Klimaschutz ist machbar

IPCC legt einen Überblick über Strategien zur Reduktion der Treibhausgase und ihren ökonomischen Folgen vor

In Bangkok hat am Freitag die Arbeitsgruppe III des UN-Klimarates IPCC ihren Bericht vorgelegt. Genauer gesagt: die Zusammenfassung für Politiker. Aufgabe der Arbeitsgruppe war es, Strategien aufzuzeigen, wie die Treibhausgasemissionen vermindert werden könnten. Gemeinsam mit den Ergebnissen zweier weiterer Arbeitsgruppen, die im Februar und März über den zu erwartenden Klimawandel (Kein Weckruf, sondern eine gellende Sirene) und seine Folgen (Die Armen trifft es zuerst) berichtet haben, werden die Untersuchungen und Empfehlungen der letzten IPCC-Arbeitsgruppe demnächst in einem neuen Sachstandbericht veröffentlicht. Der Wälzer wird wohl an die 1000 Seiten haben.

Im Vorfeld hatte es mal wieder einiges Gerangel gegeben. Seit Montag waren die verantwortlichen Autoren der einzelnen Kapitel in Thailands Hauptstadt Bangkok mit Vertretern der UN-Mitgliedsländer zusammengekommen, um den Text der Zusammenfassung auszuhandeln. Vertreter Chinas hatten bei dieser Gelegenheit einen Verweis auf die historische Verantwortung der Industriestaaten für den Anstieg der atmosphärischen CO2-Konzentrationen verlangt. Unterstützt wurde der Vorstoß von den indischen und brasilianischen Delegationen. Hintergrund ist die Tatsache, dass der bisherige Anstieg der atmosphärischen CO2-Konzentration von ursprünglich 280 auf 380 Millionstel Volumenanteilen (ppm, parts per million) nahezu ausschließlich auf das Konto der Industriestaaten geht.

Wie sich aus den historischen Emissionsdaten des Carbon Dioxid Information and Analysis Center in Oak Ridge, Tennessee, ergibt, hat es das bevölkerungsreiche China von 1903 bis zum Jahre 2000 mit 71,46 Milliarden Tonnen aufsummierter CO2-Emissionen nur auf ein wenig mehr gebracht als Deutschland mit seinen 67,8 Milliarden Tonnen CO2. Indien fällt hingegen mit 21,87 Milliarden Tonnen weit zurück. Einsamer Spitzenreiter sind die USA mit 285,52 Milliarden Tonnen akkumulierter CO2-Emissionen.

CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre sind von vorindustriellen Zeiten von 280 auf derzeit rund 380 Millionstel Volumenanteile (ppm) angestiegen. Die älteren Daten stammen aus Luftbläschen, die im antarktischen Gletschereis konserviert wurden, die jüngeren aus direkten Messungen auf dem hawaiianischen Vulkan Mauna Loa. Grafik: Scott Doney, Woods Hole Oceanographic Institution

Die Schwellenländer konnten sich mit ihrer Meinung in Bangkok zwar nicht durchsetzen, aber verklausuliert enthält der Bericht dennoch für jeden, der lesen kann, einen klaren Hinweis darauf, wie die Verantwortung verteilt ist: Zwei Drittel bis drei Viertel des Anstiegs der CO2-Emissionen aus dem Energiesektor wird in den nächsten 23 Jahren aus den Entwicklungs- und Schwellenländer kommen, geht es nach den verschiedenen ökonomischen Szenarien des IPCC. Dabei muss man wissen: Diese Szenarien wurden bewusst ohne Klimaschutzmaßnahmen entwickelt, um als Referenz zu dienen. Auf ihrer Grundlage werden die Was-wäre-wenn-Projektionen der Klimafoscher berechnet.

Aber selbst wenn diese Szenarien eintreffen sollten, würden die jährlichen Pro-Kopf-Emissionen in den ärmeren Staaten sich 2030 je nach Entwicklungspfad immer noch bei 2,8 bis 5,1 Tonnen bewegen, während sie im reichen Norden bei 9,6 bis 15,1 Tonnen lägen. Derlei Details hört man in Brüssel, Berlin und Washington offenbar nicht so gerne, weshalb es um die Einlassungen der Pekinger Unterhändler viel Wind gab. Aber trotz allen Geschreis, das einige westliche Nachrichtenagenturen um den chinesischen Vorstoß machten, hat die Bangkoker Konferenz aber ihre Arbeit in der vorgesehenen Zeit abgeschlossen. Heraus gekommen ist eine lesenswerte Zusammenfassung, die den Lobbyisten der großen Energiekonzerne vermutlich nicht gefallen wird.

Globale Verteilung stationärer Kohlendioxidquellen. Grafik: IPCC

Während die Lobbyisten immer gerne betonen, Klimaschutz dürfe nicht zu viel kosten, verweisen die IPCC-Autoren auf die ökonomische Fachdiskussion. Diese geht laut IPCC-Zusammenfassung davon aus, dass selbst bei dem ehrgeizigsten Reduktionsziel die Kosten bis 2030 unter drei Prozent des weltweiten Bruttonationaleinkommens (BNE) bleiben. Die jährliche Wachstumsrate der globalen Wirtschaft würde sich um nicht einmal 0,12 Prozentpunkte verringern. In allen anderen Fällen wären die Wachstumseinbußen noch deutlich geringer.

Generell könnten die gesamtwirtschaftlichen Kosten noch erheblich kleiner ausfallen, wenn das Aufkommen aus CO2-Steuern und die Einnahmen aus Auktionen von Emissions-Zertifikaten für die Förderung erneuerbarer Energien eingesetzt würde. Zusätzliche Kostenminimierung wäre möglich, wenn sich die Klimaschutzpolitik nicht allein auf das CO2 konzentrieren täte, das derzeit für 55 bis 60 Prozent des anthropogenen Treibhauseffektes verantwortlich ist. Außerdem stünden den Kosten für Klimaschutz ein auch ökonomisch gewichtiger Vorteil gegenüber: Die Reduktion der Treibhausgase hätte in allen Regionen des Planeten eine Verbesserung der Luftqualität zur Folge und damit auch geringere Kosten für das Gesundheitswesen.

Wie nicht anders zu erwarten, setzen auch die IPCC-Ökonomen hauptsächlich auf marktwirtschaftliche Instrumente, um den Umbau der Energieversorgung zu forcieren. Allerdings schreiben sie den Regierungen ins Stammbuch, dass Emissionshandel nur dann nennenswerten Sinn macht, wenn die Verschmutzungsrechte auch teuer genug sind. Wenn sie wie in Deutschland verschleudert werden, wo die Regierung sie bisher den Energiekonzernen hinterher geworfen hat, die sie dann auch noch als Phantomkosten auf den Strompreis draufschlugen, ist höchstens mit geringem Nutzwert für das Klima zu rechnen.

Viel wird in den nächsten zehn bis 15 Jahren davon abhängen, welche strategischen Entscheidungen für die Energieversorgung getroffen werden. Weltweit, so der Bericht, werden bis 2030 20 Billionen US-Dollar in diesem Sektor investiert werden. Diese werden wegen der langen Lebensdauer der Anlagen langfristig einen großen Einfluss auf das Niveau der Emissionen haben.

Um bis 2030 die weltweiten CO2-Emissionen aus dem Energiesektor auf das Niveau von 2005 zu beschränken, müsste es einen einschneidenden Kurswechsel bei den Investitionen hin zu den erneuerbaren Energien geben. In Westeuropa ist in den vergangenen Jahren allerdings schon der größte Teil der Erzeugungsleistung im Bereich der erneuerbaren Energien entstanden. Allerdings könnte wohl auch hier das Ruder noch einmal in die falsche Richtung herumgerissen werden, wenn die deutsche Energiewirtschaft tatsächlich ihre Pläne wahr machen sollte, insgesamt rund 40 neue Kohlekraftwerke in die Landschaft zu setzen. Aber vielleicht scheitert das ja schon an steigenden Kohlepreisen, denn immerhin wird auch die Kohle irgendwann knapp werden.

Außerdem könnte eine CO2-Steuer oder ein intelligenter Emissionshandel den Dreckschleudern die ökonomische Attraktivität nehmen. Der IPCC schätzt, dass bei einem Preis von bis zu 50 US-Dollar pro Tonne CO2 die Erneuerbaren ihren Anteil an der Stromproduktion von heute 18 Prozent (derzeit überwiegend Wasserkraft) auf 30 bis 35 Prozent steigern könnten. Das sei auch Beitrag zur Energiesicherheit, würde Arbeitsplätze schaffen und in vielen Ländern die Handelsbilanzen aufbessern. Der Atomkraft traut man unter gleichen Bedingungen nur eine Steigerung von 16 auf 18 Prozent zu.

Den viel diskutierten Biokraftstoffen wird hingegen keine allzu große Bedeutung beigemessen. Bis 2030 könnten sie drei Prozent des Energiebedarfs des Verkehrssektors decken. Im Falle einer erheblichen Steigerung der Effizienz und hoher Ölpreise könnte der Anteil auch auf fünf bis zehn Prozent klettern. Der Wechsel vom Straßenverkehr zur Eisenbahn und – für den Gütertransport – zur Binnenschifffahrt könne helfen, die Emissionen zu reduzieren. Ebenso gäbe es ein großes Potenzial bei der Gebäudeheizung und -Kühlung. 30 Prozent der Emissionen aus diesem Sektor könnten bis 2030 eingespart werden, was sogar zu einem ökonomischen Vorteil führen könnte. Deutsche Mieter können davon angesichts sanierungsunwilliger Hausbesitzer und hoher Heizkosten ein Lied singen.

Eine Absage enthält der Bericht an technokratische Allmachtsfantasien:

Optionen der Geo-Ingenieurskunst, wie die Düngung der Ozeane, um CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen, oder Sonnenlicht durch Material in der oberen Atmosphäre abzuschirmen, bleiben größtenteils spekulativ und mit dem Risiko unbekannter Nebeneffekte behaftet. Vertrauenswürdige Kostenabschätzungen dieser Optionen sind bisher nicht veröffentlicht worden.

Die Umweltschutzorganisation Friends of the Earth (FoE) weist in einem Kommentar des IPCC-Berichts darauf hin, dass es beim Klimaschutz nicht um Rosinenpickerei gehen könne. Eine ganze Bandbreite von Vermeidungsmaßnahmen sei notwendig, und insofern fühlt man sich vom IPCC bestätigt. “Insbesondere begrüßen wir die Feststellung des Berichts”, meint FoE-Klima-Campaignerin Catherine Pearce, “dass die Äderung des Lebensstils Möglichkeiten zur Reduktion der Treibhausgase bietet.” Außerdem müssten die Regierungen in aller Welt nun endlich den erneuerbaren Energien jene Unterstützung zukommen lassen, die bisher fossile und nukleare Kraftstoffe genossen.

Auf jeden Fall ist viel zu tun. Wenn man davon ausgeht, dass Biosphäre und Ozeane etwa die Hälfte der gegenwärtigen CO2-Emissionen aufnehmen, und schon die bisherige Steigerung der Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre ausreicht, das globale Klima um noch ca. ein weiteres Grad aufzuheizen, dann stünden jedem Erdenbürger Emissionen in Höhe von etwa zwei Tonnen CO2 pro Jahr zu (oder CO2-Äquivalenten, wenn die anderen Klimagase eingerechnet werden). Für Deutschland würde daraus eine Reduktion der Emissionen von derzeit etwa 12 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Kopf und Jahr auf zwei Tonnen folgen. Oder anders ausgedrückt: Eine Verminderung des Treibhausgasausstoßes um rund 94 Prozent steht hierzulande langfristig an.

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