Klasse statt Masse?

Brockhaus und Wikipedia sind eine Scheinkonfrontation im Kampf um das Wissen Online

Im April 2008 sollten die 30 Bände der Brockhaus-Enzyklopädie im Internet zur Verfügung stehen. Doch jetzt gab der Verlag in der Presse bekannt, dass es mit einem kostenfreien „Brockhaus Online“ noch etwas dauern wird. Man will nun doch erst eine 22. Auflage des traditionsreichen Lexikons auf den Markt bringen.

Wer sein Wissen klassisch nachschlagen will – wogegen auch gar nichts gesagt sein soll –, wird künftig nicht davon abgehalten. Während der Schritt auf den Online-Markt die fallende Ertragslage am Printmarkt auffangen sollte, fehlt es offensichtlich noch an einem funktionierenden Modell. Denn Kostendeckung ist hier nur mit einem starken Kooperationspartner zu erzielen, mit einem kostenpflichtigen Angebot oder aber mit einem werbefinanzierten Online-Auftritt. Und obwohl auch traditionellen Medienhäusern langsam dämmert, dass der Web-Markt ständig wächst, ist man mit dem Know-how, wie man sich diesen Markt erobert, offenbar noch nicht ganz so weit.

Dieses Problem hat der Qualitätsjournalismus nicht analysiert, wohl aber auf die Ankündigung, Brockhaus gehe ins Internet, mit einem unterschwelligen Triumphgeheul reagiert. Denn dort hat sich bekanntlich längst das „Igitt“-Medium Wikipedia breit gemacht, und zwar als offenes Community-Projekt. Das wiederum behagt manchen Feuilletonisten nicht so sehr, weshalb sie sich auf die Konfrontation geradezu freuen: ganz so, als würde von nun an „Wissen“ endlich auch im Online-Format standesgemäß repräsentiert werde. So ähnlich zumindest stand es unlängst in der Welt zu lesen - und zwar mit genau dem bildungsbürgerlichen Unterton, das nunmehr „Klasse“ auf „Masse“ treffen wird. Mit der Masse nun hat es gerade mal soviel auf sich, dass sie nichts Gutes bedeutet – und nie bedeutet hat. Masse, das ist so etwas wie Nationalsozialismus multipliziert mit Bolschewismus.

Glücklicherweise gibt es dazu ja eine fast noch aktuelle Referenz von einem altgedienten Kenner der Szene, Jaron Larnier – einen Artikel, der zwar gar nichts mit Brockhaus zu tun hat, der aber vermeintlich kompetentes Wikipedia-Bashing betreibt. Larnier argumentiert in Digital Maoism, dass es mit der Schwarm-Intelligenz (hive mind) eben nicht weit her sei. Wobei man ihm durchaus zustimmen kann. Sofern es beim Anti-Massen-Argument nur nicht um die klassische Verwechslung von Korrelation und Kausalität handeln würde: das, was alle tun, ist deswegen allein nicht unbedingt gut. Die Maoismus-Metapher aber verunglimpft alles Kollektive, während Larnier sich einfach über angebliche kollektivistische Irrtümer geärgert hat, die seinen eigenen Wikipedia-Eintrag betreffen. Was der gute Mann will, ist letztlich nicht so recht klar. Denn Schwarm-Intelligenz ist ein für die Robotik-Forschung relevanter Begriff und hat als solcher, wie auch die zynische Steuerungsideologie des Maoismus, mit kollaborativ organisiertem Wissensmanagement eigentlich herzlich wenig zu tun.

Und damit zurück zum Thema, das da lautet: Wikipedia und/oder Enzyklopädie. Klären wir dazu doch einfach medienthoretisch drei Punkte wie folgt:

  1. Wikipedia ist kein Kollektiv, im strengen Sinn ist auch der Singular falsch. „Die Wikipedia“ gibt es nicht, es gibt nur ein medientechnisches Tool. Dieses wurde in unterschiedlichen Sprachen adaptiert, sodass es mehrere Wikipedias gibt, eben englische, französische, deutsche etc.
  2. Wikipedia ist im strengen Sinn gar keine „Enzyklopädie“, sondern lediglich eine Software um die Art und Weise des Zugangs zu vorhandenem Wissen neu zu gestalten. Dass alle Einträge unmittelbar bearbeitet werden können, das ist die in ihrer Tragweite meist unverstandene Sensation der neuen Technologie. Wikipedia ist damit freilich alles andere als eine wissenschaftliche Quelle, selbstverständlich aber ein Tool für wissenschaftliches Arbeiten.
  3. Es gibt kein Wissen, das an sich gut ist, weil es „erlesen“ wurde statt „gegoogelt“. Die deutsche Bezeichnung für Enzyklopädie hieß anfangs nicht umsonst „Konversationslexikon“. Es ging dabei stets um die Vergewisserung, worauf man eben als in gesellschaftlicher Konversation vorausgesetztes Wissen referenzieren kann – Fachwissen und Wissenschaft haben ihre anderen, öffentlich meist schwer zugänglichen Orte.

Wer sich nun die auf Wikipedia angebotenen Informationen näher ansieht, stößt auf zwei Problemlagen. Einerseits installierten hier Techniker ein Online-Tool, für das es kaum Inhalte gab, andererseits erweist sich das gern dämonisierte Kollektiv von Wissensproduzenten als ein Mythos unfähiger Journalisten.

Die deutsche Wikipedia hätte ja einfach die englischen und französischen Inhalte übernehmen können, stattdessen wurden „Stubs“ erstellt, die – ausgerechnet! – aus alten Einträgen von Meyers Konversationslexikon bestanden. Manchen Artikeln merkt man das heute noch an, es ist aber wichtig zu sehen, dass dies das Interesse am Vorrang des Mediums vor allem Inhalt dokumentiert. Brockhaus hat seine Inhalte über einen nun schon 200 Jahre währenden Redaktionsprozess entwickelt, was aber nicht heißt, dass diese Inhalte heute sämtlich noch tragfähig sind. Frühere Bildungsgenerationen haben andere Akzente gesetzt, und überhaupt gilt es, sich von der Ideologie eines absoluten Wissens zu verabschieden.

Das führt nun keineswegs zum Relativismus von der Art, dass Wissen eben immer davon abhänge, wer es generiert und nachfrägt – allerdings muss zugestanden werden, dass „Weisheit“ im Sinne eines individuell verkörperten Wissens- und Erfahrungsschatzes als Idee zugunsten der Frage des Zugangs, der Versicherung und Speicherung von Wissensinhalten von den Zeitläuften langsam, aber sicher verabschiedet wird.

Deswegen zwingt aber noch lange kein potenziell dummes Online-Kollektiv dem Individuum sein Wissen auf. Wikipedia ist, wie gesagt, ein medientechnisches Tool, und wie jedem Werkzeug sind ihm die Zwecke nicht endgültig eingeschrieben, für die es verwendet werden kann. Der Vorteil von Wikipedia allerdings ist der, dass allen Benutzern seine Metaebene zugänglich ist. Ein kleiner Test schon lässt hinter die Kulissen blicken und zeigt die Verfasser von Artikeln, die Benutzernamen sind dann im Metawiki der Foundation aufzufinden.

Ein Projekt wie Wikipedia zieht Autoren mit speziellen Interessen an. Deren Wissen ist punktuell und wird dann sehr schnell spezifisch. Das sind Experten im soziologischen Sinn des Wortes. Sie haben nicht den Überblick und können ihr Wissen nicht disziplinär integrieren, aber es ist dennoch nicht wertlos. Im Gegenteil, denn wenn eine kollaborative Technologie diese Integration erledigen kann, dann wird damit ein individuelles Geltungsinteresse mit gutem Recht einer allgemeinen Nutzungsebene zugeführt.

Die Brockhaus-Redaktion ist keine Konkurrenz für Wikipedia. Dass sie – vielleicht! – online geht, bedeutet, dass wieder mal ein großes Medienhaus die Zeichen der Zeit erkannt hat. Am Prinzip „online first“ kommen die Medienmacher und ihre Controller nicht mehr vorbei, sobald sie von dem im Web aufgehenden Werbekuchen mit naschen wollen. Brockhaus Online wird einen Qualitätszuwachs bedeuten, den Wikipedia als Kollektivprojekt bereits mehr als nur ansatzweise erbracht hat. Brockhaus wird vermutlich aber auch werbefinanziert sein, was die Frage nach der Akzeptanz seitens vieler Anwender wiederum offen lässt.

Brockhaus und Wikipedia sind also völlig imaginäre Gegner im Kampf um das Wissen. Der konservative Reflex stellt ihm einen sicheren Ort in Aussicht, der aber von der politisch-wirtschaftlichen Organisation abhängig ist, nicht etwa von Datenträger. Wenn der sich so grundsätzlich ändert, wie es derzeit der Fall ist, dann bedeutet das auch eine Reorganisation des Prinzips „Wissen“. Wir bewegen uns in die Richtung einer neuen Informationsästhetik, um eine Beobachtung von Lev Manovich aufzugreifen. In die Richtung einer modularen Kultur, deren Elemente mit der Möglichkeit des technischen Remix disponibel geworden sind. Das gilt für Wikipedia, für Brockhaus, für Citizendium wie für alle weiteren Entwürfe eines kollaborativen Wissensmanagements.

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