"Keine tanzenden Kinder"

Nach dem Polizeieinsatz gegen eine Technoparty in Tschechien gibt es in Prag Massendemonstrationen

Eine merkwürdige Koalition hat sich in den letzten Tagen in Prag und vielen anderen tschechischen Städten zusammen gefunden. Junge Technofans demonstrierten gemeinsam mit ergrauten Bürgerrechtlern. Selbst der ehemalige tschechische Staatspräsident Vaclav Havel war unter den Demonstranten. Anlass ist ein Polizeieinsatz gegen die Czechtek, der auch in der tschechischen Presse heftig diskutiert wird.

Das Kulturevent auf einer privat gemieteten Wiese in der Nähe der westböhmischen Keinstadt Mlynec hat sich von einer privaten Technoparty zum größten Festival Osteuropas entwickelt. Es sollte am vergangenen Wochenende zum 12ten Mal stattfinden.

Wie in den letzten Jahren sind auch am letzten Wochenende Technofans aus vielen Ländern angereist, um zu feiern. Schon auf den Zufahrtswegen wurden allerdings viele aufgehalten. Auf den Festivalplatz ging ein großes Polizeiaufgebot mit Wasserwerfern und Tränengas gegen die Feiernden vor und löste das Festival auf.

Mehr als 150 Verletzte und Tausende von empörten Menschen sind das Ergebnis des Einsatzes. Die Repression kam nicht unerwartet. Schließlich gab es schon im letzten Jahr auf dem Festivalgelände Polizeieinsätze. Doch die Brutalität des diesjährigen Einsatzes schockierte nicht nur die eingeschworenen Technofans. Öl ins Feuer goss der tschechische Premierminister Jiri Paroubek. In einem Interview mit führenden Prager Zeitung Lidove Noviny sagte er über die Konzertbesucher:

Das sind keine tanzenden Kinder, sondern gefährliche Leute mit anarchistischen Neigungen und internationaler Vernetzung. Sie wollen nicht nur Musik hören, sondern geben sich Alkohol und Drogen hin, verbreiten Aids und Hepatitis und verunreinigen ihre Umgebung mit Abfall.

Jetzt fragen sich in Prag manche scherzhaft, ob der sozialdemokratische Ministerpräsident diese Erkenntnisse vielleicht von seinem kürzlich beendeten Staatsbesuch aus China mit gebracht hat. Der gibt sich aber von den Protesten unbeeindruckt und will mit einer Gesetzesinitiative verhindern, dass ein solches Festival noch einmal stattfinden kann.

Auch im Ausland haben sich mittlerweile Partyfans den Protesten angeschlossen. Schließlich werden in vielen Ländern, auch in Deutschland, immer wieder Festivals von der Polizei aufgelöst. Andere unabhängige Festivals, wie die am kommenden Wochenende stattfindende Haltestelle Woodstock hingegen werden mittlerweile als Tourismusförderung genutzt.

Kommentare lesen (377 Beiträge)
Anzeige