Keine Experimente

Die Ära Merkel erinnert an die Adenauerzeit. Dann kam die APO von links, dieses Mal könnte sie von rechts kommen

Eine Überraschung ist die Meldung nicht, dass Merkel für eine vierte Amtszeit als Bundeskanzlerin antritt. Eine Sensation wäre es gewesen, wenn sie nicht mehr angetreten wäre. Viel Neuigkeitswert dürfte die Nachricht auch deshalb nicht haben, weil es um eine Kandidatur für eine Wahl handelt, die Merkel erst noch gewinnen muss. Eigentlich. Doch es kennzeichnet die deutschen Verhältnisse, dass Merkel mit ihrer erneuten Kandidatur schon als künftige Bundeskanzlerin gesetzt zu sein scheint. Es wäre dann nur noch die Frage, in welcher politischen Konstellation Merkel dann regiert.

Vieles spricht für eine Fortsetzung der Kooperation mit der SPD. Mit der Nominierung von Steinmeier zum Bundespräsidentenamt scheinen die Weichen in diese Richtung gestellt zu werden. Doch Merkel könnte auch mit allen anderen Farbkonstellationen mit Ausnahme von AfD und Linkspartei regieren. Die Grünen warten nur auf ein Zeichen und die FDP hofft, nicht nur wieder ins Parlament zu kommen, sondern auch wieder Zünglein an der Waage zu werden. Gerade hat die FDP mit der Nichtnominierung des nationalliberalen Holger Zastrow zum Direktkandidaten für den Bundestag verhindert, dass künftig auch eine liberale Pegida-Fraktion im Bundestag sitzt. Diese Entscheidung dürfte auch als deutliches Signal aufgefasst werden, dass die FDP eine Fortsetzung ihrer bisherigen Bündnispolitik mit der Union anstrebt und keine Rechtsopposition gegenüber Merkel sein will. Das dürfte natürlich auch die AfD freuen, die so keine Konkurrenz von rechts bekommt.

Wenig Chancen dürften auch Vorstellungen einer Koalition links von der Union haben, die angesichts der Regierungsbildung in Berlin wieder verstärkt diskutiert wird. Wenn die vielzitierte Mehrheit jenseits der Union es nicht einmal geschafft hat, mit einem politisch einflusslosen Präsidentschaftskandidaten ein Signal zu setzen, kann eine solche Regierungskonstellation als ziemlich unwahrscheinlich gelten.

Im Nachhinein ist Sigmar Gabriels öffentliches Vorfühlen bei Margot Käßmann eher als Alibihandlung zur Beruhigung des linken Flügels zu interpretieren, denn als Versuch, tatsächlich eine solche Kandidatur ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Wenn es anders gewesen wäre, hätte man doch Gesine Schwan, die immerhin schon mal als aussichtslose Bundestagspräsidentin angetreten ist, erneut als Kandidatin vorgeschlagen. Mit ihr hätten sowohl die Linken als auch die Grünen gut leben können.

Mit Steinmeier wird hingegen ein Kandidat nominiert, der nur eine Botschaft aussendet: Es soll weitergehen im scheinbar ideologielosen Wursteln und dabei soll bloß nicht über Inhalte geredet werden. So ist es auch ein Symbol, dass sich Steinmeier beharrlich weigert, sich bei den Guantánamo-Opfer Murat Kurnaz dafür zu entschuldigen, dass er in seiner Amtszeit und durch sein Handeln und Unterlassen länger unter der menschenunwürdigen Haft leiden musste, weil Steinmeier seine Überstellung nach Deutschland verzögerte.

Wenn er nun als Begründung für seine Nichtentschuldigung anführt, das ganze läge Jahre zurück, bedient er einen typisch deutschen Verdrängungsdiskurs, der uns von der Generation, die in der NS-Zeit lebte und daran beteiligt war, nur zu bekannt war. Steinmeier verhält sich hier also hochpolitisch und trotzdem gilt er als unpolitischer Technokrat. Das Duo Steinmeier-Merkel steht für ein Weiter so und bloß keine Experimente.

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