Kleine Frau mit großer Wirkung: Baruch dayan ha'emet, Esther Bejarano!

2012 erhielt Esther Bejarano das Bundesverdienstkreuz. Dabei musste sie sich in früheren Jahren der BRD mit der Polizei anlegen, die einen NPD-Infostand vor ihrer Tür schützte. Foto: Birgit Gärtner

Als die vielseitige Künstlerin am frühen Samstagmorgen starb, hatte sie die Shoa um gut 76 Jahre überlebt. Ein Nachruf

Ein eiserner Überlebenswille ließ Esther Bejarano Todeslager und Todesmarsch überstehen. Denn sie hatte nur eines im Sinn: Sich an den Nazis rächen, indem sie überlebt. Das tat sie nicht mit Gewalt, sondern mit Musik. Ehemals Mitglied des "Mädchenorchesters von Auschwitz", trat sie später als "Künstlerin für den Frieden" mit "Liedern für das Leben" oder "Per la Vita" auf. Diese "Rache", eine musikalische Botschaft gegen das Vergessen, wurde ihr Lebenselixier, Esther Bejarano eine wichtige Stimme gegen Antisemitismus, Krieg und Faschismus. In den frühen Morgenstunden des 10. Juli 2021 ist diese Stimme für immer verstummt. Im Alter von 96 Jahren starb die kämpferische Zeitzeugin in Hamburg.

41948 - diese fünf Ziffern waren der damals 18-jährigen Jüdin im Konzentrationslager Auschwitz in den Arm geritzt worden. Von da an war sie nicht mehr eine junge Frau namens Esther Loewy, später Bejarano, sondern nur noch eine Nummer. Ihre Herkunft aus einer hochmusikalischen Familie rettete ihr in Auschwitz das Leben, ihre "arische" Großmutter war der Grund für die spätere Verlegung von Auschwitz in das Frauen-KZ Ravensbrück im Rahmen eines Programms des Internationalen Roten Kreuzes.

Düstere Wolken zogen auf - und kamen im Saarland zeitversetzt an

An ihre behütete Kindheit in Saarbrücken erinnerte sich Esther Bejarano, geboren am 15. Dezember 1924, Zeit ihres Lebens gern. Anfang der 1930er-Jahre war sie ein fröhlicher kleiner Wildfang, ging vormittags zur Schule und brauste nachmittags mit einem viel zu großen Fahrrad durch die Gegend oder stiftete ihre Spielkameradinnen zu allerlei Unfug an. Die düsteren Wolken, die sich am politischen Himmel zusammen brauten, nahm sie nicht wahr. Noch nicht, denn schon bald sollten die menschenverachtende faschistische Ideologie und die damit verbundene antisemitische Hetze auch die jüdische Bevölkerung im Saarland mit aller Härte treffen.

Doch da das Saarland damals noch nicht zum Deutschen Reich gehörte, fand diese Entwicklung dort etwas zeitversetzt statt. Während im benachbarten Deutschland der faschistische Mob bereits tobte, wienerte Esthers Vater seine Uniformknöpfe. Voller Stolz hatte er seinem Vaterland im Ersten Weltkrieg gedient. Er machte sich zwar so seine Gedanken, wähnte sich und seine Familie aber in Sicherheit, denn schließlich war der Kriegsveteran Träger des Eisernen Kreuzes. Was sollte ihm schon passieren?

Kaum vorstellbar schien, dass die Ernennung des geltungssüchtigen kleinen Österreichers namens Adolf Hitler zum Reichskanzler im benachbarten Deutschland mit der millionenfachen fabrikmäßigen Vernichtung menschlichen Lebens enden würde. Selbst wenn Esthers Angehörigen die Konsequenzen klar gewesen wären, hätten sie die Auswanderung finanziell nicht ohne Weiteres stemmen können. "Die Ernennung Hitlers habe ich nicht hautnah miterlebt", sagte Esther später. "Erstens war ich im Januar '33 gerade mal acht Jahre alt, zweitens lebten wir ja im Saarland".

1919, nach dem 1. Weltkrieg, war das Saargebiet durch den Versailler Vertrag unter französische Verwaltung gekommen. Das Abkommen sah vor, dass nach 15 Jahren eine Volksabstimmung stattfinden solle, in der die Bevölkerung sich zwischen Frankreich und Deutschland zu entscheiden hätte. Dieses Votum fand am 13. Januar 1935 statt: Mehr als 90 Prozent der Stimmberechtigten entschieden sich für eine Angliederung an das faschistische Deutschland. Am 1. März 1935 fuhr Adolf Hitler unter großem Jubel der Bevölkerung in Saarbrücken ein und holte das Gebiet "heim ins Reich"

Damit nahm ihre behütete Kindheit ein jähes Ende: Die am 15. September 1935 erlassenen "Nürnberger Rassegesetze" galten dementsprechend auch für das Saarland. Als die ersten Schulkameradinnen nicht mehr mit ihr spielen durften, verstand die kleine Esther die Welt nicht mehr. Sie hatte sich nicht verändert, die Freundinnen hatten sich nicht verändert - nur die politische Wetterlage und die gesellschaftliche Stimmung hatten sich geändert. Doch wie sollte das ein zehnjähriges Mädchen begreifen? Wenig später durfte sie nicht mehr in ihre alte Schule gehen. Ihre Erinnerung daran schilderte sie mir für die Biographie "Wir leben trotzdem! Esther Bejarano - vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Künstlerin für den Frieden" so:

Jüdischen Kindern wurde verboten, die allgemeinen Schulen zu besuchen, da es den christlichen Kindern nicht zuzumuten sei, mit den jüdischen Kindern auf einer Bank zu sitzen. Mein Bruder Gerhard musste das Gymnasium abbrechen und fing eine Schneiderlehre an. Auch meine Schwester Tosca musste die Schule verlassen, sie lernte Sekretärin. Eine jüdische Schule wurde gegründet, in die meine andere Schwester Ruth und ich dann gingen. Ich weiß heute nicht mehr, wie viele Klassen diese Schule hatte, ich erinnere mich nur noch, dass vier Lehrer dort unterrichteten, unter anderem auch mein Vater.

Hinzu kam auch die soziale Isolation:

Wir durften nicht mehr ins Theater gehen und nicht ins Café. Da hat überall dran gestanden: "Juden ist der Zutritt verboten" oder "Juden unerwünscht". Wir durften auch nicht mehr einkaufen gehen, nur in jüdische Geschäfte." Auf der anderen Seite wurde die deutsche Bevölkerung mit Sprüchen wie "Kauft nicht bei Juden" zu antisemitischer Hetze aufgestachelt.

Die jüdische Bevölkerung durfte kein Radio mehr besitzen, und kein Fahrrad. Auch die kleine Esther musste sich von ihrem immer noch viel zu großen Drahtesel trennen. Ebenfalls völlig unbegreiflich für das kleine Mädchen. Der aufkeimende Faschismus hinterließ seine Spuren auch in der jüdischen Gemeinde in Saarbrücken. Wer eben konnte, verließ das Land. "Viele fühlten, dass sie in Deutschland keine Zukunft haben würden", so Esther. "So gingen sie nach Frankreich, Belgien, Holland, Amerika oder nach Palästina, um sich eine neue Heimat zu suchen. Mein Vater, der glaubte, dass die Judenhetze nur eine vorübergehende Sache sei, dachte noch nicht ans Auswandern. Er war wie viele Juden ein deutscher Patriot, der glaubte, dass es nicht so lange dauern könne, bis die Hitlerregierung wieder abgelöst würde."

Die Saarbrücker Gemeinde wurde jedoch immer kleiner und für Rudolf Loewy gab es bald keinen Wirkungskreis mehr. Er bewarb sich bei der jüdischen Gemeinde in Ulm und die Familie zog Anfang 1936 dorthin um.

Die Pogromnacht als Test, wie weit die Bevölkerung mitgehen würde

Esther wurde etwas außerhalb Ulms im Landschulheim Herrlingen untergebracht, einer sehr fortschrittlichen jüdischen Einrichtung. Die Kinder durften alle Lehrerinnen und Lehrer mit dem Vornamen ansprechen. Dort wurde auf künstlerische und sportliche Ausbildung sehr viel Wert gelegt - und es wurden viele Fremdsprachen gelehrt, weil zu Recht angenommen wurde, dass viele auswandern würden und Sprachkenntnisse dann von großem Nutzen wären.

Im Spätsommer 1937 erkannten auch die Eltern allmählich die Gefahr, die der Hitler-Faschismus für die jüdische Bevölkerung bedeutete. Doch auswandern wollten sie immer noch nicht, es war schließlich ihr Heimatland und sie waren dort geboren. Doch um die Kinder machten sie sich mehr und mehr Sorgen. Grete und Rudolf entschieden, Esthers Geschwister Gerhard und Tosca ins Ausland zu schicken. Der 21-jährige Gerhard kam zu einer Tante in die USA, die 19-jährige Tosca wurde in eine landwirtschaftliche Schule nach Palästina geschickt. Die damals knapp 13-jährige Esther war noch zu jung für derartige Maßnahmen.

In Ulm erlebte die Familie den 9. November 1938 - die Pogromnacht. Ihr Vater wurde abgeholt, die Nachbarn schauten hinter den Gardinen zu und unternahmen nichts. Am 9. November 1938 brannten überall in Deutschland die Synagogen und SA-Banden verwüsteten jüdische Geschäfte. Jüdische Männer wurden verhaftet und schwer gefoltert. In Ulm wurden sie auf einen Platz zusammen getrieben und gezwungen, rings um einen Brunnen herumzulaufen. Dabei schlugen die SA-Schergen auf sie ein, bis sie zu Boden stürzten.

Rudolf Loewy wurde nach dieser Tortur mit anderen ins Gefängnis nach Augsburg gebracht. Das war die Vorstufe zum Konzentrationslager Dachau, das war der jüdischen Bevölkerung bekannt. Der Patriot Loewy wollte seine Verhaftung nicht so ohne Weiteres hinnehmen. Er gab den Faschisten zu verstehen, dass er vier Jahre lang für sein Vaterland gekämpft habe, dass er Träger des EK 1 und zu 50 Prozent kriegsbeschädigt sei. Doch zu seiner Überraschung reagierten die SA-Schergen darauf äußerst feindselig. Sie schrien ihn an: "Du Saujud, wir pfeifen auf dein EK 1 und auf deine Kriegsverletzung. Halt's Maul, sonst kannst du was erleben."

Da begriff Rudolf Loewy endgültig den Ernst der Lage und beschloss, mit seiner Familie ins Ausland zu flüchten, sollte er jemals wieder aus dem Gefängnis herauskommen. Nach drei Tagen wurde er plötzlich entlassen. Für Esther gibt es dafür zwei mögliche Gründe:

Zum einen war eine alte Jüdin gestorben, die beerdigt werden musste. Der Rabbiner war am 9. November so schwer verletzt worden und lag im Krankenhaus, so dass er dazu nicht in der Lage war. Mein Vater war sozusagen dessen Stellvertreter und übernahm dann diese Pflicht. Zum anderen ist es möglich, dass er entlassen wurde, weil er "Halbjude" war, seine Mutter war ja Christin - oder wie es damals hieß "arisch".

Der 9. November 1938 sei der Test gewesen, "inwieweit die deutsche Bevölkerung bereit war, mitzugehen mit dem Terror der Hitler-Faschisten", sagte Esther Bejarano später rückblickend. Mit den jüdischen Geschäften schwanden die letzten Verdienstmöglichkeiten für die jüdische Bevölkerung und die letzten Ausbildungsplätze für jüdische Jugendliche. Die "arischen" Geschäftsleute durften keine jüdischen Menschen einstellen - und die meisten wollten das auch gar nicht. Jüdische Arbeitskräfte wurden erst später interessant, als sie brutal in Zwangsarbeit ausgebeutet werden durften.

Vorbereitung auf die Auswanderung nach Palästina

Die Eltern gaben ihre jüngste Tochter schließlich in ein Vorbereitungslager zur Ausreise nach Palästina - "Gut Winkel" in der Nähe von Berlin und später in eine Aliah-Schule, ein Landwerk, in dem die Jugendlichen auf das Landleben in Palästina vorbereitet wurden, in Ahrensdorf. Esther war damals gerade 15 Jahre alt. Innerhalb von fünf Jahren musste sie sich von ihren Freundinnen, ihrem geliebten ehemaligen Kindermädchen Käthchen, ihren Geschwistern und den Eltern trennen und mehrfach umziehen. Im normalen Verlauf des Heranwachsens sind gerade die Jahre der Pubertät enorm wichtig für die weitere Entwicklung der Persönlichkeit. Jugendliche sollten sich ausprobieren können und dabei von Erwachsenen gestützt und geleitet werden.

Esthers Pubertät fand im Ausnahmezustand statt, unter ständiger physischer Bedrohung, geprägt von harter Arbeit und dem Verlust aller vertrauten Personen und Orte um sie herum. Dieses Schicksal teilte sie mit den anderen Jugendlichen im Lager, in dem sie später interniert war, deshalb wurde die Gemeinschaft sehr schnell zum Familienersatz für alle. Viele der Mädchen, die sie in Ahrensdorf kennenlernte, würden sie die nächsten Lebensjahre begleiten: zunächst ins Arbeitslager, dann nach Auschwitz.

Im Juni 1941 wurde die Landwerke von den Nazis geschlossen, Esther wie die anderen Jugendlichen auch als Zwangsarbeiterin rekrutiert und in einem Arbeitslager interniert. Dabei hatte sie Glück im Unglück: Sie verrichtete ihren Arbeitsdienst bei einer Familie, die ein Blumengeschäft betrieb und sie einigermaßen anständig behandelte.

Der Horrortrip endete in Auschwitz

Anfang April 1943 wurde das Arbeitslager geschlossen. Die Jugendlichen durften nur einen Koffer mitnehmen und wurden mit Lastautos in ein Sammellager in der Großen Hamburger Straße in Berlin gebracht. Innerhalb weniger Tage waren dort mehr als 1.000 jüdische Menschen. Dass sie auf dem direkten Weg in die Hölle war, ahnte Esther damals noch nicht: "Am 20. April '43 wurden wir in Viehwaggons auf Transport geschickt. Wohin die Reise geht, wussten wir nicht. Die Waggons waren überfüllt und wir konnten uns kaum bewegen. Wenn wir mal austreten wollten, mussten wir über die Menschen steigen, um an die Kübel in der Ecke zu gelangen. Die Luft in den Waggons war miserabel und wurde immer schlechter."

Esther erinnerte sich, dass viele alte und schwache Menschen diesen mehrere Tage dauernden Horrortrip in den Viehwaggons nicht überlebten: "Ihre Leichen blieben die ganze Zeit in den Waggons. Nach ein paar Tagen nicht beschreibbaren Erlebens hielt endlich der Zug und die Türen wurden geöffnet. Wir stiegen aus und einige zivil gekleidete Männer begrüßten uns ganz freundlich. Es hieß, wir kämen in Arbeitslager, Frauen und Männer getrennt. Etwas entfernt von der berühmten Rampe standen einige Lastautos."

Die Bedeutung dieser Rampe sollten Esther und die anderen Gefangenen später kennen lernen, an dem Tag ihrer Ankunft dachten sie sich noch nichts dabei, als es hieß, kranke und gehbehinderte Menschen, Mütter mit kleinen Kindern, schwangere Frauen und Frauen über 45 Jahre sollten auf die Lastautos steigen, da der Weg zum Lager ziemlich lang sei. Im Gegenteil, es schien eine freundliche Geste zu sein: Viele stiegen bereitwillig auf die Autos, die sie direkt in die Gaskammer brachten.

Esther und die anderen Frauen marschierten, bis sie zu einem großen Tor kamen. "Arbeit macht frei" stand dort in großen Lettern geschrieben. An die dann folgende Begrüßung konnte sie sich später noch sehr genau erinnern:

Als wir durch das Tor kamen, wurden wir von den SS-Frauen und -Männern mit folgenden Worten begrüßt: "So, ihr Saujuden, jetzt werden wir Euch mal zeigen, was arbeiten heißt".

41948 - eine Zahl, die ihr Leben prägen sollte

Die Frauen wurden in eine große Halle getrieben, die so genannte Sauna. Die Koffer mussten auf der Rampe stehen bleiben und alle mussten sich vollständig entkleiden. Die SS-Männer blieben dabei als die Frauen sich auszogen und amüsierten sich köstlich, während viele der Frauen vor Scham anfingen zu weinen. Nackt wurden ihnen die Haare geschoren. "Wir wurden dadurch so sehr entstellt, dass wir manche gar nicht wieder erkannten." Dann mussten alle unter eine kalte Dusche und hinterher in einen Heißluftraum, wo sie getrocknet wurden. "Dort hatten wir das Gefühl, zu ersticken. Dann wurden wir tätowiert, das heißt, wir standen alle in einer Reihe und mussten warten, dass uns eine Nummer in den linken Arm geritzt wurde. Ich bekam die Nummer 41948. Namen waren damit abgeschafft, wir waren nur noch Nummern."

41948, diese Zahlen habe sich damals genauso unauslöschlich in ihre Haut gebrannt, wie die Erinnerung an das, was sie in der Hölle von Auschwitz erwartete. Nach der Tätowierung bekamen sie Sträflingskleider zugeteilt, da war ihnen klar: "Wir sind hier in einem Konzentrationslager, solche Kleidung gibt es nicht in einem gewöhnlichen Arbeitslager." Esther und ihre Freundinnen und Freunde waren in Polen, in Auschwitz, im Lager Birkenau.

Ich weiß noch, dass ich gedacht habe, nachdem ich die Nummer eintätowiert bekam: "41.947 Menschen waren also schon vor mir hier. Wo sind die bloß alle?"

Einige der Blockältesten fanden heraus, dass Esther eine wunderbare Interpretin der Werke von Schubert, Bach, Mozart und anderen Komponisten war. Sie ließen sie singen, dafür bekam Esther ein Stück Brot oder manchmal auch Wurst extra. Eines Tages suchte die Dirigentin Tschaikowska auf Befehl der SS nach Musikerinnen für das so genannte "Mädchenorchester". Die Blockältesten schlugen Esther und zwei Mitgefangene vor. Die Mädchen sollten zur Prüfung in die Musikbaracke gehen. Die eine sollte Geige, die andere Flöte und Esther Akkordeon vorspielen.

Das Ganze hatte nur einen Haken: Esther konnte überhaupt nicht Akkordeon spielen. Sie hatte zwar Klavier spielen gelernt, aber noch nie in ihrem Leben Akkordeon gespielt. Ein Klavier gab es nicht, also blieb ihr nichts anderes übrig, als ihr Glück zu versuchen. Und das klappte sogar:

Obwohl ich noch nie ein Akkordeon in der Hand hatte, konnte ich sogar den Schlager "Bel Ami" spielen. Es war für mich wie ein Wunder, dass ich die richtigen Akkorde erwischte. Die Tschaikowska hatte zwar gemerkt, dass ich nicht Akkordeon spielen konnte, aber sie hatte auch mein Talent erkannt und ging davon aus, dass ich das sehr schnell lernen würde. Die anderen beiden wurden auch akzeptiert und so zogen wir drei in die Baracke, in der die Musikerinnen schliefen. Jetzt waren wir Funktionshäftlinge und wohnten in der Funktionsbaracke.

Alle Funktionärinnen, Läuferinnen, Dolmetscherinnen, Schreiberinnen, Frauen, die in den Effektenkammern arbeiteten und die Musikerinnen wohnten in dieser Baracke, in der richtige Betten standen. Jede hatte ihr eigenes Bett mit Kopfkissen und Bettdecke - sogar mit Bettwäsche. Die Effektenkammern waren voll mit Kleidungsstücken, Schuhen, Waschmitteln, Kosmetiktaschen, kurz, alles, was die Faschisten von den Transporten aus ganz Europa erbeuteten.

Das Hitler-Bild brannte lichterloh

Etwa ein halbes Jahr später wurde Esther im Rahmen eines Programms des Internationalen Roten Kreuzes in das Frauen-KZ Ravensbrück verlegt. Doch bevor sie ihre Reise antreten konnte, musste sie eine ärztliche Untersuchung über sich ergehen lassen - bei Dr. Mengele. In Ravensbrück wurde sie als Zwangsarbeiterin in einem Siemens-Werk eingesetzt und kurz vor Kriegsende auf den Todesmarsch geschickt. Gemeinsam mit einigen anderen Frauen gelang ihr die Flucht und sie hatten Glück und trafen auf sowjetische Soldaten, die die Tätowierungen auf ihren Armen erkannten. Diese brachten die jungen Frauen in einem kleinen Ort in einem Gasthaus unter und nach einer Ruhepause trafen sie sich im Saal und plötzlich war das Martyrium vorbei, wie Esther Bejarano beschrieb:

Während wir so gemütlich zusammen saßen hörten wir auf der Straße plötzlich großen Jubel. Wir liefen alle auf die Straße und sahen, wie die Rote Armee einmarschierte. Die amerikanischen und russischen Soldaten begrüßten sich und lagen sich lachend in den Armen. Die russischen Soldaten berichteten, dass der Krieg vorbei und Hitler tot sei, da waren wir alle glücklich. Ein russischer Soldat holte aus einem Haus ein riesig großes Bild von Adolf Hitler und stellte es mitten auf den Marktplatz. Alle stellten sich rings um das Bild. Ein amerikanischer und ein russischer Soldat zündeten es gemeinsam an. Das Hitler-Bild brannte lichterloh, die Soldaten und wir Mädchen tanzten drum herum und ich spielte Akkordeon dazu. Auch dieses Bild werde ich nie vergessen.

Der 8. Mai 1945 blieb ihr Leben lang ein wichtiges Datum für Esther Bejarano:

Für mich bedeutet dieser Tag die Befreiung der Menschheit von der Geißel des deutschen Faschismus. Ich sage deshalb des "deutschen Faschismus", weil er das grausamste System war, das die menschliche Gesellschaft je hervor gebracht hat - geprägt durch den extremen Antisemitismus. Kein anderer Faschismus hat "Rassentheorien" entwickelt und "Rassengesetze" erlassen.

Deshalb kämpfte sie lange für den 8. Mai als Gedenktag:

Wir Überlebenden fordern, den 8. Mai zum nationalen Feiertag zu ernennen. Das beinhaltet gleichzeitig, sich endlich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Das ist unser Beitrag zu der notwendigen gesellschaftlichen Diskussion über den deutschen Faschismus, den von damals genauso wie den von heute.

Auf ins gelobte Land

Ihre Wege führten sie über Bergen-Belsen, damals ein Deplaced-Persons-Camp, zum Gehringshof in die Nähe von Fulda, ebenfalls ein Deplaced-Persons-Camp, mit einer Zwischenstation im Hauptquartier der US-Streitkräfte in Frankfurt. Den größten Teil der Strecke legte sie zu Fuß zurück. In Frankfurt hoffte sie Hinweise auf den Verbleib ihres Bruders Gerd zu bekommen, der vor dem Krieg in die USA geschickt worden war. Tatsächlich hatte er sich den US-Streitkräften angeschlossen und Esther konnte ihm einen Brief schicken. Ebenso ihrer Schwester Tosca in Palästina. Beide luden sie ein, zu ihnen zu kommen. Esther entschied sich, die Reise nach Palästina anzutreten. Von Fulda aus ging es zunächst nach Frankfurt, dann mit dem Zug nach Marseille und von dort aus nach Palästina.

Auf dem Schiff erhielt Esthers Freude auf das gelobte Land einen ersten Dämpfer: Die Shoa-Überlebenden, die nach Palästina auswandern wollten, waren Reisende zweiter Klasse, die besten Plätze wurden den zahlenden Passagieren zugeteilt. Die Schlafplätze der Flüchtlinge waren im Unterdeck, dort war eine schreckliche Hitze und eine furchtbar stickige Luft, die Esthers Kopfschmerzen, die sie damals sowieso ständig hatte, noch verstärkte. Esther setzte sich einfach über die Regeln hinweg und platzierte sich mit einem Schlafsack, den sie geschenkt bekommen hatte, auf ein leeres Plätzchen im Oberdeck. So waren auch die Nächte zu überstehen.

Am 15. September 1945 legte das Schiff in Haifa an. Voller Erwartung auf ein neues Leben gingen die Menschen von Bord, doch dann kam der große Schock: Die Flüchtlinge wurden in Athlit, ein mit Draht umzäuntes Auffanglager, eingewiesen. Esther erinnerte sich:

Wir hatten uns natürlich vorgestellt, dass wir gebührend empfangen würden. Schließlich hatten nicht viele Auschwitz überlebt. Wir erwarteten, dass uns alle wohl gesonnen waren. Außerdem dachten wir, dass unsere Verwandten im Hafen auf uns warten würden.

Doch daraus sollte nichts werden. Statt des roten Teppichs gab es einen Drahtzaun:

Wir wurden gar nicht richtig empfangen, sondern kamen in ein Lager. Dort waren wir erst einmal ein paar Tage in Quarantäne. Die Begrüßung unserer Glaubensschwestern und -brüder in Palästina war nicht eben überwältigend. Sie haben uns nicht eben das Gefühl vermittelt, willkommen zu sein. Wir wurden von einer Ärztin untersucht, die mir gleich eröffnete, ich sei eine Missgeburt, denn ich hätte ein gekrümmtes Rückgrat. Das hatte mir ja noch nie jemand gesagt. Offen gestanden fühlte ich mich auch nicht als Missgeburt.

Nachdem Zwangsuntersuchung und Quarantäne überstanden waren, begann der Lageralltag, von dem niemand wusste, wie lange dieser Zustand dauern sollte. Die ersten Flüchtlinge bekamen Besuch von Verwandten, doch statt Umarmungen in der angenehmen Atmosphäre einer Empfangshalle mussten alle mit Händeschütteln durch den Stacheldrahtzaun vorlieb nehmen. Hinzu kam, dass die Verwandten sich jahrelang nicht gesehen und sehr verändert hatten. Vor jeder Begrüßung stand das Begutachten der Außenstehenden der Menge innerhalb des Lagers. "Wir kamen uns vor wie Affen im Käfig, die besichtigt werden."

Endlich kam er der ersehnte Tag - und nach acht Jahren Trennung konnten ihre Schwester Tosca und ihr Schwager Hans Lebrecht sie abholen:

"Zwanzig Jahre war ich nun, vor mir lag ein neues Leben...

Das Klima bekam ihr nicht

Dieses Leben brachte tatsächlich viel Neues: Eine Ausbildung zur Sopranistin und neue Bekanntschaften - unter anderem die eines jungen Mannes namens Nissim, der der Vater ihrer Tochter Edna und ihres Sohnes Joram werden sollte. Ganz so romantisch, wie sie sich das immer ausgemalt hatte, war das Leben in Palästina, später in Israel allerdings nicht. Das Klima bekam ihr nicht - weder das meteorologische noch das politische. Vor allem Nissim, überzeugter Kriegsgegner, litt unter der Situation in Israel. Kriegsdienstverweigerung gab es nicht, an die Front wollte er nicht nach mehrfachen Einsätzen als Soldat. Also blieb nur die Auswanderung. Die Möglichkeiten waren indes begrenzt, denn Nissim war in Palästina geboren.

Als Bekannte, die diesen Schritt gewagt hatten, positiv aus "dem Land, in dem alles ganz anders war als vor dem Krieg" berichteten, willigte Esther schließlich ein, nach Deutschland überzusiedeln. Aber sie wollte auf gar keinen Fall nach Saarbrücken oder Ulm, dort würde sie alles an ihre Eltern und ihre Schwester Ruth erinnern, die alle von den Nazis ermordet worden waren. Die Wahl fiel schließlich auf Hamburg, wo die kleine Familie am 1. Juni 1960 ankam.

Israel blieb jedoch immer ihre große Liebe - und ihre große Sorge. Als Mitbegründerin des jüdischen Staates kritisierte sie Zeit ihres Lebens die dortige Regierungspolitik, setzte sich für die Rechte der Palästinenser ein, unterstütze die Free-Gaza-Flotille, die "Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden" sowie die Kampagne "Boykott, Investitionsentzug, Sanktionen" (BDS). Viele Jahre lebte Esther jedoch zunächst einfach ihr Leben, organisierte den Familienalltag, führte mit Nissim eine Reinigung und schließlich eröffnete ihr Mann mit einem Bekannten aus der jüdischen Gemeinde im Umland eine Diskothek namens Blackbird, die anfangs richtig gut lief.

Mitte bis Ende der 1960er-Jahre war die Zeit, in der Berühmtheiten noch in kleinen Clubs auftraten. Gigantische Musikshows, wie wir sie heute von den Rolling Stones oder Pink Floyd kennen, gab es damals noch nicht. Nissim und seinem Partner gelang es, namhafte Künstler für einen Auftritt im Blackbird zu gewinnen. Das kam natürlich bei der einheimischen Landjugend gut an. Doch irgendwie muss sich herumgesprochen haben, dass die Disco von zwei Juden betrieben wurde. Das veranlasste alte und neue Faschisten, das Blackbird zu ihrer Zielscheibe zu machen, erinnerte sich Esther:

Ganze Nazitruppen kamen da rein und haben Schlägereien angefangen. Naja, es dauerte natürlich nicht lange, und die anderen Gäste bleiben weg. Schließlich bat mich der Polizeichef von Uetersen zu sich und legte mir nahe, die Diskothek zu verkaufen. Er sagte: "Das hat keinen Sinn, es gibt so viele Nazis hier. So leid es mir tut, aber das Beste ist, sie machen das Ding wieder zu". Ich habe dann zu Nissim gesagt: "Sieh zu, dass Du den Laden los wirst, egal wie, auch wenn wir draufzahlen müssen". Das hat er dann auch getan und dabei haben wir viel Geld verloren, auch einen Teil meiner Wiedergutmachung.

Die Geburtsstunde der Politikerin Esther Bejarano

Schließlich eröffnete sie eine Boutique. Dann sprach sich schnell rum, wer Esther war und was sie erlebt hatte:

Irgendjemand hatte mich mal gefragt, woher ich komme. Daraufhin habe ich dann gesagt: "Aus Israel". Und irgendwie bin ich nach und nach angefangen, ein bisschen mehr über mich zu erzählen. Ich war so glücklich, Leute zu treffen, die über die Verbrechen der Faschisten Bescheid wussten, so fasste ich Vertrauen. Als dann raus war, dass ich in Auschwitz gewesen bin, wurde ich bekniet, doch in die VVN zu gehen, die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gab, denn ich hatte mich um solche Sachen gar nicht gekümmert. Die Politik war völlig an uns vorbei gegangen.

Doch das sollte sich ziemlich bald ändern. Eines Tages beobachtete Esther, dass vor ihrer Boutique ein Infostand aufgebaut wurde. Neugierig sah sie nach, welche Gruppe das denn wohl sei. Zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass ausgerechnet die NPD da Werbung machen wollte. Dann sah sie, dass eine Gruppe mit Transparenten kam, um dagegen zu protestieren. Kurze Zeit später kam die Polizei und fing an, die Gegendemonstranten zu drangsalieren. Esther stand am Fenster ihres Ladens, beobachtete das Geschehen und traute ihren Augen nicht.

Im Eilschritt verließ sie ihre Boutique und stellte sich auf die Seite der Protestierenden und fing an, mit der Polizei zu debattieren, warum die Nazis schützen. Ein Beamter sagte ihr, sie solle sich da nicht einmischen, sie solle machen, dass sie wieder in ihre Boutique käme. Das war zuviel für Esther. Völlig außer sich packte sie den Beamten am Revers und schrie ihn an: "Wissen Sie überhaupt, was Sie da tun? Wissen Sie, wer diese Leute sind?"

Der Beamte sagte, sie solle ihn loslassen, ansonsten würde er sie festnehmen. "Damit machen Sie mir keine Angst", schrie sie ihn an. "Ich war in Auschwitz und das war schlimmer." Esther hörte noch wie irgendjemand von der NPD zu dem Beamten sagte: "Die war in Auschwitz, das ist eine Verbrecherin. Was wollen Sie von der erwarten?" Esther war völlig schockiert. Diese Konfrontation war die Geburtsstunde der Politikerin Esther Bejarano: "Am nächsten Tag bin ich dann in die VVN eingetreten".

Sie fing an, ihre Geschichte zu erzählen, zunächst im kleineren Kreis, schließlich als Zeitzeugin in Schulen und auf Veranstaltungen. Mit ihrer Tochter Edna, die zwischenzeitig als Sängerin der Band "Rattles" eine Weltkarriere hingelegt hatte, setzte sie mit deren damals aktueller Band "Coincidence" ihre musikalische Karriere fort. Das war eigentlich eine reine Frauenband, doch als eine der Frauen die Band verließ, stieg Joram Bejarano ein und nach und nach änderten sich die Besetzung sowie das Repertoire.

Dieses wurde auf Esther zugeschnitten und im Rahmen des Programms "Lieder für das Leben" präsentierten sie Lieder aus den Ghettos und dem jüdischen Widerstand. Das Lied "Mir lebn ejbig", das häufig mit "wir leben ewig" übersetzt wird, in Wahrheit aber "wir leben trotzdem" heißt, wurde ihr Lebensmotto. Sie engagierte sich für die Friedensbewegung, trat bei Veranstaltungen des Krefelder Appells als eine der "Künstlerinnen für den Frieden" auf und agierte unermüdlich als Zeitzeugin gegen Krieg und Faschismus. Sie wurde Vorsitzende, später Ehrenpräsidentin der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA), gründete mit anderen zusammen das "Auschwitz Komitee in der Bundesrepublik", dessen Vorsitzende sie ebenfalls war.

Im Oktober 2008 wurde sie ausdrücklich für ihr Engagement in der VVN-BdA und dem Auschwitz-Komitee mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Einer von vielen Preisen, den sie für ihr unermüdliches Engagement gegen das Vergessen entgegennehmen konnte.

Eine Einladung, der niemand widerstehen kann

Bis eines Tages ein Unbekannter bei ihr anrief und sagte, er sei von der Mafia. "Wer ist da bitte?" Esther Bejarano traute ihren Ohren nicht, als die Mafia bei ihr zu Hause anrief. "Was will denn die Mafia von mir?" Genau genommen war es die Microphone Mafia, aber das hatte die damals 83-Jährige nicht verstanden. "Ich bin Kutlu Yurtseven von der Microphone Mafia, stellte der Anrufer sich ihr daraufhin noch einmal vor. "Wir sind eine Rap-Gruppe aus Köln." "Aha. Aber: Was wollt ihr von mir?" fragte Esther einigermaßen erstaunt.

Kutlus Anliegen war es, die Hamburger Künstlerin für ein gemeinsames Musikprojekt zu gewinnen. Esther schien es zwar etwas abwegig, mit Rappern zu musizieren, sie lud Kutlu aber trotzdem ein, sie zu besuchen. Sie ließ sich auf ein Treffen ein und war anschließend sichtlich angetan von den "wohlerzogenen jungen Männern". Die rappenden "Mafiosi" hatten sich als zwei nette junge Männer entpuppt, Sohn türkischer Arbeitsmigranten der eine, und Sohn italienischer Arbeitsmigranten der andere.

Weitere Treffen folgten, Edna und Joram sowie die beiden anderen Micophone-Mafia-Rapper Rossi - Rosario Pennino - und DJ Önder Bordakei wurden hinzugezogen. Eine gewagte Idee nahm langsam aber sicher Gestalt an. Texte wurden geschrieben und hin und her geschickt, "Beats" wurden kreiert, es wurde diskutiert, kritisiert, viel gelobt und viel gelacht. So wurde allmählich zusammengefügt, was eigentlich überhaupt nicht zusammen passt: Die eher gesetzteren Klänge der traditionellen antifaschistischen Folklore von Coincidence mit den mitreißenden Rhytmen des Microphone-Mafia-Rap. Dabei legten die einen einen Zahn zu und die anderen nahmen sich etwas zurück.

Das Ergebnis war eine CD mit elf Songs, deren Texte und Musik in den jüdischen Ghettos und Konzentrationslagern entstanden waren oder aus der Feder von Nazim Hikmet, Mikis Theodorakis und Bertold Brecht stammten sowie weltbekannte antifaschistische Songs wie "Avanti Popolo" und "Bella Ciao". Die Originaltexte wurden von Esther und Edna Bejarano gesungen und mit Raps von Kutlu und Rossi angereichert. Dabei spielen die eigenen Erfahrungen, aber auch aktuelle Themen wie Krieg und Finanzkrise eine Rolle.

Die unterschiedlichen Lebenswelten der Beteiligten wurden in einem musikalischen Projekt vereint: Orient traf Okzident, die Jüdin den Moslem, die Atheistin den Christen, Süd traf Nord, alt traf jung, Frau traf Mann, Tradition traf Moderne, Folklore traf Rap, Hamburg trifft Köln, ausdrucksstarke Stimmen trafen auf geniale Musiker, Spannung traf auf Harmonie, Herz traf Verstand, die Familie Bejarano traf die Microphone Mafia - und alle arbeiteten gleichberechtigt nebeneinander. Ihre unterschiedlichen Erfahrungen aus der Vergangenheit brachten die Bejaranos und die Microphone Mafia in der Gegenwart zusammen, um sie mit anderen zu teilen, aus ihnen zu lernen und gemeinsam für eine bessere Zukunft einzutreten.

"Bei dem Projekt prallen Welten aufeinander. Und dieser Aufprall soll die Menschen wachrütteln", kommentierte Kutlu Yurtseven "Per la Vita". Dieser musikalische Urknall ist ein ungewöhnliches künstlerisches Projekt, in dem musikalische Widersprüche harmonisch in Einklang gebracht werden. "Ich bin jetzt unter die Rapper gegangen", verkündete Esther später verschmitzt lächelnd.

Ihr hatte die Idee gefallen, weil Kutlu Yurtseven und Rossi Pennino mit ihrer Musik Jugendliche erreichten. Das war auch ihr Anliegen. Ihre zentrale Botschaft:

Ihr seid nicht Schuld an dem, was damals geschah. Aber Ihr macht Euch schuldig, wenn Ihr nichts über diese Geschichte wissen wollt.

Die ungewöhnliche Mischung, Bejarano - Microphone Mafia traf dann auch einen Nerv und kam gut an - weit über die Grenzen Hamburgs, ja, weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Bis nach Kuba hatte sich das musikalische Crossover aus Folk und Rap herumgesprochen und prompt erfolgte eine Einladung in den Karibikstaat, der die Truppe 2017 folgte. Noch 2021 war Esther als Künstlerin und Zeitzeugin aktiv, aus gesundheitlichen Gründen mussten zuletzt jedoch Termine abgesagt werden.

In Hamburg sagt frau Tschüss

Der Wildfang aus Saarbrücken hatte sich zu einer ernsten und wichtigen Stimme gegen Faschismus und Krieg entwickelt. Die "Frau, so klein mit Hut", wie ein anderer Rapper in Anspielung auf ihre Körpergröße einmal textete, bewies immer wieder Größe. Denn sie redete nicht nur, sondern sie war präsent, beispielsweise wenn wieder mal Nazis aufmarschierten, in Hamburg oder anderswo. Selbst Bombendrohungen hielten sie von Auftritten nicht ab. "Dann haben die Nazis gewonnen", pflegte sie zu sagen. Und genau das wollte sie nicht. Schon als junges Mädchen im KZ hat sie sich geschworen, den Nazis den Triumph nicht zu gönnen, sie umgebracht zu haben. Sie wollte den Neonazis auch nicht den Triumph gönnen, ihre Stimme zum Schweigen zu bringen.

Nun ist diese Stimme für immer verstummt. Die kleine große Kämpferin hat ihren letzten Kampf verloren. Nun ist es an uns, ihre Geschichte weiterzuerzählen und die Erinnerung an sie lebendig zu halten - getreu ihres Lebensmottos "mir lebn ejbig".

Baruch dayan ha'emet - ruhe in Frieden, Esther Bejarano! In Hamburg sagt frau Tschüss. Mach's gut, Esther. Du fehlst schon jetzt.