Klimawandel leugnen, Klimaforschung zusammenkürzen

"Wegwerfarbeiter" in Fukushima

Sechs Jahre nach der Atomkatastrophe von Fukushima, bei der es in drei von sechs Reaktoren zu einer Kernschmelze kam, ist das Ausmaß der Verstrahlung noch immer nicht ganz klar. Erkundungsroboter hatten in den Reaktoren extrem hohe Strahlenbelastungen gemessen und kamen nur schlecht voran (Pannenserie in Fukushima).

Die ehemaligen Bewohner der Region werden mittlerweile von der Regierung zur Rückkehr gedrängt, um die weitere Zahlung von Entschädigungen zu vermeiden. Doch die Strahlenbelastung ist noch immer zu hoch, meint Sebastian Pflugbeil, Vorsitzender der Gesellschaft für Strahlenschutz. Mit einer Strahlenbelastung von bis zu 20 Millisievert im Jahr werde die Bevölkerung der Höchstdosis ausgesetzt, die auch für im Atomkraftwerk Beschäftigte gelte.

Zum Jahrestag von Fukushima stellte Pflugbeil zusammen mit dem japanischen Journalisten Tomohiki Suzuki dessen kürzlich auf Deutsch erschienenes Buch "Inside Fukushima" vor. Suzuki hatte sich kurz nach der Katastrophe als Leiharbeiter in Fukushima verdingt und so einen Einblick in die Arbeitsbedingungen vor Ort bekommen. Dem investigativen Journalisten ging es vor allem darum die Rolle der Yakuza - der Organisationen organisierter Kriminalität - aufzudecken. Die Yakuza verfügt seit je her über ein großes Potenzial, Tagelöhner zu mobilisieren, was sie auch nach der Katastrophe von Fukushima tat.

"Eine Hälfte der Firmen hat aus Angst aufgehört, in Fukushima zu arbeiten, die andere Hälfte hat sich über das Riesengeschäft gefreut", sagte Suzuki bei der Buchvorstellung in Berlin. Da niemand so recht wusste, was in den Reaktoren geschehen war und die Strahlenbelastung sehr hoch war, wurden zunächst sogenannte "Wegwerfarbeiter" eingesetzt, deren Leben bewusst aufs Spiel gesetzt wurde.

Suzuki lernte verschiedene Tricks kennen, die Strahlenhöchstdosis zu umgehen, indem das Dosimeter möglichst weit entfernt von der Strahlenquelle getragen oder die Hälfte der Zeit im Pausenraum gelassen wurde. Die Leiharbeiter selbst beteiligten sich an den Tricks, um besser zu verdienen oder schneller wieder arbeiten zu können. Die Auftragspyramide in der japanischen Atomindustrie bestünde aus bis zu acht Ebenen, wobei von dem Geld, das die oberste Ebene für einen Auftrag ausgibt, immer ein Teil hängen bliebe.

Sebastian Pflugbeil machte deutlich, dass die Leiharbeit in radioaktiven Anlagen nicht allein ein japanisches Problem sei, sondern auch in Europa für einfache Arbeiten in AKW häufig Personen ohne Festanstellung eingesetzt würden. Deren tatsächliche Strahlenbelastung sei in Deutschland nur schwer zu überwachen, denn Strahlenpässe würden je Bundesland ausgestellt. So ist es theoretisch möglich, sich nacheinander in mehreren Bundesländern der maximalen Strahlendosis auszusetzen. Die Leiharbeiter hätten es zudem schwerer, durch Strahlung ausgelöste Krankheiten als Berufskrankheit anerkannt zu bekommen.

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