Können Sie sich noch an den Sabbat erinnern?

In der Internetgesellschaft sind wir 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche einsatzbereit

Gestern habe ich eine Fernsehwerbung gesehen, in der ein junger Angestellter eine geschäftliche Vereinbarung über sein Handy durchführte - während er an einem Pissoir stand. Als die Zeit kam, den Reißverschluss wieder hoch zu ziehen, nahm er sein Handy zwischen Schulter und Hals und sprach weiter. Aber dann rutschte das Gerät heraus und fiel - platsch - Sie wissen schon wohin. Die Antwort auf dieses Dilemma ist nach der Werbung, sich ein mobiles Freisprechset zu kaufen.

Die wirkliche Antwort ist freilich, seine Arbeit nicht mit aufs Klo zu nehmen. Doch heute ist kein Ort und ist keine Zeit mehr heilig. In einer durch das Internet beschleunigten Transaktionsgesellschaft stehen wir mit unseren Geschäftspartnern durch unsere Kommunikationstechnologien zu jeder Zeit am Tag oder in der Nacht zur Verfügung. Wir sind 24/7 "ansprechbar" (ein Ausdruck der Websklaven für 24 Stunden, sieben Tage die Woche).

Dank der Form, durch die die Technik fast jeden kulturellen oder ökonomischen Trend beschleunigt und erweitert, kommt eine wachsende Zahl von Menschen, zu denen ich mich auch zähle, zu dem Schluss, dass unsere Zeit - und als Konsequenz: unser Leben - nicht mehr uns gehören. Wir arbeiten sechs Tage oder mehr in der Woche, beantworten für gewöhnlich die arbeitsbezogene Mail auch in der Nacht und nutzen dann unsere offizielle Freizeit, um einkaufen zu gehen. Falls wir uns besonders schuldig fühlen, nehmen wir unsere Kinder mit zu einem historischen Einkaufszentrum wie New Yorks South Street Seaport oder Bostons Quincey Market. Dort kaufen wir Dinge in Geschäften mit Namen wie "Ye Olde Kite Shop" anstatt bei Toys 'R' Us und rechtfertigen dies als eine erzieherische Familienaktivität.

Wir leben in einem Zeitalter, in dem Online-Vermarkter die Aufmerksamkeit der Menschen in quantitativen Einheiten messen, die "eyeball hours" genannt werden. Jeder Augenblick, in dem man anstatt Geld auszugeben nachdenkt oder lacht anstatt zu arbeiten, ist eine verlorene Gelegenheit. Und je mehr Zeit wir für die Arbeit und den Konsum opfern, desto weniger Alternativen scheint es für uns zu geben.

Mein persönlicher Vorschlag zur Bekämpfung der schrumpfenden persönlichen Zeit habe ich dem Buch "Exodus" entnommen, und er heißt Sabbat. Stellen wir uns einmal vor, wir würden uns alle entschließen, an einem Tag in der Woche nichts zu kaufen oder zu verkaufen. Vielleicht haben unsere Ahnen die Zahl 7 nicht zufällig gewählt. Vielleicht haben sie verstanden, dass die Menschen sich nur an sechs Tagen nacheinander den Geschäften widmen können, weil sie sonst den Kontakt mit allem verlieren, was in die Nähe einer bürgerlichen, sozialen oder geistigen Wirklichkeit kommt.

Der Sabbat ist eine Möglichkeit, die eigene Zeit wieder einzufordern und zu feiern, wie dies der Kinderfernsehstar Mr. Rogers sagen könnte, dass wir, "so wie wir sind", etwas Besonderes oder gar Heiliges sind. Wir müssen nichts machen, um unsere Existenz zu rechtfertigen: kein Telefon beantworten, nicht online gehen und keine Kreditkarte zücken. Wir müssen uns dazu nicht in die Wälder zurückziehen, Generatoren kaufen und einsam auf dem Land leben, nur um etwas zu finden, das wir mit unseren Freunden oder unserer Familie machen können, bei dem es sich nicht ums Geld dreht. Nein, der Besuch von Sportveranstaltungen oder Kinos gehört dazu nicht. Versuchen wir doch stattdessen einmal Ball im Park zu spielen oder eigene Geschichten zu erzählen. Dann wird man bemerken, wie wenige öffentliche Parks und gemeinsame Aktivitäten wir noch haben.

Wenn die religiösen Anklänge des Worts Sabbat ihre weltlichen, humanistischen Ansichten stören, dann nennen Sie das einfach die "Eins-Sieben-Regel". Holen Sie sich einfach nur ein Siebtel Ihrer Zeit zurück.

Ich stelle mir vor, dass dies Amerika und jedes andere Land, das sich entschlossen hat, den privatwirtschaftlichen Kapitalismus als einzigen kulturellen Imperativ zu übernehmen, in eine Rezession treiben könnte. Wir können das ganze Kaufen oder Verkaufen nämlich nicht während der restlichen sechs Tage ausführen, da wir bereits jede Minute, in der wir wach sind, damit verbringen.

Es würde bedeuten, dass wir ein Siebtel weniger Dinge kaufen und verkaufen. Wenn wir einmal einen Eindruck davon gewonnen haben werden, wie das ist, könnte sogar das Einkaufen und Geld Ausgeben ein wenig von seiner Faszination einbüßen. Ich kann mir nicht ausmalen, was dies für den NASDAQ-Kurs bedeuten würde. Sie werden es eine blutige Revolution nennen!

Ist die Forderung nach einem ganzen Tag für Sie zuviel? Dann machen Sie es Stück für Stück. Versprechen Sie nur, das Telefon nicht mit aufs Klo zu nehmen.

Copyright 2000 by Douglas Rushkoff
Distributed by New York Times Special Features
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Florian Rötzer (Douglas Rushkoff)

Anzeige