Könnte das US-Raketenabwehrsystem nordkoreanische Langstreckenraketen abschießen?

Abschuss einer GMD.Abfangrakete. Bild: MDA

Pentagon, Weißes Haus und Trump geben sich stark, die Waffentestabteilung des Pentagon ist skeptisch, optimistisch formuliert

Die das Weiße Haus verlassende Obama-Regierung rät der kommenden Trump-Regierung inständig, Nordkorea ganz oben auf die außenpolitische Prioritätenliste zu setzen. Besorgt ist man, so sagte Denis McDonough, der Stabschef von Barack Obama, nach der Ankündigung von Kim Jong-un, eine Langstreckenrakete demnächst fertigzustellen (Amerikanisch-südkoreanisches Killerkommando gegen Kim Jong-un?). Nordkorea ist schon seit vielen Jahren ein Problem, George W. Bush rechnete das Land zusammen mit Iran und Saddam Husseins Irak zur "Achse des Bösen", was das Regime verstärkt hat, die nukleare Aufrüstung als Abschreckung und Drohmittel zu beschleunigen.

US-Verteidigungsminister Ash Carter hat bestätigt, dass die nordkoreanischen Atomwaffen und Raketen eine Bedrohung der USA darstellen. Man sei allerdings darauf vorbereitet, eine Rakete abzuschießen, wenn sie "in Richtung unserer Territorien oder die unserer Freunde und Alliierten" fliegt. Donald Trump hatte zur Ankündigung eines Langstreckenraketentests von Nordkorea nicht nur China beschuldigt, nicht genug Druck auf Nordkorea auszuüben, aber einseitig von den USA zu profitieren, sondern auch erklärt: "Das wird nicht geschehen."

Das erklärte am Montag auch der Sprecher Obamas, Josh Earnest, der sich auf den Verteidigungsminister berief. Man habe ausreichende Fähigkeiten, sich selbst zu verteidigen, was man auch nutzen werde, falls es notwendig werden sollte. Die destabilisierende Rhetorik und auch manche Aktionen seien wirklich bedrohlich. Die Frage ist, ob es notwendig wäre, wenn Nordkorea einen Test ausführt. Trotz des Verbots durch mehrere Resolutionen des UN-Sicherheitsrates hat das Regime unbekümmert Atomwaffen- und Raketentests ausgeführt. Zu vermuten ist, dass es auch eine Langstreckenrakete testen will, um seine Fähigkeiten zu demonstrieren.

Das Mittel, eine Rakete abzuschießen, wäre natürlich das Raketenabwehrsystem (NMD), das unter George W. Bush nach der Konzeption in Ronald Reagans Präsidentschaft mit aller Entschlossenheit und viel Geld trotz des mach 9/11 ausgerufenen Kriegs gegen den Terror realisiert wurde. Noch Ende 2001 kündigten die USA den ABM-Vertrag und riskierten damit den Konflikt mit Russland und ein neues Wettrüsten, um sich einen strategischen Vorteil zu verschaffen und Alliierte von sich abhängiger zu machen, indem sie unter den amerikanischen Raketenabwehrschirm gelockt wurden, wie das die Nato-Staaten und Japan machten, Südkorea hat dies bereits beschlossen. Ähnlich wie Russland sieht das China als Affront, auch wenn die USA unglaubwürdig sagen, der Schirm solle nur Schutz gegen nordkoreanische Atomraketen bieten.

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Selbst unter künstlichen Testbedingungen kommt es kaum zu Treffern. Bild: MDA

Das Pentagon und die US-Regierung müssen weiterhin versichern, dass mit dem amerikanischen System tatsächlich Langstreckenraketen noch in der Luft abgeschossen werden können. Seit Beginn der ersten Tests wurden aber immer wieder Zweifel geäußert, ob das System dazu überhaupt in der Lage wäre, zumal die Tests oft auch bei den unrealistischen Bedingungen gescheitert waren. Noch dazu ist offenkundig, dass das existierende System ausgehebelt werden kann, wenn Raketen mit mehreren manövrierbaren Sprengköpfen und Attrappen ausgestattet sind. Russland erklärte schon lange, dass die neuen Iskander-Raketen den Abwehrschild durchbrechen können, dazu wird eine neue Langstreckenrakete entwickelt. Sowohl Russland und China entwickeln Hyperschall-Marschflugkörper, die kaum mehr abgefangen werden können. 2017 sollen die Tests mit dem Multi-Object Kill Vehicle (MOKV) beginnen. Obgleich schon die einfachen AKVs kaum ihre einfachen Ziele treffen können, sollen die MOKVs gleich mehrere Sprengköpfe oder Attrappen im Weltraum zerstören können.

Das viele milliardenschwere schwere Rüstungsprogramm, für das das Pentagon die Vertiefung der Konflikte mit Russland und China sowie ein neues Wettrüsten riskiert hat, wird freilich nicht nur von Außenseitern kritisiert (Das landgestützte US-Raketenabwehrsystem: Ein teurer Papiertiger?). Das Government Accountability Office (GAO) hatte 2016 in einem Bericht erklärt, dass die GMD-Flugtests nicht in der Lage gewesen wären zu demonstrieren, dass eine "operational nützliche Verteidigungskapazität" besteht.

Auch die für Waffentests und -evaluation zuständige Behörde machte in ihrem eben veröffentlichten Bericht für 2016 deutlich, dass zumindest landgestützte Raketenabwehrsystem GMD keine Sicherheit bietet, eine Langstreckenrakete, die von Iran oder Nordkorea zur Westküste fliegt, auch wirklich abschießen zu können. In Fort Greely, Alaska, befindet sich ein Stützpunkt für Abfangraketen. Moniert wurde überdies, dass 2016 gar kein Test durchgeführt wurde. Das THAAD- und das seegestützte Aegis-System hätten immerhin Ziele abschießen können. Allerdings habe Terminal High-Altitude Area Defense (THAAD) auch nicht zeigen können, dass es in der Lage ist, eine Langstreckenrakete abzuschießen. Für das GMD ist die Bewertung bei allen vorsichtigen Formulierungen vernichtend:

GMD has demonstrated a limited capability to defend the U.S. Homeland from small numbers of simple intermediate-range or intercontinental ballistic missile threats launched from North Korea or Iran. DOT&E cannot quantitatively assess GMD performance due to lack of ground tests supported by accredited modeling and simulation (M&S).

DOT&E

Ein wirklicher Schutz würde anders aussehen, die Versicherungen des Verteidigungsministers und Sprechers des Weißen Hauses können so schon Pentagon-intern nicht Ernst genommen werden, geschweige den von Nordkorea (oder Russland). Nach der Abteilung ist die Verlässlichkeit der Abfangraketen gering, da die Raketenabwehrbehörde (MDA) weiterhin neue Schwächen und Pannen beim Testen entdeckt.

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Kim Jong-un soll seine öffentlichen Auftritte reduziert haben.

Der MDA-Direktor, Vizeadmiral James Syring, weist die Diagnose selbstredend zurück. Er habe hohes Vertrauen in das System, man werden einen neues Test in der ersten Hälfte des Jahres, frühestens im April, durchführen. Der nordkoreanische Raketentest könnte freilich schon früher stattfinden. Die USA haben womöglich mit dem Raketenabwehrschild, dem Vermächtnis aus dem Kalten Krieg, ein neues atomares Wettrüsten in Gang gesetzt, ohne wirklich das Versprechen einlösen zu können, die USA oder die Alliierten vor Langstreckenraketen schützen zu können. Es könnte sich nur um eine sehr teure Propagandatechnik handeln, die freilich nicht einmal den Zweck der Abschreckung erfüllt, sondern die Anstrengungen der Gegner verstärkt, weiter atomar aufzurüsten und Abwehrsysteme durch neue Techniken auszutricksen.

Die versprochene Sicherheit hat neue Unsicherheit produziert, also eben jene Destabilisierung zur Folge gehabt, die man in Washington und anderen Nato-Staaten immer den anderen, also Russland, China, Iran oder Nordkorea, zuschiebt. Wäre die Frage, ob Trump, der Amerika wieder groß machen will, auch an die Simulation der technischen Überlegenheit glaubt? Putin und Trump haben schon mal angekündigt, die Atomwaffenarsenale auszubauen (Putin und Trump kündigen Ausbau des Atomwaffenarsenals an).

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