"Keine Atheisten im Schützengraben"

Der neue Kanon des Obskurantismus: John Moores Remake von "Das Omen"

Ein Gespenst geht um in Hollywood – das Gespenst des Obskurantismus. Nicht erst, aber vor allem seit den Querelen um Ron Howards „The Da Vinci Code“ (vgl. Sacrificium Intellectus) hat der Glaube an christliche Verschwörungen das Kino breitenwirksam zurückerobert. Mit fiktionalen Ahnungen, Zeichen und Andeutungen wird nicht nur Thrill geschaffen, es werden – ganz sublim – auch Halbwahrheiten, Ängste und in gewisser Hinsicht auch Linientreue unter die Zuschauer zu bringen versucht.

Die Erzählung in John Moores Remake von Richard Donners „Das Omen“ (1976) wiederholt das Original beinahe bild- und wortgenau: Der Diplomat Robert Thorn (Liev Schreiber) eilt ins Krankenhaus, als er hört, dass bei der Entbindung seines Kindes etwas schief gelaufen ist. Auf dem Krankenhausflur wird er von einem Geistlichen abgefangen, der ihm berichtet, dass sein Sohn gestorben sei, die Mutter Katherine (Julia Stiles) durch die Komplikationen unfruchtbar geworden sei, aber von alledem noch nichts wisse.

Thorn lässt sich überreden, einen zur selben Zeit geborenen, verwaisten Jungen anzunehmen und seiner Frau nichts davon zu erzählen. Kurz darauf wird Thorn erst zum stellvertretenden US-Botschafter, dann, nach dem plötzlichen Tod des Amtsinhabers, zum Botschafter in England bestellt.

Auf der Feier zu seinem fünften Geburtstag werden der kleine Damien (Seamus Davey-Fitzpatrick) und seine Gäste Zeuge eines grotesken Suizids: Damiens Kindermädchen erhängt sich vor seinen Augen – „ihm zuliebe“, wie ihre letzten Wort lauten. Daraufhin folgen immer mehr unheimliche Ereignisse: Thorn wird von dem italienischen Pater Brennan (Pete Postlethwaite) aufgesucht, der von der Vertauschung des Säuglings weiß und Thorn suggeriert, er und seine Frau schweben in großer Gefahr.

Thorn glaubt dem Mann zunächst nicht, doch als dieser auf ebenso grausame Weise wie das Kindermädchen sein Leben verliert, macht sich der Botschafter zusammen mit dem Fotografen Jennings (David Thewlis), der bereits auf dem Kindergeburtstag eine unheimliche Entdeckung gemacht hat, auf die Suche nach der Wahrheit.

Indes hat Damien ein neues Kindermädchen bekommen: Mrs. Baylock (pointiert besetzt mit Mia Farrow) scheint eine Art unheimliche Allianz mit dem kleinen Jungen gebildet zu haben und nun der Mutter nach dem Leben zu trachten. Während Thorn und Jennings im Nahen Osten nach des Rätsels Lösung suchen, setzen Damien und sein Kindermädchen ihre Pläne in die Tat um.

Das Remake hat dem Originalfilm kaum etwas hinzuzufügen – eher im Gegenteil: Angefangen bei den überaus blassen Hauptdarstellern (allen voran der völlig uncharismatische Damien-Darsteller) über die hausbackene Montage und Mise-en-Scène, den – im Vergleich zu Jerry Goldsmith’ Score – unauffälligen Soundtrack des Films bis hin zur Profanisierung einiger zentraler Szenen aus Donners Original: John Moore leistet beinahe Übermenschliches, um seinen Film zu einer Belanglosigkeit sondergleichen zu machen.

Fast mutet es an, als stecke ein System dahinter, war doch schon „The Da Vinci Code“ vor allem durch seine völlige Kanten- und Konturlosigkeit bestimmt. Die „Wohlbekömmlichkeit“ beider Werke ist der ideale Nährboden, um breitenwirksam deren christliche Mythologie zu entfalten. Und davon gibt es natürlich auch in „Das Omen“ nicht zu wenig.

Im Gegensatz zur Originalfassung werden hier nämlich argumentative Leerstellen gefüllt, die 1976 noch bestehen durften. So trifft sich im Prolog bereits ein geheimes vatikanisches Konzil, bei dem ein Kardinal dem (Johannes Paul II überaus ähnlich sehenden) Papst die nahende Apokalypse und Ankunft des Antichristen ankündigt.

Indizien für die in der Offenbarung des Johannes, Kapitel 8-13 prophezeiten „sieben Posaunen“, die den Weltuntergang einläuten, sieht der Geistliche etwa im Absturz der Raumfähre Columbia, der Tsunami-Katastrophe oder dem Anschlag auf das World Trade Center. Thorn ergänzt diese Prophetien später durch die Interpretation eines Gedichtes, das Pater Brennan rezitiert: „Aus dem ewigen Meer steigt er empor“ (ewiges Meer = Politik), „Wenn die Juden sich über Zion erheben“ (Besiedelung Israels 1947), „Wenn das römische Imperium neu ersteht“ (Gründung der EU durch den Vertrag von Rom). Hier versucht der Film, was zahllose Wahrsager und Propheten schon vor ihm unternahmen: Das Gleichsetzen von historischen Ereignissen mit verklausulierten Prophetien – eben das Sehen von bösen Omen.

Am 6. Oktober (da ist die Zahl schon wieder) litt die Hälfte der Crew und Besetzung plötzlich an einer rätselhaften, aber glücklicherweise harmlosen Lebensmittelvergiftung. Die Lebensmittel wurden daraufhin untersucht, aber es wurden keine Bakterien gefunden

Aus dem Presseheft

Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass Horrorfilme, die in der Sphäre des christlich-religiösen situiert sind, schon während ihrer Dreharbeiten Horror produzieren. Nicht ohne Effekt warnt ja bereits Johannes am Ende seiner Offenbarung: „Ich bezeuge allen, die da hören die Worte der Weissagung in diesem Buch: Wenn jemand etwas hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen zufügen, die in diesem Buch geschrieben stehen.“ (Joh. 22,18) Und die Nichtbeachtung dieser Warnung scheint ja wirklich die verschiedensten Konsequenzen zu haben: Diarrhöe (dritte Posaune) beim Dreh von „das Omen“ oder mysteriöse Feuersbrünste auf dem Set von „The Exorzist“ (1973) (erste Posaune). Zeichen und Wunden überall.

Nur liegt es natürlich – und das wissen wir seit Hume – in der Natur der Kausalität, dass sie nicht a priori, sondern nur a posteriori erfahrbar wird. Die ominöse Macht von Weissagungen basiert auf der Leugnung dieser Tatsache und der Fähigkeit der Interpretation, die – post hoc, ergo propter hoc – erkennen will, dass Zusammenhänge bestehen. „Das Omen“ führt seinen Zuschauern derlei Mechanismen durch bestimmte Montagen (eben Assoziationsmontagen) vor Augen.

Wir bekommen Ursache-Wirkungs-Ketten zu Gesicht, die zwar nicht so fulminant wie jene aus den Filmen Jean-Pierre Jeunets sind, die das Prinzip jedoch gut verdeutlichen und in die prophetische Strategie der Erzählung inkorporieren: Die Tode des Botschafters und des Fotografen Jennings werden als eine sprichwörtlich „Verkettung von Unglücken“ dargestellt. Ein Mann wirft eine glimmende Zigarettenkippe auf die Straße, ein anderer Mann löst aus Versehen den Bremsklotz am Rad eines Tanklasters, dieser rollt rückwärts auf das im Stau eingeklemmte Auto des Botschafters, ergießt seinen leicht entflammbaren Inhalt auf die Insassen, auf die Straße und schließlich auf die brennende Zigarette.

Beim Tod des Fotografen läuft es ganz ähnlich ab, nur dass dieses Unglück bereits „vorausgezeigt“ wurde: Die Funktion Jennings im Plot von „Das Omen“ ist es nämlich, Geisterfotografien zu erstellen, auf denen Menschen und ihre baldigen Todesursachen zu erkennen sind – eine Fotografie enthält auch ein Bild von Jennings selbst, mit abgetrenntem Kopf. Hier schließt sich übrigens abermals ein Kreis zur Produktion von „Das Omen“:

Der unheimlichste Zwischenfall betraf den Set-Fotografen Vince Valitutti. Er entwickelte gerade einen Film, als er bemerkte, dass einige Aufnahmen von Pete Postlethwaite als Vater Brennan merkwürdig verschwommen waren. Valitutti und der Rest der Crew sahen sofort die Parallelen zur Handlung des Films.

Aus dem Presseheft

Im Kanon des Obskurantismus darf die Psychoanalyse natürlich nicht fehlen, ist einer der immer noch geübten Hauptkritikpunkte an Freuds Theorie doch die Unbeweisbarkeit seiner „Voraussagen“, etwa über den Einfluss der Kindheit auf das Seelenleben des Erwachsenen. Und so geht Thorn während des Films auch einmal zum Analytiker seiner Frau, weil diese ohne erkenntlichen Grund ihren Sohn zu hassen beginnt.

Der Psychologe erklärt nicht viel, diagnostiziert bei seiner Patientin jedoch eine Form von „wahnhafter Rationalisierung“ – ein Krankheitsbild, das so nicht existiert. Was besagt es? Zunächst, dass Frau Thorn enorm bemüht ist, vernünftige Gründe für alles Mögliche zu finden, was ihr vielleicht unvernünftig erscheint. Mit der Kategorisierung „wahnhaft“ wird dieses Bestreben jedoch ins Pathologische verschoben.

Hier könnte es entweder bedeuten, dass sie zu intensiv oder zu häufig oder aus nichtigen Anlässen (eben „wahnhaft“) nach Vernunft-Gründen sucht, oder aber – und das scheint bei „Das Omen“ nahe zu liegen – , dass sie Vernunft verzweifelt dort sucht, wo sie nicht zu finden ist: im Mythischen, Irrationalen, Transzendenten, Religiösen.

Das Krankheitsbild und die Heilung der „wahnhaften Rationalisierung“ werden im Plot von „Das Omen“ nicht weiter verfolgt, reicht jedoch interessanterweise über den Film hinaus. Schließlich ist es ja genau jener Mystizismus, die nie beweisbare Verschwörung des „Bösen“, die geheime Wahrheit der Prophetien, von denen Moores Film mehr als Donners Original handelt.

Das Remake breitet seinen Obskurantismus nämlich auch in Anspielungen aus, die jenseits seiner Erzählung liegen: Da wären zum Einen die Mutmaßungen über die sieben Posaunen, wie sie oben geschildert sind, zum Anderen die politische Metaphorik, die von der Nahost-Politik über den internationalen Terrorismus bis hin zur letzten Einstellung reicht: Der Antichrist Damien steht am Grabe seiner beiden ersten Eltern und hält die Hand seines neuen Vaters, des US-Präsidenten, den man mit Wohlwollen als Bush-ähnlich wieder erkennen könnte.

Im Anschluss an ein Essener Sneak-Preview des Films, der am 27. Mai stattfand, wurde eine Podiumsdiskussion zu den Themen Teufelszahl, Nostradamus, Antichrist und anderes durchgeführt. Diskutanten waren der Filmjournalist Christian Lukas, der Pressesprecher der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung der Parawissenschaften“ (GWUP) Bernd Harder, sowie der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke, der ebenfalls Mitglied der GWUP ist.

Harder und Benecke stellten schnell heraus, dass sie von dem Wörtlichnehmen von Prophetien nichts halten, in Filmen wie „Das Omen“ aber deutlich einen Trend zur „Personifizierung des Unbehagens in der Gegenwart“ (Harder) wahrnehmen. Mit dem Glauben/Aberglauben an Prophetien sei zudem für den Einzelnen die Möglichkeit der Aufgabe der Eigenverantwortung verbunden – dadurch, dass das Schicksal feststeht, kann man sich nur noch danach richten.

Interessant an der Diskussion war einerseits die der GWUP eigene Insistenz auf Rationalität und Aufklärung, man scherzte sogar, sich das Attribut „wahnhafte Rationalisierer“ selbst zu geben, andererseits eine gewisse Form von „Betriebsblindheit“ gegenüber dem eigenen Anspruch.

Pikanterweise ließe sich die im Film diagnostizierte „wahnhafte Rationalität“ jedoch auch mit Adornos/Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“ gegenlesen, nach der gerade die Entzauberung der Welt durch die Aufklärung in ihr Gegenteil umschlägt, dadurch, dass sie verabsolutiert wird. Produkte der Kulturindustrie, denen Adorno stets besonders den Film zugerechnet hat, verdeutlichen die Regression der Aufklärung in besonderem Maße.

„Das Omen“ bildet da nicht nur keine Ausnahme, sondern sogar ein besonders beredtes Beispiel: In seinem Zug, sich besonders zeitkritisch zu geben, das „Böse“ politisch zu metaphorisieren und mit dem derzeitigen Weltgeschehen engzuführen, vertuscht der Film seinen Metadiskurs effektiv: Filme wie „Das Omen“ oder „The Da Vinci Code“ stehen ja gerade damit, dass sie das „Anti-“ so sehr betonen in direkter Abhängigkeit zum „Pro-“. Ein Film über den Teufel kommt genauso wenig ohne ein Gotteskonzept aus, wie der Teufel selbst.

Hier, wie es der Tenor der Podiumsdiskussion und der daran beteiligten Skeptiker war, „aus dem System heraus“ mit Begriffen wie „Das Böse“ und „Der Teufel“ Kritik üben zu wollen, verkennt, dass solche Filme auf höherer Ebene (sei es mit Kritik oder Affirmation) ein christlich-hegemoniales Weltbild stützen und es gegen andere Weltbilder panzern. Sicherlich entkommt man auch als Religionskritiker nie dieser Dialektik, dass man den Diskurs über seinen Kritikgegenstand auch durch die Kritik stützt – man sollte es sich aber bewusst machen.

Filme wie „Das Omen“ sind letztlich genauso gut wie vulgär-katholizistische Beiträge à la „Die Passion Christi“ oder subtil eschatologische Filme wie „L.A. Crash“ dazu geeignet, das religiöse Selbstverständnis zu stärken. Oder, wie Jennings das beiläufig bemerkt: Es gibt eben „keine Atheisten im Schützengraben.“

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