Knochenmühle des Vergnügens

"Death Proof": Quentin Tarantino feiert die Frauen und altes Exploitation-Kino

Viel zu laut und zuerst unerträglich ist das auf den ersten Blick. Dann grooved man sich ein und freut sich womöglich, wenn leichtbekleidete Girls coole Sprüche klopfen und drei von ihnen am Ende Kurt Russell im Rahmen einer Autoverfolgungsjagd sehr verdient zur Strecke bringen. Doch ist "Death Proof" mehr, als ein völlig verrücktes, sinnfreies, aber überaus unterhaltsames Revival des 70er-Jahre-Exploitation-Genres, besonders der Autocrash- und Verfolgungsjagd-Filme? Klar doch, denn es ist ein Film von Tarantino.

Bilder: Senator Film

Quentin Tarantino hat natürlich nicht alle Tassen im Schrank, aber wer hat das bei genauerem Hinsehen eigentlich schon? Bei genauerem Hinsehen hat Tarantino, wie fast jeder, eine Menge Fehler. Aber was man ihm jedenfalls zugute halten muss: Er wiederholt sich nicht. Und darum kann "Death Proof" nur von Tarantino stammen: Er ist stilistisch unverwechselbar, aber doch ganz anders als seine Vorgänger. Und an die beliebte These, jeder Regisseur drehe eigentlich nur einen einzigen Film, und den immer wieder, möchte man nach dem Kino eigentlich noch weniger glauben als zuvor.

Um genaueres Hinsehen geht es überhaupt ziemlich viel in "Death Proof" Tarantinos neuestem Film, und weil das natürlich wieder mal anstrengender ist, als "Shrek" oder der neueste "Harry Potter", ist der Film naturgemäß auch gleich einigen ziemlich auf die Nerven gegangen. Instinktiv haben sie wahrscheinlich gespürt, dass man sich hier, wenn man Pech hat, einfach eingestehen muss, dass man etwas nicht richtig mitbekommen hat oder zuwenig weiß oder einfach keinen Draht findet, und das kann dann schnell zur narzisstischen Kränkung werden. Aber ist das eigentlich etwas Neues?

Tarantinos Filme waren noch nie Konsenskino, sondern immer Distinktionsfilme, die Unterschiede markieren und Hierarchien schaffen, die Unterscheidungsvermögen verlangen, Kritikfähigkeit mit anderen Worten. Sie waren Filme für Kritiker und Filmkenner, für Liebhaber also, was entgegen manchen Vorurteilen dasselbe ist. Sie wollten zwar, was alle wünschen, nämlich unterhalten, aber sie wollten dafür nie jeden Preis zahlen und auch keinen unangemessenen, sie wollten nicht auf den Strich der Unterhaltungsindustrie gehen und sich dort so vielen Freiern wie möglich an den Hals werfen, vorausgesetzt der Zaster stimmt. Das exakt unterscheidet Tarantino von solchen Zynikern wie Zack Snyder und Dilettanten wie Eli Roth (der leider durchaus als Tarantino-Kumpel auftritt, s.u.). Trotzdem, nein: Gerade deshalb ist "Death Proof" eigentlich ein ganz einfacher Film.

Kino, sagte Francois Truffaut, sei, wenn schöne Frauen schöne Dinge tun. Manchmal ist Kino aber auch, wenn schöne Frauen schlimme Dinge tun: In Quentin Tarantinos neuem Film "Death Proof" verlieren sie Beine und Köpfe und liegen höchst verunstaltet im Krankenhaus. Sie reden so, wie anständige Mädchen das nicht tun. Und sie prügeln einen Mann zu Tode, nachdem sie vorher dessen Auto zu Schrott gefahren haben. Allerdings ist der selbst ein sadistischer Killer und hatte vorher versucht, umgekehrt jene Mädchen zu ermorden. Und zumindest wir Zuschauer wissen, dass dieser Typ mit dem ausgegerbten Gesicht und der schwarzen Lederjacke noch mindestens vier weitere Girls auf dem Gewissen hat. Ein bisschen verdient und allemal nach alttestamentarischen Moralmaßstäben gerechtfertigt ist das also schon.

Vor allem aber sind sämtliche - die irgendwann toten und die am Schluß noch lebenden - Frauen in "Death Proof" so cool, ihre Gespräche und Gesten so charmant, lässig und witzig, und ihre Freundschaft so anrührend, dass man letztlich sagen muss: Auch in "Death Proof" tun Frauen vor allem schöne Dinge, und Tarantinos neuer Film ist ein weiterer Beweis dafür, dass Tarantino vielleicht ein bisschen speziell, ein gewaltiger Fußfetischist und ein ziemlicher Nerd, aber vor allem ein wunderbarer Frauenregisseur ist.

Dazu gleich noch mehr. Zunächst aber ein kurzer pflichtschuldiger Exkurs über die Vorgeschichte des Films – auch wenn das inzwischen gewiss vielen bekannt ist. Denn was "Death Proof" nun eigentlich genau für ein Film ist, ist gar nicht so leicht zu erklären. In Amerika im Frühjahr hieß er noch "Grindhouse", was schöner klingt und wörtlich "alte Mühle" und "heruntergekommener Schuppen" bedeutet, aber auch ein bisschen "Folterkeller" oder "Knochenmühle", denn "to grind" heißt auf Englisch auch schleifen, schinden, malmen.

Gemeint ist aber vor allem, wie uns diverse Rezensentenkollegen zu informieren nicht müde werden, jener Ort, an dem man früher mal angeblich B, C, D-Movies zeigte, die man dann auch "Exploitation" nannte, als ob woanders nicht auch ausgebeutet würde. Gewalt, Porno, Eastern und dumme Ablachfilme, was man einst mit dem schönen deutschen Wort "Schund" und nur scheinbar eindeutig neudeutsch mit Trash bezeichnet. Denn Trash ist ja vor allem, wenn es trotzdem Kunst ist, "eigentlich", oder eigentlich gerade deshalb, weil es eben auf den ersten Blick aussieht, wie gnadenloser Mist.

Schon der Titel führt uns damit wieder, wie so vieles bei Tarantino auf eine Metaebene, was ebenso das Vergnügen, wie das Problem dieses Films ist, denn natürlich hält uns die Metaebene vom Hingucken ab, während uns das Hingucken doch auf genau diese Metaebene führen soll.

Das "Grindhouse" im Amerikanischen ist also irgendwie das Schmuddelkino an der Ecke, auch das Pornokino, auch ein Ort, wo 24 Stunden nonstop Filme laufen, man im Kinosaal essen, trinken und rauchen darf, aber schon hier gehen die Meinungen auseinander, wie weit das und die "Grindhouse"-Filme überhaupt ein gängiger Begriff sind. "Grindhouse" meint also sowohl den Ort, wie die darin gezeigten Filme, vor allem aber eine Erfahrung. Die hängt mit den Filmen, ihrer Erzählweise und Machart, der Verbindung aus Dilettantismus und Professionalismus ebenso zusammen, wie mit dem Ort, den anderen Besuchern, und schließlich der Präsentationsform.

Die Ausgangsidee von "Grindhouse" war also nun nicht etwa einen weiteren jener Popfilme zu drehen, die eigentlich erst recht Kunst sind, sondern die Rekonstruktion einer Erfahrung. Und diese Erfahrung war die eines kompletten Kinoabends.

Darum dauerte "Grindhouse" auch fast vier Stunden lang und darum lief "Death Proof" gemeinsam mit einem ersten Film, der von Tarantinos Regie-Kumpel Roberto Rodriguez ("From Dusk till Dawn") stammt. Nachdem die Idee an der Kinokasse floppte, kommen beide Werke nun in Europa einzeln ins Kino, und dafür ein bisschen länger (Rodriguez Film "Planet Terror" im Oktober). Noch wichtiger aber war die Abrundung der beiden Filme durch eine Reihe von Trailern für fiktive weitere Grindhouse-Stücke und durch – ebenso fiktive – Werbefilme.

Dies alles fällt in Europa weg, ist aber durchweg sehr sehenswert, weil man hier herrlichen Perlen der Kinofantasie begegnet, ebenso wie überaus präzisen Seventies-Fakes. Immerhin auf YouTube begegnet man Roberto Rodriguez' großartigem "Machete", "Thanksgiving" von Eli Roth, "Don't" von Edgar Wright. Rob Zombies Beitrag "Werewolf Women Of The SS".

Hinzu kommt: Tarantino hat sogar Filmrisse, Kopienfehler, Bilder-Ruckeln und die typische Rotfärbung alter und schlecht gelagerter Kodakchrome-Filme in den Film miteingebaut hat - ein künstlicher Nostalgietouch im Dienst einer verlorenen Kinoerfahrung, die wieder zum Leben erweckt werden soll.

Dies alles, wie überhaupt das ganze "Grindhouse"-Projekt mag hybrid und unsinnig sein – wie könnte sich die Kinoerfahrung in den Multiplexen der Gegenwart rekonstruieren lassen, wie könnte man künstliche Patina mit der echten verwechseln, wie soll das auch funktionieren bei einer Kundschaft, die dieses ursprüngliche "Grindhouse"-Erlebnis nie gekannt hat? Es ist neue, eben überaus künstliche Mythologie wie die Burgen Walpoles, das Griechenland Byrons, die Blaue Blume des Novalis und das Burgund Richard Wagners.

"Grindhouse" belegt wie kein Unternehmen dieses Regisseurs zuvor: Tarantino ist der Mythologe des Gegenwartkinos. Seine Filme sind nicht etwa "postmodern" oder "ironisch" oder dergleichen Etiketten mehr, sondern von einer geradezu kindischen und darum völlig unironischen Liebe und Zuneigung zum Gegenstand geprägt, von einer fast schrulligen, für Außenstehende mitunter unverständlichen Verehrung. Zugleich trifft hier Friedrich Schlegels Athenäum-Fragment "Der Historiker ist ein rückwärts gewandter Prophet" ins Schwarze. Auch Tarantino erfindet eine Vergangenheit, weil er die digitale Gegenwart offenkundig sterbenslangweilig findet.

Zugleich muss man seine Haltung am ehesten mit der Haltung eines Altphilologen vergleichen, der 20 Jahre seines Lebens zum Beispiel damit zubringt, zum Beispiel den verlorenen rechten Fuß (!!) einer spätantiken Aphrodite-Statue wiederzufinden. Darum ähneln seine Filme manchmal auch eher Aufsätzen in wissenschaftlichen Fachzeitschriften: Wichtig, ein Fortschritt für die Forschung und ein Vergnügen für Fachleute, aber auch zu lang und mit vielen Fußnoten, die nur Insider verstehen, mit allerlei Ornamenten garniert. Eines allerdings unterscheidet sie grundsätzlich von solchen Aufsätzen: Sie sind viel schöner anzusehen.

Immer dominiert bei "Death Proof" der Spaß und die Liebe zu B-Movies und zum Genre der Autocrash- und Verfolgungsjagd-Filme. Den Vorbildern, unter anderem "Vanishing Point", "Two-Lane Blacktop", "Convoy", "Big Wednesday", "Gone in Sixty Seconds", "Dirty Mary Crazy Larry", "Faster Pussycat! Kill! Kill!", etc. Tarantino wünscht sich die Rehabilitierung dieser lange Zeit in die Schmuddelecken der Videotheken verbannten Filme.

Auch der Teil der Zuschauer, der diese Liebe nicht teilt, kann an "Death Proof" aber viel Gefallen finden, denn zugleich ist der Film Starkino par excellence. Wie Tarantino seine weiblichen Stars, allen voran Mary Elizabeth Winstead und Rosario Dawson, der neue US-Superstar, Rose McGowan, die es verdient hätte einer zu werden, Sydney Tamiia Poitier und die Stuntfrau Zoe Bell (sich selber spielend) inszeniert, ist ganz großes Kino, in der Tradition der Hollywood-Klassiker und zugleich eine Feier femininer Durchschlagskraft, die den Sexismus des Genres umdreht. Und das noch in - das Beste am Film - der Musik; zum Beispiel dem France-Galle-Song "Laisser tomber les filles", den immerhin Serge Gainsbourg schrieb.

Auch sonst lässt der Regisseur Substanz keineswegs vermissen: Hat man das Feuerwerk an Einfällen überstanden, kann man nämlich bemerken, dass der Film das Gegenteil von oberflächlich ist: Er erzählt zum einen eine persönliche Faszinationsgeschichte, ein Stück Autobiographie. Zum Zweiten zeigt er zeigt eine Welt aus Fetischen und Zeichen. Er ist überaus anspruchsvoll in der Offenheit, in der er den Zuschauern eben keinen unbeschwerten Genuß ermöglicht. Und drittens erzählt er davon, wie Tod und Gewalt unvermittelt ins Leben einbrechen können - ein zeitgemäßes Thema.

Tarantino, das jedenfalls sollte klar sein, macht keine Filme für 12jährige. Darum sollte es nicht verwirren, wenn ein paar 12jährige jetzt enttäuscht sind, dass dies kein 12jährigen-Film ist, und dass man ihn auch nicht, wie "Kill Bill" oder damals "Pulp Fiction" dafür halten kann.

Noch lange könnte man von "Death Proof" erzählen und Einzelheiten loben. Letztendlich aber geht es ums Hinsehen, genau oder oberflächlich, lustvoll oder abwehrend. Und darum, dieses Hinsehen und die Gefühle in ihm, auch den Schönheitswillen und die l'art pour l'art in ihm zu verteidigen gegen die Spießer und Nerds, die dies als "Jahrmarktvergnügen" abtun wollen, und sich damit auch gleich um die Auseinandersetzung mit den Bedrohungen solch amoralischer Schönheit herumzudrücken suchen. Aber nur durch Schocks und Vergnügen erfahren wir etwas über uns selber. Schocks und Vergnügen – worum geht es denn sonst im Kino?

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