Kevin Mitnick sieht sich als Medienopfer

Die Presse und der Mythos vom düsteren Hackergenie.

Seit vier Jahren sitzt Kevin Mitnick im Gefängnis. Wenn er es verläßt, wird er ohne die Zustimmung seines Bewährungshelfers drei Jahre lang keinen Computer und keine Telefonzelle anfassen dürfen. Nach einem Bericht der "Los Angeles Times" hat sich Mitnick schuldig bekannt und könnte aufgrund eines Deals zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung, die inzwischen abgesessene Zeit und gute Führung angerechnet, bereits in einem Jahr wieder in Freiheit sein. Die Zustimmung des Gerichts wird in wenigen Wochen erwartet.

Die Staatsanwalt will ein abschreckendes Exempel statuieren - lebenslängliche Haft nicht ausgeschlossen. Die Staatsanwaltschaft lastet ihm den Diebstahl millionenteurer Firmensoftware von Motorola, Nokia und Sun, den Diebstahl von Passwörtern sowie die betrügerische Nutzung von Telefonzellen an, um die Identität seiner Telekommunikationsverbindungen zu verschleiern. Gefasst wurde er, nachdem ihn ein Forscher am San Diego Supercomputer Center, Tsutomu Shimomura, als Eindringling identifiziert hatte.

Mitnick gilt in den USA als berüchtigster Computerhacker. Seinen Ruf verdankt er einem Reporter der "New York Times", John Markoff. Er berichtete über Mitnick erstmals in dem 1991 erschienenen Buch "Cyberpunk" und schrieb drei Jahre später eine Titelstory über den Superhacker, der, wenn er nicht von der Polizei geschnappt werden würde, nicht nur schwerste Schäden im Cyberspace, sondern auch Leben vernichten könne. Wenige Monate später behauptete Tsutomu Shimomura, ein Freund Markoffs, Mitnick sei bei ihm zu Hause in seinen Computer eingedrungen. Er verfolgte ihn zurück nach North Carolina, wo Mitnick vom FBI verhaftet wurde. Einige Titelstories und ein Buch namens "Takedown" folgten. Markoff und Shimomura teilten sich brüderlich den großzügigen Buchvorschuß von 750.000 Dollar. Der Film zum Buch kommt bald in die Kinos.

Mitnick und seine Verteider Dale Coddington und Brian Martin versuchen jetzt alles, um ein Sündenbock-Urteil zu vermeiden. Die Verteidiger forsteten neun Gigabyte elektronischen Beweismaterials durch - und fanden keinen Hinweis darauf, daß das von Markoff und Shimomura beschriebene Ereignis tatsächlich stattgefunden hat. Auch die Staatsanwaltschaft will Mitnick den Shimomura-Hack gar nicht zur Last legen. Doch genau dieser Hack hatte ihn nicht nur ins Gefängnis gebracht, sondern auch seinen legendären Ruf begründet.

Ist auch Mitnicks legendärer NORAD-Hack, der Einbruch in den Computer des US-amerikanischen Luftverteidigungssystems (North American Air Defence Command) ein Schwindel? Auch dieser Hack inspirierte einen Hollywood-Blockbuster der 80er Jahre - "War Games". "Ein kompletter Mythos", kommentiert Mitnick die NORAD-Geschichte. Er habe nie versucht, in geheime Regierungssysteme einzubrechen. In einem Interview mit "Forbes" Anfang April beklagt sich Mitnick darüber, daß er sich selbst in der Medienberichterstattung nicht erkennen könne. Der von Markoff kreierte "Mythos des Kevin Mitnick" diene den Journalisten nur dazu, die eigenen Geschichten über die dunklen Seiten der Hackerseele fortzuschreiben.

Mitnick im Forbes-Interview:

"Markoffs Veröffentlichungen sind falsch. Das diffamierende Material über mich auf der Titelseite der "New York Times" hatte eine wesentliche Wirkung auf meinen Fall und auf meinen Ruf. Er ist der Hauptgrund, warum ich immer noch in Haft bin."

Nicht nur "Forbes", auch der britische "Telegraph" versuchen jetzt aus dem Hacker-Hype die Luft abzulassen. Nach Ansicht der Telegraph-Journalistin Wendy Grossman war Mitnick einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Er wurde genau zu einem Zeitpunkt gefangen, als das Internet erstmals in die öffentliche Aufmerksamkeit rückte. Damals basierte es auf dem Vertrauen zwischen akademischen und firmeneigenen Forschungseinrichtungen - und diese sahen in Mitnicks Aktivitäten einen Betrug. Doch alles, was Mitnick tat, sei lange nicht so zerstörerisch und gefährlich gewesen wie der Internetwurm von Robert Morris aus dem Jahre 1988, der große Teile des Netzwerkes lahm gelegt hatte. Morris war auf Bewährung verurteilt worden. Zudem hatten Hacker, die von Raubkopien profitiert hatten, leichtere Strafen erhalten als Mitnick. Dieser verteidigt sich jetzt mit diesem Argument:

"Ich habe nie der Publizität willen gehackt. Ich habe nie zum persönlichen Vorteil gehackt. Wäre ich ich irgendein unbekannter Hacker, der wegen Raubkopien von Telekomsoftware angeklagt wäre, wäre ich nicht hier."

Nach Ansicht von Grossman ist Mitnick nicht das technische Genie, für den alle ihn halten. Seine Fähigkeiten lägen eher im "social engineering".

In Deutschland ist das Verhältnis von Hackern und Presse schon lange getrübt. Immer wieder versuchten Journalisten jugendliche Technikfreaks zum Schau-Hacken zu überreden - ungeachtet dessen, das schon dies nach den Buchstaben des Gesetzes eine Anstiftung zur Straftat ist. Für sie zählt nur die heisse Story, die am Konferenztisch von Marketingredakteuren ersonnen wurde. Für abgebrühte Promi-Hacker ist es daher schon fast ein Spass, Journalisten von Termin zu Termin hetzen zu lassen - und alle Verabredungen in letzter Minute platzen zu lassen. Im Chaos Computer Club werden derzeit für die grosse Drei-Tage-Hack-Session auf einer grünen Wiese bei Berlin vom 6. bis 8. August 1999 "besondere Richtlinien" ausgearbeitet. Tendenz: totales Journalistenverbot. Doch das könnte die Journalisten ihrerseits wiederum zu investigativen Höchstleistungen anspornen.

Die meisten Hacker sehnen sich im Grunde ihres Herzens nach Anerkennung und "15 Minuten" Ruhm. Die unbekannten Hacker, die Journalisten noch nicht nach ihrer Pfeife tanzen lassen können, tischen gerne die wildesten Geschichten auf und sind erst froh, wenn sie samt Pseudonym und Straftat im Fernsehen erscheinen. Für die Gerissenen unter ihnen ist die Publizität der Einstieg ins lukrative Sicherheitsberatungsgeschäft - für die Naiven die Eintrittskarte in die Hallen ewigen Hackerruhms. Für Kevin Mitnick wäre jedenfalls etwas weniger Ruhm gesünder gewesen. (Christiane Schulzki-Haddouti)

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