"Kindergehirnschutz" auf Norwegisch

Schutz der Kinder oder werden Kinder zu einer Art Vormund der Eltern?

Die norwegische Behörde "Barnevernet" (Kinderschutz) ist umstritten. Die einen sehen sie als progressiven Garanten für die Einhaltung von Kinderrechten, die anderen werfen ihr vor, sie würde schon beim leisesten Verdacht auf einen Übergriff oder eine Vernachlässigung den Eltern ihre Kinder entziehen. Zwar regt sich im generell staatsgläubigen Norwegen zunehmend Widerstand, doch gibt es auch Anzeichen dafür, dass die Behörde ihren Einfluss ausbaut.

Im Verwaltungsgebiet Oslo läuft seit 2016 ein Pilotprojekt unter der Prämisse "Kindergehirnschutz", dessen Ergebnisse Ende April präsentiert wurden.

Kinder, die unter Angst und Stress aufwachsen, so die Erkenntnis des Kinderpsychologen Magne Raundalen, würden weniger Nervenzellen erneuern als solche, die geliebt und angstfrei lebten. Der Schutz der Kinder wird somit nicht allein pädagogisch und psychologisch verteidigt, sondern soll auch eine neurologische Grundlage haben.

Unter dem Programm mit dem Namen "Kindergehirnschutz" (Barnehjernevernet) wurden in Oslo von der Kinderschutzbehörde deswegen Datenmengen über die Kinder und ihre Verhältnisse gesammelt und die Zusammenarbeit mit Kindergarten-Erzieher, Lehrern, Ärzten und anderen Berufsgruppen, die mit Kindern zu tun haben, gesucht. Es ging darum, die Kinder, die Leid oft nicht verbal artikulieren, sondern nur durch das Verhalten, besser zu verstehen und Konflikte oder Übergriffe schon frühzeitig zu erkennen.

Die Kinder sollen sofort melden, wenn die Eltern keine guten Eltern mehr sind

Mit der Einführung des Programms stiegen die Meldungen in Kindergärten über mögliche Probleme mit den Eltern, ein Beweis für die Behörde, dass das Projekt erfolgreich und berechtigt ist.

Die Möglichkeiten für Kinder in Not, sich hilfesuchend an Ansprechpartner zu wenden, ist sicherlich sinnvoll. Doch ein Bericht der auflagenstärksten norwegischen Zeitung Aftenposten, der in wohlwollendem Ton gehalten ist, zeigt, dass Kinder zu einer Art Vormund der Eltern werden. Schon die Sätze, die ein Seminar der Behörde einführend vorstellen, klingen etwas drohend: "Manchmal kann es schwierig sein, eine gute Mama oder Papa zu sein. Die Kinder von Oslos Kindergärten lernen hier, was in diesem Fall zu tun ist."

Doch was ist zu tun? Die Kinder sollen sofort melden, wenn die Eltern keine guten Eltern mehr sind, denn das Barnevernet sorgt dafür, dass es den Kindern gut gehe, erklärt eine Vertreterin der Behörde. Auch sollen die Vorschüler, die das Seminar besucht haben, jüngere Kinder im Gelernten unterrichten.

Schon seit 2016 werden in den Kindergärten Fragebögen verteilt, in denen Kinder das Verhältnis der Eltern zum Alkohol berichten und melden sollen, ob sie geschlagen oder bedroht wurden, oder ob die Eltern schnell wütend würden. Über das Internet haben Personen, die etwas beobachten, auch die Möglichkeit, sich anonym an das Barnevernet zu wenden. Ausdrücklich wird ermutigt, den kleinsten Verdacht dem Kinderhilfswerk zu melden.

Es entsteht der Eindruck, dass im Kampf gegen Missbrauch und Vernachlässigung ein gewisser Tunnelblick bei der Behörde und ihren Mithelfern entstanden ist. Auch werden, wenn der Fokus auf das Verhalten der Kinder gelegt wird, verbale Äußerungen der Kinder als weniger wichtig eingestuft, beispielsweise wenn ein Kind die Eltern vor zu großen Anschuldigungen verteidigen will.

Viel Kritik im In- und Ausland

Dies wird zumindest in einer BBC-Reportage vom vorigen Jahr behauptet, in der zwei norwegische Mütter porträtiert wurden, deren Kinder zwangsweise in Pflegefamilien gegeben wurden. Dummerweise war der Psychiater, der die Fälle begutachtet hatte, ein emsiger Sammler von Kinderpornographie, der im April 2018 zu zwei Jahren Haft verurteilt wurde. Der Fall wurde jedoch in der Öffentlichkeit kaum behandelt, da er selbst Vater von kleinen Kindern ist und diese geschützt werden müssen, so dass sein Name nicht öffentlich bekannt ist. Ein polnischer Konsul, der sich für polnische Familien in Norwegen einsetzte, welche in Konflikt mit dem Barnevernet geraten sind, sorgte allerdings für große Aufregung. Er wurde Anfang des Jahres des Landes verwiesen, da er zu rabiat aufgetreten sein soll.

Ausländische Familien geraten in Konflikt mit dem Kinderschutz, da sie nicht alle norwegische Richtlinien kennen oder entsprechend ernst nehmen. Die Zeitung Aftenposten weist jedoch polnische Vorwürfe zurück, dass Polen besonders im Visier der Kinderschützer stünden. Nach Angaben der Zeitung wird bei acht von 1000 norwegischen Familien eingegriffen, jedoch nur bei drei von 1000 polnischen Familien, die in Norwegen lebten.

Diskutiert wird derzeit auch der Status von Pflegefamilien, die finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen. In Norwegen gibt es derzeit 11.000 Pflegefamilien, der Bedarf soll steigen. Diese Pflegefamilien bekommen staatliche Unterstützung, ihnen wird aber von Kritikern unterstellt, dass sie Kinder aus finanziellen Motiven aufnehmen und unschuldige Eltern vom Barnevernet bestohlen werden. Hinzu kommt, dass eine Stiftung mit dem Namen Fyrlykta mit dem Vermitteln von Kindern Millionen verdient haben soll, wie 2017 berichtet wurde.

Das Adoptionsrecht gilt in Norwegen als streng. Erhält eine Pflegefamilie dieses Recht, ist der Kontakt zur biologischen Verwandtschaft formal abgebrochen und es gibt kein Widerrufrecht. Die Mitarbeiter des Barnevernets unterliegen der Schweigepflicht und müssen oder dürfen sich keiner Debatte mit ihren Kritikern stellen.

Das Barnevernet zieht mittlerweile viel Kritik im In- und Ausland auf sich. Beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg sollen schon mehrere Fälle anliegen. Gegenüber der massiven internationalen Kritik schweigt sich die norwegische Regierung bislang aus, was auch der bekannte norwegische Kinderpsychologe Einar Salvesen bemängelt. Er will die Kinderschutzbehörde nicht per se ablehnen, glaubt jedoch, dass sich einige der rund 500 Barnevernet-Büros "totalitär" und "dysfunktional" entwickeln und ein "System des Bösen" geschaffen haben. (Jens Mattern)