"Keiner mag uns!"

Öffentlich-rechtliche Onlinejournalisten: Prügelknaben der ARD-Politik?

Auf einer Online-Journalistentagung wurde ungewollte Apartheid beklagt: Es gab plötzlich „richtige“ Onliner – und öffentlich-rechtliche Onliner, die sich ausgegrenzt fühlten.

Die Revolution frisst ihre Kinder: das gilt auch für das Internet. In den 90ern war es noch ein teures Abenteuer, wenn man die Möglichkeit der elektronischen Kommunikation hatte, doch für Journalisten ungemein praktisch: Manuskripte von externen Autoren mussten nicht mehr abgetippt werden, weil die Disketten wieder einmal Lesefehler hatten, ebenso konnten unpünktliche Schreiber sich nicht mehr auf die langsame Bundespost herausreden, wenn der versprochene Artikel drei Tage nach Redaktionsschluss immer noch nicht eingetroffen war. Und hungrige Kollegen konnten sich auch nicht mehr die Einladung zur Wirtschaftspressekonferenz im Nobelrestaurant aus dem Postkorb picken und einem drei Stunden später von edlen Tropfen angeheitert als Grundlage für den noch am selben Abend fälligen Bericht die Speisekarte statt der eigentlich benötigten Pressemappe auf den Tisch knallen: E-Mails landeten nun unauffällig im Computer und verließen diesen erst wieder, wenn ein fertiger Artikel entstanden war.

Online-Journalisten erkennt man an ihrer charakteristischen Haartracht… (links: Albrecht Ude, rechts: Burkhard Schröder/Burks)

Klar, dass solche Freude nicht von Dauer sein konnte: Zunächst zerriss die Polizei das Datennetz, später drehten Provider durch oder gingen ein – und natürlich gab auch mal der eine oder andere Computer unerwartet den Geist auf. Und dann kam auch noch der öffentlich-rechtliche Rundfunk und betrachtete E-Mail plötzlich – weil ein elektronisches Medium – als seine ureigene Erfindung und somit als Rundfunk. Beim bereits 100 Jahre existierenden ebenfalls elektronischen Medium Telefon blieb uns dies bislang immerhin erspart, doch beim Funktelefon – „Handy“ – wird dies schon wieder anders gesehen, schließlich handelt es sich ja um „Funk“. Ob demnach bald auch für Polizeifunk GEZ fällig wird?

Ab Mitte der 90er wurde aber außerdem das 1990 von Tim Berners-Lee erfundene WWW so populär, dass es interessant wurde, Nachrichten nicht nur auf Papier zu drucken, sondern auch „online“ ins Netz zu stellen. Zunächst hatten dies auch hier nur experimentierfreudige, technisch und an alternativen Medien interessierte Wissenschaftler und Freaks getan, dann kamen auch die klassischen journalistischen Medien. Und zuletzt, zur Jahrtausendwende, als der Dotcom-Boom bereits kurz vor dem Kollaps stand, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der meinte, nun auch noch weitere Portale einrichten zu müssen. Der damalige ARD-Vorsitzende Fritz Pleitgen klopfte große Sprüche und sah die ARD durch das bereits existierende WWW bedroht.

Stereo-Monitor: Online-Redaktion wdr.de (Bild: W.D. Roth)

Nur fünf Jahre später ist es jedoch so, dass auch bei den Öffentlich-Rechtlichen die Normalität einkehrt, sich dafür aber der Rest des WWW durch ARD und ZDF bedroht sieht und zwar nicht nur wegen der Klagefreudigkeit der Funkhäuser. Vielmehr finanzieren diese sich ja aus den Rundfunkgebühren, während jeder sonst maximal mit Werbung versuchen kann, seine Kosten zu decken. Doch ernsthafte journalistische Online-Angebote, wo nicht nur Webserver, Traffic und Technik, sondern auch Mitarbeiter zu bezahlen sind, sind bis heute nur selten kostendeckend – von einem Gewinn ganz zu schweigen.

Dass dies als unfairer Wettbewerb empfunden wird, verwundert nicht, denn auch wenn ARD und ZDF auf ihren Webseiten im Gegensatz zu Radio und Fernsehen nicht auch noch Werbung schalten dürfen – und deshalb mitunter auf Schleichwerbung ausweichen – so haben sie doch Finanzmittel zur Verfügung, die dem Rest verschlossen bleiben, auch wenn dies momentan nach dem Beschluss der Ministerpräsidenten der Länder nur maximal 0,75% des Gebührenaufkommens sein dürfen.

Kuriose Folgen hatte dies auf der vom Deutschen Journalistenverband inittierten Online-Journalismustagung „Besser online“, die vor einer Woche in Bonn über die Bühne ging. An dieser nahm ein deutlicher Anteil von bei öffentlich-rechtlichen Sendern beschäftigen Online-Journalisten teil, was nicht erstaunt, wo diese zumindest teilweise mit Mannschaften arbeiten, die man bei „normalen“ Online-Auftritten seit dem Platzen der Dotcomblase nicht mehr gesehen hat. So hat Stefan Moll als Online-Chef des Westdeutschen Rundfunks Köln 31 Vollzeitpositionen unter sich, obwohl der Sender die Webseite „wdr.de“ lediglich als „Online-Vollprogramm für NRW“ (Nordrhein-Westfalen) bezeichnet und es noch über ein Dutzend weitere ARD-Anstalten gibt sowie von eigenem Personal betreute Seiten wie sport.ard.de, www.tagesschau.de oder www.daserste.de.

Bei der Besichtigung von wdr.de im Rahmen des Kongresses war übrigens die Beerdigung von Fürst Rainier gerade der Aufmacher des „Online-Vollprogramm für NRW“ – nein, es geht beim öffentlich-rechtlichen Internet selbstverständlich nur um journalistisch hochwertige Information, klar. „Unser Publikum bei Radio und Fernsehen stirbt weg, für junge Leute ist Internet die normale und dominante Art, sich zu informieren“, so Stefan Moll. Nur ob diese dies dann ausgerechnet auf den Webseiten von ARD und ZDF tun wollen, wenn sie schon Radio und Fernsehen ablehnen, ist natürlich fraglich.

Andererseits bricht der öffentlich-rechtliche Webserver sofort zusammen, wenn in der Sportschau eine URL mit weiterführenden Informationen genannt wird – so wenige internetsozialisierte Fernsehzuschauer scheint es also doch nicht zu geben. Die Deutsche Welle hat ihre Webstreams sogar offiziell auf maximal 500 Zuschauer oder Zuhörer begrenzt, um beispielsweise bei der Übertragung eines Fussballspiels Serverausfälle durch zu zahlreiche Büro-Zuschauer zu vermeiden, doch auch die anderen Sender können üblicherweise nicht mehr Zuschauer oder Zuhörer über das Internet versorgen, wenn die Kosten akzeptabel bleiben sollem.

Als Moll vor den neugierigen Kollegen im Dachgeschoss des „Vierscheibenhauses“ am Kölner Appellhofplatzes seinen Vortrag jovial mit den Worten begann „und so begrüße ich Sie hier in einem der vielen unserer sonnendurchfluteten Paläste“, fiel ihm dann aber wohl schlagartig etwas am Gesichtsausdruck der Anwesenden unangenehm auf – von diesen waren viele gerade nicht von öffentlich-rechtlichen Sendern, aber für solche Sprüche nicht mit einem ausreichenden Humorpolster bestückt. Moll ergänzte daher eilig, dass dies selbstverständlich der einzige Konferenzraum mit einer solch fantastischer Fernsicht über Köln sei und alle anderen stattdessen klein, dunkel und ohne Fenster. Und als nächstes bat er, Zitate doch bitte vor der Veröffentlichung bestätigen zu lassen, denn „in den Internetseiten bekommt man immer eine in die Fresse – und das tut weh!“. Öffentlich-rechtliche Internetseiten hatte er dabei sicher nicht gemeint.

Nanu, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk tut Kritik weh? Nein, natürlich nicht – aber seinen Mitarbeitern. Die können ja nichts für die Kriegserklärungen ihrer Intendanten und wollen als Journalisten nicht nur ihren Job tun, sondern auch ein bisschen dafür anerkannt werden – wenn schon nicht vom Publikum, dann doch wenigstens im Kollegenkreis. Und so führt mancher öffentlich-rechtliche Onliner nach Feierabend auch noch ein privates Blog – nicht, weil er arbeitssüchtig ist und vom Tagwerk noch nicht genug hat, sondern weil er auch einmal außerhalb des relativ starren öffentlich-rechtlichen Gerüsts als Mensch schreiben will.

Doch die Kollegen von der anderen, nicht gebührenfinanzierten Fakulät sehen sich oft nicht mehr als solche – sitzt man dann am Abend in der Kneipe zusammen, so heißt es plötzlich: „Vorsicht – der Tisch da drüben, das sind alles ARD-Onliner, setz Dich lieber zu uns!“. Spiel nicht mit den Schmuddelkindern – sing nicht ihre Lieder….

Ebenso war Heidi Schmidt, die auf der Veranstaltung über „Öffentlich-rechtliche Onliner“ referierte, enttäuscht, in jenem nur ebenjene öffentlich-rechtlichen Onliner zu sehen, die sie auch sonst alle paar Wochen traf und denen sie gar nichts wirklich Neues erzählen konnte – die „normalen“ Onliner trauten sich nicht einmal zum Protest ins „Feindesland“ und die öffentlich-rechtlichen Kollegen haben Angst, dass ihnen Brüssel als Folge der Intendanten-Exzesse in Kürze die WWW-Bude zumacht und sie wieder Radio oder Fernsehen machen müssen, was trotz der Aussicht, dann beim Bäcker erkannt und bevorzugt bedient zu werden, einfach nicht jedermanns Sache ist.

Deutsche Welle Bonn (Bild: W.D. Roth)

Die Mitarbeiter der Deutschen Welle betonten deshalb auch, nicht vom GEZ-Kuchen zu naschen (die Deutsche Welle wird aus deutscnen und EU-Steuern bezahlt, doch nicht aus Rundfunkgebühren), den Streit um dw.com heute als missglückte Jugendsünde zu bereuen und auch ansonsten anders und sehr engagiert vorzugehen – was sich auch darin bemerkbar machte, dass China die Webseiten der Deutschen Welle bereits mehrfach gesperrt hatte, während öffentlich-rechtliche Karamellenweitwurf-Webcams trotz moralisch möglicherweise zweifelhafter Darbietungen inklusive des Konsums von alkoholischen Getränken (Embedded carnevalists?) bislang weder in China noch im arabischen Raum ausgeblendet wurden.

Von Ausgewogenheit berichteten dagegen unerwartet die „normalen“ Online-Medien: So erzählte Focus online Chefredakteur Jürgen Marks, dass in ihrem Haus schon einmal „Desperate Housewives“ bei Focus verrissen und bei Max gelobt werde, wobei dann auch beide Beiträge aufeinander verlinkt seien. Der Verriss wurde allerdings dennoch 3x so oft gelesen wie der begeisterte Beitrag.

Nur dem Kollegen Frank Patalong von der Spiegel Netzwelt unterlief der Freudsche Versprecher der Woche: „Die Werbetreibenden sind unsere größte, nein die für uns wichtigste Zielgruppe“.

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