Können Groß- und Kleinprojekte zusammenleben?

Wir müssen im Kampf gegen die Klimakrise noch schneller erneuerbare Energien ausbauen. Warum stockt der dezentrale Ausbau?

2009 waren hochrangige Vertreter von Firmen wie Siemens und Finanzierern wie der Rückversicherung Munich RE in einer Pressekonferenz zusammen im Fernsehen zu sehen. Die Finanzkrise war in voller Blüte. Das neue Konsortium wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Geld in die Wirtschaft pumpen und gleichzeitig erneuerbare Energien ausbauen. Insgesamt war die Rede von 500 Milliarden Euro. Es wäre die größte Einzelinvestition jemals gewesen. Prominente deutsche Wissenschaftler wie Claudia Kemfert vom DIW fanden die Idee deshalb damals gut.

Es handelte sich allerdings bei der Pressekonferenz nur um eine Absichtserklärung für Machbarkeitsstudien und Pilotprojekte. Das Projekt hieß Desertec Industry Initiative (DII). Deutsche Wissenschaftler hatten ausgerechnet, dass nur sechs Stunden Solarenergie in der Sahara rechnerisch reichen würden, um den gesamten Energiebedarf (nicht nur Strom!) der Welt zu decken.

Dazu kam es jedoch nicht. Und heute ist Prof. Kemfert eher als Befürworterin dezentraler Energie bekannt - d.h., Solar- und Windanlagen überall verteilt statt zentral installiert, wo die Wind- und Solarverhältnisse am besten sind. Damals hatten viele darauf hingewiesen, dass ein Solarmodul in den Tropen bis zu 150% mehr Strom erzeugt, als eines im wolkigen Deutschland. Es sei ineffizient, Solarmodule in Deutschland zu installieren. Ein Vorstandsmitglied von RWE brachte die Kritik auf den Punkt, als er sagte, mit der richtigen Subvention könne man auch "Ananas in Alaska" anbauen.

Alle Folgen des des AEE-Podcast

Folge 4: Can big and small renewables co-exist?

Heute sind sich alle eher einig: Der Klimawandel verlangt schnelles Handeln. Wir dürfen also dezentrale und zentrale Energieversorgung nicht gegeneinander ausspielen. "Es geht nicht um die Frage zentral oder dezentral, sondern die neue Welt arbeitet nun von allen Seiten", sagt heute Paul van Son, der das DII-Konsortium jahrelang leitete.

Unterschätzen wir das Kleine?

Doch gerade 2009 wurden in Deutschland auch Rekordmengen an Solar installiert, und es waren vor allem kleinere Anlagen. Dieser Trend wurde unterschätzt bzw. teilweise völlig übersehen. Bestes Beispiel: Früher hat der Pew Charitable Trust die Studie "Who’s winning the Clean Energy Race" veröffentlicht. Daran wurden die Investitionen in "saubere Energie" nach Ländern sortiert protokolliert. Doch die Autoren konnten nur Industriezahlen sammeln, und diese zählten Anlagen nur ab mindestens einem Megawatt Leistung. Zum Vergleich: 1 MW wäre selbst für Gasturbinen sehr klein, und Kohlekraftwerke haben eher eine Leistung von Hunderten von MW - Kernkraftwerke sogar 1,300 MW. Doch für 1 MW Solar brauchte man damals rund 5,000 Module - gar nicht so wenig.

So wurden sehr viele "kleinere" Anlagen übersehen, während es die bloße Ankündigung einer Machbarkeitsstudie für das Mammut-Projekt Desertec in die Tagesthemen schaffte. Im Jahre 2010 hat Pew die Investitionen Deutschlands in Clean Tech auf 4,3 Milliarden Euro beziffert. Dabei waren damals für Solar alleine 14 Milliarden ausgegeben worden. Der Energiesektor sammelte einfach keine Zahlen für dezentrale Anlagen. Die dezentrale Revolution hatte aber angefangen.

Großprojekte haben trotzdem gesiegt

Heute sieht die Welt jedoch anders aus. China arbeitet gerade an einem globalen Stromnetz und unterstützt nordafrikanische Länder beim Ausbau ihrer Infrastruktur. Desertec war vor allem ein deutsches Projekt. "Wir sehen heute eine Zusammenarbeit zwischen vielen Ländern - allerdings zuerst um den eigenen Bedarf zu decken", sagt van Son. Später könne der Überschuss exportiert werden.

Eine Karte vom Desertec-Projekt. Das größte rote Quadrat in der Sahara zeigt die Fläche an, die theoretisch reichen würde, um den globalen Energiebedarf von 2005 zu decken. Allerdings existieren die vielen gezeigten Leitungen zwischen Europa und Nordafrika gar nicht in der Größe, und das Projekt setzte bei der Sonnenenergie mehr auf Solarthermie als auf Photovoltaik, was sich als Fehleinschätzung entpuppte. Bild: DESERTEC Foundation / CC-BY-SA-2.5

Dazu gehört die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung von 2019. Überschüssiger Grünstrom soll in Wasserstoff umgewandelt werden. Dieser "grüne Wasserstoff" wird dann Öl und Gas ersetzen, wo Strom alleine zu kurz greift (Schiffe, Flieger, Industrieprozesse, usw.). Das kann man zwar mit Erneuerbaren in Deutschland machen, aber grüner H2 erleichtert den Import von sauberer Energie, die dann nicht nur über Stromleitungen, sondern auch über Pipelines laufen kann.

Daran ist nichts auszusetzen - stünde Deutschland nicht ein Jahrzehnt des Netto-Abbaus bevor. Da wird es keinen "überschüssigen" Grünstrom hierzulande geben. In den 20ern - also ab jetzt - werden nämlich im Schnitt rund 2.000 MW an Windleistung (Altanlagen) jährlich abgebaut. Letztes Jahr kamen jedoch nur 1.078 MW hinzu. Außerdem könnte der (Mitte Juni noch bestehende) Solardeckel die PV empfindlich treffen. Auch wenn es keine explizite Strategie ist: Die Republik steuert faktisch einerseits auf einen Abbau Zuhause und andererseits auf eine Importstrategie zu.

Alles läuft auf Großprojekte im Ausland hinaus. Doch wen kümmert’s, wenn wir unsere Energie preiswert aus dem Ausland bekommen - und dazu noch die Infrastruktur zu Hause nicht anschauen müssen? Der 2010 verstorbene MdB Hermann Scheer war Befürworter der dezentralen Energie und befürchtete, dass Großprojekte wie Desertec die dezentrale Energie verdrängen könnte.

Und das geschieht auch: Die Kulturanthropologie sammelt solche Beispiele wie den Kampf zwischen dem Großprojekt namens Mareña und dem Bürgerprojekt namens Yansa in Mexiko (siehe Dominic Boyer, Energopolitics: Wind and Power in the Anthropocene, kostenloses PDF und Tricky business: space for civil society in natural resource struggles). Dort erschwerte der staatliche Energieversorger das Bürgerprojekt Yansa, um das Großprojekt Mareña zu bauen. Daraufhin protestierten die Bürger gegen Mareña. Die Folge: Weder Yansa noch Mareña wurde gebaut. Wenn wir doch beides für den Kampf gegen den Klimawandel brauchen: Warum hat man nicht Yansa unterstützt, um Mareña dazu zu bekommen? Der Fall zeigt, dass die großen Player verstehen, dass sie Kuchenstücke verlieren, wenn die Bürger ihre eigene Energie erzeugen - was mit Erneuerbaren gut machbar ist.

... the {Energía Eólica del Sur wind} park faced an amparo issued by Mexico’s Supreme Court. In an uncanny {turn}, the project was found to have violated the rights of affected indigenous residents for failing to provide free, prior and informed consent.‘ In an equally uncanny turn, that amparo was then summarily rescinded and work on the park began anew.

Cymen Howe, Ecologics (kostenloses PDF)

Den Konflikt zwischen Großprojekten und vielen kleinen dezentralen Anlagen in der globalen Energiewende sollten wir nicht verschweigen, sondern offen diskutieren. Die Wirtschaftsprofessorin Claudia Kemfert erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass das Streben nach wirtschaftlicher Effizienz - nach dem niedrigsten Preis - auch seinen Preis fordert: "Wirtschaftliche Effizienz geht auf Kosten der Resilienz. Das sehen wir heute in der Pandemie". Man muss also eine Balance zwischen zentraler und dezentraler Energieversorgung finden. (Bürger-)Energie vor Ort steigert die Resilienz, auch wenn sie nicht immer die billigste Energiequelle ist. Die Großprojekte brauchen wir. Wollen wir aber auch weiterhin unsere Kleinprojekte haben?

Und falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser, die Infrastruktur für ein erneuerbares Energiesystem vor der eigenen Haustür nicht sehen möchten, bedenken Sie bitte: Bei importierter Energie sind die Arbeitsplätze auch im Ausland.

Craig Morris (@PPchef) ist Koautor von Energy Democracy, der ersten Geschichte der Energiewende, und arbeitet bei der Agentur für Erneuerbare Energien. Rebecca Freitag (@Freitag4Future) war die deutsche UN-Jugenddelegierte für Nachhaltige Entwicklung und schreibt gerade ihre Masterarbeit zum Thema Akzeptanz einer CO2-Steuer. Zusammen moderieren sie die zehn Episoden des neuen englischsprachigen Community Renewables Podcast.

(Craig Morris und Rebecca Freitag)