Klimaveränderung war Hauptursache beim Aussterben von verwandten Arten des Menschen

Rekonstruktion der Gesichter eines frühen Homo sapiens und eines Neandertalers. Bild: Daniela Hitzemann (links), Stefan Scheer (rechts)/ CC BY-SA-4.0

Nach einer Studie ging dem Aussterben immer eine Klimaveränderung voran, nur Homo sapiens konnte im Unterschied etwa zu den Neandertalern den Klimawandel der Vergangenheit überleben

Massensterben betraf nicht nur andere Lebewesen, sondern es sollen nach einer Studie auch verwandte Arten von Homo sapiens aufgrund von klimatischen Veränderungen durch den Wechsel von Warm- und Eiszeiten untergegangen sein. Die biblische Geschichte von Noah, der sich mit seiner Familie und vielen Tieren auf eine Arche vor dem Untergang rettete, damit die Sintflut überlebte und das Weiterleben der Menschheit und der Tiergattungen sicherte, könnte ein Hinweis auf oder ein Bild für die Geschichte sein, die italienische Wissenschaftler jetzt erzählen. Sie gehen davon aus, dass von den verschiedenen Arten des frühen Menschen nur Homo sapiens den Klimawandel überlebte, weil er in der Lage war, sich besser anzupassen, also nicht so stark von Bedingungen einer bestimmten ökologischen Nische abhängig war. Damit wollen die Wissenschaftler auch bestätigen, dass der von Menschen verursachte Klimawandel die Menschheit tatsächlich bedrohen kann.

Dabei geht es darum, inwieweit die frühen Menschen, die zwischen dem späten und warmen Pliozän und dem mit Eiszeiten einhergehenden Pleistozän lebten, sich an eine Klimaerwärmung oder eine Eiszeit anpassen konnten. Das hätten dann die Arten H. habilis, H. ergaster, H. erectus, H. heidelbergensis oder H. neanderthalensis nicht geschafft.

Die Wissenschaftler arbeiteten für ihre Studie, die in One Earth von Cell Press erschienen ist, mit einem Klimamodell, mit dem über die letzten 5 Millionen Jahre Klimadaten wie Temperatur oder Niederschlag mit einer Auflösung von tausend Jahren angegeben wird. Die Klimadaten verbanden sie mit archäologischen Funden über die Evolution der Menschen und ihrer jeweiligen ökologischen Nische, um zu sehen, welche klimatischen Vorlieben bestanden und wie die frühen Menschen auf den Klimawandel reagierten.

Wurde es den Neandertalern zu kalt?

Im Zentrum steht der Untergang der Neandertaler, die gleichzeitig mit dem Homo sapiens in Europa lebten und etwa 40.000 vor unserer Zeitrechnung ausstarben. Wahrscheinlich starben sie nicht nur wegen der Konkurrenz mit Homo sapiens aus, so die Wissenschaftler, sondern vor allem deswegen, weil sie sich dem klimatischen Wandel mit der Ankunft einer neuen Eiszeit nicht anpassen konnten - und dies trotz technischer Innovationen wie der Nutzung des Feuers, besseren Steinwerkzeugen und Speerspitzen, neuer Bekleidung, komplexeren sozialen Netzwerken und kulturellem und genetischem Austausch mit Homo sapiens.

Damit sollten die vornehmlich an warme Bedingungen angepassten Neandertaler eigentlich geringere Klimaveränderungen überleben können, die die physiologischen Grenzen des Körpers überschritten. Die Neandertaler verließen zuerst die höheren Lagen und wanderten zu den Gegenden, die noch etwas wärmer blieben, aber starben schließlich trotz ihrer technischen und kulturellen Fortschritte aus. Klimatisch war die ökologische Nische zu klein geworden oder ganz verschwunden. Bei den Neandertalern vollzog sich nach den Wissenschaftlern das Aussterben relativ rasch in 2000 Jahren vor 40.000 Jahren, während sich der Kampf ums Überleben beim H. heidelbergensis und H. erectus 100.000 Jahre hingezogen haben könnte.

Bei H. heidelbergensis, H. erectus und H. neanderthalensis stellten die Wissenschaftler fest, dass ihre ökologische Nische kurz vor ihrem Aussterben schrumpfte. Der Verlust der ökologischen Nische sei für ein Überleben zu schnell erfolgt und zu extrem gewesen: "Wir waren überrascht von der Regelmäßigkeit der Auswirkung der Klimaveränderung", sagt Pasquale Raia. "Es war kristallklar, dass die klimatischen Bedingungen für die ausgestorbene Art und nur für sie kurz vor dem Aussterben und nur in diesem Moment zu extrem waren."

Die Studie ist in Teilen sehr spekulativ und kann eigentlich nur eine Korrelation zwischen Klimaveränderungen und Aussterben feststellen. Das Überleben von Homo sapiens bedeutet, dass der moderne Mensch sich besser an Klimaveränderungen (technisch) anpassen kann. Die Wissenschaftler sehen aber die Erfolgsgeschichte von Homo sapiens daran gebunden, dass technische oder kulturelle Fortschritte den Konkurrenten nichts genutzt haben, um den Untergang zu vermeiden. Das könnte eben jetzt auch den Menschen geschehen, die in die selbst verursachte Klimaerwärmung hineingehen und nicht willens sind, entschieden auf die Bremse zu treten.

Selbstverursacht waren die Klimaveränderungen der Vergangenheit nicht, jetzt gibt es auch keine verschiedenen Arten mehr, sondern nur noch Varianten von Homo sapiens. Wenn Homo sapiens aufgrund von genetischen Anpassungen und technischen und kulturellen Mitteln die Klimaveränderungen des Pleistozäns überleben konnte, könnte dies bedeuten, dass wir dazu auch jetzt in der Lage sein können, auch wenn es jetzt nicht mehr um eine Eiszeit, sondern um eine selbst geschaffene Warm- oder Heißzeit geht.

Fragt sich nur, was das "Wir" bedeutet. Sicherlich nicht alle Menschen, sondern nur diejenigen, die in weniger stark betroffenen Regionen leben (und sich abschotten von den Klimaflüchtlingen) und die die Ressourcen besitzen, die klimatischen Bedingungen abzudämpfen. Können wir also durch technische Innovationen eine abrupte Klimaveränderung als Gattung überleben? Das ist eine sehr theoretische Frage, schließlich sind wir abhängig von der natürlichen Umwelt. Und hier findet bereits ein Massenaussterben an Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen statt, das uns auch betreffen wird, worauf die italienischen Wissenschaftler denn auch warnend hinweisen. (Florian Rötzer)