Klimawandel und immer mehr Migration

Das untergehende Dorf Shishmaref auf der Insel Sarichef im Norden Alaskas. Foto: Shishmaref- Erin / CC BY 2.0

Neue Forschungen gehen davon aus, dass es bis zum Jahr 2100 zu einer Verdreifachung der Klimaflüchtlinge kommen könnte, die Zuflucht in Europa suchen

Seit Jahren erstellen Experten immer wieder Projektionen mit anschließenden heftigen Debatten darüber, wie viele Menschen durch Naturkatastrophen, Dürre oder steigendem Meeresspiegel ihre Heimat verlassen und sich auf den Weg in andere Regionen machen werden. Einig ist sich die große Mehrheit der Wissenschaftler, dass der globale Klimawandel stattfindet und weltweit zunehmend Menschen in die Migration treibt.

Schwierig wird es bereits bei der Definition, was ein "Klimaflüchtling" eigentlich ist, der Duden definiert ihn als "Person, die ihre Heimat verlassen hat oder verlassen musste, um den dort herrschenden, insbesondere durch Klimawandel verursachten ungünstigen Umweltbedingungen zu entgehen."

Deswegen sprechen viele Experten (und auch Wikipedia) lieber von "Umweltflüchtlingen". Aber selbst dieser Begriff ist etwas schief, denn eigentlich handelt es sich gar nicht um Flüchtlinge - zumindest nicht nach der Definition der Genfer Flüchtlingskonvention, denn die umfasst nur die Person(en), die "aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt" (vgl. "Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge").

Streng genommen müsste also von Klimamigranten die Rede sein, jedenfalls so lange die Flüchlingskonvention nicht entsprechend erweitert, bzw. ähnliche internationale Abkommen geschlossen wurden.

Eine Forderung, die von Menschenrechts- und Umweltaktivisten schon lange erhoben wird - zuletzt erneut von der globalen Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam) (vgl. Flüchtlingsstatus für die Opfer des Klimawandels?).

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace erstellte bereits 2014 eine Studie, um einen Überblick über den wissenschaftlichen Diskurs zum Thema Klimaflüchtlinge zu geben (vgl. Klimaflüchtlinge - die verleugnete Katastrophe). Andree Böhling, Klimaexperte von Greenpeace, stellte fest:

Das Thema Klimaflüchtlinge weist in unerträglicher Form auf eine doppelte Ungerechtigkeit hin. Während die Ärmsten dieser Welt, die an der Klimaveränderung unschuldig sind, als Erste heftig durch die Erwärmung getroffen werden, verleugnen die Industriestaaten als Hauptverursacher bisher die Existenz der Klimaflüchtlinge und schotten sich mit geltendem Flüchtlingsrecht dagegen ab.

Andree Böhling, Klimaexperte von Greenpeace

Die Greenpeace-Studie kam zu dem Schluss, dass in den nächsten dreißig Jahren 200 Millionen Menschen aus ihren Heimatregionen flüchten müssen, wenn der durch die Menschheit verursachte Klimawandel nicht unverzüglich durch einen starke Reduzierung der Treibhausemissionen ausgebremst wird.

In der wissenschaftlichen und medialen Öffentlichkeit zirkulieren aber auch noch viel höhere Zahlen. So kamen letzten Sommer zwei US-Forscher, die sich mit den Folgen steigender Meeresspiegel durch den Klimawandel beschäftigten, zu dem Schluss, dass bis zum Ende des Jahrhunderts allein zwei Milliarden heutige Küstenbewohner zu Umweltflüchtlingen werden könnten.

Nach Angaben der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNHCR) waren zuletzt 65,6 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Davon blieben rund 40 Millionen innerhalb ihres Landes, so genannte Binnenvertriebene. Einer von drei Flüchtlingen fand Zuflucht in einem der am wenigsten entwickelten Länder der Welt - oft schlicht bedingt durch die geographische Nähe zu den Konfliktregionen.

Aber es gibt realistisch auch wenig Chancen für Geflüchtete, in die reichen Länder zu gelangen. Lediglich 2,8 Millionen Menschen suchten Asyl. Der UNHCR umschreibt die Abwehr von Flüchtlingen durch die Industrienationen sehr diplomatisch: "Es fehlt international an einem Konsens, wenn es um das Thema Aufnahme von Flüchtlingen geht."

Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikten und politischer Verfolgung fliehen, war noch nie so hoch wie heute. Hauptaufnahmeländer waren Ende 2016 die Türkei mit 2,9 Millionen Flüchtlingen, Pakistan mit 1,4 Millionen, der Libanon mit einer Million, der Iran mit knapp 980.000, Uganda 940.000 und Äthiopien mit rund 790.000 - in Deutschland lebten zum gleichen Zeitpunkt 670.000 (vgl. UNHCR Zahlen & Fakten).

Aktuell erschrecken US-Forscher mit ihren Berechnungen zu den künftigen Klimaflüchtlingen, die nach Europa drängen könnten. Anouch Missirian und Wolfram Schlenker von der Columbia University in New York veröffentlichten kürzlich im Wissenschaftsmagazin Science ihre neue Studie zur Erderwärmung und Migration, die von der Gemeinsamen Forschungsstelle, dem wissenschaftlichen Dienst der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben wurde: "Asylum applications respond to temperature fluctuations".

Die beiden Forscher untersuchten Asylsuchende in der Europäischen Union aus 103 Nationen von 2000 bis 2014 in Verbindung mit den Temperaturschwankungen und sich daraus ergebenden Wetterveränderungen in ihren Herkunftsländern. Sie fanden eine signifikante Verbindung zwischen Wetteranomalien und einer höheren Zahl der Asylanträge, die durchschnittlich bei 351.000 lag. Extreme Wetterlagen, Dürre oder Überschwemmungen, führen zu Missernten und danach zunächst zur Landflucht in den betroffenen Regionen.

Andere Studien haben in der Vergangenheit schon die Korrelation zwischen extremem Wetter und politischer Instabilität aufgezeigt. Darunter die viel diskutierte Analyse des Zusammenhangs von El Nino und bewaffneten Konflikten rund um den Äquator .

Außerdem belegten Wissenschaftler, ebenfalls von der Columbia University, bereits den Zusammenhang zwischen der weltweiten Klimaerwärmung und den Dürreperioden in Syrien von 2006 bis 2010. Ihnen folgten Massenabwanderungen in die Städte des Landes, die zu einem Katalysator für den Aufstand gegen das Assad-Regime und den Bürgerkrieg wurden, der inzwischen schon 500.000 Menschenleben gekostet hat und 5,4 Millionen Syrer zur Flucht zwang. Einer dieser Experten, Colin Kelley, kommentiert die aktuellen Forschungsergebnisse:

Noch ist unklar wie stark die Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts tatsächlich ausfallen wird, aber diese Studie zeigt deutlich, wie stark der Klimawandel als Risiko-Verstärker funktioniert. Die reicheren Länder werden die direkten und indirekten Effekte der Wetteranomalien spüren, die durch den menschengemachten Klimawandel in den ärmeren, weniger belastbaren Ländern entstehen.

Colin Kelley

Anouch Missirian und Wolfram Schlenker kommen in ihrer Untersuchung zu erschütternden Ergebnissen. Je nach globaler Erwärmung durch den Klimawandel könnte es bis zum Ende des Jahrhunderts zu einer knappen Verdreifachung der Asylanträge in der Europäischen Union kommen. Der Grad der Erwärmung hängt von den Treibhausemissionen ab (vgl. dazu Eiszeiten und Klimawandel - Ein kleiner Ausflug in die Geschichte der Klimawissenschaften).

Sollte die internationale Politik das Steuer noch herumreißen und den Ausstoß drastisch verringern, und somit die Temperatur bis zum Jahr 2100 nur um 1,8 Grad Celsius steigen, ist dennoch mit einem Anstieg der Asylsuchenden um rund ein Viertel zu rechnen.

Ob das realistisch ist, wird sich vermutlich rasch zeigen, denn der jetzige US-Präsident will aus den Klima-Abkommen aussteigen und hält die aktuelle Kältewelle in den USA für einen Beweis gegen den von der Menschheit verursachten Klimawandel, obwohl sie möglicherweise sogar genau das Gegenteil darstellt (vgl. Unwetter: Kältewelle in den USA wirft die Frage nach dem Klimawandel auf).

Sollte der Kohlendioxid-Ausstoß und damit der Treibhauseffekt munter weitergehen wie bisher, rechnen die Experten mit durchschnittlichen Temperatursteigerungen auf der ganzen Erdkugel von 2,6 bis 4,8 Grad Celsius.

Das würde laut der Forscher von der Columbia University zu einer Steigerung der Asylanträge in der EU um bis 188 Prozent führen. Das wären zusätzliche 660.000 Asylgesuche jedes Jahr. Wolfram Schlenker erklärt:

Europa streitet ohnehin schon darüber, wie viele Flüchtlinge aufgenommen werden können. Obwohl die ärmeren Länder in wärmeren Teilen der Welt besonders vom Klimawandel betroffen sind, zeigen unsere Forschungsergebnisse in welchem Ausmaß die Länder miteinander verbunden sind. Europa wird sich einer wachsenden Zahl von verzweifelten Menschen gegenüber sehen, die aus ihren Heimatländern fliehen.

Wolfram Schlenker

Es ist höchste Zeit, dass die europäische Union sich politisch diesen künftigen Herausforderungen stellt, statt so zu tun, als könnte Ignoranz und die Wiederrichtung nationaler Grenzmauern oder -zäune eine Lösung sein. Das wird weder den Klimawandel noch die Flüchtlinge aufhalten. Es ist den Forschern wichtig zu betonen, dass sie nicht einfach irgendwelche Szenarien in die Welt setzen wollen, sondern politische Konsequenzen folgen müssen.

Solomon Hsiang von der University of California in Berkeley (University of California, Berkeley), der an der Studie zu den Folgen von El Nino beteiligt war, bezeichnet die neue Studie als "unglaublich wichtigen Weckruf" und erklärt:

Wir müssen neue Institutionen und Systeme errichten, um den stetigen Fluss von Asylsuchenden zu managen. Wie wir kürzlich an den Erfahrungen in Europa gesehen haben, entsteht ein unglaublicher Aufwand sowohl für die Flüchtlinge wie ihre Gastgeber, wenn wir unvorbereitet in eine solche Situation geraten. Wir sollten vorausplanen und uns vorbereiten.

Solomon Hsiang

Es ist im Grunde erstaunlich, wie lange die Politik in den Industrienationen - die ja maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich sind - das Problem schon ignoriert. Bereits 2009 prognostizierte der damalige Hohe Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, António Guterres, auf dem Weltklimagipfel in Kopenhagen: "Der Klimawandel könnte zum Hauptfluchtgrund werden. Der Klimawandel verstärkt den Wettstreit um die Ressourcen - Wasser, Nahrungsmittel, Weideland - und daraus können sich Konflikte entwickeln."

Die UN-Flüchtlingsorganisation betont seit Jahren, dass Flucht vor Umweltveränderungen durch den Klimawandel keine Zukunftsvision, sondern längst eine grausame, weltweite Realität darstellt. Ihrer Schätzung zufolge werden seit 2008 jährlich 21,5 Millionen Menschen von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Stürme, Waldbrände und extreme Temperaturen, oder sich langsam entwickelnden Umweltproblemen wie Dürre oder Küstenerosion von ihrem Land vertrieben.

Obwohl es eine Vielzahl von Vorstößen gab, gelten Klimamigranten nach wie vor nicht als Flüchtlinge im Sinne internationaler Abkommen. Die meisten von ihnen sind ohnehin zu arm, um weiter zu wandern als bis zur nächsten Großstadt oder Nachbarregion, wo sie hoffen, wieder ein Auskommen zu finden, nachdem ihre Lebensgrundlage zerstört wurde.

Sie sind weit überwiegend Binnenvertriebene, die ihre Länder vor riesige Herausforderungen stellen und im Zweifelsfall sogar die soziale Stabilität in den jeweiligen Regionen gefährden.

Interessanterweise interessieren die bisherigen Erkenntnisse zu dem Thema in den Industrienationen bislang vor allem die Militärs, deren internationale Netzwerke sich mit der Sicherheitsproblematik der zunehmenden Instabilität von Gesellschaften und Staaten als Folge des Klimawandels auseinandersetzen (vgl. Von der Klima- zur globalen Flüchtlingskrise).

Dabei treten die menschlichen Opfer des Klimawandels seit Jahren auch persönlich und offensiv ins Licht der Öffentlichkeit, ob nun von der Südsee-Insel Kiribati, Bangladesh, Somalia oder von der Elfenbeinküste - zuletzt während des Klimagipfels in Bonn vor zwei Monaten (vgl. "Mein Dorf versinkt im Meer").

Höchste Zeit also für die Politik sowohl den Klimaschutz voran zu treiben, als auch Strategien zu entwerfen, um als Fluchtursachenbekämpfung sowohl die ärmeren Länder zu unterstützen, die konkret unter den Folgen des Klimawandels leiden, als auch die Binnenvertrieben und Klimaflüchtlinge weltweit zu unterstützen und ihnen neue Lebensperspektiven zu eröffnen.

Auf der Ebene der Europäischen Union ist die aktuelle, vom wissenschaftlichen Dienst der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene Studie, hoffentlich ein Anlass, sich endlich politisch intensiv mit dem Thema und konkreten Konsequenzen zu befassen.

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