Kliniken: Arbeitsbedingungen und der chronische Personalmangel

Bild: Arm-Hand-Orthese TITV Greiz

Im Gesundheitsbereich herrscht seit einigen Jahren eine ungebremste Mangelwirtschaft. Erfahrungsbericht aus einer Klinik vor der Corona-Krise

Zumeist hat man erst, wenn man selbst plötzlich und unerwartet in eine Klinik eingeliefert wird, die Gelegenheit, sich mit der Welt der medizinischen Wiederherstellung der Gesundheit zu befassen. Mangels anderer Beschäftigungsmöglichkeiten und der unerwartet verfügbaren Zeit bietet sich eine genauere Beobachtung der vorgefundenen Situation an.

Und spätestens wenn man dann noch mit den Auswirkungen eines Pflegekräftesteiks konfrontiert wird, beginnt man die Situation zu hinterfragen. Bei dem Streik ging es keinesfalls um tarifliche Forderungen.

Anders als vielfach berichtet ist die Bezahlung in der Pflege in Kliniken heute nicht mehr das Kernproblem, sondern die Arbeitsbedingungen und der chronische Personalmangel. Inzwischen erhöht sich in den Kliniken der Anteil der Beschäftigten, die ihren Beruf in Teilzeit ausüben möchten, weil die Arbeitsbelastung und die wenig familienfreundlichen Arbeitsschichten inzwischen zu einer hohen Stressbelastung führen.

Ein durch die vergangenen Tarifsteigerungen erreichtes höheres Einkommen bietet größere Freiheiten, in Teilzeit zu gehen. In welchen Fällen die Tariferhöhung jetzt konkret eine Reduktion der Arbeitszeit zur Folge hat, wird nicht erhoben und lässt sich daher nicht in Zahlen belegen. Eine einschlägige Statistik gibt es somit nicht und in der Praxis stellt man nur fest, dass Pfleger häufig springen müssen und nicht in ihrer üblichen Station zum Einsatz kommen.

Der Bedarf an Pflegekräften kann in Deutschland schon seit Jahren nicht mehr mit einheimischem Personal abgesichert werden. Die Anwerbung von Fachkräften in Ost- und Südeuropa genügt inzwischen auch nicht mehr, um den steigenden Bedarf zu decken. Selbst die Schließung kleinerer Krankenhäuser ist nicht ausreichend und so müssen in manchen Kliniken ganze Abteilungen schließen, weil sie mangels Personal die Pflege nicht mehr sicherstellen können.

Die Hoffnungen, chinesisches Personal auf fünf Jahre befristet im Rahmen von Ausbildungsprogrammen für die Pflege in Deutschland zu gewinnen, hat die Probleme offensichtlich nicht lösen können und so sucht man inzwischen verstärkt vietnamesische Pflegekräfte anzuwerben. Aus einer großen deutschen Uniklinik war in diesem Zusammenhang zu hören: "Ausländische Pflegekräfte sind eine wichtige Stütze in unserer Gesundheitsversorgung." Ohne sie wäre der aktuelle Bedarf nicht zu decken.

Beschäftigte, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, müssen einen Nachweis über deutsche Sprachkenntnisse mit dem Mindestniveau B2 erbringen. "Das umfasst die Befähigung, sich spontan und fließend zu verständigen." Dass es bei der Schichtplanung dann gar nicht so selten vorkommt, dass kein Deutsch-Muttersprachler in einer Schicht ist, soll dann kein Problem darstellen, wenn auch die Patienten über die entsprechende Sprachqualifikation verfügen, was gerade bei Patienten aus dem ländlichen Raum nicht immer gegeben ist.

Zur Sicherung und Verbesserung der Behandlungsqualität gibt es vielfach ein digitales Meldesystem, mit welchem Klinikbeschäftigte kritische Vorfälle melden können. Darüber hinaus setzt man auch auf den medizinischen Dienst der Krankenkassen und den Prüfdienst der privaten Krankenversicherung, welche regelmäßig die Behandlungs- und Versorgungsqualität überprüfen sollen.

Maßnahmen zur Reduzierung der Arbeitsbelastung

Pflegeroboter werden in deutschen Krankenhäusern noch auf längere Sicht wohl nicht zum Einsatz kommen. Dafür könnte die körperliche Unterstützung von Pflegekräften durch sogenannte Arm-Hand-Orthesen, wie sie verstärkt im Bereich der Automobilindustrie genutzt werden, wenn man beispielsweise die Überkopfmontage erleichtern will, im Pflegebereich zum Einsatz kommen. Die Ansprache der Patienten durch die Pflegekräfte bleibt dabei menschlich/persönlich und die körperliche Belastung der Pflegekräfte wird deutlich reduziert.

Rückenbeschwerden, die auf das häufige Heben schwerer Lasten und Patienten zurückzuführen sind, zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen von Arbeitsunfähigkeit. Auch das Karpaltunnelsyndrom und die Epikondylitis des Ellenbogens ("Tennis-Ellenbogen") kommen immer häufiger vor. Hier will die Arm-Hand-Orthese für eine deutliche Arbeitserleichterung sorgen.

Kommunikation und Knappheit

Während man früher in Krankenhäusern vielfach ein Festnetztelefon mieten konnte, um den Kontakt nach außen zu halten und auch direkt angerufen werden zu können, ist dieser Bedarf in den Zeiten von Mobilfunk und Messengers deutlich zurückgegangen. In zahlreichen Krankenhäusern und Kliniken ist die verfügbare Kommunikationsinfastruktur bislang jedoch noch durchaus mangelhaft und so haben vielfach nur die Glücklichen, die einen Fensterplatz bekommen haben, die Möglichkeit, mobil zu kommunizieren.

Im Gesundheitsbereich herrscht seit einigen Jahren eine ungebremste Mangelwirtschaft. Sie betrifft nicht nur die Versorgung mit Medikamenten, sondern auch zahlreiche Dienstleistungen im medizinischen Umfeld. Während es noch ausreichend normale Fußpfleger zu geben scheint, erinnert die Situation bei Podologen, die Kassenpatienten beispielsweise mit einer Vorschädigung wie Diabetes behandeln dürfen und dies mit den Kassen abrechnen können, schon durchaus an ein Glücksspiel. Die sind alle auf lange Zeit ausgebucht und nehmen keine neuen Patienten mehr an.

Es gibt daneben noch medizinische Fußpfleger mit einem älteren Weiterbildungszertifikat für die Behandlung von Diabetikern. Die verfügen jedoch in der Regel nicht über eine Kassenzulassung. Da bleibt dem potentiellen Patienten nur der saure Apfel, selbst in die Tasche zu greifen. Ähnlich verwegen geht es inzwischen auch bei der Verordnung von Physiotherapien zu. Das Rezept ist nur 14 Tage gültig, aber den ersten Termin bekommt man zumeist erst nach vier Wochen. (Christoph Jehle)