Keine Angst vor "Überalterung"

Pflegeroboter aus dem Film "Robot & Frank". Screenshot: c't

Der Mathematiker Hansjörg Walther widerlegt Medienvorstellungen, die auf Oswald Spengler und Arthur Moeller van den Bruck zurückgehen

Dem aktuellen Bevölkerungsbericht des japanischen Innenministeriums nach lebten in Japan im letzten Herbst mit rund 126.933.000 etwa 162.000 (oder 0,13 Prozent) weniger Menschen als im Jahr davor. 76.562.000 davon befanden sich im Alter zwischen 15 und 64 Jahren. Der Anteil dieser Gruppe sank seit 1992 von 69,8 auf 60,3 Prozent. 34.591.000 Japaner (beziehungsweise 27,3 Prozent) waren älter als 65, 16.908.000 (13,3 Prozent) älter als 75.

Deutsche Medien berichten solche Zahlen regelmäßig wie Katastrophenmeldungen - verbunden mit der Warnung, dadurch würden Gesellschaften "überaltern", "vergreisen" und massiv an Innovationskraft und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit verlieren.

Der Mathematiker Hansjörg Walther hat sich diese Befürchtungen in der Zeitschrift Novo genauer angesehen. Dazu verglich er unter anderem die im International Innovation Index, im Bloomberg Innovation Index und im Innovation Union Scoreboard der EU-Kommission für einzelne Länder ermittelten Innovationswerte mit dem Medianalter in diesen Ländern und kam zum Ergebnis, dass ein Land danach sogar umso innovativer sein müsste, je höher das Medianalter dort liegt. Vergleicht man nur die entwickelten Länder miteinander, ergibt sich kein statistisch signifikanter Zusammenhang.

Beim Medianalter, das sich "aus den Gewichtungen in der Altersstruktur [und] nicht durch eine Verschiebung auf der Zeitachse" ergibt, liegt Deutschland mit 46,5 Jahren hinter Monaco und knapp vor Japan auf Platz 2. In den nächsten Jahrzehnten könnte es Prognosen nach um vier Punkte ansteigen. Ein Anstieg darüber hinaus ist unrealistisch - ebenso wie ein Absinken unter 15 Jahre. Geburtenstarke Jahrgänge, die älter werden, verlieren mit der Zeit an Bedeutung, weil ihre Gruppe mit zunehmendem Alter immer kleiner wird.

Graphische Darstellungen der jeweiligen Medianalter zeigen, dass sich die Kurven für wachsende, stabile und schrumpfende Bevölkerungen "fast genau um einen Punkt etwas oberhalb von 40 Jahren" drehen. Unterschiede zwischen den drei Modellen bestehen "hauptsächlich an den beiden Enden des Altersspektrums" - und damit dort, "wo sie am wenigsten Bedeutung haben": Senioren spielen Walther zufolge nämlich "für die Dynamik der Gesellschaft nur eine geringe Rolle" und "Kinder überhaupt keine", weil der "größte Beitrag zu wissenschaftlichen Höchstleistungen, Erfindungen, Unternehmensgründungen und Patenten" aus der Gruppe der 30- bis 50-jährigen kommt:

Das Alter von Patentanmeldern liegt in Japan im Mittel beispielsweise bei 39,5, in Europa bei 45,4 und in den USA bei 47,2 Jahren. Für die Gründung erfolgreicher Unternehmen liegt der Mittelwert bei 40 Jahren. "Bedenkt man noch", so der Mathematiker, "dass die Senioren zwar nicht mehr viel beitragen, aber doch mehr als die Kinder, so sollte man sogar vermuten, dass eine ältere Gesellschaft ein wenig dynamischer als eine jüngere sein könnte."

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