Kessel von Debalzewo noch nicht geschlossen

8.000 ukrainische Soldaten bei Debalzewo von Einkesselung bedroht. Die ukrainische Militär-Führung in der Kritik. OSZE fordert dreitägigen Waffenstillstand zur Evakuierung der Zivilisten

Die nordöstlich von Donezk gelegenen Stadt Uglegorsk liegt im Zentrum der Kämpfe in der Ost-Ukraine. Inzwischen sollen Soldaten der "Volksrepublik" Donezk (DNR) die Stadt eingenommen haben. Ein am Dienstag aufgenommenes Video der Aufständischen soll beweisen, dass die DNR-Soldaten bei einem Rundgang durch Teile der Stadt auf keinen nennenswerten Wiederstand treffen. Am Dienstag gingen die Aufständischen durch die Keller der Wohnhäuser und boten den Menschen, die dort Zuflucht gesucht hatten, die Evakuierung an.

"Wir essen Brot und alle drei Tage versuchen wir eine Suppe oder einen Brei zu kochen, damit es etwas Warmes gibt, das Kind hat sich erkältet, wir haben keine Medikamente", erzählt die Anwohnerin Alena dem Korrespondenten des Moskauer Kommersant. "Gas, Wasser und Strom gibt es nicht. Für die Toilette müsse wir Wasser aus einer Pfütze holen."

In den Kellern von Uglegorsk leben seit neun Tagen vor allem alte Menschen, die keine Verwandten mehr haben, und auch viele Frauen und sogar Kinder. Nach der Aufforderung durch die DNR-Soldaten stellten sich 600 Menschen in langen Schlangen an und wurde mit Kamas-Lastwagen und Mini-Bussen nach Gorlowka gefahren. Die Stadt liegt außerhalb des direkten Kampfgebietes, ist aber auch immer wieder vom Beschuss der ukrainischen Artillerie betroffen.

Die Städte Debalzewo und Uglegorsk (ukrainisch Wuhlehirsk) liegen in dem Gebiet, in dem die Kämpfer der Donezk-Armee einen Kessel schließen wollen. Falls die Schließung des Kessels gelingt, wären dort acht- bis zehntausend ukrainische Soldaten eingeschlossen.

Die Aufständischen sind seit zwei Wochen in der Offensive. Sie konnten an der Nord-Front der DNR Gelände gewinnen. Die Ausweitung des Territoriums sei nötig, um die großen Städten, wie Donezk, Gorlovka und Lugansk aus der Schussweite der ukrainischen Artillerie zu bringen, argumentieren die Vertreter der "Volksrepubliken".

Zivilisten suchen in Debalzewo Schutz in Kellern. Screenshot aus dem Video

Die Kampfmoral der ukrainischen Soldaten im Gebiet Debalzewo ist offenbar nicht immer die beste. Wie der ukrainische Fernsehkanal 1+1 am Montag berichtete, wurde der Kommandeur des Bataillons "Kiewer Rus", Jewgeni Tkatschuk, wegen Nichtausführung eines Befehls in Charkow verhaftet. Ein Gericht verhängte eine Haftstrafe. Tkatschuk soll 55 ukrainische Soldaten aus dem Gebiet Debalzewo herausgeführt haben.

Schon im Juli 2014 waren Tausende ukrainischer Soldaten in den Kesseln von Ilowajsk und Amwrosjewka eingeschlossen worden. Nach dieser demütigenden Niederlage sah sich die ukrainische Führung zu den Waffenstillstandsverhandlungen in Minsk gezwungen.

Die erneute taktische Unfähigkeit der ukrainischen Militärführung hat zu heftiger Kritik in der Armee geführt. Es gibt sogar Spekulationen, die ukrainische Führung wolle mit einer erneuten Niederlage Waffenlieferungen durch die USA provozieren.

Der Leiter der OSZE-Mission für die Ukraine, Ertugrul Apakan, hat sich einem Aufruf des serbischen Außenministers und OSZE-Vorsitzenden Ivica Dačić angeschlossen, für wenigstens drei Tage einen Waffenstillstand zu vereinbaren, um die Zivilbevölkerung im Gebiet Debalzewo zu evakuieren.

Die Evakuierung wird nicht nur durch die Kampfhandlungen sondern auch durch die bürokratischen Bestimmungen der ukrainischen Seite behindert. Wie das ukrainische Internet-Portal Korrespondent.net berichtete , brauchen Personen in der "Zone der Anti-Terroristischen Operation" Passierscheine, um ihren Wohnort zu verlassen zu können.

Am Mittwoch behauptete Ministerpräsident Jazenjuk, aus Uglegorsk seien 2.500 Menschen evakuiert worden. Doch der Berater des ukrainischen Innenministers, Sorjan Schkirjak, erklärte, die ukrainischen Sicherheitskräfte hätten nur 168 Personen aus der Stadt evakuiert.

Parallel zu den Ukrainern evakuierten auch die Soldaten der Donezk-Armee. Ein Video , aufgenommen von Reportern der russischen Zeitung Komsomolskaja Prawda, zeigte die lange Schlange der Flüchtlinge, die nichts, außer ihren Kindern und eine Gepäcktasche, bei sich hatten. Den filmenden Journalisten trauten die Flüchtlinge zunächst nicht. Immer wieder wurden sie misstrauisch gefragt: "Seid ihr aus Russland?" Es gibt oft Beschwerden, dass westliche Journalisten die Tatsachen verdrehen.

Und wie berichtete das deutsche Fernsehen? Die ARD-Tagesschau zeigte (Minute 5:03) am Dienstag einen Filmbericht über die Flüchtlinge von Uglegorsk, verschwieg aber, dass die in dem Film gezeigten Soldaten, welche bei der Evakuierung halfen, zur Donezk-"Republik" gehören. Der Bericht in der Tagessschau endete mit dem Satz: "Die Separatisten kündigen eine neue Groß-Offensive an." Dadurch wurde der Eindruck erweckt, dass die Flüchtlinge vor den Separatisten fliehen.

Für das ZDF berichtete Katrin Eigendorf über die Flüchtlinge von Uglegorsk. Auch in ihrem Bericht wird behauptet, dass die Menschen vor den Separatisten fliehen. Die Korrespondentin sagt: "Nur weg von hier. Die prorussischen Separatisten sind auf dem Vormarsch". Da die Korrespondentin selbst nicht mit einem Mikrophon in der Hand zu sehen ist, muss man davon ausgehen, dass sie fremdes Video-Material in Moskau zusammengeschnitten hat.

Wie das Internet-Portal Propagandaschau herausfand, hatte Eigendorf, um ihren Bericht "aufzupeppen", älteres Filmmaterial von einer Trauerfeier für einen durch Beschuss getöteten vierjährigen Jungen in ihren Beitrag montiert. Die Trauerfeier fand jedoch schon am 18. Januar in der Stadt Donezk statt, wie ein Video und Foto in einem Bericht von Human Rights Watch belegt. Da die Korrespondentin den Ort der Trauerfeier verschweigt, hat der Zuschauer den Eindruck, dass die Trauerfeier in Uglegorsk stattfand.

Viele Nachrichten der deutschen Fernsehsender aus der Ost-Ukraine sind verschwommene Beschreibungen. Es wird nicht erklärt, von wo der Bericht ist, aus den "Volksrepubliken" oder aus dem Gebiet, welches die ukrainische Armee kontrolliert. Die Berichte beginnen nicht mit der Beantwortung der journalistischen Grundfragen: Wer? Was? Wann? Wo? Das macht Manipulationen leicht.

Frontverlauf am 4. Februar aus Sicht der Ukraine

Wie die Karte des ukrainischen Verteidigungsministeriums zeigt, wird an zahlreichen Frontabschnitten der "Volksrepubliken" gekämpft.

Die Stadt Donezk lag am Mittwoch unter heftigem Beschuss durch die ukrainische Artillerie. Beschossen wurden vor allem der Kirow-Bezirk und der Rayon Tekstiltschik. Wie das Außenministerium der Donezk-"Republik" mitteilte, trafen Geschosse die Poliklinik Nr. 27, die Schule Nr. 22, einen Kindergarten, einige Wohnhäuser sowie Versorgungseinrichtungen. Beim Beschuss der Poliklinik sollen fünf Menschen umgekommen sein. Das DNR-Außenministerium forderte, "die Verantwortlichen für diese Tragödie auf internationaler Ebene zur Verantwortung zu ziehen".

Frontverlauf am 4. Februar aus Sicht der Separatisten

Trotz der Verwüstungen in der Stadt gibt es noch Krankenhäuser, die arbeiten. Gram Phillips, ein britischer Reporter, der auch für Russia Today arbeitet, hat Frauen in einem Krankenhaus von Donezk besucht , die Ende Januar von Geschossen an den Beinen und am Becken verletzt wurden. Eine Frau wurde bei der Arbeit in einem Büro, eine andere auf der Straße und eine dritte in einem Trolleybus von Geschoss-Splittern getroffen.

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