Knapp eine Milliarde Schulden für Studierende

Bild: Tim Gouw/Unsplash

Weniger Jobs durch die Corona-Krise, teure Mieten, Not-Kredite. "New Normal": Die Finanzkraft der Eltern entscheidet nochmal mehr bei der Ausbildung

Die Jüngeren bekommen in der Corona-Medienberichterstattung viele Vorwürfe zu hören. Nicht nur in Deutschland, auch in französischen Medien, ist viel vom Leichtsinn der Unter-Dreißig-Jährigen die Rede, denen angeblich das Feiern wichtiger ist als die Einhaltung der Verhaltensregeln zur Eindämmung der Epidemie. Als ob sie nichts zu fürchten hätten.

Ausgeblendet wird von denen, die das Privileg hatten, in ihrer Jugend unbehelligt von Abstandsregeln Freunde und Liebe zu feiern, dass die Jüngeren in eine Zeit hineinwachsen, die von einer Unsicherheit geprägt ist, mit der die Babyboomer so nicht konfrontiert wurden.

Studieren war für die Babyboomer, selbst wenn sie aus finanziell weniger gut ausgestatteten Verhältnissen kamen, auch möglich, weil das Studium in der Regel einen Nebenjob zuließ; man konnte, wenn das Bafög nicht reichte, dazuverdienen oder den Lebensunterhalt selbst bestreiten und eine selbstständige Existenz aufbauen. Die Regelstudienzeit und die Prüfungsordnung ließen die Freiräume dazu. Das hat sich seit der Bologna-Reform geändert. Mit Corona kamen dann noch andere Veränderungen.

Jetzt wird gemeldet, dass Studierende in der Corona-Zeit vier Mal so viele Anträge auf einen Studienkredit bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KFW) gestellt haben wie vor einem Jahr.

Laut einem Schreiben des Bundesbildungsministeriums an den Haushaltsausschuss des Bundestages wurden von Mai bis September rund 30.800 Anträge auf einen KfW-Studienkredit in einer Gesamthöhe von 919,6 Millionen Euro gestellt. Im vergangenen Jahr waren es, Angaben einer KfW-Sprecherin zufolge, die 2019 als durchschnittliches Jahr bezeichnete, lediglich 8.500 Anträge mit einem Gesamtvolumen von 315 Millionen Euro.

Das Darlehen ist immerhin zinslos, wie dies Bundesbildungsministerin Anja Karliczek Ende April zur Nothilfe für Studierende mitteilte. Der Antrag dafür sei ab 8. Mai bis März 2021 möglich. Mit Aussichten auf eine Darlehensunterstützung von bis zu 650 Euro monatlich, für bis zu 14 Semester, was sich in der Summe in diesem Fall auf 54.600 Euro belaufen würde.

Die Bildungsministerin verkündete ein Darlehensvolumen von "bis zu einer Milliarde Euro". Die Summe ist Anfang Oktober so gut wie ausgeschöpft. Zusätzlich zum zinslosen Darlehen, das auch ausländische Studierende beantragen können, wurde Ende April noch eine Hilfe für "akute Notfälle" beschlossen. Demnach sollten Studierende unmittelbar "nichtrückzahlbare" Unterstützung aus einem Sonder-Nothilfefonds erhalten. Dafür stelle das BMBF dem Deutschen Studentenwerk (DSW) 100 Millionen Euro zur Verfügung. Wie es damit aussieht, wurde noch nicht bekannt.

Als Grund für die Nothilfen wurde von Anja Karliczek der Fall angeführt, dass Studierende "ihre Einkünfte durch Nebenjobs verloren haben". Nach jüngsten Informationen der Minijobzentrale waren im Zeitraum von März bis Juni "bundesweit 837.004 weniger Minijobber beschäftigt". Allein im Gastgewerbe seien 325.000 Stellen weggebrochen (ein Rückgang von 35 Prozent).

In Restaurants und anderen Gaststätten sind es 184.000 Minijobs. Das sind "klassische Arbeitsfelder" für jobbende Studierende. Zur Knappheit der Jobmöglichkeiten, die zu einer verstärkten Konkurrenzsituation führt, kommt das Problem des knappen und teuren Wohnraums. Auch hier hat sich die Konkurrenz verschärft mit schlechteren Chancen für die Studierenden, wie Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) kürzlich erklärte:

Studierende konkurrieren mit vielen anderen Gruppen um die günstigen Wohnungen. Auch durch Corona hat sich diese Situation verschärft. Manche Menschen mussten sich durch den Verlust ihres Jobs, Kurzarbeit oder Ähnliches wohnungstechnisch verkleinern. Sie bewerben sich nun auf dieselben Wohnungen wie Studierende. (…) Studierende sind nicht die optimalen Mieter. Denn sie haben selten ein geregeltes Einkommen und mieten meist nur auf kurze Zeit, ziehen für ein Praktikum oder nach dem Abschluss weg. Die Fluktuation und Unsicherheit ist für einen Vermieter viel größer als bei einem Verdiener-Paar, einem Single oder einer Familie.

Michael Voigtländer

Voigtländer ist Mitverfasser des "Studentenwohnreports 2020". Dort wird festgestellt, dass in 27 der 30 führenden Uni-Städte die Mieten für eine "studentische Musterwohnung" weiter angestiegen sind.

Die unterstellte Musterwohnung ist 30 Quadratmeter groß und hat eine normale Ausstattung:

Sie liegt im zweiten Stockwerk, in der Nähe der Hochschule und ist zehn bis zwanzig Jahre alt. Für eine solche Wohnung zahlt man in München (wie für alle anderen Wohnklassen auch) am meisten: 724 Euro warm. In Frankfurt werden 508 Euro fällig, in Darmstadt sind es noch 440 Euro. Allerdings geht es auch deutlich billiger. Wer bereit ist, nach Magdeburg zu ziehen, bezahlt nur 245 Euro im Monat.

Faz

Der BAföG-Höchstsatz für Studierende liegt ab Wintersemester 2020/21 bei 861 Euro. Laut dem Studentenwohnreport 2020 können sich die die Studierenden in 27 Städten die Musterwohnung auch mit dem maximalen Wohnungszuschlag von 325 Euro im Monat nicht leisten.

Wie es gerade aussieht, entwickelt sich das Universitätsstudium, ohne dass es um Studiengebühren ginge, wieder zu einer Ausbildung, die sich vor allem der Nachwuchs aus den bessergestellten Haushalten leisten kann. Keine gute Basis für den "Wissenschaftsstandort Deutschland". (Thomas Pany)