Können wir Verantwortungsethik?

Der Klimawandel fordert eine Grundpflicht gegenüber der Zukunft der Menschheit ein

Die einleitenden Sätze einer Radioreportage zu dem Philosophen Hans Jonas treffen den Nagel auf den Kopf: "Künftige Generationen werden die Zeit, in der wir heute leben, möglicherweise als Schnittstelle eines epochalen Bewusstseinswandels ansehen - hoffentlich, könnte man sagen. Denn wenn dieser Bewusstseinswandel nicht erfolgt oder zu spät kommt, dann könnte es sein, dass es diese künftigen Generationen gar nicht mehr gibt."

Gerade der Klimawandel ist wie eine Blaupause zu diesen Gedanken. Der Einfluss des Menschen ist nicht mehr wegzudiskutieren. Bereits seit Anbeginn der industriellen Revolution sind die Auswirkungen eminent, da seitdem die Emissionen von Klimagasen erheblich zunehmen. Die Veränderung der Erdoberfläche durch Kultivierung von Ökosystemen zu Nutzflächen dauert schon länger an, auch dies hat nicht unerheblichen Einfluss.

Dass es einen Treibhauseffekt gibt, ist in der Wissenschaft nichts Neues, bereits Fourier und Arrhenius veröffentlichten im 19. Jhd. erste Theorien. Heute ist man deutlich weiter, das Puzzle ist aber noch lange nicht gelöst. Weiterhin gibt es Lücken in unserem Wissen über das Entstehen unserer Erde und die damit einhergehenden Klimaepochen. Trotzdem waren wir uns bezüglich der Konsequenzen unseres Tuns noch nie so einig. Wir kommen der Sache zwar immer näher und können unseren nahenden Untergang immer präziser beschreiben und beweisen, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen, scheint aber nach wie vor schwer zu fallen. Abzuwarten und erst umzuschwenken, wenn alles restlos aufgeklärt ist, wäre fatal. Denn ist man erst einmal ausgestorben, ist dies endgültig.

Beschäftigt man sich tiefer mit der Materie, stellt man fest, dass sie äußerst komplex und bisweilen widersprüchlich ist. Um die vielschichtigen Zusammenhänge zu verstehen, muss man sich aller Naturwissenschaften behelfen und vor allem in Zusammenhängen denken. Die Erkenntnisse sind schwer zu vermitteln, da es nur wenig erkennbar kausale Auswirkungen gibt.

So ist es nicht möglich, den Versauerungsgrad der Ozeane vor und nach einem Inlandsflug zu vergleichen. Das Schmelzen der Gletscher und andere eindrücklichen Folgen sind zwar offensichtlich, der persönliche Beitrag an der Destabilisierung des Weltklimas jedoch nicht. Was die Sache nicht einfacher macht, ist, dass Klima leicht mit Wetter verwechselt wird.

Manch einer fragt sich, wie es möglich sein soll, langfristige Berechnungen zur globalen Mitteltemperatur anzustellen, wenn man sich bei der Wettervorhersage bereits nach 2 Tagen gerne mal vertut. Der Unterschied: Die Wettervorhersage prognostiziert regional detailliert. Das Klimamodell dagegen simuliert langfristig das große Ganze.

Bisweilen sorgt auch die vielzitierte 2-Grad-Schwelle (oft als Grenze fehlinterpretiert) für Verwirrung. Heute leben wir bereits mit einer Erwärmung von 0,8°C über dem vorindustriellen Wert, die Temperaturzunahme ist dabei regional sehr unterschiedlich, weshalb es unklar ist, wo die Grenze zwischen gefährlichem und ungefährlichem Klimawandel genau liegt.

Noch aber leben wir in einer idealen Klimasituation, nicht zuletzt hat sich der Mensch auch deshalb so prächtig entwickelt. Zwar ist sein Erscheinen auf dem Planeten nur eine temporäre Erscheinung, in unseren Zeiträumen trotzdem eine Ewigkeit. Wie schnell ein merklicher Wandel auf sich warten lässt, ist ein wenig spekulativ, die wenigsten von uns werden aber in der Lage sein, einen Ortswechsel vorzunehmen und somit einem steigenden Meeresspiegel, Variationen bei Niederschlägen, Veränderungen bei Flora und Fauna oder auch Pandemien zu begegnen.

Einschub: In Science-Fiction Abhandlungen finden sich oftmals interessante Reflexionen. Beispielsweise schrieb Douglas Adams im Hitchhiker's Guide to the Galaxy einst: "Dieser Planet hatte ein Problem. Die meisten seiner Bewohner waren fast immer unglücklich. Vielen Leuten ging es schlecht, den meisten sogar miserabel, selbst denen mit Digitaluhren."

Hinter dieser Ironie versteckt findet sich ein Phänomen: Wir sind trotz Wohlstand und idealen Klimabedingungen oftmals unzufrieden. Ein Grund: Stetiges Wirtschaftswachstum steigert das Streben nach materiellen Gütern und auch unsere Ansprüche. Die Auswirkungen unseres materiellen Strebens haben Konsequenzen für unsere Lebensumgebung. Wir malträtieren unsere Umwelt und flüchten mangels Natur in Materialismus - ein Teufelskreis.

Vielleicht sind wir ja nicht unglücklich, obwohl wir alles haben, sondern weil wir alles haben. Zurück zur Science Fiction: Dort lässt man Jean-Luc Picard in Star Trek VIII rückblickend sagen: "Der Erwerb von Reichtum ist nicht mehr die treibende Kraft in unserem Leben. Wir arbeiten, um uns selbst zu verbessern - und den Rest der Menschheit." Ja, schön wäre es, wenn es soweit käme.

Um nach der neolithischen und der industriellen Revolution nicht in der Evolution zu verschwinden, ist besagter Bewusstseinswandel notwendig. So forderte Jonas eine Korrektur der Geisteshaltung im Sinne einer Verantwortungsethik, den so genannten verantwortungsethischen Imperativ: "Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden." Für den Einzelnen und künftige Generationen bedeutet dies, dass es weniger um ein Recht auf Glück, als vielmehr um eine Pflicht zu wirklichem Menschentum geht. Es besteht schlichtweg eine Grundpflicht gegenüber der Zukunft der Menschheit.

Wie kommen wir dahin? Zum Beispiel, indem wir endlich mehr Geld für Bildung als für Kommerzialisierung ausgeben. Indem wir uns weniger wichtig nehmen und vielmehr Verantwortung übernehmen. Indem wir Fortschritt als kulturelle Weiterentwicklung betrachten, die nicht nur uns bereichert. Es ist noch nicht zu spät: So lasst uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen.

Der Text von Matthias Hüttmann wurde dem neuen eBook Après Paris. Die Konsequenzen der Klimakonferenz von Paris von Sonnenenergie und Telepolis entnommen.

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