Kinder sind gut für den Profit

Chemiekonzerne lassen weiterhin Kinder schuften

Über Kinderarbeit wird seit Jahren diskutiert, geändert hat sich wenig. Das Kinderhilfswerk Terre des hommes schätzt, dass in Asien und den Ländern des Pazifikraumes rund 127 Millionen Kinder arbeiten, die meisten in der Landwirtschaft. In Indien gehören internationale Konzerne zu den Nutznießern – so auch die Bayer-Tochter Pro Agro.

Organisationen wie die indische Kinderrechtsorganisation MV Foundation kämpfen für das Recht der Kinder auf Kindheit und Ausbildung. Doch Shanta Shina, Hauptaktivistin der MV-Foundation klagt: "Derzeit geht es ziemlich langsam voran". Sie spricht von nur schleppenden Fortschritten beim Kampf gegen Kinderarbeit im Baumwollsaatgutanbau.

Kinder beim Baumwollanbau in Indien (Bild: CBG)

In der Produktion von hybridem Baumwollsaatgut sind heute in Indien mehr Kinder beschäftigt als in anderen bekannten Produktionsbereichen wie der Teppichherstellung oder der Verarbeitung von Edelsteinen. Die Kinderschützer beklagen, dass die verantwortlichen Konzernleitungen bisher nur verständnisvolle Worte für sie hätten. Derweil schuften die Kinder weiter.

Bisher nur warme Worte gegen Kinderarbeit

Die Vertragslandwirte der Agro-Multis stellen Kinder ein, vor allem Mädchen, weil diese für wesentlich weniger Geld pro Stunde arbeiten als Erwachsene. Das Saatgut wird über Zwischenhändler an große Agrarmultis verkauft. Eine Studie des indischen Instituts "Global Research and Consultancy Service" hat diese Zusammenhänge aufgezeigt und die Verantwortung von multinationalen Saatgutunternehmen, wie etwa der Bayer-Tochter Pro Agro, hervorgehoben.

Anfangs hat keine der multinationalen Firmen überhaupt akzeptiert, dass sie für die Ausbeutung von Kindern in der Baumwollsaatgutproduktion verantwortlich ist. Aber der Druck durch Medien und Advocacy-Gruppen in Europa zwang sie dazu, mit der MV Foundation Gespräche zu führen

Shanta Sinha, MV-Foundation

Doch die Unternehmen können entscheiden, bei wem sie das Saatgut einkaufen und haben Einfluss auf die Verträge und damit auch die Möglichkeit, Kinderarbeit zu unterbinden. Innerhalb des Verbandes der Saatgutindustrie hat sich immerhin eine Arbeitsgruppe gegen Kinderarbeit ("Child Labour Eradiction Group") gegründet, die sich regelmäßig mit den Bauern trifft, um das Problem der Kinderarbeit zu erörtern. Sie haben akzeptiert, dass sie Teil des Problems sind und deshalb Verantwortung übernehmen müssen, um das Problem zu lösen. Als konkrete Initiative schlug ProAgro/Bayer eine Bewusstseinskampagne mit dem Inhalt, dass Kinder nicht arbeiten sollten, vor. In einem Schreiben der Bayer Crop-Science vom Februar dieses Jahres an den "Global March against Child Labour/Germany" in Stuttgart heißt es:

Die Erzeugung von Hybrid-Baumwollsaatgut in Indien ist eine saisonale Arbeit, die in der Regel von Vertragslandwirten auf deren Anbauflächen ausgeführt wird. Proagro hat erst unlängst seine Verträge mit Subunternehmern, die an der Baumwollhybridsaatgut-Produktion beteiligt sind, hinsichtlich eines Verbotes von Kinderarbeit bei der Herstellung unseres Saatgutes überprüft und entsprechend verschärft. Ergänzt werden diese Bemühungen durch regelmäßige Kontrollen bei den Vertragspartnern und intensive Bemühungen, auch die Anbauer für das Thema Kinderarbeit zu sensibilisieren. Die Vermeidung von Kinderarbeit ist daher auch in Schwerpunktthema der zur Zeit stattfindenden Informationsveranstaltungen von Proagro mit ihren Vertragspartnern, den Saatguterzeugern und den Abnahmeorganisationen für die Baumwolle ...

Die indischen Kinderrechts-Aktivisten lassen dies nicht gelten. "Wir haben ihnen erzählt, dass jeder Mensch im Distrikt Kurnool weiß, dass Kinderarbeit nicht gut ist – dafür braucht kein Bewusstsein geschaffen werden". Die MV Foundation fordert deshalb ein klares Bekenntnis der Konzerne gegen Kinderarbeit. "Es ist nicht ausreichend, dass sie nur in ihre Verträge eine Klausel aufnehmen, dass Kinder nicht eingestellt werden sollen. Das haben sie im vergangenen Jahr auch gemacht und es hat sich nichts verändert. Sie müssen eine wirksame Ansage an die Bauern geben, dass sie keine Kinderarbeit tolerieren werden", so Shanta Sinha.

Gleichzeitig soll diese Verpflichtung auch den Medien mitgeteilt werden. Und die Vereinbarungen müssen natürlich auch kontrolliert werden. Darüber hinaus ist es notwendig, dass die Konzerne mehr zahlen, damit auch erwachsene Arbeitskräfte bezahlt werden können.

Kinder in Schuldknechtschaft

Wegen des hohen Arbeitsaufwands bevorzugen die Produzenten von hybridem Saatgut langfristige Arbeitsverträge. Diese werden meist vor der jeweiligen Aussaat geschlossen. Typischerweise erhalten die Eltern Vorschüsse oder Darlehen, zu deren Abtragung langfristige, oft mehrjährige Verträge geschlossen werden. Von 320 im Rahmen der Studie befragten und in Baumwollfarmen beschäftigten Kindern leben 95 Prozent in solcher Schuldknechtschaft. 70 Prozent waren der Studie zufolge länger als ein Jahr an den selben Arbeitgeber gebunden. Die Praxis der Schuldknechtschaft wird von den Saatgut-Herstellern bereitwillig bestätigt.

Wir benötigen die Mädchen die ganze Saison lang. Falls die Kinder nach einigen Monaten nicht mehr kommen, erleiden wir Einbußen. Daher schließen wir im Vorhinein Verträge mit den Eltern ab und zahlen ihnen einen Vorschuss. Wenn wir dies nicht tun würden, bestünde die Gefahr, dass die Kinder nach der Hälfte der Saison bei einem anderen Betrieb anheuern

Ein Farm-Verwalter

Die Löhne werden für die ganze Saison (von Mai oder Juni bis Januar oder Februar des Folgejahres festgelegt. Sie hängen vom Bedarf nach Arbeitskräften ab und sind regional verschieden. Generell liegen die Löhne von Kindern sehr viel niedriger als die erwachsener Arbeiter – im Schnitt 18 Rupien (Rs) pro Tag, was 0,42 € entspricht. – gegenüber 26 Rs (0,62 €) für Frauen und 40 RS (0,95€) für Männer.

Der Studie zufolge haben rund 60 Prozent der eingesetzten Kinder nur wenige Jahre eine Schule besucht und diese für die Arbeit in den Feldern verlassen, knapp 30 Prozent haben nie eine Schule besucht.

Keine Arbeitspause bei Pestizideinsatz

Die Arbeit in den Feldern birgt zudem große Gefahren für die Gesundheit der Kinder, denn in keinem anderen Bereich werden so viele Pestizide eingesetzt wie im Baumwoll-Anbau. In Indien sind dies 55 Prozent aller Pestizide. Die Kinder sind hochgefährlichen Wirkstoffen wie Endosulphan, Monocrotophos, Cypermethrin und Mythomyl direkt ausgesetzt. In herkömmlichen Baumwoll-Farmen wird an Tagen, an denen Pestizide ausgebracht werden, nicht gearbeitet. Saargut-Betriebe hingegen machen keine solchen Pausen. Die eingesetzten Kinder stehen bei der Arbeit bis zu den Schultern zwischen den Pflanzen und beugen sich über diese, um die Blüten für die Kreuzung auszuwählen. Wegen der Nähe zu den behandelten Pflanzen nehmen sie über die Haut und die Atemwege große Mengen Agrogifte auf. Hierdurch erleiden sie Schäden des Nervensystems, was zu Kopfschmerzen, Orientierungslosigkeit, Schwächeanfälle, Krämpfen und Atemproblemen führt. Zu den langfristigen Schäden liegen bisher keine Untersuchungen vor.

Aber eines ist sicher, nur dank der so erzeugen billigen Baumwolle können unsere Kids auch weiterhin angesagte Klamotten kaufen und die Inhaber der schicken Marken reich machen. Zum Weiterlesen: Forum Kinderarbeit (Helmut Lorscheid)