Keine "Biodeutschen" und keine "Rassen" weit und breit

Vom Missbrauch der Biologie und seiner Widerlegung

Die Idiotie rassistischen Denkens: Sie sind so, weil sie so sind

Es gibt keine menschlichen Rassen, betonen Jenaer Evolutionsbiologen in einer aktuellen öffentlichen Erklärung.

Angesichts des wachsenden Einflusses einer völkisch-rassistischen Denkweise in vielen Ländern muss diesem Thema nach wie vor Aufmerksamkeit gewidmet werden: Von daher erscheint es wichtig, dass führende Leute vom Fach sich explizit gegen den Rassenbegriff verwahren, da er einfach wissenschaftlich falsch ist: Er suggeriert eine Einteilung des Homo sapiens sapiens in angebliche biologische Untergruppen, die sich in Wahrheit politisch und ökonomisch motivierten, moralischen Deklassierungen verdanken.

Die Ergebnisse der Biologen zusammengefasst: Aus ein paar Unterschieden in Hautfarbe, Haartyp etc. ergeben sich weder "Neger" noch "Arier" noch sonstige ideologische Fiktionen: Zwei x-beliebige Individuen eines Dorfes weisen eine größere genetische Varianz auf als der Durchschnitt der willkürlich als "Rassen" abgegrenzten Großgruppen. Menschen sind zuallererst Individuen, dann kulturell und gesellschaftlich geprägte Gruppenwesen. In ihrem sozialen Leben findet der Biologe kein Quentchen Natur vor außer den allgemein menschlichen Eigenschaften, die alle Menschen teilen, daher niemals ihre kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede erklären können.

Kulturelle, politisch-ökonomische und soziale Besonderheiten von menschlichen Gruppen, die sich aus den jeweiligen Erfordernissen und Entwicklungsformen ihres historisch und regional spezifischen Zusammenlebens ergeben, wurden, geschichtlich betrachtet, durch den Rassismus naturalisiert, um zwischen ihnen eine moralische Wertigkeit zu behaupten, die die Ausbeutung und Beherrschung der einen - der dunkelhäutigen "Eingeborenen" - durch die anderen - die "weißen" Eroberer - legitimierte: Die "Fremden" sind und bleiben von Natur aus, was sie sind, weswegen ihre Unterwerfung, Versklavung und Ausbeutung rechtens, ja unumgänglich sind: Was will man mit diesen zu Höherem unfähigen "Untermenschen" auch sonst anfangen?!

Aber sehen wir uns die Sache mal im Einzelnen an:

Der moderne Rassismus1 nimmt für seine politischen Konstruktionen die offensichtliche Existenz verschiedener äußerlicher Gruppenmerkmale von Menschen - Hautfarben, Augen- und Nasenformen etc. - als Ausgangs-, besser: Anhaltspunkt und fasst sie mit Hilfe der Rassenbiologie des 19. Jahrhunderts zu "Rassen" zusammen, wobei dabei oft willkürlich Gemeinsamkeiten konstruiert, andererseits Unterschiede für irrelevant erklärt werden.2

Bezüglich dieser diversen Menschentypen wird nun behauptet, dass ihre kulturellen Besonderheiten, die historisch zufällig als dynamische, im Gesamtresultat stets ungeplante gemeinschaftliche Anpassungsleistung an die sie umgebenden Lebensbedingungen entstanden sind3, untrennbar an die jeweiligen äußerlichen Merkmale, Hautfarben etc. gebunden sind. Und zwar dergestalt, dass die Biologie der äußerlichen Unterschiede ein rassisch-biologisches "Wesen" begründet, das die - zumeist durch die Brille des europäischen Kolonialisten wahrgenommenen - kulturellen Gestaltungs- und Gesellschaftsformen verursacht und limitiert: Die "Anderen" sind so, weil sie als Asiaten, "Neger" etc. einfach von Natur aus so sind. Zwischen "ihnen" und "uns" gibt es eine unaufhebbare, durch nichts zu überbrückende Differenz, die es rechtfertigt, dass wir "sie" auch anders behandeln - "sie" sind schließlich auch nicht wie "wir"! Der ehemalige deutsche Politiker Philipp Rösler bleibt beispielsweise von diesem Standpunkt aus immer ein Vietnamese, obwohl er sich sprachlich und kulturell als durchschnittlicher Deutscher zeigte; die amerikanische Rechte wollte sich vor der Folie ihres rassistischen Weltbilds einfach nicht vorstellen, dass Ex-US-Präsident Barack Obama tatsächlich Amerikaner ist und versuchte immer wieder, seine staatsbürgerliche Herkunft zu bezweifeln. Ein "Schwarzer" ist in dieser Lesart eigentlich Afrikaner und sonst gar nichts. Die "europäische" Kultur wird ihm für einen Rassisten immer fremd bleiben müssen, da er als "Neger" die "Afrikanernatur" in sich trägt. Was man daran sieht, dass er offensichtlich (auch) afrikanischer Abstammung ist - eine platte Tautologie.

Nun weiß auch hier, wie zu Anfang erwähnt, die Forschung längst, dass sich der Durchschnitt z.B. der Afrikaner vom Durchschnitt der Europäer biologisch weniger unterscheidet als zwei beliebige Individuen innerhalb der jeweiligen Großgruppen: Menschen sind biologisch einfach Menschen und als solche zuallererst Individuen.

Eben diese Irrelevanz äußerlicher Eigenheiten für den Charakter von Kulturen und Gesellschaftsformen vergessen zu machen, war die Leistung des europäischen Rassismus. Rassismus im modernen Sinne trat nämlich erst spät auf; der antike Barbarenbegriff enthielt zumindest immer die Möglichkeit, dass die sogenannten "Barbaren" durch Bildung und "Zivilisierung" ins Lager der Römer wechselten. Der koloniale Rassismus sieht dies für die Afrikaner, Indianer etc. nicht vor: Als ideologisches Pendant des kolonialen Imperialismus leitete dessen pseudowissenschaftliches Theoriengebäude aus unterschiedlichen, mehr oder weniger zufälligen äußerlichen Merkmalen, wie sie diverse Großgruppen von Menschen in verschiedenen geographischen Räumen aufwiesen, dauerhafte, die Kultur und Lebensweise bestimmende biologische Grundbefindlichkeiten her, die auch noch auf eine Hierarchie der biologisch-moralischen Wertigkeit hindeuten sollten. In antiwissenschaftlicher Manier wurden moralische Bewertungen, die man mit einem Sammelsurium nicht weiter hinterfragter, vorinterpretierter Beobachtungen, willkürlicher Daten wie "Schädelvermessungen" und naturalistischer Unterstellungen "bewies", als Resultat einer sachlichen Betrachtung ausgegeben.

So standen im rassistischen Konstrukt die "weißen", europäischen Eroberer naturgemäß an der Spitze der "Menschenrassen", weshalb ihnen die Herrschaft über die "Anderen", zumeist dunkelhäutigeren Völkerscharen zu Recht zufiel. Die eingebildeten oder wirklichen natürlichen Differenzen sollten eine naturgewollte Hierarchie belegen, die wiederum den Einsatz von Macht zur Sicherstellung der Herrschaft über die "Anderen" legitimierte: Der Rassismus verrät in seiner gewalttätigen, ausbeuterischen Praxis seine Herkunft aus dem ökonomischen Interesse europäischer Eroberer, die sich an den Ressourcen und der Arbeitskraft der Bewohner anderer, neu entdeckter oder eroberter Weltgegenden schadlos halten wollten, ohne dabei auf das gute Gefühl verzichten zu müssen, dass dies im wohlverstandenen Interesse der Unterworfenen liegt, zumindest aber deren natürlicher Minderwertigkeit angemessen ist.

Die Forschungen von Luca und Francesco Cavalli-Sforza4 konnten inzwischen breit aufzeigen, dass biologische Menschenrassen eigentlich nicht existieren - die Hautfarben z.B. als zentraler Fokus der Rassentheorie erzählen nicht die Geschichte von angeblich divergierenden menschlichen Wesenszügen, sondern von klimatischen Lebensbedingungen, unter denen zuallererst die Intensität der Sonneneinstrahlung zu Buche schlägt.

Unterschiedlichste Kulturen in voneinander weit entfernten Regionen wurden etwa von Menschen mit dunklerer Hautfarbe begründet, ohne dass sich darüber hinaus irgendwelche Identitäten feststellen ließen, die über das allgemein Menschliche oder einige kulturelle Universalien hinausgingen. Hinzu kommt, dass vor der Folie einer genetisch fundierten Biologie sich die wenigen Gruppenunterschiede zwischen Menschen nicht unbedingt mit den phänotypischen Merkmalen decken, entlang derer die Rassentheoretiker mehr oder weniger willkürlich ihre Rassen "komponiert" haben.

Luca und Francesco Cavalli-Sforza kommen z.B. auf Basis ihrer genetischen Untersuchungen zu einer wesentlich differenzierteren Typologie von Menschengruppen, über die dann aber auch nicht viel mehr zu sagen ist, als dass sie diese und jene äußerlichen Besonderheiten, hie und da einen besonderen Krankheitsschutz wie bei der Sichelzellenanämie aufweisen oder bestimmte Ernährungsstoffe besser oder schlechter vertragen als Andere; z.B. liegt bei vielen Asiaten eine Milchunverträglichkeit vor. Über die jeweiligen Kulturen, ihre Lebens- und Produktionsweisen ist damit jedoch keinerlei Aussage getroffen, über ihre Individuen und deren Eigenschaften schon gleich gar nicht.

In ihrer imperialistischen Arroganz ignorierten die weißen Eroberer zudem, dass es weder "die Afrikaner", noch "die Asiaten" oder "die Indianer" gab: Man war statt dessen mit einer Vielzahl von Kulturen, Herrschaftsformen, ökonomischen Prinzipien und ökologischen Lebensweisen konfrontiert, die verdeutlichten, dass die über ihre allgemein menschlichen Eigenschaften hinausgehenden Gemeinsamkeiten zwischen Menschen(gruppen) letztlich stets in kulturellen und sozialen Gemeinsamkeiten bestehen.

Ob in Amerika, Afrika, Asien oder Europa: Äußerlich ähnlich aussehende Menschen - sogenannte "Indianer", "Neger" (oder wie die fiktionalen, oft abschätzigen Oberbegriffe auch immer lauten mochten) - stellten sich als buntscheckiger Flickenteppich äußerst unterschiedlicher Formen der Sozialorganisation, des Erwerbs und der Verteilung des materiellen Lebensunterhalts dar, die von ebenso stark differierenden Sprachfamilien und Weltbildern begleitet wurden. Wie die materialistische Kulturanthropologie von Marvin Harris5 zeigen konnte, erweist sich Kulturentwicklung als Resultat spezifischer Formen der aktiven, gestaltenden Anpassung an die äußeren Lebensbedingungen der Menschen. Dieser permanente schöpferische Anpassungsprozess, der stets Neuentwicklungen notwendig macht und deshalb auch hervorbringt, beruht auf dem historischen "Vorrat" an Strukturen, Erfahrungen und Weltsichten, die wiederum aus vergangenen Strategien der Lebensbewältigung hervorgingen.

Der rassistische Blickwinkel unterstellt im Gegensatz dazu eine atemberaubende Ignoranz gegenüber den Sozialordnungen und Lebenspraktiken anderer Regionen und Kontinente und deren ökologisch-ökonomischen Grundlagen. Nimmt man noch die durch keine wissenschaftliche Betrachtung begründbare Hierarchisierung der "Wertigkeit" von Menschengruppen, Weltbildern und Gesellschaftsformen hinzu, erweist sich der Rassismus in seiner pseudowissenschaftlichen Voreingenommenheit als adäquate Herrschaftsideologie des europäischen Imperialismus.

Was impliziert dies für moderne kulturelle Identitäten generell? In einer durch Staaten geordneten, kapitalistisch globalisierten Welt der permanenten Migrationsströme und der globalen medialen Kommunikation heißt dies in der Regel: sie sind politischer Natur. Spätestens in den darauffolgenden Generationen verliert sich daher die "unverfälschte" Ursprungskultur der Migranten zumeist; der Erhalt von Momenten der kulturellen Vergangenheit andernorts erfordert dann selbstbewusste Anstrengungen der Brauchtumspflege, bei denen zumeist völlig neue Kulturelemente entstehen, die weder mit dem identisch sind, was die Einwanderer vorgefunden haben, noch ihrer Herkunftskultur gleichen.

Manche mitgebrachte Institutionen werden verworfen, andere neu definiert; zugleich entstehen emergente, also völlig neue Formen der Kultur, die aus der Verbindung von Mitgebrachtem und Vorhandenem ungeplant hervorgehen: so sind Blues und Jazz so afrikanisch, wie sie es auch nicht sind. Kulturen sind eben nie "schwarz" oder "weiß"; so manche Afroamerikanerin wird zur gefeierten Operndiva, während sich blasse Engländer beizeiten als originelle Bluessänger hervortun.

Die ökologischen Lebensbedingungen, die Ökonomie der Lebensweisen und Produktionsformen, schließlich die etablierten Sozialstrukturen prägen die Kulturentwicklung viel stärker, als äußerliche Unterschiede dem unwissenden Betrachter unmittelbar nahelegen: Irokesen, Wikinger und Zulus beispielsweise bildeten als kriegerische Bauernvölker eine ähnlich martialische Kriegermoral aus, obwohl Kontinente zwischen ihnen lagen; eine stärkere soziale Schichtung und die Entstehung staatlicher Herrschaft unterstellten ein landwirtschaftliches Mehrprodukt und erzwangen es zugleich, egal welcher Hautfarbe oder regionalen Herkunft die jeweiligen Gesellschaften waren und sind.

Und all dies ist im permanenten Wandel; veränderte ökologische Rahmenbedingungen und mal friedliche, mal kriegerische Kontakte zu anderen Völkern bewirken den Niedergang etablierter und Aufstieg neuer politischer Formen und ökonomisch-technischer Praktiken. Kulturentwicklung ist insofern ein evolutionärer dynamischer Prozess, der soziale wie technische Innovationen hervorbringt und befördert. Und diejenigen, die dagegen verbissen die Reinheit überkommener Traditionen der Vergangenheit hochhalten, geraten peu à peu zu einer Karikatur ihrer selbst. Stilisierte Identitäts- und Brauchtumspflege mutiert so zur pittoresken Touristenattraktion, die nach dem Prinzip der "Truman-Show" von Regionen gezielt vorgehalten wird, die schon längst den Anschluss an die globale Kultur der Moderne gefunden haben.

Das ist damit auch die Kehrseite des modischen Beharrens auf der ureigenen Identität: Sie fällt hinter die moderne Wahrheit zurück, dass Identität immer auch ein sozialer Konstruktionsprozess ist und man sich von diesen seinen "Konstruktionen" durchaus distanzieren, die Masken des sozialen Selbst - zumindest in einem gewissen Umfang -wechseln kann.

"Biodeutsche" nirgendwo: Die Europäer, ein buntes Gemisch von Wanderungsbewegungen aus Afrika, dem Nahen Osten und der russischen Steppe

Eine spezielle Form des modernen Rassismus betrifft die Vorstellung, Staatsvölkern als solchen lasse sich ein "biologisches" Wesen, eine biologische Herkunft und Eigenart zurechnen, weshalb sie vor "Bevölkerungsaustausch" geschützt werden müssten. Zwar mag heutzutage keiner mehr offen von der "Reinheit des Blutes" und der "Reinhaltung der arischen Art" sprechen wie einst die Nazis. Aber genau diese rassistische Ideologie ist in der Rede von der "Umvolkung" unterstellt: Die Zuwanderung von z.B. Syrern kann nur zur "Umvolkung" führen, wenn eine natürliche deutsche Identität biologisch bestimmbar ist. Dieses Thema ist insofern mit den Erfolgen des völkischen Flügels der AfD im Osten der Republik von bleibender Aktualität.

Die August-Ausgabe der traditionsreichen Zeitschrift "National Geographic" fasste nun die neuesten Ergebnisse aus Tausenden von genetischen Skelettknochenanalysen zusammen, die ein ziemlich genaues Bild der Migrationsbewegungen erlauben, aus denen sich die heutige europäische Bevölkerung zusammensetzt. Dabei ergibt sich folgender Befund:

Jäger und Sammler aus Afrika erreichten Europa vor rund 45.000 Jahren. Um 6.000 v.Chr. schlossen sich ihnen Bauern aus der Türkei an. Dann wanderten Jamnaja-Menschen aus Russland ein. Die meisten Europäer tragen heute DNA aus allen drei Gruppen in sich.

National Geographic 8/2019

Die aus Afrika stammenden Jäger und Sammler wurden demgemäß vor etwa 8000 Jahren mit einer breiten Einwanderungswelle konfrontiert, die auch in den Artefakten noch nachweisbar ist - man denke z.B. an die 7500 Jahre alten Funde von bandkeramischen Tonscherben im niederbayerischen Aiterhofen. Die neolithischen Migranten aus dem großen Gebiet zwischen anatolischem Hochland und Zweistromland brachten Viehzucht und die Kenntnis des Ackerbaus mit; sie scheinen die Besiedlungsregionen schließlich breit dominiert zu haben, da sie in Mitteleuropa fast die Hälfte der untersuchten DNA prägen, während die "Afrikaner" zumeist 10-15 Prozent ausmachen.

Ca. 3000 v. Chr. schließlich wanderte eine hochentwickelte nomadische Reiterkultur mit Pferden und Wagen aus der russischen Steppe östlich des Schwarzen Meers ein; ihr genetischer Nachweis hält sich quantitativ mit demjenigen der anatolischen Bauern zumeist in etwa die die Waage. Natürlich gibt es auch Unterschiede. In Sardinien z.B. zeigen sich die "Anatolier" in fast 90 Prozent der DNA; in Norwegen hingegen sind die russischen Steppennomaden in etwa 60 Prozent der DNA nachweisbar.

Damit ist das ganze Geschwätz um nordische "Urvölker", "Arier" und angebliche ureuropäische "Rassen", das nicht auszurotten ist, endgültig widerlegt. Der schwedische Archäologe Kristian Kristiansen fasst zusammen:

Für mich untergraben die neuen Ergebnisse aus den DNA-Analysen das nationalistische Paradigma, wonach wir schon immer hier gelebt und uns nicht mit anderen Völkern gemischt haben (...).Es gibt keinen Dänen oder Schweden oder Deutschen.(...) Stattdessen sind wir alle Afrikaner und Russen.

Kristian Kristiansen

Die Menschen aus dem Mittleren Osten vergaß er dabei allerdings zu erwähnen.

Natürlich gibt es Dänen und Schweden und Deutsche. Als rechtlich legitimierte Mitglieder einer politischen Gebietskörperschaft, als Staatsbürger. Insofern sind "wir" auch keine "Russen", da es sich auch bei diesen um einen politischen Begriff handelt - gerade das riesige Gebiet des russischen Reiches wurde von zahllosen Migrationsbewegungen, slawischen, nordeuropäischen und mongolischen Menschengruppen geprägt; nirgendwo in Europa sind die Menschen die ganze Zeit an einem Fleck sitzen geblieben.

Rassistisch ist es daher, wie die AfD im Wahlkampf zu fordern: "Hol Dir Dein Land zurück!", weil dies eine natürliche Zugehörigkeit unterstellt, die durch die "Überschwemmung" mit "Fremden" gefährdet sein soll. Die AfD spricht deshalb von "Umvolkung" und meint damit eben keine rationelle Debatte über die ökonomischen, rechtlichen und humanitären Voraussetzungen für die Aufnahme von Migranten in das politische Gemeinwesen, sondern die "Bedrohung", die angeblich von einem geplanten Austausch der biodeutschen Bevölkerung mit "fremdrassigen" Ausländern ausgehen würde.

By the way: Ein kleiner Nebenwitz der ganzen Idiotie liegt darin, dass die geschätzten "Bio-Deutschen" allesamt ausgerechnet auch von Menschen aus einer Region abstammen, die heute u.a. die Türkei, Syrien und den Irak umfasst, also der Weltgegend, aus der die angeblich so "Fremdartigen" derzeit kommen....

Und, um das Wichtigste nicht zu vergessen:

Zu 99,9 Prozent sind wir Menschen in unserem Erbgut identisch. Wir beziehen uns also auf 0,1 Prozent unserer Erbinformation. Da gibt es in der Tat einen Unterschied zwischen der geografischen Herkunft. Diese Tatsache hilft uns, die Geschichte der menschlichen Bevölkerung, ihrer Mobilität zu verstehen.

Der Genetiker Mark Stoneking in der taz

Ergo: Der Nachweis von regionalen Besonderheiten im Erbgut bedeutet nicht, dass dort andere menschliche Eigenschaften oder "Wesenszüge" codiert sind! Noch einmal: Menschen sind Menschen, als solche qua Gattungsmerkmal soziale Individuen, die als Mitglieder unterschiedlicher Kulturen, Gesellschaftsordnungen und politischer Systeme ihr Leben gemeinschaftlich bestreiten. All dies sind keine biologischen Unterschiede. Die 0,1 Prozent, die sich in unterschiedlichen DNA-"Einfärbungen" ausdrücken, verweisen nur auf die Migrationsgeschichte der Menschheit, die schon immer unterwegs war - und zwar überallhin, wohin man gelangen konnte.

Deshalb gilt letztlich:

Jeder ist mit jedem irgendwie verwandt.

Der Paläo- und Archäogenetiker Johannes Krause

Nationalismus und fiktive Gemeinsamkeiten

Dass ein quasi natürliches, homogenes "Volk" als Begründung für Gemeinsamkeiten schon immer und überall eine krasse Lüge war, kann zudem jeder erkennen, der die Geschichte der modernen Nationenbildung studiert. Schließlich war es die politische Gewalt, der moderne Staat selbst, der Grenzen zog, Staatssprachen grammatikalisierte, lexikalisierte und als allein gültige Verkehrssprachen etablierte; schließlich war die neue Geschichtsinterpretation noch entferntester Schlachten der Antike als erste Äußerungen eines nationalen "Volkswillens" an den Haaren herbeigezogen, wenn man genauer hinsah.

Weder waren die Cherusker, die die Römer im Teutoburger Wald abschlachteten, "Deutsche", wenn man ihre Sitten, Sprache, Herkunft und soziale Ordnung mit der modernen deutschen Industriegesellschaft verglich, noch besaßen z.B. "die" Briten, in denen sich Pikten und Scoten, Römer und Angeln, Sachsen und Normannen mit einer Unzahl von Zu- und Einwanderern vermischt hatten, unabhängig von der Staatsgewalt, die sie zu Briten erklärt hatte, vorstaatliche Gemeinsamkeiten, die zur Begründung ihrer Staatlichkeit taugten. In Spanien hausten zunächst keltische Iberer, dann kamen Griechen, Phönizier und Römer, schließlich herrschten über zweihundert Jahre lang die Westgoten, um Anfang des 8. Jahrhundert (711) von arabischen Einwanderern vertrieben zu werden, die wiederum nach beinahe 800 Jahren (1492) ihre letzten Bastionen in Spanien zugunsten der christlichen "Rückeroberer" aufgaben.

In Katalonien sprach man zunächst katalanisch; die Basken waren mit den Bewohnern Kastiliens und Zentralspaniens nicht einmal entfernt verwandt. Sizilien war von den Griechen, Arabern, Römern und Normannen geprägt worden, in Italien sprach man vor Gründung des italienischen Staates je nach Gegend Rätoromanisch, Katalanisch, Italienisch und eine Vielzahl regionaler Dialekte, was den "Nationalhelden" Italiens, Guiseppe Garibaldi nach der "Einigung" Italiens 1861 ausrufen ließ, man habe jetzt Italien geschaffen, nun müsse man nur noch den Italiener schaffen …

Die Vorgeschichte der modernen Nationalstaaten6 und damit ihr Konstruktionscharakter sowie ihre politisch arrangierte Identität wurden und werden überall gleichermaßen vergessen. Daher läuft der inzwischen längst "geschaffene" Italiener nun in ganz Italien herum, schwenkt mit von Stolz erfüllter Brust die Nationalfahne bei jeder sich bietenden Gelegenheit und meint, dies wäre seine "Volksnatur" - wie alle anderen Staatsvölker auch.

In Deutschland kennt die Begeisterung, dass nach dem tief sitzenden "Schock" des Nationalsozialismus nun endlich wieder das Fahnenschwingen und der dazugehörige Nationalstolz erlaubt sind, keine Grenzen. Der angeblichen Lockerheit und nationalistisch eingefärbten Lebensfreude tun dabei die wöchentliche Schlacht in den Fußballstadien, der latent immer noch vorhandene Antisemitismus und so manche hässliche Töne gegen "die Griechen", die in der europäischen Staatsschuldenkrise "unser" sauer verdientes Geld verplempern, keinen Abbruch. Woher welche Griechen - nämlich ganz bestimmte! - welchen Kredit von wem - z.B. von den deutschen Banken! - für welche Zwecke - z.B. um deutsches Militärgerät zu kaufen! - bekommen haben, braucht man dazu nicht zu wissen: Nationalismus funktioniert, wie Religion, am besten, wenn man möglichst unbeleckt von Wissen über die behauptete Sache ist.

Ein Nationalismus, der sich seiner Entstehung und seiner Gründe bewusst ist, stellt einen Widerspruch in sich selbst dar. Nationalismus bemüht das "nationale Empfinden", das als "Nationalgefühl" den davon Infizierten beim sinnlichen Erleben (Hören, Sehen, Fühlen) der nationalen Symbolik auch mal die Tränen in die Augen treibt. Nationalismus ist insofern gefühlte Gemeinschaftlichkeit, deren fiktiver Charakter sich dadurch verrät, dass man den oft sowieso nur spärlich vorhandenen Intellekt auszuschalten hat, um die wirklichen politischen Differenzen und ökonomisch-sozialen Gegensätze ignorieren zu können, die das Leben in einer modernen, national eingehegten Klassengesellschaft ausmachen.

Der marxistische Historiker Eric Hobsbawm, einer der letzten Universalgelehrten seiner Generation, fasste daher treffend zusammen: "Nationalismus erfordert zuviel Glauben an etwas, das offensichtlich in dieser Form nicht existiert."7 Die fiktive Behauptung einer der Region an sich eigentümlichen "Volksseele" als Amalgam des nationalen Kollektivs rückt das nationale Denken in die Nähe einer naturalistischen, damit rassistischen Logik.

Der nationale Standpunkt ignoriert somit aus seiner ideologischen Grundposition heraus, was überall im neuzeitlichen, nun bürgerlich-nationalstaatlichen Europa galt: Die neuen Staatsgrenzen und Staatssprachen waren ein Resultat politischer Gewalt; von "ursprünglichen" Gemeinsamkeiten, gar von kultureller oder sprachlicher Homogenität innerhalb dieser Gebiete konnte keine Rede sein. Schon in der Antike fand im Großraum Zentralasien, Nord- und Westafrika, Europa bis nach Nordrussland hinauf über Handel, Kriegszüge und Sklavenbeschaffung ein reger sozialer, ökonomischer und nicht zuletzt biologischer Austausch statt, der gebietsbezogene, "völkisch" gedachte Identitäten von vornherein ad absurdum führte.

In Wahrheit war es nämlich genau umgekehrt: die modernen Nationalstaaten zwangen den Territorien, die sie erobert oder geeint hatten und die nicht allzu selten mal zur einen, mal zur anderen "Mannschaft" gehörten, ohne dass sie sich dies aussuchen durften, eine gemeinsame Sprache, einheitliche soziale und politische Verkehrsformen, rechtliche und ökonomische Regeln auf, die die Gemeinsamkeiten - neben denen, die naturwüchsig aus den vormodernen Gemeinwesen beibehalten wurden - , auf die sich die politischen Herrschaften beriefen, erst etablierten: Die angebliche natürliche Identität des jeweiligen Staatsvolks war eine imaginierte, fiktive Identität, die erst mehr oder weniger gewaltsam hergestellt werden musste.

Fazit: Nichts an den politischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Verhältnissen, in denen Menschen leben, lässt sich aus fiktiven natürlichen Differenzen erklären, wie sie Rassismus und völkischer Nationalismus als dessen staatsbezogene Ausgestaltung behaupten.