Knick in der Lieferkette

Grafik: TP

Globale Lieferketten, verbunden mit einer kontinuierlichen Suche nach Reduzierung der Produktionskosten, galt über viele Jahre als das große Erfolgsrezept nicht nur in der Consumer Electronic, sondern auch in der Pharmazie

Galten die Preise für Medikamente früher vielfach als künstlich überhöht, so dass sich im Volksmund der Begriff Apothekenpreise einbürgerte, wenn man von stark überhöhten Preisen für ein Produkt spricht, hat sich diese Entwicklung in den vergangenen Jahren systematisch gedreht, was jedoch von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die von den Gesetzlichen Krankenkassen mit den Pharmaherstellern ausgehandelten Rabattverträge das Licht der Öffentlichkeit scheuen, wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser.

Aus den von den Patienten verlangten Zuzahlungen auf die konkreten Medikamentenpreise zu schließen, ist faktisch nicht möglich. Es könnte hier sogar die Möglichkeit bestehen, dass die Zuzahlung höher ausfällt, als der rabattierte Preis für ein Medikament, denn die Rückvergütungen, welche die Kassen von den Pharmaanbietern erhalten unterliegen der Geheimhaltung. Auch die Rabattverträge sind geheim und werden auch von staatlichen Stellen ebenso wenig eingesehen, wie eventuelle Zusatzvereinbarungen und Kickbacks.

Was in diesem Zusammenhang somit notgedrungen auch der Geheimhaltung unterliegt, ist die Antwort auf die Frage, ob die abgeführte Umsatzsteuer um den Anteil für die Rückvergütungen gemindert wird.

Die Kollateralschäden der rabattierten Medikamentenpreise

Der Kampf um möglichst niedrige Preise für Medikamente hat dazu geführt, dass viele Generika heute außerhalb der EU produziert werden. Zu den wichtigsten Lieferanten von Medikamenten, Wirk- und Hilfsstoffen zählten zuletzt China und Indien. Die Lieferungen aus China wurden schon vor Wochen ausgesetzt, weil zuerst die Provinz Hubei mit der Metropole Wuhan abgeriegelt wurde und in der Folge auch die Bewegungsfreiheit in der Provinz Zhejiang eingeschränkt wurde.

In Deutschland wird der Kampf um die niedrigsten Medikamentenpreise vor dem Hintergrund der intransparenten Rabattverträge meist auf diese zurückgeführt, letztlich stellen diese jedoch nur ein Symptom des in diesem Punkt weitgehend unregulierten Pharmamarktes dar, der beispielsweise dazu geführt hat, dass es für Ibuprofen weltweit nur noch sechs Fabriken gibt. Die größten davon offensichtlich in der chinesischen Provinz Hubei.

Die Idee einer Verpflichtung der Anbieter zu einem "local content", den Länder wie China in zahlreichen Branchen zur Voraussetzung für Investitionen machten kam der EU und ihren Mitgliedsstaaten bislang nicht. Jetzt wo die Folgen der Monopolisierung der Medikamentengrundstoffe in China und ihre Weiterverarbeitung in Indien aufgrund der Liefersperren als potentielles Risiko für die Industriestaaten zeigt, kommt vielfach der Ruf nach dem Staat, der dafür sorgen soll, dass die Medikamentengrundstoffe und weitere Komponenten wieder in Europa produziert werden, wobei die aktuelle Entwicklung im Zusammenhang mit Corona und den daraus resultierenden Grenzschließungen innerhalb der EU, eine europäische Lösung vergleichsweise kurzfristig wohl zum Scheitern verurteilt.

Welche Zusatzkosten durch die Forderung nach einer nationalen Wirkstoffproduktion entstehen, ist derzeit nicht abschätzbar, weil auch nicht ansatzweise klar ist, wie diese nationale Produktion auf den Markt kommen soll und auf welchem Weg die international tätigen Pharmahersteller gezwungen werden können, auf eine nationale Wirkstoffproduktion zurückzugreifen.

Lieferungen aus Indien fallen aus

Aktuell sorgen die Liefereinschränkungen, die vom indische Generaldirektor für den Außenhandel für eine Liste von 13 Arzneimittel-Wirkstoffen ausgelöst wurden, dafür, dass Antibiotika, Paracetamol und zahlreiche Vitaminpräparate von Indien nicht mehr exportiert werden. Nach Angaben der indischen Regierung stammen etwa zwei Drittel der Wirkstoffe der in Indien produzierten Medikamente aus China. Man hat bislang den Kostendruck einfach weitergegeben.

Welche Möglichkeiten die chinesischen Produzenten bei der Kostensenkung nutzen können, zeigte sich am Beispiel des Blutdrucksenkers Valsartan, bei welchem eine Produktionsumstellung zu einer Schadstoffbelastung führte, die über längere Zeit nicht auffiel, weil niemand danach gesucht hatte. Wie chinesische Unternehmen mit dem Kostendruck fertig werden, welche die global tätigen Einkäufer ausüben, beschreibt Paul Midler in seinem Band "Poorly Made in China"

Wie umfangreich die Vorräte in der Lieferkette nach Europa sind und wie die Verteilung auf die einzelnen nationalen Märkte erfolgt, ist derzeit nicht zu überblicken. Dies wird durch die zahlreichen Reimporte, die ja zur "Kostendämpfung" politisch gewünscht sind, noch weiter erschwert.

Derzeit konzentrieren sich die Hoffnungen darauf, dass man das Ansteckungsrisiko nicht zuletzt durch Selbstisolation der Einwohner soweit reduziert, dass die medizinische Versorgung nicht vom Kollaps bedroht wird und hofft, dass nach dieser "Prüfung" Alles wieder "gut" wird und dann alle Medikamente wieder lieferbar sind. Eine Vorstellung, welche von den aktuellen Nachrichten aus China unterstützt wird, die melden, dass auch in Hubei die ersten Industriebetriebe die Produktion wieder aufnehmen können.

Hält sich die Lieferunterbrechung innerhalb der seit geraumer Zeit schon üblichen Grenzen oder wird sie durch vorhandene Lagerbestände soweit abgepuffert, dass es in Deutschland keine Todesfälle gibt, bei welchen die Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten ursächlich verantwortlich gemacht werden können, wird sich an den in den vergangenen Jahren etablierten Produktionsverlagerungen eher wenig ändern.

Desinfektionsmittel

Desinfektionsmittel gelten in Deutschland inzwischen als Mangelprodukt. Die Steigerung der Produktion ist bei vielen Herstellern bislang jedoch dadurch limitiert, dass es sich bei wichtigen Bestandteilen um Gefahrstoffe handelt, die von den Produzenten nur in einem jeweils genehmigten Umfang gelagert werden dürfen. Die Verhandlungen mit den zuständigen Aufsichtsbehörden sind offensichtlich im Gange.

Die von der Politik als kurzfristige Lösung genannte Ausnahmeregelung, die es Apotheken ermöglichen soll, Mittel zur Handdesinfektion selbst herzustellen, scheitert vielfach daran, dass nicht nur die fertigen Desinfektionsmittel vergriffen sind, sondern auch die für ihre Herstellung benötigten Substanzen. Für die Hände sollte das sorgfältige Waschen mit Flüssigseife nicht nur preiswerter, sondern auch effizienter sein. (Christoph Jehle)