"Kissing Mr. Assinger"

Die unbewältigte Vergangenheit der Ära Kissinger

Richard Cheney und Donald Rumsfeld, heute Vizepräsident bzw. Verteidigungsminister in der Regierung George W. Bush, hatten schon einmal hohe Ämter inne. Die Rede ist nicht von der Ära Bush Sr., sondern von der Präsidentschaft von Gerald Ford von 1974 bis 77. Dessen Kabinett, mit Cheney als "Chief of Staff" und Rumsfeld als Verteidigungsminister, kann als das wahre Vorgängerkabinett Bush Juniors betrachtet werden. Doch wer damals wirklich den Ton in der amerikanischen Außenpolitik angab, war Henry Kissinger. Tom Appleton macht sich auf die Suche nach den Leichen im Keller eines Mannes, der bis heute als international angesehener Nobelpreisträger und politisches Genie gilt.

Gerald Ford entspannt sich in Montego Bay, Jamaica

Gerald Ford, vermutlich der dümmste US-Präsident des 20. Jahrhunderts, wird wegen drei Dingen in Erinnerung bleiben. Erstens, dass man ihm nachsagte, er könne nicht Kaugummi kauen und zugleich ein paar Schritte gehen.

"Kaugummi kauen und zugleich laufen? Wie kann das funktionieren?", ließen die Satiriker vom Firesign Theater ihn sich selber fragen. Und antworten: "Schätze, da müsste man sich entweder in die Zunge beissen oder über die eigenen Füsse stolpern." Tasächlich dauerte es auch gar nicht lange, bis Ford bei einem Besuch in Österreich die Gangway des Flugzeugs heruntergepurzelt kam. Es ist das Foto, mit dem er in die Geschichte eingehen wird.

Der zweite Punkt: Ford kam ungewählt ins Amt. Richard Nixon, der wegen Watergate vor dem Aus stand, hatte sich den biederen Ex-Sportlehrer als Vize geholt, schon mit dem Plan, dass Ford ihn begnadigen würde, falls er, Nixon, unehrenhaft aus dem Amt scheiden müsste. So kam es auch. Nixon gab seinen Rücktritt bekannt, und Ford begnadigte ihn praktisch auf der Stelle. Ansonsten übernahm Jerry Ford die Präsidentschaft wie eine Pizzeria oder Autowerkstätte, wo der Chef mal eben kurz im Knast ist. Oder auf Urlaub. Interimistisch, ohne große Änderungen. Er übernahm die gesamte Nixon-Truppe, inklusive des Außenministers.

Und das ist der dritte Punkt: die Ära Ford markiert die bruchlose Fortsetzung der Ära Kissinger. So wahrhaft unbedarft war Ford in außenpolitischen Dingen, dass das Firesign Theater ihn sogar bei den simpelsten Reporterfragen antworten liess: "Da muss ich erstmal Mister Kissinger fragen." Und natürlich schaffte es der parodierte "Ford" nicht einmal, diesen einfachen Satz geradeaus hervor zu bringen. Stattdessen sagte er: "I gotta kiss Mr Assinger first." Was soviel heißt wie: "Da muss ich erst mal Mr Kissinger den Hintern küssen."

Intellektuelle Abhängigkeit

Präsident Ford und sein Außenminister, Henry Kissinger

Tatsächlich schien das Verhältnis Kissinger-Ford von einer deutlichen intellektuellen Abhängigkeit geprägt zu sein. Wie schon zuvor der pathologisch menschenscheue Nixon, konnte auch der dümmlich witzelnde Ford mit der alkoholkranken Frau an seiner Seite Kissinger nur als strahlenden Intellektuellen betrachten, als eine Art allwissenden politischen Guru.

In Wirklichkeit war "Henry the K." - wie er, in Anlehnung an "Henry the Eighth" - genannt wurde, eher ein selbstherrlicher Pfau, wobei das "K." im weiteren Bedeutungssinn natürlich nur die Assoziation mit "Killer" zulässt. Politisch stand er rechts von Attila dem Hunnen.

Kissinger, der erst mit 15 aus Nazi-Deutschland nach Amerika kam, verlor nie seinen deutschen Akzent. Er kompensierte seine Errettung vor den Nazis durch eine sklavisch pro-amerikanische Haltung, die ihn selbst dort "amerikanische" Interessen rücksichtslos durchsetzen ließ, wo sogar seine Mitarbeiter aus CIA und Außenministerium ihn zur Zurückhaltung und zur Wahrung amerikanischer Werte ermahnten.

Kissinger und Pinochet

Als Kissinger sich beispielsweise am 29. September 1975 mit hochrangigen chilenischen Diplomaten in Washington traf, verkündete er ihnen sarkastisch, seine Mitarbeiter hätten besser Priester werden sollen:

"Ich habe die Hintergrundberichte für dieses Treffen gelesen, und es ging um nichts anderes als um Menschenrechte. Das Außenministerium besteht aus Leuten, die eine Berufung für das Priesteramt empfinden. Aber weil es nicht genug Kirchen für sie alle gibt, kommen sie ins Außenministerium."

(Dieses und andere Zitate finden sich in Kissinger Declassified von Lucy Komisar im Progressive Magazine)

Dass Kissinger für Menschenrechte in der Politik keinen Platz sah, bestätigte er ein Jahr später in einem Gespräch mit dem chilenischen Diktator, Augusto Pinochet. Es war der 8. Juni 1976. Auf Kissingers persönliches Betreiben hatte die OAS - Organisation Amerikanischer Staaten - ihre Jahresversammlung extra nach Santiago verlegt, "um Chile Prestige einzutragen", wie Kissinger betonte.

Am Nachmittag sollte er nun hier eine Rede halten. Das Gespräch mit dem Diktator fand am Vormittag, vor dem gemeinsamen Mittagessen, statt. "Ich werde ganz allgemein über Menschenrechte in einem globalen Kontext sprechen", sagte Kissinger. "Die Rede wendet sich nicht gegen Chile. In den Vereinigten Staaten, wie Sie wissen, stehen wir dem, was Sie hier zu tun versuchen, mit Wohlwollen gegenüber. Wir wünschen Ihrer Regierung alles Gute."

Zu diesem Zeitpunkt gab es keinerlei Grund warum Kissinger sich etwa über die wahre Natur der Regierung Pinochets nicht im Klaren gewesen wäre. Schon am 2. Februar 1974 hatte ein Bericht der amerikanischen DIA (Defense Intelligence Agency - militärischer Geheimdienst) die Foltermethoden der chilenischen DINA - einer Terror-Organisation der chilenischen Regierung unter direkter Kontrolle Pinochets - mit "den Techniken der Spanischen Inquisition" verglichen. Die befragten Personen wiesen, hieß es, anschließend oft "sichtbare körperliche Schäden" auf.

Ein DIA-Bericht ein Jahr später, am 10. April 1975 erwähnt, nun sei die DINA dabei, eine "moderne Gestapo" zu werden. Pinochet könne durch nichts davon abgehalten werden.

Indes: Kissinger hielt nichts davon, irgendwelchen Druck auf den Diktator auszuüben. Im Gegenteil. Als der amerikanische Kongress 1975 Waffenverkäufe an Chile verbieten wollte, riet Kissinger dem Präsidenten in einem Gespräch im Oval Office am 6. Oktober 1975:

"Ich denke nicht, dass wir militärische Verkäufe ins Ausland mit der Menschenrechtsfrage verknüpfen sollten."

Ford, ganz der eifrige Schüler seines Meisters: "Der Meinung bin ich auch. Damit würden wir einen sehr schlechten Präzedenzfall schaffen. Das könnte schließlich auf fast jedes Land angewendet werden."

"Operation Condor"

Manchmal meint man, beim Betrachten der politischen Geschichte des "Henry the K", dass es nur einer Kleinigkeit bedurft hätte, um unendliches Leid von unzähligen Menschen abzuwenden. Perverserweise schien Kissinger es aber immer wieder darauf anzulegen, dieses Leid ganz gezielt hervorzurufen. So auch im Fall Letelier.

Pinochet hatte die Angewohnheit - jeweils zur Feier seiner Machtübernahme im September eines Jahres - unliebsame Kritiker des chilenischen Regimes im Ausland ermorden zu lassen. Die Aktivitäten dieser "Operation Condor" waren allgemein bekannt. Bei dem Gespräch mit Kissinger im Juni 1976 erwähnte Pinochet, wie sehr es ihn störe, dass Orlando Letelier, der frühere Außenminister der Allende-Regierung im Exil in Washington, bei Mitgliedern des Kongresses Gehör fände.

Kissinger scherzte darüber. ER habe Letelier noch nie empfangen, sagte er - ließ aber auch Letelier zu keinem Zeitpunkt danach irgendeine Warnung zukommen, auch nicht als kurze Zeit später zwei südamerikanische Killer bei dem Versuch erwischt wurden, US-Visa bei einer Botschaft in Südamerika zu erhalten. Tatsächlich wurden die Visa schließlich in Chile selbst, beim dortigen US-Konsulat in Santiago ausgestellt. Letelier wurde am 21. September 1976 in Washington ermordet. Die Spuren des Mordes wurden anschließend sofort vom CIA beseitigt. Warum dieser Fall heute kaum Chancen auf Aufklärung hat, ist klar. Der damalige CIA-Chef hieß George Bush. Das ist der selbe Mann, der später Reagans Vize und sein Nachfolger als Präsident wurde. Sein Sohn, George W. Bush, ist heute selber Herr im Weißen Haus, und wird kaum eine Untersuchung zulassen, die seinen Papi kompromittieren könnte. Unzweifelhaft und ausführlich belegt ist dagegen Kissingers Beteiligung an der Destabilisierung der (immerhin) demokratisch gewählten Links-Regierung Salvador Allendes, bereits seit vor 1970.

Dass dies alles völlig unnötig war, erwies sich am 16. November 1976, kurze Zeit nach der Wahl Jimmy Carters zum Präsidenten - und Kissingers Ablösung als Außenminister. Weil Carter die Menschenrechte auf sein Wahlprogramm geschrieben hatte, wurden in Chile prompt an die 500 Gefangene freigelassen, über 1.200 durften ins Exil gehen, die DINA wurde aufgelöst. Chile hatte gar keine andere Wahl, es war völlig von den USA abhängig - die unsäglichen Leiden der geschätzten 50.000 Opfer des Pinochet-Terrors hätten also genauso gut auch von Henry Kissinger vermieden werden können.

Kissinger in Südostasien

Aber Kissinger legte es geradezu darauf an, den Holocaust, dem er selbst entkommen war, auf andere Völker Niederregnen zu lassen. Beispiel Eins: Er ordnete die Bombardierung Kambodschas an, bei der allein während einer Phase von 160 Tagen hintereinander im Jahr 1973 auf eine wehrlose Landbevölkerung, ihre Wasserbüffel und Reisfelder, mit B-52 Bomber-Flugzeugen um 50 Prozent mehr "konventionelle" Bomben abgeworfen wurden, als auf ganz Japan während des 2. Weltkriegs. Die Todesopfer dieses Einsatzes wurden auf 600.000 geschätzt.

Beispiel Zwei: In Laos wurden unter anderem bunte, kleine, sogenannte "Bombies" abgeworfen, die noch bis heute zu Hundertausenden im ganzen Land herumliegen. Spielende Kinder heben sie auf - und sind tot: 55 Prozent aller Opfer sind Kinder. Bauern, die mit ihren Pflügen auf eines dieser Spielzeuge treffen, haben kaum bessere Überlebenschancen. Beispiel Drei: Bereits im Oktober 1975 wusste die CIA von Plänen der indonesischen Regierung, die unabhängig werdende portugiesische Kolonie Ost-Timor zu annektieren. Am 7. Dezember 1975, am selben Tag, als Kissinger und Ford in Djakarta abflogen, begann die Invasion. "Wer gibt schon viel [who gives a damn] auf eine halbe Million Ost-Timoraner?" fragte Kissinger. Die indonesische Regierung erhielt somit Carte blanche - komplette Handlungsfreiheit. Die Folge: einer der schlimmsten Völkermorde des 20. Jahrhunderts, mehr als 44 Prozent der Bevölkerung wurden ausgerottet.

Alle diese Gräuel wären mit Leichtigkeit vermeidbar gewesen - sogar durch Kissinger selbst - wenn er es nur gewollt hätte. Seine Befürwortung von Gewaltlösungen gehört jedoch zu seinem inneren psychologischen System - er befürwortet Gewalt selbst dort, wo sie weder den Geschäftsinteressen seiner Firma (Kissinger & Associates) noch "Amerika" irgend etwas nützt. Das Massaker am Tian An Meng-Platz rechtfertigte er so:

"Keine Regierung der Welt hätte es ertragen, wenn der wichtigste Versammlungsort in ihrer Hauptstadt acht Wochen lang von Zehntausenden von Demonstranten besetzt wird."

In den USA hat man Kissinger als einen Mann "in einer Klasse mit Hitlers Außenminister Ribbentrop" bezeichnet, und verschiedentlich die Frage erhoben, ob auch Kissinger, wenn es zu einem Prozess gegen Pinochet kommt, ausgeliefert werden könnte. Tatsache jedoch ist, dass Kissinger weiterhin als beliebter Medien-Fuzzi fungiert, dessen Meinung international gefragt ist, und dessen Heiligenschein, mit einem Friedensnobelpreis geschmückt, besonders hell erstrahlt. Von einer Aufarbeitung der historischen Gestalt Kissinger ist man in den USA - ebenso wie bei uns - noch viele Jahre entfernt. (Tom Appleton)

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