Klimanotstand in der Weltgesellschaft

Weil die Europäer in der Klimapolitik ihre imperiale Lebensweise retten wollen, werden auf anderen Kontinenten Ökosysteme und nachhaltige Kulturen geopfert

Im Herbst 1973 erschien in deutschen Medien eine Serie ganzseitiger Anzeigen mit fettgedruckten Botschaften in großen Lettern: "Das Auto schafft mehr Probleme als es löst", und "Das Auto formt die Gesellschaft, kann sein, dass es sie vernichtet". Dahinter steckte keine radikale Umweltinitiative, sondern der italienische Autohersteller Fiat. Er machte Werbung für seine sparsamen Kleinwagen, indem er an eine damals sehr verbreitete konsumkritische Haltung anknüpfte.

Kritik an der Konsumgesellschaft war in den Jugendbewegungen der 70er Jahre, die auf den 68er-Aufbruch folgten, eine Grundhaltung, die auch in die Breite der Gesellschaft ausstrahlte. Man distanzierte sich vom "Konsumterror" und von einem Leben als "Konsumidiot". Intellektuelle wie Pier Paolo Pasolini oder Ivan Illich kritisierten den aufkommenden Konsumismus als Zerstörung von Individualität und Selbstbestimmung. "Es ist klar, dass überflüssige Güter das Leben überflüssig machen", konstatierte Pasolini in seinen "Freibeuterschriften". Im Konsumismus sah er eine "neue Form des Totalitarismus", eine "Diktatur des Konsums, die Körper und Köpfe gleichschaltet".

Damals war die Anzahl der Autos auf den Straßen noch ziemlich überschaubar. Niemand flog übers Wochenende in eine europäische Hauptstadt, um dort auf Partys zu gehen. Und kaum jemand kam auf die Idee, sich alle paar Wochen neue Klamotten kaufen zu müssen. Konsumkritik mündete nicht in moralisierenden Aufrufen zum Verzicht. Im Gegenteil, ihr Grundtenor war die Suche nach dem guten, schönen und selbstbestimmten Leben, jenseits der Zwänge von entfremdeter Arbeit und vorgegebenen Konsummustern.

Sie bildete das Fundament für Aufbrüche zu neuen Lebensformen. Man zog aufs Land, begann ökologisch anzubauen, gründete Theatergruppen, töpferte, besetzte alte Häuser, die abgerissen werden sollten und experimentierte mit gemeinschaftlichen Formen des Arbeitens und Lebens. Nebenbei entstanden die Fundamente für das, was wir heute an ökologischer Wirtschaft und Infrastruktur haben: Ökologische Landwirtschaft, Bioläden, Umweltorganisationen, wissenschaftliche Institute, grüne Parteien.

Tanz auf dem Vulkan

Auf der großen Madrider Demonstration anlässlich der Weltklimakonferenz im Dezember konstatierte Greta Thunberg nüchtern: "Wir streiken seit mehr als einem Jahr, und es ist praktisch nichts passiert." Tatsächlich ist in der Politik wenig Konkretes geschehen, und in der Gesellschaft ist so etwas wie Aufbruchsstimmung nicht zu spüren. Auch 2019, im Jahr der Klimastreiks, der Hitzewellen und brennenden Wälder, ist die Zahl der Flugreisen in Deutschland weiter gestiegen und es wurden mehr SUVs gekauft als je zuvor.

Das liegt möglicherweise daran, dass die Jugendbewegung, die heute weltweit gegen die Zerstörung der natürlichen Lebensbedingungen auf die Straße geht, ihre Akzente so vollkommen anders setzt als ihre Vorläuferbewegung in den 70er Jahren. Bei Fridays for Future steht nicht die Befreiung des Lebens aus wirtschaftlichen und sozialen Zwängen im Vordergrund, sondern Forderungen an die Politik, die allesamt schrecklich vernünftig sind, aber niemanden aus seinem bequemen Sessel reißen: die Einhaltung des 1,5°C-Ziels, "Nettonull"-Emissionen von CO2, die Orientierung der Politik an der Wissenschaft.

Im Fokus steht nicht das, was die Konsumgesellschaft hier und heute mit uns macht, mit unseren Körpern und Köpfen, sondern das, was in Zukunft verloren gehen könnte. Angesichts des Klimawandels und seiner absehbaren verheerenden Auswirkungen wird das Ziel darin gesehen, zu retten - den Planeten, aber auch möglichst viel Lebensqualität. Das aktuelle Lebensmodell mit seinen vielfältigen Angeboten verwandelt sich in dieser Logik des Rettens fast in einen Idealzustand, von dem man möglichst viel für die Zukunft behalten will.

So ist es eigentlich kein Wunder, dass die Konsumbürger der heutigen Zeit, auch dann, wenn sie die Problematik des Klimawandels grundsätzlich einsehen, gerne noch einmal richtig zulangen, solange das noch möglich ist. Schließlich wird der Konsum umso attraktiver, wenn es vielleicht die letzte Gelegenheit ist. Ökologisch orientierte Politik verwandelt sich in eine Zumutung, wenn sie nicht mehr von einer gesellschaftlichen Utopie geleitet wird. Den Bürgern bringt sie vor allem höhere Kosten, garniert mit moralisierenden Aufforderungen zum Verzicht.

Die Politik versucht nun logischerweise, diese Zumutungen möglichst gering zu halten, schließlich wollen die Parteien ja wieder gewählt werden. Sie sucht nach Wegen, die im Leben des Konsumbürgers möglichst wenig verändern sollen. So richten sich alle Erwartungen auf technologische Innovationen. Sie sollen das Wunder vollbringen, den Lebensstandard in den reichen Konsumgesellschaften des Nordens zu retten, ohne den Planeten dabei vollends zu ruinieren. Der imperiale Lebensstil soll durch technische Innovationen in eine "klimaneutrale" Zukunft geführt werden. Man muss dabei nur fest daran glauben, dass das möglich ist.

Die neue Glaubensrichtung hat mittlerweile auch die Grünen voll in ihren Bann gezogen. Früher einmal Inbegriff des Konsumbürger-Schrecks, bemühen sie sich nun, beruhigende Botschaften auszusenden. "Das Auto verschwindet erstmal nicht", bekräftigte Anton Hofreiter kürzlich in einem Interview. Mit einer interessanten Begründung: Es sei "essentiell, dass Deutschland künftig vorn dabei ist, abgasfreie Autos zu produzieren". Das würde "unsere Wettbewerbsfähigkeit erhöhen". Nach dieser Logik dürfen wir uns auf keinen Fall für autofreie Städte und eine deutliche Reduzierung des Individualverkehrs einsetzen. Denn dann würden womöglich nicht genügend Elektroautos nachgefragt, die globale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Autokonzerne würde leiden, und damit ein "essentieller" Baustein für unsere klimafreundliche Zukunft, so wie sie sich die Grünen vorstellen. Auch Annalena Baerbock wirbt für eine Politik, die "den Wohlstand unserer Gesellschaft sichert, ohne unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu ruinieren". Auch sie richtet folglich alle Erwartungen auf den technologischen Wandel. Um diesen anzuspornen, setzt Baerbock auf die "Wucht der Märkte", die "Innovationen entfachen" können.