Kindischer Aberglaube, der nicht würfelt

Ein Brief von Albert Einstein, der jetzt versteigert wird, soll seine Haltung zur Religion klären

An Albert Einsteins zahlreichen und teilweise vieldeutigen Äußerungen zur Religion entspann sich über Jahrzehnte hinweg eine lebhafte Diskussion. Dem im Guardian zitierten Bloomsbury-Manager Rupert Powell zufolge, hat ein heute von seinem Auktionshaus angebotener Brief das Potential, diese Diskussion zu beenden. In dem am 3. Januar 1954 an den "Antitheologen" Erich Gutkind versandten Dokument soll der Physiker dem Glauben an einen Gott eine klare Absage erteilt haben.

Einstein schrieb dem Privatgelehrten, nachdem dieser ihm eine Ausgabe seines Buches "Choose Life: The Biblical Call to Revolt" zugesandt hatte. Das handbeschriebene Papier, das sich dem Auktionshaus zufolge bis jetzt in Privatbesitz befand, wird von Max Jammer, der 1999 das Standardwerk1 zum Thema veröffentlichte, angeblich nicht als Quelle angeführt.

Nach Ansicht Powells ist der Brief so klar und deutlich formuliert, dass er Spekulationen um eine mögliche Religiosität Einsteins ein für allemal ein Ende setzen soll. In einer vom Guardian veröffentlichten englischen Übersetzung schreibt Einstein, dass für ihn das Wort "Gott" nicht mehr als ein Ausdruck menschlicher Schwäche und die Bibel eine Sammlung primitiver und kindischer Legenden sei. Dies könne Einsteins Worten zufolge auch keine noch so subtile Interpretation ändern.

Damit würde Einsteins Ablehnung einer göttlichen Existenz über diejenige eines persönlichen Gottesbildes hinausgehen, welche bereits länger bekannt war.2, aber Spekulationen über eine abstrakte Religiosität keinen Einhalt gebieten konnte. Dazu trugen neben Einsteins Determinismus vor allem zahlreiche ambivalente und teilweise widersprüchliche Äußerungen des Physikers zum Thema bei. Neben dem berühmten Ausspruch "Raffiniert ist der Herrgott, aber boshaft ist er nicht!" wird dabei meist auch seine am 4. Dezember 1926 in einem Brief an Max Born gemachte Bemerkung zur Quantenmechanik, dass "der Alte nicht würfelt", als Grundlage für eine angebliche Religiosität herangezogen.

Betrachtet man eine Vielzahl dieser Äußerungen in ihrer zeitlichen Reihenfolge, dann scheint es möglich, dass die Haltung Einsteins gegenüber der Religion einem gewissen Lernprozess unterworfen war. Und (beziehungsweise oder), dass der abnehmende gesellschaftliche Druck zum religiösen Bekenntnis sich auch in Einsteins Bekundungen widerspiegelt. Während diese anfangs eine Art deistische Gottesvorstellung erkennen lassen, werden sie später deutlich abstrakter beziehungsweise agnostischer.

1929 äußerte Einstein beispielsweise gegenüber dem New Yorker Rabbi Herbert Goldstein, er würde nicht einer persönlichen, sondern eher einer spinozistischen Gottesvorstellung anhängen.3 In seinem gut ein Jahrzehnt später in Nature veröffentlichten Aufsatz "Science and Religion"4 nahm er eine diffus-versöhnliche Haltung ein und bestritt Unvereinbarkeiten zwischen Wissenschaft und Religion. Aus dieser Schrift stammt auch das oft zitierte Gleichnis, dass die Wissenschaft ohne die Religion lahm und die Religion ohne die Wissenschaft blind sei. Weitere zehn Jahre später schrieb er in einem Brief, dass seine Position die eines Agnostikers sei, der nicht glaube, dass die Menschheit zu ihrer Verbesserung eine Gottesvorstellung benötigen würde.5

Möglicherweise nahm Einstein aber auch explizite Rücksichten auf seine Gesprächspartner und auf das Umfeld, in dem er seine Äußerungen tätigte: Bei seiner Berufung an die Karls-Universität in Prag bekannte sich der Physiker zuerst als konfessionslos, änderte diese Angabe aber angeblich auf Druck der kaiserlich-königlichen Verwaltung in "mosaisch". (Peter Mühlbauer)

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