer mehr weist daraufhin, dass es zumindest keine gemeinsamen Nachkommen gibt. Obwohl es immer noch Anhänger des so genannten multiregionalistischen Ansatzes gibt, sind immer mehr Forscher davon überzeugt, dass die "Out of Africa"-Hypothese richtig ist, nach der wir ausschließlich von einer neuen Sorte Menschen abstammen, die vor ungefähr 100 000-200 000 Jahren in Afrika geboren wurde und sich dann über die Welt ausbreitete (vgl. Neue Zweifel an der Out of Africa-Theorie).

Neandertalergesicht nach einer Rekonstruktion von Donald Johanson, Bild: Arizona State University

In jüngster Vergangenheit haben sich interessante neue Erkenntnisse über die Ureuropäer mit den großen Nasen ergeben. Anfang 2004 wurde der Cro-Magnon-Mensch vom Vorwurf des Massenmordes oder Auslöschens des Neandertalers durch den "Ersten Weltkrieg" frei gesprochen: ein interdisziplinäres Wissenschaftlerteam trug Beweise dafür zusammen, dass eine Klimaverschlechterung für sein Aussterben verantwortlich ist. Der Homo sapiens sapiens machte zu dieser Zeit einen Entwicklungssprung, während sein Konkurrent der erneuten großen Kälte und der damit verbundenen Nahrungsverknappung nicht mehr gewachsen war (vgl. Big chill killed off the Neanderthals).

Letztes Jahr waren in Rumänien mehrere 34 000 bis 36 000 Jahre Schädelteile) gefunden worden, die sowohl Merkmale des modernen Menschen wie des Neandertalers aufweisen (vgl. An early modern human from the Pestera cu Oase, Romania). Der führende Forscher des Projekts, Erik Trinkaus, ist allerdings ein bekennender Multiregionalist und untersuchte auch das Skelett des Kindes von Lagar Velho in Portugal, das möglicherweise ein Mischling sein soll, was aber noch debattiert wird (vgl. Ein möglicher Neandertal-Hybrid und seine Folgen). Solche Formanalysen sind wichtige Belege für die Anthropologie, aber Schädelformen sind nicht unumstritten, denn sie können stark variieren (vgl. Artenvielfalt oder Kunstprodukte? 14478). Eine Studie an der New York University von Januar 2004 vermaß mehr als tausend Schädel und kam zu dem Schluss, dass der Homo sapiens neanderthalensis eine eigene und vom modernen Menschen deutlich zu unterscheidende Art darstelle. Die Morphologie spricht nach dieser Untersuchung dagegen, dass die beiden Menschentypen sich gemeinsam fortpflanzten (vgl. New Study Shows Neanderthals Were Not Our Ancestors).

Jetzt haben ein internationales und multidisziplinäres Forscher-Team vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und verschiedener anderer Einrichtungen erneut die nur von den Müttern vererbte mitochondriale DNS fossiler Proben des Neandertalers und des modernen Menschen untersucht. Sie konnten keine Hinweise auf eine Vereinigung beider Populationen entdecken (vgl. No Evidence of Neandertal mtDNA Contribution to Early Modern Humans).

Gezielt suchten David Serre und seine Kollegen nach Neandertaler-Genen, um die verwandtschaftlichen Verhältnisse zu klären. Dieser Weg bietet sich an, weil Spuren des DNS-Materials des modernen Menschen auch durch Berührung des fossilen Materials auf die Proben gelangen kann. Tatsächlich waren alle untersuchten Proben - neben denen des Neandertalers auch solche von Höhlenbären - mit modernem menschlichem Genmaterial verunreinigt worden. Die Forscher analysierten mithilfe einer eigens von ihnen entwickelten Technik die fossilen Überreste von 24 Neandertalern und 40 frühen modernen Menschen, von denen dann die Knochen von vier Neandertalern und fünf frühen modernen Menschen nachweislich ausreichend biomolekulares Material für eine Untersuchung enthielten.

Es zeigte sich bei der Suche nach Neandertaler-DNS keine Spur von Vermischung zwischen den beiden Menschengruppen, was frühere Genpool-Analysen bestätigt (vgl. Klonen wir den Neandertaler!). Da die Probe aber insgesamt relativ klein ist, sind die Autoren in ihrer abschließenden Bewertung vorsichtig:

Wir können ausschließen, dass Neandertaler viel zur genetischen Ausstattung der heutigen Menschen beigetragen haben, die Möglichkeit eines geringen Beitrags ist aber nicht auszuschließen.

(Andrea Naica-Loebell)

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