Körper ist Geist

Abschied vom Leib-Seele-Problem. Eine Replik auf Konrad Lehmann

Konrad Lehmann wies in seinem Artikel vom 27. Mai auf Probleme hin, Bewusstsein naturwissenschaftlich zu erklären (Denken mit Leib und Seele). Er kritisierte das uneingelöste Versprechen des Materialismus beziehungsweise Physikalismus und diskutierte alternative Ansätze, wie den Panpsychismus, Idealismus und praktischen Materialismus.

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Meiner Meinung nach muss man Aussagen über das Sein (also ontologische Aussagen) klarer von Aussagen über unsere Erkenntnis (also epistemische Aussagen) trennen, als Lehmann dies getan hat. Außerdem sollte man ein Problem klarer definieren, bevor man es diskutiert.

Nach einer Replik auf den Artikel Lehmanns möchte ich meine eigenen Gedanken zum Leib-Seele-Problem zur Diskussion stellen. Dabei gehe ich auch auf Aussagen über den Erkenntniswert der Neurowissenschaften zum Verständnis des Bewusstseins ein. Mein Vorschlag ist, sich vom traditionellen Leib-Seele-Problem zu verabschieden, da es eher ein Problem unseres Denkens als ein Problem der Welt ist.

Lehmann steigt mit dem Siegeszug der Neurowissenschaften um die Jahrtausendwende in seinen Artikel ein. Dieser habe zu einer "Bankrotterklärung der Philosophie" geführt, da man fortan eine Erklärung des Bewusstseins von naturwissenschaftlicher, statt philosophischer Seite erwartet habe. Neben "Bewusstsein" werden noch Begriffe wie Ich-Konzept, Subjektivität, Qualia, Ruhezustand (des Gehirns) oder Schizophrenie (als Beispiel) eingeführt und in einen Erklärungszusammenhang mit dem Leib-Seele-Problem gebracht.

Halten wir einen Moment inne und rekapitulieren wir, was hier passiert: Es ist zweifellos nicht nur eine Eigenart Konrad Lehmanns, Begriffe wie Leib, Seele, Körper, Geist, Bewusstsein, Ich, Subjektivität, Qualia, Ruhezustand oder Schizophrenie zu verwenden. Uns fällt auf, dass dies alles Substantive sind, oder in Allgemeinsprache: Haupt-, Ding- oder Nennwörter.

Substantive sind uns seit unserer frühesten Entwicklung bekannt: Da gab es Mama und Papa, Spielzeuge, Tische, Stühle, Nahrungsmittel, vielleicht auch Haustiere wie eine Katze oder einen Hund. Sind nun Leib, Seele, Ich, Qualia und so weiter genauso Dinge wie Tische und die Hauskatze? Wenn wir uns nicht über die Bedeutung solcher Begriffe im Klaren sind, dann ist womöglich am Ende die ganze Diskussion für die Katz.

Fangen wir mit dem einfachsten Begriff von Lehmanns Liste an, nämlich der Schizophrenie. Wir werden sehen, dass schon dieser gar nicht so einfach ist. Das Beispiel der Schizophrenie wird von Konrad Lehmann eingeführt, um zu veranschaulichen, wie die Hirnforschung das Selbst- oder Ich-Konzept erklären könnte:

Hirnforscher hätten ein Default-Mode-Netzwerk (warum nicht deutsch Ruhezustandsnetzwerk?) entdeckt, das mit verschiedenen selbstbezogenen Aktivitäten in Zusammenhang gebracht worden sei. Da Lehmann diese Gehirnregionen nicht namentlich nennt, hole ich dies eben nach:

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Es sind im Wesentlichen der mediale (in der Mitte gelegene) präfrontale Kortex, also ein Bereich im vorderen Stirnlappen, der ebenfalls in der Mitte gelegene hintere zinguläre Kortex, so genannt nach dem den Balken umschließenden Gyrus cinguli (deutsch: Gürtelwindung), der dahinter angrenzende Precuneus (der so heißt, weil er vor dem "Keil", lat. cuneus, liegt), und schließlich der weiter außen gelegene Gyrus angularis (deutsch: winklige Windung).

Darstellung des Ruhezustandsnetzwerks: Auf dem Seitschnitt links sehen wir links den medialen präfrontalen Kortex, rechts den hinteren zingulären Kortex sowie den Precuneus. Diese Strukturen sind auch rechts auf dem Schnitt von oben gut zu sehen; dazu kommen unten die beidseitig am äußeren Gehirnrand gelegenen Gyri angulares. Bild: J. Graner, T. R. Oakes, L. M. French und G. Riedy; CC BY 3.0

Als Erklärung wird nun angeboten, dass einerseits bei Schizophrenen eine Ich-Störung vorliege, andererseits bei diesen Patienten Abweichungen des Ruhezustandsnetzwerks gefunden worden seien. Diese und einige andere ähnliche Funde würden darauf hindeuten, dass dieses Netzwerk das Ich- oder Selbstkonzept erzeugt.

Dieses Argumentationsmuster ist so beliebt wie suggestiv: Weil A (Ich-Störung) mit S (Schizophrenie) zusammenhängt, und B (Abweichung des Netzwerks) mit S zusammenhängt, hängt vielleicht auch A mit B zusammen (also das Ich-Konzept dem Gehirnnetzwerk). Vielleicht, muss man betonen, vielleicht aber auch nicht.

Das ist wichtig, da die meisten Erklärungen mit den Methoden der bildgebenden Hirnforschung nach diesem Muster funktionieren. Sie könnten also stimmen - sie könnten genauso gut aber auch falsch sein. Es handelt sich daher bestenfalls um vorläufige Erklärungen, auch bei den anderen Beispielen der Neurowissenschaften, die Lehmann diskutiert.

Nebenbei noch eine Bemerkung zum Namen des Ruhezustandsnetzwerks: Dieses wurde so genannt, als Hirnforscher sich fragten, was im Gehirn von Versuchspersonen vorgeht, die nichts tun, also im "Ruhezustand" oder Englisch eben im "Default Mode" sind.

Die Plausibilität dieser Benennung können Sie Zuhause nachprüfen: Tun Sie einmal nichts! Ihnen wird auffallen, dass das gar nicht so einfach ist. Nichts! Wahrscheinlich entstehen Gedanken, Erinnerungen, Ablenkungen ... Meditierende können ein Lied davon singen, wie schwierig Nichtstun ist. Manche Leute können nicht meditieren, weil dann unerträgliche Ängste und Gedanken hochkommen.

Wenn Hirnforscher so vom Ruhezustand sprechen, dann meinen sie schlicht, dass Versuchspersonen ohne konkrete Aufgabe in der Röhre eines Kernspintomographen liegen. Psychologisch wie phänomenologisch ist dieser Zustand aber überhaupt nicht klar definiert. Wir können uns ziemlich sicher sein, dass die Menschen nicht nichts tun.

Kommen wir zurück zur Eingangsfrage: Was ist eigentlich Schizophrenie? Schließlich werden hier ja eine Reihe von Dingen miteinander in Beziehung gebracht: Ich, Gehirnnetzwerk, psychische Störung. Machen wir es nicht zu kompliziert, und halten wir uns an die fünf im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-5 genannten Symptome: (1) Wahnvorstellungen, (2) Halluzinationen, (3) unorganisierte Sprache, (4) stark unorganisiertes oder krampfhaftes Verhalten und (5) sogenannte Negativsymptome wie eingeschränkter Gefühlsausdruck.

Von diesen fünf müssen mindestens zwei über einen "signifikanten Zeitraum" bestehen und mindestens eines der Symptome muss (1), (2) oder (3) sein. Kombinatorisch komme ich damit auf mindestens 22 Möglichkeiten, die diese Bedingungen erfüllen. (Freunde der Kombinatorik mögen dies noch einmal genau nachprüfen.) Alle diese Varianten fassen wir unter einem Wort zusammen, nämlich Schizophrenie, wobei die Symptome (1) bis (5) natürlich schon sehr komplexe Begriffe sind.

Der springende Punkt ist, dass "Schizophrenie" also kein Ding ist, sondern schlicht ein Oberbegriff, den sich Experten ausgedacht haben, um tausende von möglichen Wahrnehmungen zusammenzufassen. Wir alle sind Experten des Verdinglichens, in Fachsprache "reifizieren" (von lat. res = Ding). Verdinglichungen können äußerst praktisch sein.

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