Kinder zu töten ...

Agustí Villarongas provokativer Film "Im Glaskäfig" auf DVD

Das neue, noch kleine Label "Bildstörung" mausert sich gerade zu einem der interessantesten Publikationsorte für verschüttete Perlen der Filmgeschichte. Das, was das "Kino Kontrovers" des Legend-Labels vor einigen Jahren vorgemacht hat, nämlich Filme mit einer Ästhetik zwischen Attraktion und Repulsion in eine Reihe zu stellen, macht "Bildstörung" nun bereits zum fünften Mal in Folge ("Marquis", "Bad Boy Bubby", "Ein Kind zu töten" , "Im Glaskäfig", "Possession") erfolgreich nach, hat dabei jedoch eine weitaus weniger "provokative" Ausrichtung.

"Im Glaskäfig" ist schon über 20 Jahre alt, aber wegen seiner Themen bleibt er wohl immer aktuell. Das erste ist das der Holocaust-Verarbeitung, das für Spanien als einstmals Verbündeter indirekt ein ebenso wichtiges ist, wie für Deutschland: Der ehemalige KZ-Aufseher Klaus (Günter Meisner), der während seiner Laufbahn eine perverse Neigung zur Pädophilie und zum Infantizid entwickelt hat, ist als alter Mann in einer eisernen Lunge in seinem Haus gefangen. Gepflegt wird er von seiner Frau Griselda (Marisa Paredes) und seiner pubertären Tochter Rena (Gisèle Echevarría), die mit dieser Arbeit jedoch längst überfordert sind, als sich eines Tages ein junger Mann mit dem Namen Angelo (David Sust) an ihrer Tür meldet, der seine Hilfe anbietet.

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Künftig wird er als Krankenpfleger die Säuberung, Fütterung und Unterhaltung des Invaliden übernehmen. Bald stellt sich jedoch heraus, dass es eine Verbindung zwischen dem Kranken und seinem Pfleger gibt - eine Täter-Opfer-Beziehung, die nun umgekehrt werden soll.

Das ist das zweite Thema von "Im Glaskäfig", das sich gegen das etablierte Bild stemmt, die Opfer mögen als solche in ihrem Status ausharren, damit man die Täter stets deutlich von ihnen trennen kann. Zwar darf es - vor allem in der Geschichte und Nachgeschichte des Holocaust - auch immer einen Ahasver geben, doch der kann stets nur (wie in Dürrenmatts "Verdacht") dann auftreten, wenn die Justiz versagt und nicht mehr gesichert ist, dass der Täter zur (letalen) Gerechtigkeit geführt wird. Niemals darf es jedoch zu einer Identifikation des Opfers mit dem Aggressor kommen, die dazu führt, dass dieses sein Werk (vielleicht unter geändertem Vorzeichen) fortsetzt. Und genau das tut das Opfer in "Im Glaskäfig" und genau das wird auch der Grund für seine 22-jährige Versenkung in der Filmgeschichte gewesen sein.

"Nur Menschen"

Angelo ist, soviel dürfte schon klar sein, eines dies ehemalige Opfer des invaliden Klaus. Dieser hatte - zumeist Knaben - sexuell Missbraucht und sie hernach durch Benzin-Spritzen ins Herz getötet, wobei ihn ihr langsamer, qualvoller Tod noch weiter erregt hat. Darüber hat er Tagebuch geführt und dieses Tagebuch bekommt er von seinem Pfleger zunächst vorgelesen. Wie, als wäre es für beide ein Drehbuch, beginnt der junge Mann nun, zunächst die Kontrolle über das Haus an sich zu reißen und dann selbst diese Grausamkeiten im Angesicht des hilflosen alten Mannes auszuführen. Und wie, als würde er dadurch gezwungen, sich mit seinen eigenen verdrängten Motivationen für die begangenen Grausamkeiten zu konfrontieren, ist es ihm unerträglich, das untätig mit anzusehen, was ihm sein ehemaliges Opfer vorführt.

Agustí Villaronga bereitet diese Verkehrung (oder ist es eine Verundeutlichung?) zwischen Täter und Opfer nicht lange vor und hütet sich auch vor Pointen. Damit insistiert er auf die psychologische Realität, in der das Verhältnis von beiden eben nicht immer bloß dialektisch und diametral bleiben muss, sondern sich auch wandeln kann, weil es von gesellschaftlichen wie psychischen Prädispositionen abhängt - weil eben beide auch "nur Menschen" sind.

Dass der junge Mann das selbst miterlebte Leiden "weitergibt", deutet sich bereits in den aus den Tagebüchern vorgelesenen Passagen an, in denen es heißt, die Opfer seien selten ängstlich oder aggressiv gewesen, sondern immer schicksalergeben und wie paralysiert: Seelisch gestorben sind sie nämlich bereits, bevor man sie umgebracht hat. Das ist ein Effekt, der aus der Psychologie gut bekannt ist und (vermindert) in Konzepten wie dem "Stockholm-Syndrom" eine Entsprechung findet - wohlgemerkt: Es ist keine Regel und erst recht kein Automatismus, dass es dazu kommt. Immer muss der Wandlung etwas vorausgehen oder durch die Gewalterfahrung in Gang gesetzt werden, das den Sprung von der Identifikation mit dem Opfer zu der mit dem Täter ermöglicht.

Sterben in einer Art Stillleben

Die kühle, beinahe schon beiläufige Inszenierung des Vorgangs selbst verhilft dem Film zu einer für die Reflexion dieser Mechanismen notwendigen Distanz. Das langsame Töten des ehemaligen Täters, das nicht etwa wie eine Klimax am Ende des Plots steht, sondern konsequent entwickelt wird - en passent wird er psychisch getötet, dann auch physisch -, dieses Sterben findet schließlich in einer Art Stillleben statt. Das Haus, das zu Beginn noch Versteck und Hort gewesen ist, hat längst die Züge einer Klinik, eines Labors angenommen.

Die ehemaligen Familienmitglieder (die noch leben), haben längst die Seite von "natürlichen Verbündeten" zu Handlangern gewechselt. Diese Wandlung der Normalität in das Grauen ist es erst, die den Horror des Holocaust im Detail begreiflich zu machen in der Lage ist. Dennoch: Auf die Frage "Wie konnte das geschehen?" versucht Villaronga mit "Im Glaskäfig" keine Antwort zu geben, er zeigt vielmehr, was passiert ist und was passiert. Ästhetische Reflexionen über den Holocaust, die auf diese Weise indifferent bleiben, haben es wohl vor allem deshalb schwer, weil sie es einem nicht leicht machen zu "verstehen".

Wie die vorausgegangenen DVDs von Bildstörung ist auch die von "Im Glaskäfig" sorgfältig ediert. An Bild und Ton gibt es nichts auszusetzen - sieht man einmal davon ab, dass nur der Originalton mit (optionalen) Untertiteln vorliegt. Abermals hat sich das Label entschieden, den (ab 18 Jahren freigegenbenen) Film mit einer Schützhülle, auf der das FSK-Logo noch zu sehen ist, auszuliefern, die darunter befindliche Hülle aber nur noch mit einem kleinen Vermerk zu versehen. Der DVD liegt ein Textheft bei, in dem sich ein Essay von Marcus Stiglegger zur Ästhetik von "Im Glaskäfig" sowie einer des Regisseurs über die Reaktionen auf seinen Film befinden. Über die Ausstattung der DVD schweigt sich das Cover und das Booklet aus.

Ergänzende Informationen:

Orginaltitel: Tras de Cristal, Spanien 1987
Regie & Buch: Agustí Villaronga; Musik: Javier Navarrete; Kamera: Jaume Peracaula; Schnitt: Raúl Román
Darsteller: Günter Meisner, David Sust, Marisa Paredes, Gisèle Echevarría u. a.
Länge: 110 Minuten
Die Ausstattung im Einzelnen:
Bild: 16:9
Ton: Spanisch (DD 2.0), Audiokommentar des Regisseurs
Untertitel: Deutsch (zum Film), Deutsch (zum Audiokommentar)
Extras: Interview mit dem Regisseur, Trailer, Bildergalerie, Storyboard-Film-Vergleich, Alternativer Anfang im Storyboard
FSK: ab 18 Jahren
Preis: 23,95 Euro (Stefan Höltgen)

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