Klimaziel 2020 krisenbedingt erreichbar

Die Energie- und Klimawochenschau: Von dringend nötigen Neuregelungen für die Erneuerbaren Energien, dem globalen Nutzen des Kohleausstiegs und neuen Schäden am Great Barrier Reef

Der Thinktank Agora Energiewende schätzt in einer Studie dass Deutschland sein Klimaziel, bis zum Ende des Jahres die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um 40 Prozent zu reduzieren, doch noch einhalten könnte. Noch bis Ende 2019 galt dies als unwahrscheinlich, waren doch erst 35,7 Prozent erreicht. Der weitgehende Stillstand angesichts der Corona-Krise und der milde Winter könnten Deutschland jetzt doch noch über die Ziellinie führen.

Wie berichtet, wurde hierzulande im ersten Quartal 2020 weniger Kohlestrom produziert als üblich, was in erster Linie auf die milde Witterung wie auf besonders günstige Windbedingungen zurückzuführen ist. Im Industriesektor seien die Emissionen bereits 2019 aufgrund einer relativen schwachen Konjunktur zurückgegangen.

Mit der Corona-Krise wird sich dieser Trend wohl verstärken. Je nachdem, wie lange der Lockdown anhält, würden in der Industrie voraussichtlich zwischen 10 und 25 Millionen Tonnen CO2 weniger ausgestoßen.

Am deutlichsten auf die Corona-Krise zurückzuführen sind sinkende Emissionen im Verkehrssektor. Dort wurden seit über zehn Jahren keine nennenswerten Emissionsreduktionen mehr erzielt, bis 2017 war sogar wieder eine steigende Tendenz zu verzeichnen. Mobilitätseinschränkungen im Personenverkehr sowie ein erwarteter Rückgang im Lieferverkehr als Folge einer zurückgefahrenen Produktion werden 2020 vermutlich erstmals wieder zu nennenswerten CO2-Einsparungen führen. In der Kurzstudie zu den Auswirkungen der Corona-Krise wird mit einem Rückgang der Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors zwischen 7 und 25 Millionen Tonnen gerechnet.

Betrachtet man alle Sektoren zusammen, könnten die Treibhausgasemissionen in Deutschland in diesem Jahr um rund 50 Millionen Tonnen sinken, bei einem längeren Anhalten der Krise sogar um bis zu 120 Millionen Tonnen. All dies sollte jedoch nicht als positive Nachricht gelesen werden. Schon allein deswegen, weil die Entwicklung mit dem derzeitigen Leid vieler Menschen, großen Freiheitseinschränkungen und perspektivisch auch mit wirtschaftlichen Nöten verbunden ist.

Doch auch unter wirtschaftlichen Aspekten wäre die Tendenz wenig nachhaltig. Wie die gesamte Konjunktur kommen auch Investitionen in den Klimaschutz zum Erliegen, wodurch Weichenstellungen für die Zukunft verpasst werden. "Für die zu erwartenden Wachstums- und Konjunkturprogramme ist es daher zwingend, dass diese als grünes Investitionsprogramm konzipiert werden", heißt es in der Kurzstudie. Auch der Chef der Internationalen Energieagentur Fatih Birol fordert, dass Regierungen Erneuerbare Energien ins Zentrum ihrer auf die Krise folgenden Wachstumsprogramme stellen sollten.

Dass dies so kommen wird, ist in Deutschland alles andere als ausgemacht, denn gibt es erste Rufe nach einem Aussetzen des - ohnehin schon schwächlichen - Klimapakets im Angesicht der Krise. Der FDP-Politiker Gerhard Ullrich hatte beispielsweise gefordert, die Einführung der CO2-Abgabe von 25 Euro pro Tonne auf Sprit und Heizöl, die ab 2021 gelten soll, zu verschieben.

Ausschreibung für Windenergie deutlich unterzeichnet

Es besteht nicht nur die Gefahr eines Zurückruderns bei bereits beschlossenen Klimaschutzmaßnahmen, sondern auch die Gefahr, dass dringend nötige Neuregelungen im Bereich der Erneuerbaren Energien von der Krise überlagert und weiter verschoben werden. Überfällige Entscheidungen wurden bereits Mitte Mai vertagt. Debattiert wird weiterhin über bundeseinheitliche Abstandsregeln für die Windkraft an Land.

Davon mit betroffen ist auch die Solarbranche, denn mit den Regelungen für die Windenergie wird auch die Anhebung des Zubaudeckels für die Solarenergie verschoben, der im Prinzip als beschlossene Sache gilt.

Bei der Onshore-Windenergie wird dabei noch nicht mal der von der Regierung vorgegebene Zubaukorridor erreicht. So wurde die letzte Ausschreibung der Bundesnetzagentur für Windenergieanlagen mit Gebotstermin zum 1. März um die Hälfte unterzeichnet. Statt für 300 Megawatt erfolgten lediglich Zuschläge für 151 Megawatt. "Unsere Branche braucht für einen neuen Aufbruch kein Geld, sondern lediglich administrative Unterstützung. Es ist zunehmend unverständlich, dass hier nicht endlich gehandelt wird. Jede neu installierte Windenergieanlage sichert Arbeit und Beschäftigung in dieser schwierigen Zeit. Die Politik muss jetzt aktiv werden", erklärte der Präsident des Bundesverbands Windenergie Hermann Albers angesichts dieser Situation.

Der Bundesverband Erneuerbare Energien fordert im Zusammenhang des aktuellen Hilfspakets der Bundesregierung zur Corona-Krise, nicht nur "Bremsen, die dem Ausbau der Erneuerbaren Energien im Wege stehen" zu lösen, sondern auch die Stilllegungsprämien für Kohlekraftwerke in Höhe von 4,35 Milliarden Euro in Investitionsprämien umzuwidmen:

Die Gelder dürfen auf keinen Fall über die Unternehmen an Aktionäre und Gesellschafter fließen, sondern müssen angesichts der aktuellen Lage unmittelbar für neue Investitionen nutzbar werden. Statt eines vergoldeten Ausstiegs aus alten Technologien erwarten wir einen starken Einstieg in dezentrale Energienetzwerke.

Bundesverband Erneuerbare Energien

Kohleausstieg volkswirtschaftlich sinnvoll

Dass, und warum sich ein globaler Kohleausstieg lohnt, haben Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) vorgerechnet. Die Vorteile des Ausstiegs würden die Kosten deutlich überwiegen, so das Fazit der Simulation unter Leitautor Sebastian Rauner. Der Kohleausstieg sei zudem notwendig, um die globale Erwärmung auf weniger als 2 Grad Celsius zu begrenzen.

Die Kohleverbrennung ist immerhin für mehr als ein Drittel der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Doch nicht nur in Bezug auf das Weltklima wirkt ein Kohleausstieg, positive Folgen wären auch lokal zu spüren, da sich dadurch die Luftqualität verbessern würde. Davon profitieren wiederum Menschen und Ökosysteme. "Die Kosteneinsparungen durch verringerte Schäden an Gesundheit und Ökosystemen überkompensieren die direkten wirtschaftlichen Kosten eines Ausstiegs aus der Kohleverstromung deutlich. Im Jahr 2050 sehen wir eine netto Ersparnis von etwa 1,5 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung - das sind 370 Dollar für jeden Menschen auf der Erde", erklärt Gunnar Luderer, Leiter der Energieforschungsgruppe am PIK.

Solche volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen verbergen jedoch die derzeitige Verteilung von Gewinnen und von gesellschaftlichen Kosten. Denn während die Kosten für die Gesundheitsfolgen von Luftverschmutzung in erster Linie den Staaten entstehen, fließen die Gewinne in der Regel an private Unternehmen. Für das wirtschaftliche Interesse der Unternehmen spielen die Kosten für Gesundheit und Renaturierung geschädigter Ökosysteme kaum eine Rolle und leiten sie daher auch nicht in ihrem Handeln.

Dritte große Korallenbleiche in Australien

Dass die Klimakrise auch in Zeiten der Corona-Krise weitergeht, ist derzeit unter anderem am Great Barrier Reef in Australien abzulesen. Im größten Korallenriff der Welt grassiert nun zum dritten Mal innerhalb kurzer Zeit eine weitreichende Bleiche. Bereits 2016 und 2017 hatte die Korallenbleiche große Teile des Riffs geschädigt. Je nach Grad der Schädigung können sich die Korallen später wieder erholen oder aber ganz absterben.

Nach Angaben der Managementbehörde des Riffs sind sehr verschiedene Grade der Korallenbleiche zu beobachten. Gerade südliche Teile des Riffs, die 2016 und 2017 nur leicht betroffen waren, würden nun eine mittlere bis schwere Bleiche erleben. Der Norden und der zentrale Teil seien hingegen nur mäßig betroffen.

Die Bleiche wird aus der Luft dokumentiert, erst nachdem dies abgeschlossen ist, kann die jetzige Bleiche mit der der Jahre 2016 und 2017 verglichen werden. Sie sei Folge des akkumulierten Hitzestresses des australischen Sommers insbesondere der Monate Februar und März 2020. Laut dem wöchentlichen Bericht der Behörde hat die Meerestemperatur in der letzten Woche wieder ein normales Niveau erreicht. Steigende Meerestemperaturen und Ozeanversauerung gefährden perspektivisch aber Korallenriffe weltweit. Laut dem im Herbst 2019 veröffentlichten IPCC-Sonderbericht zu den Ozeanen drohen selbst bei einer globalen Erwärmung um nur 1,5 Grad noch 90 Prozent aller Korallenriffe abzusterben. (Jutta Blume)