Khuzestan hat Durst

Asmari Berge, Khuzestan. Bild: Hadi Karimi/CC BY 3.0

Iran: Hitze, Dürre und falsches Wassermanagement im Südwesten führen zu Protesten. Der frühere Präsident Ahmadinedschad kritisiert das Vorgehen der Sicherheitskräfte

In Khuzestan (auch: Chuzestan), der ölreichen Provinz im Südwesten Irans, gehen seit dem 15. Juli Tausende Menschen täglich auf die Straßen und protestieren wegen Wassermangel. Da tagsüber die Temperaturen teilweise die 50 Grad-Marke überschreiten, nutzen die Menschen die kühleren Nachtstunden für die Straßenproteste. In der Dunkelheit können sie sich auch vor den Sicherheitskräften der Regierung besser schützen.

In den ersten Nächten haben die Behörden die Existenz der Proteste in Khuzestan geleugnet. Inzwischen sind dank sozialen Medien und unabhängigen Journalist:innen, die täglich zahlreiche Bilder und Videos posten, die Proteste im ganzen Iran bekannt und verbreiten sich auch in andere Provinzen. Laut Amnesty International wurden bewaffnete Kräfte nach Khuzestan geschickt, die bisher mindestens acht junge Männer töteten.

Es gibt zahlreiche Verletzte, die sich aus Angst vor einer Festnahme nicht in Krankenhäusern behandeln lassen. Laut Augenzeugen beseitigen die bewaffneten Sicherheitskräfte die Überwachungskameras an großen Plätzen, bevor sie auf die Protestierenden schießen. Ähnlich wie im November 2019 während der Straßenproteste ist auch diesmal das Internet ausgefallen. Dennoch versuchen die Menschen, die Proteste soweit wie möglich zu dokumentieren.

Screenshot Youtube (Minute 04:40)

Ein Einwohner aus der Stadt Susangerd berichtet: "Heute ist der 18. Juli 2021 (27.04.1400 nach iranischer Zeitrechnung). Die Sicherheitskräfte in der Stadt Susangerd haben die Menschen mit Tränen- und Pfeffergas angegriffen. Wir haben viele Verletzte, ohne jeglichen Grund. Wir haben bei unseren Protesten nicht mal einen Stein in der Hand gehabt."

"Wir opfern unser Leben für Khuzestan"

Iran ist ein großes Land und besteht aus vielen Ethnien mit mehreren Sprachen und Dialekten. Da Khuzestan direkt an der Grenze zum Irak liegt, können viele Menschen Arabisch und riefen zu Beginn der Proteste Parolen auf Arabisch, wie "Wir opfern unser Leben für Khuzestan".

Aber nachdem sie allein wegen der arabischen Sprache als Separatisten abgestempelt wurden, rufen sie nun hauptsächlich auf Persisch Parolen, wie: "Habt keine Angst, wir sind alle zusammen!" oder "Tod dem Diktator."

Der Hintergrund der Proteste

Wegen der extremen Hitze - zeitweise über 50 Grad - blieben in den letzten Wochen oft die Behörden in der Provinz Khuzestan geschlossen und die Menschen waren sich selbst überlassen. Dazu kamen zahlreiche Probleme wie Stromausfälle, eine sehr hohe Zahl an Corona-Fällen, Jobverlust wegen Corona, fehlendes Wasser in mindestens 700 Dörfern und sterbende Tiere.

In einem Video beklagen sich die Menschen aus einem Dorf in Khuzestan, dass das Wasser salzig sei. Wenn es so weitergehe, würden alle sterben. Eine Frau sagt vorsichtig und bittend in die Kamera: "Unsere Hausbüffel sind gestorben. Ich opfere mich für diese Regierung. Gott gebe den Kindern der Abgeordneten Gesundheit. Bitte schickt uns nur Wasser! Hier sind die Menschen arm. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt durch den Milchverkauf."

Screenshot Video YouTube

Viele andere Videos belegen, wie verzweifelt die Kleinbauern in Khuzestan sind. Ein Bauer nahm seinen Hausbüffel zur Wasser-Behörde mit, damit die Beamten endlich seine Bitten um Wasser wahrnehmen. Schockierende Aufnahmen zeigen, wie die Büffel leiden und verdursten.

In einer Reportage von Iran-International werden Archiv-Bilder aus dem ehemals wasserreichen Gebiet Hurolazim mit aktuellen Bildern der nun beinahe völlig ausgetrockneten Landschaft verglichen.

Hurolazim gehört zu den größten und wichtigsten Feuchtbiotopen Irans. Doch in den letzten Jahren wurden die Flüsse eingedämmt. Dies führte in Kombination mit dem salzigen Gestein der umgebenden Berge zu einem hohen Salzgehalt im Flusswasser. Hurolazim, das einmal der Lebensraum vieler Fische, Vögel und Wildbüffeln war, ist mittlerweile fast ausgetrocknet. Hinzu kam zuletzt ein verheerendes, großflächiges Feuer, das tagelang nicht unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Durch diese menschengemachten Naturkatastrophen ist die Region nun lebensfeindlich geworden und infolgedessen haben nicht zuletzt sogar die Sandstürme zugenommen. Neben den Bildern der leidenden Erde sind es auch die zahlreichen Bilder der durstigen Menschen in Khuzestan, die viele Iranerinnen dazu gebracht haben, sich mit ihnen zu solidarisieren. Das Bild einer Frau, die aus einer Pfütze Wasser trinkt, oder das Bild eines Kindes neben leeren Wasserbehältern unter der grellen Sonne kursierten auf sozialen Plattformen.

Wasserproblem in Khuzestan: Aus Sicht von Ahmadinedschad hausgemacht

Mahmud Ahmadinedschad; Screenshot Video YouTube

Ähnlich wie Mohammad Khatami, dem ehemaligen Staatspräsidenten von 1997 bis 2005, hat sich auch sein Nachfolger Mahmud Ahmadinedschad zur aktuellen Situation geäußert und den gewaltsamen Umgang der Sicherheitskräfte mit den unbewaffneten Menschen getadelt:

[...]Vor 15 Jahren habe ich bemerkt, dass alles, was wir zur Verbesserung der Situation in Khuzestan entschieden hatten, sabotiert wurde. Ich habe recherchiert und erfahren, dass der Nationale Sicherheitsrat nach dem Krieg aus Angst vor einen erneuten Krieg [mit Irak] nicht in den westlichen Teil des Karun-Flusses investiert hat […] Ich beschwerte mich und sagte, dass wir nicht einen Teil unserer Bevölkerung im Stich lassen können. Daraufhin wurde zuerst eine Million Hektar Land von Minen befreit. Es gab dann viele Programme für die Bewässerung und Kanalisation, jedoch wurden diese, wie viele andere Programme, nicht zu Ende gebracht […]

Des Weiteren ist das Wassermanagement das Problem. Trotz der Dürre gibt es in Khuzestans Stauseen Wasser. [...] In der Anbauzeit haben die Behörden aber der Bevölkerung das Wasser weggesperrt und hinter den Dämmen gehalten. Dann, während der starken Regenzeit, waren sie gezwungen die Dämme von dem vielen Wasser zu befreien. Das Ergebnis war: Zuerst wurde wegen der Wassersperre der Landwirtschaft geschadet und danach wurden wegen dem Hochwasser die Häuser der Bevölkerung vernichtet.

Mahmud Ahmadinedschad

Mahmud Ahmadinedschad spricht in diesem Video auch von einer "verdorbenen Sicherheitsbande", die sich immer in friedliche Straßenproteste einmische, indem sie Unruhe stiftet, um die Unterdrückung und Verfolgung der Protestierenden zu rechtfertigen.

Da Ahmadinedschad wegen Unregelmäßigkeiten bei seiner Wiederwahl von Millionen Iraner:innen Wahlbetrug vorgeworfen wurde, kam es 2009 zu großen Demonstrationen mit Toten, Verletzten, sowie Tausenden Inhaftierten. Die landesweiten Proteste gegen Ahmadinedschad werden "grüne Bewegung" genannt. Von daher sind viele Iraner:innen ihm gegenüber skeptisch. Es ist zu beobachten, dass Ahmadinedschad sich vor allem in den letzten Monaten - nachdem seine Kandidatur für die diesjährige Präsidentenschaft abgelehnt wurde - extrem gegen die islamische Regierung positioniert hat.

Khuzestan ist seit dem Iran-Irak-Krieg immer noch nicht aufgebaut

Khorramschahr, eine Hafenstadt in der Provinz Khuzestan, wurde kurz nach dem ersten Golfkrieg zwischen 1980 und 1982 von Saddams Soldaten besetzt. Die Stadt wurde ähnlich wie viele andere Städte in der Provinz Khuzesan völlig zerstört. Die Menschen verloren alles, was sie vor dem Krieg aufgebaut hatten.

Nachdem Khorramschahr befreit worden war, dauerte der Krieg noch weitere sechs Jahre. Die Menschen hofften, dass nach dem Krieg wieder Ruhe und Reichtum in ihre Stadt zurückkehren würde. Vergeblich. Seit beinahe 30 Jahren sagt man, dass Khorramschar zwar befreit, jedoch nie aufgebaut wurde. Da Khorramshahr am persischen Golf liegt, ist sie strategisch und wirtschaftlich eine der wichtigsten Städte Irans.

Trotz ihrer wichtigen wirtschaftlichen Rolle für den Iran wurde die Stadt von der Regierung vernachlässigt. Die Menschen haben jahrelang die Schwierigkeiten ausgehalten. Jetzt sagen sie, dass sie nichts mehr zu verlieren haben. Ihr fruchtbares Hochland, ihre Palmen, ihre Büffel und Fische sind ohne Wasser nicht überlebensfähig. Sie geben der Führung und der Revolutionsgarde die Schuld am feindseligen Wassermanagement.

Deshalb wünschen sie sich einen Regierungswechsel, bzw. auch eine Rückkehr der Pahlavi-Dynastie. Sie rufen Reza Schah verzeih uns!. In Isfahan rufen Menschen, die sich den aktuellen Protesten in Khuzestan angeschlossen haben: "Du Schah des Irans, komm zurück in den Iran!"

Reza Pahlavi, der Sohn des ehemaligen Schahs, äußerte sich via Twitter solidarisch mit den Notleidenden in der Provinz Khuzestan.

Durst im Schiitentum

Vor knapp 1400 Jahren wurde Imam Hussein, der dritte Imam der Schiiten, mit 72 seiner Gefährten bei der Schlacht von Karbala getötet. Überliefert ist auch, dass sie vor ihrer Ermordung starken Durst erleiden mussten. Daran wird jährlich am Trauerfeiertag Aschura erinnert.

In verschiedenen Städten gibt es große Zeremonien, bei denen die in schwarz gekleideten Trauernden sich kasteien: Männer schlagen sich mit Ketten auf Brust und Schultermund, Frauen weinen. Kleriker zitieren Gedichte über den Durst. Die meist von Weinen begleiteten Gesänge handeln davon, dass der Kalif Yazid und seine Kämpfer so hartherzig waren, dass sie Imam Hussein sogar vor seiner Enthauptung keinen Tropfen Wasser gegeben haben.

Der Kalif Yazid wird allein deshalb in schiitischen Büchern so grausam dargestellt, weil er auch den kleinen Kindern in der Schlacht von Karbala kein Wasser gegeben haben soll. Dass man Imam Hussein und seine Gefährten getötet hat, ist die eine Sache, aber dass man sie "mit durstigen Lippen" getötet hat, wird als noch viel schrecklicher angesehen.

Sobald die Trauerredner den Begriff "durstige Lippe" aussprechen, weinen sie selbst und die trauernde Bevölkerung weint auch ganz heftig mit. Es ist unvorstellbar, wie viele Feindschaften und Kriege es zwischen den Schiiten und Sunniten wegen der Schlacht von Karbala im ganzen Nahen Osten gegeben hat und leider weiter geben wird.

Durst in Khuzestan

Nun werfen Iraner:innen Ali Khamenei, dem geistlichen Führer, der selbst oft wegen der durstigen Märtyrer in Karbala weint, "Heuchlerei" vor. Sie vergleichen ihn mit Kalif Yazid und fragen, was der Unterschied ist zwischen den Menschen im heutigen Khuzestan und Imam Hussein in Karbala?

Warum hat die schiitische Führung im Iran so eine große Empathie für Menschen, die vor 1.400 Jahren durstig getötet wurden, aber nicht für die Millionen Menschen, die aktuell bedroht sind, wegen Wassermangels ihre Existenz verlieren? Stattdessen werden sie von den Sicherheitsbehörden als Feind dargestellt, um jegliche Gewalt gegen sie zu rechtfertigen.

Als 1979 Ayatollah Khomeini an die Macht kam, hat er der Bevölkerung Irans kostenloses Wasser und Strom versprochen. Die Menschen haben ihm damals geglaubt. Sie wussten nicht, dass auch 43 Jahre später Wasser und Strom alles andere als kostenlos sein und teilweise sogar ausfallen würden.

Zurzeit versuchen beinahe alle Menschen im Iran die durstigen Menschen in Khuzestan zu unterstützen. Viele schicken sogar Wasserflaschen nach Khuzestan. Jedoch werden die Autos wieder aus Khuzestan zurückgeschickt. Sie sagen, dass Khuzestans Flüsse nicht mit Mineralwasser-Flaschen wieder aufgefüllt werden können.

Das falsche Wassermanagement solle sofort korrigiert werden, damit das iranische Hochland am persischen Golf schnell wie möglich gerettet wird. Dabei geschieht etwas Unerwartetes: Eine beispiellose Solidarität unter den Iraner:innen innerhalb und außerhalb Irans. Wer hätte gedacht, dass eines Tages ausgerechnet "Durst" wie ein großes Feuer die Säulen der schiitischen Regierung im Iran bedrohen würde?

Ayeda Alavie ist freie Autorin und Übersetzerin. In Iran hat sie zahlreiche literarische Beiträge für Kinder und Jugendliche geschrieben und wurde mehrmals dafür ausgezeichnet. Sie lebt seit 2000 in Deutschland. Mehr auf ihrer Homepage