Kein zehnter Planet, dafür ein riesiger Eis-Planetoid

74 Jahren nach der Entdeckung des Pluto gelang Astronomen der größte Fund im Sonnensystem

Über den letzten und zugleich kleinsten planetaren Vagabunden unseres Sonnensystems, den erst 1930 entdeckten Pluto, herrscht bis auf den heutigen Tag immer noch Unklarheit darüber, ob dieser wirklich das Qualitätsmerkmal "Planet" verdient. Angesichts der Tatsache, dass Pluto unter allen Planeten die stärkste elliptische Bahn und einschließlich seines Mondes Charon gerade mal 0,3 Prozent der Erdmasse aufweist, haben ihn viele Astronomen als Sterntrabanten längst abgeschrieben. Und es sieht nunmehr ganz danach aus, als drohe einem neuen, wenngleich etwas kleineren Artverwandten Plutos das selbe Schicksal.

So könnte Sedna aussehen. Bild: NASA/JPL-Caltech

Wie die US-Raumfahrtbehörde NASA am Montag auf einer Pressekonferenz in Washington, D.C. bekannt gab, lokalisierten Astronomen letztes Jahr den bislang fernsten Himmelskörper unseres Sonnensystems. Bei dem nach der Meeresgöttin der Inuit (Eskimos) "Sedna" vorläufig benannten Gebilde handelt es sich um ein zirka 1.770 Kilometer Durchmesser großen (zum Vergleich: Pluto = 2.274 Kilometer) Kleinplaneten, der derzeit etwa 13 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt sein soll. Damit wäre "Sedna" 900 Mal weiter von der Sonne entfernt als die Erde und dreimal so weit "weg" wie Pluto von der Sonne. Da "Sedna" die Sonne in einer elliptischen Umlaufbahn nur alle 10.500 Jahre einmal umrundet, entfernt er sich auf seiner Bahn mitunter noch zehn Mal weiter von unserem Zentralgestirn.

"Stände man auf 'Sedna' und hielte man eine Stecknadel in Armlänge hoch, könnte man allein mit dem Kopf der Stecknadel die Sonne komplett abdecken", verdeutlicht Projektleiter Prof. Mike Brown vom "California Institute of Technology" (Caltech) in Pasadena, der mit seinem Team den Planetoiden erstmals am 14. November 2003 mithilfe des 1,2-Meter-Samuel Oschin Telescope erblickte.

Auch wenn das Caltech-Fernrohr kurz darauf noch von Teleskopen in Chile, Spanien, Arizona, Hawaii und auch von dem neuen NASA Spitzer-Weltraumteleskop flankiert und sekundiert wurde, konnten die Astronomen die Oberflächentemperatur des kalten Kleinplaneten vorerst nicht bestimmen. Sicher ist nur, dass "2003 VB12", so "Sednas'" wissenschaftlicher Katalogname, in der kältesten Region des Sonnensystems sein Dasein fristet, wo die Temperaturen selten über minus 240 Grad Celsius steigen.

Interessanterweise besteht die frostige Welt nur zur Hälfte aus Eis, während der verbleibende Rest sich offensichtlich aus rötlichem Gestein zusammensetzt. Dies allerdings so farbenprächtig, dass "Sedna" bereits jetzt schon nach dem Mars von den Astronomen als zweitrötlichster Himmelskörper im Sonnensystem eingestuft wird.

Die ersten Aufnahmen von Sedna, die am 14. November 2003 gemacht wurden. Bild: NASA/JPL-Caltech

Derweil werten die NASA-Forscher die aktuelle "Sedna"-Entdeckung auch als ersten Beweis für die Existenz der Oort'schen Wolke, die bislang nur Gegenstand von Spekulationen war. Die Oortsche Wolke, der "Sedna" angehören könnte, geht auf den Niederländers Jan Hendrik Oort (1900-1992) zurück und soll das Sonnensystem wie eine Wolke umschließen. Sie soll größtenteils aus kleinen eisförmigen Kometenkernen bestehen, die sich auf mehr oder weniger ausgedehnten Bahnen um die Sonne bewegen.

Um "Sedna" selbst hingegen könnte, so Prof. Brown, möglicherweise ein Mond kreisen. Diese Annahme soll mithilfe des "Hubble"-Weltraumsteleskops der US-Weltraumbehörde alsbald überprüft werden. Trotz alledem sei "Sedna", wie Brown betont, kein Planet, obgleich es aber nach wie vor keine wissenschaftlich verbindliche Definition eines Planeten gebe. Doch auch der deutsche emeritierte Grandseigneur und Publizist der Astronomie, Prof. Rudolf Kippenhahn, sieht vorerst keinen Anlass, den neuen Kleinplaneten vorschnell zum zehnten Planeten zu verklären:

Die Grenze zwischen Planeten und kleineren Körpern ist ein wenig willkürlich gezogen worden. Was die Neuentdeckung anbelangt, so bin ich mir sicher, dass es sich hierbei um keinen klassischen Planeten, sondern um ein Objekt aus dem Kuiper-Gürtel handelt.

Der Kuiper-Gürtel befindet sich zwischen fünf und sechs Milliarden Kilometern Entfernung von der Sonne (Kometen mit Gefrierbrand). Jenseits davon sind, so die bisherige gängige Lehrmeinung, keine planetengroßen Körper, sondern nur noch eisige Kometen anzutreffen. Zu ihnen gehören auch die so genannten transneptunischen und transplutonischen Objekte, die zu Hunderten ihren exzentrischen Umlaufbahnen folgen und Teil des Kuiper-Gürtels sind, der bis 1992 nichts weiter als eine Theorie war, dessen Existenz aber heute indes als gesichert gilt.

In dieser scheibenförmigen Region, die sich hinter der Neptunbahn erstreckt, befinden sich in der Tat unzählige kleine vereiste Felsbrocken, die gelegentlich aus ihrer Bahn geworfen werden und dann als Kometen in die Nähe der Sonne und der Erde kommen. Obgleich bisher nur 400 Objekte im Kuiper-Gürtel aufgespürt werden konnten gibt es Schätzungen, wonach dort vermutlich mindestens 70.000 dieser Trans-Neptun-Objekte (TNO) mit einem Durchmesser von über 100 Kilometern treiben. (Harald Zaun)

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