Klima und Artensterben: Krisenstimmung greift um sich

"Rebellion Day"-Demonstration; Archivbild (17 November 2018). Foto: Julia Hawkins/CC BY 2.0

Die Energie und Klimawochenschau: Von Straßenblockaden, ausgestorbenen Sauriern, Gefahren für die Welternährung und einem globalen Aufruf der Wissenschaftler

In Großbritanniens Hauptstadt London haben am Dienstag Aktivisten der "Extinction Rebellion" am zweiten Tag in Folge diverse Straßen und Brücken blockiert. BBC berichtet über Sitzblockaden und verschiedene Formen, sich an Gegenstände und Fahrzeuge an Verkehrsknotenpunkten anzuketten, sowie über 120 Festnahmen bis Dienstagmittag.

Die junge, inzwischen auch in Deutschland und anderen Ländern organisierte Bewegung geht auf einen dringenden Aufruf zahlreicher britischer Wissenschaftler, Umweltaktivisten und Prominente zurück, die angesichts des Massenaussterbens von Pflanzen- und Tierarten Aktionen zivilen Ungehorsams fordern. Telepolis hatte bereits im November letzten Jahres an dieser Stelle über das entsprechende Manifest aus Großbritannien berichtet, das bereits kurz nach seiner Veröffentlichung zu ersten, ganz ähnlichen Blockaden in London geführt hatte.

In anderen Ländern gab es am Montag ebenfalls Aktionen. BBC zitiert im oben verlinkten Beitrag Aktionen in 80 Städten in 33 Staaten. Beispiel sind das kanadische Halifax und Berlin. Dort gab es am Montagnachmittag, wie der Sender RBB auf seiner Internetseite schreibt und Augenzeugen Telepolis gegenüber berichteten, auf der über die Spree führenden Oberbaumbrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain für zwei Stunden eine Sitzblockade, die schließlich von der Polizei aufgelöst wurde ( Von Fridays for Future zur Extinction Rebellion).

Die Internationale Blockaden-Kampagne soll offensichtlich bis zum Ende des Monats fortgesetzt werden. Hier gibt es eine globale Übersicht über die lokale Gruppen der erst im vergangenen Herbst entstandenen Bewegung. Diese konzentriert sich bisher auf Westeuropa und Nordamerika, wobei es allerdings auch auf anderen Kontinenten Beteiligung gibt, namentlich in West- und Südafrika, Australien sowie in Indien.

Die Aktivisten treibt der drastische Rückgang der biologischen Vielfalt um. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass wir uns inzwischen im sechsten großen Artensterben in der Geschichte des Planeten befinden. Das letzte wurde vor rund 66 Millionen Jahren vom Einschlag eines großen Meteoriten ausgelöst und hat fast alle Saurierarten verschwinden lassen.

Eine der Ursachen der derzeitigen Aussterbens-Welle ist die rasche Verschiebung von Klimazonen durch die globale Erwärmung. In den tropischen Ozeanen kommt es zum Beispiel seit Beginn der 1990er Jahre zum Ausbleichen und Absterben von Korallenriffen im wachsenden Umfang. Diese werden ihrer großen Artenvielfalt wegen auch die tropischen Regenwälder der Meere genannt. Daher sind die Embleme und Plakate der Extinction Rebellion auch auf den Schulstreiks-Demos und bei den Protesten gegen den Braunkohletagebau am Hambacher Forst zu sehen.

Andere Faktoren, die immer mehr Arten verschwinden lassen, sind zum Beispiel die Entwaldung, der zunehmende Flächenverbrauch durch Straßen und Gebäude, die intensive Nutzung der Küsten, der großflächige Einsatz von Pestiziden sowie weit verbreitete Überdüngung oder Verschmutzung und Überfischung der Meere. Letztere werden zudem in den nächsten Jahrzehnten zunehmend durch die Aufnahme von Kohlendioxid aus den menschlichen Aktivitäten versauern, was voraussichtlich viele Nahrungsketten zusammenbrechen lassen wird.

Welternährung in Gefahr

Überhaupt ist die gefährdete Nahrungsmittelversorgung der Menschheit der vermutlich wichtigste Aspekt am Artensterben wie auch ein wichtiger Gesichtspunkt des Klimawandels. In Uganda hat zum Beispiel die Regierung die Bevölkerung aufgerufen, sich auf eine Hungerkrise vorzubereiten. Händler werden vor dem Export von Lebensmitteln gewarnt und Familien aufgefordert, sich ihre Vorräte gut einzuteilen. Der Grund der Warnungen sind ausbleibende Regenfälle und eine sich ausbreitende Dürre, die zu schweren Ernteeinbußen führen könnte.

Die Weltorganisation für Nahrungsmittel und Landwirtschaft FAO hatte Anfang des Monats darauf hingewiesen, dass im Erntejahr 2018/19 etwas mehr Getreide verbraucht als produziert wurde. Dadurch schrumpften die Lagerbestände um 2,4 Prozent, sodass nun noch knapp 850 Millionen Tonnen vorrätig gehalten werden. Das reicht gegenwärtig, um den globalen Bedarf für ein knappes Vierteljahr abzudecken.

Nach einem Bericht der Tagesschau war dies der erste Rückgang seit 2012. Verantwortlich sei die 2018er Dürre in weiten Teilen Europas gewesen. Die FAO bezeichnet den Getreidemarkt dennoch als ausgewogen. Der FAO-Preisindex für Getreide ist seit mehreren Jahren stabil und liegt deutlich unter dem Niveau, das zu Beginn des Jahrzehnts erreicht worden war.

Der große Hunger

Das heißt allerdings nicht, dass die Preise für alle erschwinglich sind. Nach Angaben der FAO sind derzeit weltweit 113 Millionen Menschen von akuter Nahrungsmittelunsicherheit betroffen. Gemeint sind damit jene Menschen, deren Leben oder Lebensgrundlagen aufgrund zu geringer Nahrungsaufnahme bedroht ist.

Die meisten dieser Menschen leben in nur acht Ländern, nämlich in Afghanistan, Syrien, Jemen, Äthiopien, Sudan, Südsudan, Nigeria und in der Demokratischen Republik Kongo. In mindestens zweien davon wird mit deutschen Waffen und in einem auch mit direkter deutscher Beteiligung Krieg geführt. In Syrien trägt die mit Deutschland verbündete Türkei erheblich zum Elend des Krieges bei.

Weitere 143 Millionen Menschen in 42 Ländern seien "nur einen Schritt davon entfernt", akuten Hunger leiden zu müssen. Und das heißt keinesfalls, dass alle anderen gut sieben Milliarden Menschen genug zu Essen hätten. Zum einen liegen aus 13 Ländern - darunter Nordkorea und Venezuela - nicht genug Daten vor, um die dortige Situation einschätzen zu können. Zum anderen wird die Zahl der weltweit an Unterernährung leidenden Menschen auf rund 800 Millionen Menschen geschätzt.

Diese Zahl ist seit längerem annähernd konstant und eigentlich angesichts des wachsenden Reichtums und der mehr als 1,5 Billionen US-Dollar, die jährlich weltweit für Militär und Rüstung ausgegeben werden, ein fortwährender Skandal, der viel über die Verhältnisse auf diesem Planeten aussagt.

Verhältnisse, die in einer Stresssituation, wenn Regionen durch Dürre und Hitze unbewohnbar werden, wenn die Ernte aufgrund von Unwettern und Trockenheit knapp wird, wenn das steigende Meer Küstenstädte wegspült, schnell zu Schlimmeren führten können.

Der Umgang der EU-Staaten mit den Flüchtlingen aus Afrika, die Missachtung jeden humanitären Rechts gegenüber den Schiffsbrüchigen im Mittelmeer, lässt erahnen, wozu die Regierungen der reichen Länder in Krisensituation fähig sind.

Unterstützung für die Schulstreiks

Kinder und Jugendliche haben dafür offensichtlich ein besonders feines Gespür und entsprechend intensiv werden ihre inzwischen in vielen Ländern stattfindenden regelmäßigen Demonstrationen für konsequenten Klimaschutz von den Bequemen und Lethargischen, von den Zynikern und Nationalisten oft extrem und zum Teil latent gewaltbereit angefeindet.

Breite Unterstützung erfahren sie hingegen aus der Wissenschaft. Nach einem deutschsprachigen (über 26.800 Unterzeichner) und verschiedenen anderen auf jeweils nationaler Ebene organisierten Aufrufen der Forscher gibt es nun auch einen internationalen Appell aus der Wissenschaft zur Unterstützung der Schüler, der kürzlich im Fachblatt Science veröffentlicht wurde.

Der Aufruf fordert Wissenschaftler aller Länder und aller Disziplinen auf, die jungen Menschen zu unterstützen. Zu den Autoren gehören auch einige international bekannte deutsche Klimawissenschaftler wie Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung oder aus Österreich Helga Kromp-Kolb von der Universität für Bodenkultur in Wien. Die Liste der Erstunterzeichner umfasst 51 Seiten.

Die Jugend der Welt hat damit angefangen,beharrlich für den Schutz des Klimas und anderen Grundlagen des menschlichen Wohlergehens zu demonstrieren. Als Wissenschaftler und Forscher, die zuletzt ähnliche Unterstützungsschreiben in unseren Ländern initiiert haben, rufen wir nun unsere Kollegen in allen Disziplinen und in der ganzen Welt dazu auf, diese jungen Demonstranten zu unterstützen. Wir erklären: Ihre Sorgen sind berechtigt, entsprechend dem Stand der Wissenschaft und werden von ihr unterstützt. Die laufenden Maßnahmen, die das Klima und die Biosphäre schützen sollen, sind vollkommen unzureichend.

"Concerns of young protesters are justified", internationaler Appell von Wissenschaftlern zur Unterstützung der Jugend-Klima-Bewegung

Die Autoren verweisen darauf, dass schon eine Erwärmung um zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau erhebliche Gefahren birgt. Wenn sofort mit drastischen Reduktionen begonnen wird, die Emissionen bis 2030 halbiert und bis 2050 auf netto null reduziert würden, gäbe es eine 50-Prozent-Chance, die Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen.

Die reichen Länder hätten, so die Autoren, als die größten Verursacher und Profiteure der bisherigen Emissionen eine ethische Verpflichtung, dieses Ziel schneller zu erreichen. Die hiesigen Schüler fordern, wie berichtet, dass Deutschland bereits bis 2035 soweit reduziert hat, dass es nicht mehr zum weiteren Anstieg der CO2-Emissionen beiträgt. Das kann im begrenzten Umfang auch dadurch geschehen, dass ein schwer zu vermeidender Anteil der Emissionen durch den Entzug von CO2 aus der Atmosphäre kompensiert wird.

Letzteres verbirgt sich hinter dem Begriff "netto null". Viele der technologischen und natürlichen Mittel, mit denen dies erreicht werden könnte, seien schon vorhanden, heißt es. Die junge Generation würde zu Recht einfordern, dass diese eingesetzt werden, um das Ziel einer nachhaltigen Gesellschaft zu erreichen.

Die enorme Graswurzel-Mobilisierung für das youth climate movement - darin eingeschlossen Fridays for Future, School (or Youth) Strike 4 Climate, Youth for (or 4) Climate, and Youth Climate Strike - führt uns vor, dass die Jugend die Lage erkennt. Wir befürworten und unterstützen ihre Forderung nach schnellen und entschiedenen Handeln. Wir betrachten es als unsere soziale, ethische und wissenschaftliche Verantwortung, dass wir in unmissverständlichen Formulierungen deutlich machen: Nur wenn die Menschheit schnell und entschlossen handelt, können wir die globale Erwärmung begrenzen und das Massensterben von Tieren und Pflanzen, das bereits im Gange ist, aufhalten, um eine natürliche Basis für die Versorgung mit Nahrungsmitteln und einer gesunden Basis für die gegenwärtige und künftigen Generationen aufrechtzuerhalten. Das wollen die Jungen erreichen. Sie verdienen unsere Achtung und die volle Unterstützung.

"Concerns of young protesters are justified", internationaler Appell von Wissenschaftlern zur Unterstützung der Jugend-Klima-Bewegung

Diesel-Skandal ohne Ende

Doch hierzulande ist die Bundesregierung offenbar noch nicht einmal willens, geltende Gesetze und Grenzwerte gegenüber der Autoindustrie durchzusetzen und die mit manipulierender Software geprellten Autobesitzer zu ihrem Recht zu verhelfen.

Im Vergleich zu den Anstrengungen, die der Klimaschutz erfordert, wäre das sicherlich noch eine relativ kleine Aufgabe, käme diesem aber zugleich zugute, wenn es zu weniger und sparsameren Autos und vor allem zu einem verbesserten ÖPNV führen würde.

Doch derlei ist nicht in Sicht. Der Dieselskandal zieht munter weiter sein Kreise. Über die neuen Vorwürfe gegen Daimler sowie über die Anklageerhebung gegen ehemals führende VW-Manager haben wir ja bereits berichtet. Ebenso über eine US-amerikanische Studie, die sehr deutliche Hinweise auf Entwicklungsverzögerungen mit Feinstaub- und Ozonbelastungen gibt.

Das Verbindungsglied zum Dieselskandal sind die Stickoxide, die sowohl einen Teil der Feinstaubbelastung ausmachen als auch bei den entsprechenden Wetterbedingungen die Katalysatoren für die Entstehung des bodennahen Ozons sind. (Das ist erstens nicht mit der sehr wichtigen Ozonschicht in der höheren Atmosphäre zu verwechseln und zweitens ein sehr potentes, wenn auch zum Glück kurzlebiges Treibhausgas.)

UBA: Grenzwerte absenken

Dabei sind die bisherigen, in vielen Städten nicht eingehaltenen und von manchem konservativen und rechtsextremen Politiker in Frage gestellten Grenzwerte nach der Ansicht vieler Experten nicht niedrig genug, um die Schwächsten, das heißt Kinder, Alte und Asthmatiker, zu schützen. Daher fordert das Umweltbundesamt eine Absenkung der Grenzwerte, was den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO entspräche.

Die Verringerung der Lebenszeit durch Luftschadstoffe in Deutschland werde auf 2,4 Lebensjahre geschätzt, wird der Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie, Jos Lelieveld, zitiert. Für 20 Prozent davon sei der Verkehr verantwortlich.

Eine weitere Feinstaubquelle sind übrigens die Kohlekraftwerke, deren schnelle Stilllegung auch für den Klimaschutz dringend notwendig wäre. Die Schüler fordern den Ausstieg aus der Kohle bis 2030 und die Stilllegung von einem Viertel der Kraftwerke noch in diesem Jahr.