Keine wissenschaftlichen Abschlüsse - aber jede Menge Stipendien

Hamburgs Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach (CDU) provoziert die Hochschulen mit einer deftigen Kritik an der Umsetzung der Bologna-Reform. Derweil schwärmt die schwarz-gelbe Wahlkampfmaschinerie von einem "nationalen Stipendiensystem"

Er wird vielleicht nicht in die Geschichte der wirklich Aufsehen erregenden Protestbewegungen eingehen, doch der Bildungsstreik, der sich im Juni vor allem gegen den umstrittenen Bologna-Prozess richtete, hat die Reformdebatten in Deutschland spürbar beeinflusst.

Anfang Juli zeigte sich Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) immerhin bereit, mit den Studierenden über „notwendige Korrekturen“ zu sprechen. Drei Wochen später beschäftigte sich die Bundesregierung mit einer Kleinen Anfrage der Fraktion DIE LINKE, die über etwaige Konsequenzen aus dem Bildungsstreik 2009 informiert werden wollte. Auch diesmal wurde – nach der obligatorischen Feststellung, wie „richtig“ die Ziele der Bologna-Reform insgesamt seien – ein "Korrekturbedarf bei der Umsetzung" zugestanden.

Wichtige Fragestellungen sind in diesem Zusammenhang die Studierbarkeit der Studiengänge und die Modularisierung, die konsequente Anwendung der Instrumente ECTS und Diploma Supplement sowie sachgerechte, studienerfolgsorientierte Anerkennungspraxis von Studienleistungen bei Hochschulwechsel, ein flexibler Übergang von Bachelor zu Master und insgesamt eine sowohl wissenschaftliche wie berufsbefähigende Ausbildung.

Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE, 30. Juli 2009

Was nach Einsicht und Kompromissbereitschaft klingt, offenbart zunächst und vor allem ein bildungspolitisches Debakel. Wenn sowohl bei der Studierbarkeit der Studiengänge als auch im Bereich der Anerkennung von Studienleistungen bei einem Hochschulwechsel oder beim Übergang von Bachelor- zu Masterstudiengängen nachgebessert werden muss, kann von überschaubaren Anfangsschwierigkeiten wohl keine Rede mehr sein.

Der Bologna-Prozess, der einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum schaffen, die Studienangebote verbessern, mehr Beschäftigungsfähigkeit vermitteln und die Studiendauer verkürzen sollte, ist in der bisherigen Form auch dann gescheitert, wenn die Bundesregierung kurz vor dem großen Urnengang am 27. September keine unmittelbare Notwendigkeit sieht, die dämmernde Einsicht zu einem klaren Bekenntnis auszuweiten.

Reform der Reform

Die Hamburger Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach kann schon deshalb unbeschwerter auftreten, weil die schwarz-grüne Koalition erst 2012 wieder zur Wahl steht. Doch ihr Vorgänger Jörg Dräger, der sieben Jahre lang als parteiloser Senator für Wissenschaft und Forschung (später außerdem für Gesundheit und Verbraucherschutz) agierte, schuf in Hamburg auch einen Präzedenzfall, der die Schattenseiten der Bologna-Reform deutlich hervortreten ließ. Dass die Bertelsmann-Stiftung Dräger anschließend zum Vorstandsmitglied für den Bereich Bildung und außerdem zum Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung „beförderte“, erklärt hinlänglich, warum sich Herlind Gundelach und die Präsidien der sechs staatlichen Hamburger Hochschulen nun Gedanken über "ein Memorandum zur weiteren Reform der Studiengänge" machen mussten.

Zwar nennt die Senatorin die tiefgreifende Operation höflicherweise „zweite Phase“, betont aber gleichzeitig, dass es keineswegs ausreiche, „bestehende Studienangebote lediglich umzuetikettieren“. Auch Edwin Kreuzer, Vorsitzender der Landeshochschulrektorenkonferenz, wird nicht müde, die Bedeutung der Umstrukturierung zu betonen. Die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen sei „die wohl größte und tiefgreifendste Veränderung seit Wilhelm von Humboldt“ im deutschen Hochschulsystem.

In gleich fünf zentralen Bereichen sieht Gundelach Handlungsbedarf: Unter dem Stichwort "Stofffülle/Verbesserung der Studierbarkeit" geht es um die Entschlackung der Curricula, die Ausweitung der Wahlbereiche, eine Differenzierung der Regelstudienzeit oder vereinfachte Anerkennungsverfahren von Studien- und Prüfungsleistungen anderer Hochschulen. Daneben soll die Prüfungsfrequenz verringert und die Prüfungspraxis insgesamt flexibilisiert werden. Im Bereich der Schlüsselqualifikationen strebt das Memorandum einen Ausbau der Vermittlung von allgemeinbildenden und Methoden-Kompetenzen an.

Um die Berufsqualifikation zu verbessern, will Gundelach die Praxiszeiten ausweiten, die Kriterienkataloge diverser Berufsverbände einbeziehen und auf duale BA-Studiengänge setzen. Außerdem ist die Einrichtung von bi-oder trinationalen Studiengängen geplant; Vereinbarungen mit ausländischen Hochschulen könnten gleichzeitig die Rahmenbedingungen des Studierenden-Austauschs optimieren und die Mobilität erhöhen.

Das Hamburger Memorandum soll erklärtermaßen eine „Reform der Reform“ initiieren und vor allem den sechssemestrigen Bachelor-Studiengang neu strukturieren. Ihm hatten Kritiker von Beginn an nicht nur die wissenschaftliche Qualifikation, sondern auch die behauptete Berufsbefähigung abgesprochen. Aktuellen Medienberichten zufolge scheint Herlind Gundelach dieses Problem nun ganz ähnlich zu sehen.

Man muss aber so ehrlich sein zu sagen, dass er kein akademischer Abschluss im Humboldtschen Sinne ist und auch kein wissenschaftlicher Abschluss.

Herlind Gundelach

Der AStA-Vorsitzende Severin Pabsch leitet aus dem Zugeständnis der Senatorin eine interessante Schlussfolgerung ab. Wenn der Bachelor kein wissenschaftlicher Abschluss sei, müssten alle Studierenden in der Hansestadt Anspruch auf einen Masterstudienplatz haben. Schließlich könnten sie nur so einen akademischen Abschluss erreichen ...

Hochschulpräsident glättet die letzten Windwiderstände

Kaum hatte sich Senatorin zu ihrer vergleichsweise deutlichen und durchaus präzisen Standortbestimmung durchgerungen, meldete sich ein Mitunterzeichner des Hamburger Memorandums, um entschieden gegen Gundelachs Vorstoß zu protestieren. Michael Stawicki, Präsident der Hochschule für Angewandte Wissenschaften, gab in einem Offenen Brief zu Protokoll, dass es keinen Anlass gebe, die Bachelor- und Master-Studiengänge „von Grund auf“ zu überarbeiten.

Davon kann an der HAW Hamburg überhaupt keine Rede sein. Wir betreiben derzeit bestenfalls ein Feintuning, um die letzten „Windwiderstände“ zu glätten.

Michael Stawicki

Stawicki war nachgerade „geschockt“ von der Behauptung, der Bachelor könne nicht als wissenschaftlicher Abschluss betrachtet werden und widersprach auch der Einschätzung der mangelnden Berufsbefähigung.

Die Kampagnen „Bachelor welcome“ der großen deutschen (und internationalen) Unternehmen sprechen eine deutlich andere Sprache. Ihrer Äußerung, dass mittelfristig auch der Bachelor zu einem berufsqualifizierenden Abschluss werden könne, muss ich deutlich widersprechen. An der HAW Hamburg wie auch an vielen anderen Hochschulen für angewandte Wissenschaften ist der Bachelor bereits heute berufsqualifizierend.

Michael Stawicki

Kampagnen wie Bachelor welcome werden allerdings schon seit Jahren lanciert, um die Bereitschaft der Wirtschaft zur Beteiligung an grundlegenden Bildungsreformen zu signalisieren. Besondere Auswirkungen auf dem Arbeitsmarkt entfalten sie nicht. Nach einer Analyse der Personalvermittlung „alma mater“ sind die beruflichen Einstiegsmöglichkeiten für Hochschulabsolventen mit BA-Abschluss ganz im Gegenteil besonders schwierig. Nur in zwei von neun Funktionsbereichen (Marketing und IT), so das Ergebnis der Gehaltsstudie 2009, hätte eine Mehrheit der Unternehmen die Frage, ob Absolventen mit Bachelor-Abschluss eingestellt werden, positiv beantwortet.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erläutert auf seiner Webseite zum Bologna-Prozess: „… Der Bachelor führt bereits nach drei bis vier Jahren zu einem berufsbefähigenden Abschluss, so dass der Berufseinstieg früher als bisher möglich ist.“ Die vorliegenden Ergebnisse können dies nicht belegen. Hinsichtlich der Diskussion um die Bologna-Reform kann der Schluss gezogen werden, dass wesentliche Ziele wie die Verkürzung der Studienzeit sowie die Modularisierung und Vereinheitlichung der Berufsqualifikation bei den Unternehmen (noch) keine Akzeptanz finden. Die schwierigen Einstiegschancen für BA-Absolventen könnten zur Konsequenz haben, dass diese mit dem MA einen weiterführenden- und qualifizierenden Studienabschluss erlangen müssen, um ihre Jobperspektiven zu verbessern.

alma mater – Gehaltsstudie 2009

Auch wenn die Hochschule für Angewandte Wissenschaften, die frühzeitig auf ein sieben Semester dauerndes Bachelor-Studium setzte, mit ihren Absolventen andere und bessere Erfahrungen gemacht hat, ist Stawickis Einwurf unter den herrschenden Gesamtumständen kein konstruktiver Diskussionsbeitrag. Der Erfolg der Bildungsreformen hängt von flächendeckenden und nachhaltigen Lösungen ab und wird kaum vor der Haustür eines einzelnen Hochschulpräsidenten entschieden.

Davon abgesehen wäre es für Fachhochschulen und Universitäten auch nicht ratsam, potenzielle Studierende mit justiziablen Jobgarantien zu locken. Trina Thompson, die im April ihren Bachelor-Studiengang am Monroe-College in New York abschloss, hat ihre ehemalige Hochschule Anfang dieses Monats auf 70.000 Dollar Schadenersatz verklagt. Die 27-Jährige begründete ihre Eingabe mit dem Versprechen der Hochschule, ihr nach dem Studium bei der Suche nach einem Arbeitsplatz zu helfen. „Sie haben nicht genug für mich getan“, meint Thompson nun und verlangt ihre Ausbildungskosten zurück.

Nationales Stipendienprogramm

Neben der inhaltlichen und organisatorischen Ausgestaltung der Hochschulreform steht die Studienfinanzierung weiterhin im Mittelpunkt kontroverser Debatten. Mit der Einführung von Studiengebühren in den unionsgeführten Bundesländern wollten die Befürworter der Campusmaut ein umfassendes Stipendiensystem aufbauen, das vor allem sozial benachteiligten Nachwuchsakademikern den Weg zu den Fachhochschulen und Universitäten ebnen sollte.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung brachte gar bizarre Werbekampagnen auf den Weg (Küss mich, ich bin ein verzaubertes Stipendium!), um flächendeckend auf das eigene Engagement in Sachen Begabtenförderung aufmerksam zu machen. De facto kommen aber nur rund zwei Prozent der Studierenden in den Genuss einer solchen Studienfinanzierung, wobei soziale Aspekte in der Regel zumeist eine untergeordnete Rolle spielen.

Stattdessen dient die Begabtenförderung, sofern sie von staatlicher Seite unterstützt wird, dem nebulösen Ziel einer "individuellen Förderung von Verantwortungseliten". Über die Eckpunkte eines bundesweiten Stipendiensystems, mit dem etwaige Gelder aus der Wirtschaft durch staatliche Zuschüsse von Bund und Ländern aufgestockt werden, konnte die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz im Frühjahr keine Einigung erzielen.

Der nordrhein-westfälische „Innovationsminister“ Andreas Pinkwart (FDP) plädiert seit geraumer Zeit für ein „nationales Stipendienprogramm“, das die Liberalen nun auch in den Wahlkampf einbringen wollen. Nach dem Beispiel Nordrhein-Westfalens, wo 1.400 der „begabtesten Studenten“ ab dem kommenden Wintersemester ein Stipendium in Höhe von 300 Euro pro Monat erhalten, sollen sich Staat und Wirtschaft die Kosten teilen, um innerhalb von vier Jahren zehn Prozent aller Studierenden mit einem entsprechenden Betrag zu unterstützen.

Der bildungspolitische Sprecher der CDU-CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag Stefan Müller kann sich mit dem Vorschlag des potenziellen Koalitionspartners anfreunden und hält sogar eine Quote von 15 Prozent für erreichbar. Sozialdemokraten und Oppositionsparteien lehnen das „nationale Stipendiensystem“ dagegen kategorisch ab. Der bildungs- und forschungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Ernst Dieter Rossmann wertete die Initiative als "bildungspolitischen Kurzschluss“.

Erstens haben wir bereits ein nationales Fördersystem und der Bund ist der weitaus größte Stipendiengeber, und zwar in Euro wie in der Zahl der Geförderten. Zweitens haben weder die Länder noch die Wirtschaft ihre hehren Stipendienzusagen etwa aus der Studiengebührendebatte bisher auch nur ansatzweise erfüllt, auch Herr Pinkwart nicht. Und drittens verringern Stipendien das Hauptproblem der sozialen Selektion nicht, da sie viel zu spät ansetzen.

Ernst Dieter Rossmann

Rossmanns Einwände sind sachlich richtig, nur der Vorwurf, es handele sich hier um einen „bildungspolitischen Kurzschluss“, zielt weit an der Realität vorbei. Tatsächlich bewegt sich die Forderung nach einem nationalen Stipendiensystem exakt in Richtung der bisher verabschiedeten Hochschulreformen, die auf eine gezielte Eliteförderung setzen und dafür Qualitätsverluste in weiten Bereichen von Studium, Forschung und Lehre, weniger Transparenz und mehr soziale Auslese in Kauf nehmen.

Wenn jetzt noch der Staat in Anspruch genommen wird, um der Schieflage des Bildungssystems ein finanzielles Fundament zu verschaffen, ist eine Studienfinanzierung, die das Prädikat „sozial gerecht“ auch nur annähernd verdient, kaum mehr zu realisieren. Kerstin Rothe vom Bundesvorstand der Juso-Hochschulgruppen vermutet wohl nicht ganz zu Unrecht, dass CDU und FDP das BAföG mittelfristig „aushöhlen“ und durch ein Stipendiensystem ohne jeden Rechtsanspruch ersetzen wollen. Sollten sich dabei Probleme ergeben, kann schließlich wieder eine „zweite Phase“ ausgerufen oder die zeitnahe „Reform der Reform“ versprochen werden. (Thorsten Stegemann)

Anzeige