"Klimapolitische Untätigkeit"

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Die Energie- und Klimawochenschau: Von Dürreverlusten der Landwirtschaft, dem Versagen der deutschen Klimapolitik, geothermischem Kühlen und nutzlosem Geoengineering

Der Deutsche Bauernverband (DBV) rechnet mit noch größeren Ernteausfällen aufgrund der Dürre als bisher angenommen. "Selbst in den norddeutschen Regionen ist die Ernte ungewöhnlich weit und zeigt das katastrophale Ausmaß der Dürreschäden. Die Erntemengen bleiben deutlich hinter unseren ohnehin geringen Erwartungen zurück", sagte Präsident Joachim Rukwied anlässlich des zweiten Ernteberichtes des DBV. Die Ausfälle könnten in einer Größenordnung von über einer Milliarde Euro liegen.

Die offiziellen Zahlen des Landwirtschaftsministeriums zur Erntemenge von Getreide und Raps werden aber erst Ende August vorliegen. Der Bauernverband fordert schon jetzt eine politische Entscheidung für Dürrehilfen. Besonders in der Tierhaltung droht schon bald Futtermittelknappheit. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat angekündigt, sich diese Woche weiter mit möglichen Hilfsprogrammen zu beschäftigen. Als Sofortmaßnahme möchte Klöckner betroffenen Landwirten erlauben, ökologische Vorrangflächen für den Futtermittelanbau zu nutzen.

Da Dürren wie in diesem Sommer in Zukunft häufiger auftreten könnten, wird die Landwirtschaft wohl langfristig eine andere Strategie brauchen, als Finanzhilfen zu fordern. Vorschläge zu einer Umstrukturierung der Landwirtschaft finden sich beispielsweise in einem Klima-Nothilfeplan, den der BUND am 8. August veröffentlicht hat.

In Bezug auf die Landwirtschaft fordert der Umweltverband, eine Abkehr von der exportorientierten Fleischproduktion. Momentan werden in Deutschland 17 Prozent mehr Fleisch erzeugt, als hierzulande verzehrt werden. Bis 2050 will der BUND den Tierbestand halbiert wissen. Außerdem sollte eine auf den Klimawandel reagierende Landwirtschaft Böden besser schützen - durch den Aufbau von Humus, was Bestandteil der ökologischen Landwirtschaft ist.

Bundesregierung wie auch die Bundesländer und die EU müssten die Umstellung von Betrieben und Beibehaltung ökologischen Anbaus weiter fördern. Vorgaben zu einer klimaschonenderen Landwirtschaft sollten auch in der Gemeinsamen Europäischen Agrarpolitik verankert werden. Doch die vom BUND vorgeschlagenen Sofortmaßnahmen betreffen nicht nur die Landwirtschaft. Der Bundesregierung wirft der Verband "klimapolitische Untätigkeit" vor. Einmal mehr fordert er das schnelle Abschalten der klimaschädlichsten Kohlekraftwerke sowie einen Kohleausstieg vor 2030 und ein Moratorium für neue Tagebaue und Tagebauerweiterungen.

"Es kann nicht sein, dass in Zeiten der sich verschärfenden Klimakrise Energiekonzerne wie RWE noch wertvolle Wälder roden, obwohl die Tage der Braunkohle längst angezählt sind", heißt es mit einem deutlichen Bezug zum Hambacher Forst. Dieser ist nämlich ab Herbst erneut von einer Rodung für den Tagebau Hambach bedroht, die im letzten Winter gestoppt werden konnte. Klimaaktivisten halten seit Jahren Bäume in dem Wald besetzt, um sie vor der Fällung zu schützen. Nun fürchten sie, dass die Baumhäuser bereits zwischen dem 22. August und dem 22. September geräumt werden könnten, entsprechende Informationen seien ihnen zugespielt worden.

Zurück zu den weiteren Forderungen des BUND, die nicht neu sind, aber seit Jahren nicht umgesetzt werden. Dazu zählen eine schnellere energetische Sanierung des Gebäudebestands und wirksame Maßnahmen, den CO2-Ausstoß im Verkehrssektor zu senken. Ein generelles Tempolimit, Abschaffung von Dieselprivilegien und eine Erhöhung der Steuern für fossile Kraftstoffe könnten sofortige Wirksamkeit entfalten. Auch Flugbenzin müsse besteuert werden, damit Fliegen im Vergleich zu anderen Vekehrsmitteln unattraktiver würde.

In diesen Tagen haben viele Flüsse die für Fische kritische Temperatur von 28 Grad Celsius erreicht. Trotzdem hätten viele Kraftwerke und Industrieanlagen immer noch Ausnahmegenehmigungen, ihr erwärmtes Kühlwasser einzuleiten. Diese Genehmigungen müssten zurückgezogen werden, um ein großes Fischsterben zu vermeiden. Außerdem könnten Naturschutzmaßnahmen wie die Renaturierung von Mooren und Feuchtgebieten dazu beitragen, extreme Dürren wie auch starke Niederschläge abzumildern. Moorböden seien zudem wichtige Kohlenstoffspeicher. Auch für die Renaturierung bedarf es entsprechender Fördermittel.

Ein interessanter Vorschlag, damit in Klimaschutzbelangen endlich etwas passiert, kam Anfang vergangener Woche vom niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies. Der möchte den Klimaschutz nämlich in die Landesverfassung aufnehmen. Folglich müssten dann alle neuen Gesetzvorhaben, Maßnahmen und Planungen auf ihre Klimaverträglichkeit geprüft werden. Gegen klimaschädliche Vorhaben und Gesetze könnte dann auch geklagt werden. Der Verfassungsrang würde zwar keine konkreten Klimaschutzmaßnahmen ersetzen, diese aber mit Sicherheit vorantreiben.

Auf EU-Ebene läuft bereits eine Klimaklage, die nun vor Gericht zugelassen wurde. Zehn Familien sehen sich durch die bisherige, zu lasche Klimapolitik der EU in ihren Grundrechten verletzt.

Als letzte Maßnahme gegen den Klimawandel werden unter dem Oberbegriff "Geoengineering" immer wieder technische Manipulationen am Klimasystem ins Spiel gebracht. Eine Idee besteht darin, die Sonneneinstrahlung zu mindern, indem große Mengen von Schwefelpartikeln in der Atmosphäre verteilt würden, vergleichbar etwa mit dem Effekt eines großen Vulkanausbruchs.

Tatsächlich kühlte sich die Temperatur auf der Erde nach dem Ausbruch des Pinatubo 1991, der die Sonneneinstrahlung auf der Erde um 5 Prozent verringerte, um ein halbes Grad ab. Wissenschaftler der University of California Berkeley haben sich nun mit der Frage beschäftigt, wie sich eine solche Verdunkelung durch Schwefelpartikel auf des Pflanzenwachstum auswirken würde.

Versuche brauchten sie dazu nicht zu unternehmen, denn sie konnten auf Daten zurückgreifen, die nach großen Vulkanausbrüchen erhoben wurden. Letztlich würde der Verlust von Sonnenlicht das Pflanzenwachstum bremsen, den positiven Effekt kühlerer Temperaturen also aufwiegen. "Die unbeabsichtigten Einflüsse des solaren Geoengineerings auf die Landwirtschaft sind genauso groß wie der Nutzen", sagte Leitautor Jonathan Proctor von der UC Berkeley. "Es ist ein bisschen, als würde man experimentelle Chirurgie betreiben. Die Nebenwirkungen der Behandlung scheinen so schlimm zu sein wie die Krankheit selbst."

Nicht brandneu, aber dennoch zukunftsweisend ist dieKombination von geothermischem Kühlen und Heizen, die das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) wissenschaftlich begleitet. In sogenannten Aquiferspeicher, d.h. grundwasserführenden Schichten im Untergrund wird überschüssige Wärme gespeichert, die dann bei Bedarf wieder zum Heizen genutzt werden kann. Voraussetzung ist, dass das Wasser in den Aquiferen kaum fließt, damit die Wärme langfristig gespeichert bleibt.

Seit 2009 versorgt ein solcher Speicher ein Hotel und zwei Bürokomplexe am Rheinufer, deren Daten die Karlruher Forscher auswerten. Laut Betreiber werden bis zu 80 Prozent der Wärme- und Kälteversorgung der Gebäude geothermisch erzeugt. Der Kühlbedarf setzte in letzter Zeit immer früher, teilweise schon im März, ein. Auch das Reichstagsgebäude in Berlin wird über einen Aquiferspeicher beheizt und gekühlt.

Die Karlsruher Forscher wollen weitere Demonstrationsprojekte schaffen und die Technik so bekannter machen. Sie kommt ihrer Einschätzung nach am ehesten für große Gebäude aber auch für Nahwärmenetze in Betracht. Der Energiebedarf für Klimaanlagen könnte bis 2100 auf das 33fache ansteigen, glauben die Karlsruher Forscher, daher ist die Entwicklung alternativer Kühlmethoden dringend erforderlich. In den Niederlanden würden die Aquiferspeicher bereits stärker genutzt, etwa für Gewächshäuser oder Rechenzentren. (Jutta Blume)

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