zurück zum Artikel

Körper ist Geist

Konrad Lehmann wies in seinem Artikel vom 27. Mai auf Probleme hin, Bewusstsein naturwissenschaftlich zu erklären (Denken mit Leib und Seele[1]). Er kritisierte das uneingelöste Versprechen des Materialismus beziehungsweise Physikalismus und diskutierte alternative Ansätze, wie den Panpsychismus, Idealismus und praktischen Materialismus.

Meiner Meinung nach muss man Aussagen über das Sein (also ontologische Aussagen) klarer von Aussagen über unsere Erkenntnis (also epistemische Aussagen) trennen, als Lehmann dies getan hat. Außerdem sollte man ein Problem klarer definieren, bevor man es diskutiert.

Nach einer Replik auf den Artikel Lehmanns möchte ich meine eigenen Gedanken zum Leib-Seele-Problem zur Diskussion stellen. Dabei gehe ich auch auf Aussagen über den Erkenntniswert der Neurowissenschaften zum Verständnis des Bewusstseins ein. Mein Vorschlag ist, sich vom traditionellen Leib-Seele-Problem zu verabschieden, da es eher ein Problem unseres Denkens als ein Problem der Welt ist.

Lehmann steigt mit dem Siegeszug der Neurowissenschaften um die Jahrtausendwende in seinen Artikel ein. Dieser habe zu einer "Bankrotterklärung der Philosophie" geführt, da man fortan eine Erklärung des Bewusstseins von naturwissenschaftlicher, statt philosophischer Seite erwartet habe. Neben "Bewusstsein" werden noch Begriffe wie Ich-Konzept, Subjektivität, Qualia, Ruhezustand (des Gehirns) oder Schizophrenie (als Beispiel) eingeführt und in einen Erklärungszusammenhang mit dem Leib-Seele-Problem gebracht.

Halten wir einen Moment inne und rekapitulieren wir, was hier passiert: Es ist zweifellos nicht nur eine Eigenart Konrad Lehmanns, Begriffe wie Leib, Seele, Körper, Geist, Bewusstsein, Ich, Subjektivität, Qualia, Ruhezustand oder Schizophrenie zu verwenden. Uns fällt auf, dass dies alles Substantive sind, oder in Allgemeinsprache: Haupt-, Ding- oder Nennwörter.

Substantive sind uns seit unserer frühesten Entwicklung bekannt: Da gab es Mama und Papa, Spielzeuge, Tische, Stühle, Nahrungsmittel, vielleicht auch Haustiere wie eine Katze oder einen Hund. Sind nun Leib, Seele, Ich, Qualia und so weiter genauso Dinge wie Tische und die Hauskatze? Wenn wir uns nicht über die Bedeutung solcher Begriffe im Klaren sind, dann ist womöglich am Ende die ganze Diskussion für die Katz.

Fangen wir mit dem einfachsten Begriff von Lehmanns Liste an, nämlich der Schizophrenie. Wir werden sehen, dass schon dieser gar nicht so einfach ist. Das Beispiel der Schizophrenie wird von Konrad Lehmann eingeführt, um zu veranschaulichen, wie die Hirnforschung das Selbst- oder Ich-Konzept erklären könnte:

Hirnforscher hätten ein Default-Mode-Netzwerk (warum nicht deutsch Ruhezustandsnetzwerk?) entdeckt, das mit verschiedenen selbstbezogenen Aktivitäten in Zusammenhang gebracht worden sei. Da Lehmann diese Gehirnregionen nicht namentlich nennt, hole ich dies eben nach:

Es sind im Wesentlichen der mediale (in der Mitte gelegene) präfrontale Kortex, also ein Bereich im vorderen Stirnlappen, der ebenfalls in der Mitte gelegene hintere zinguläre Kortex, so genannt nach dem den Balken umschließenden Gyrus cinguli (deutsch: Gürtelwindung), der dahinter angrenzende Precuneus (der so heißt, weil er vor dem "Keil", lat. cuneus, liegt), und schließlich der weiter außen gelegene Gyrus angularis (deutsch: winklige Windung).

Darstellung des Ruhezustandsnetzwerks: Auf dem Seitschnitt links sehen wir links den medialen präfrontalen Kortex, rechts den hinteren zingulären Kortex sowie den Precuneus. Diese Strukturen sind auch rechts auf dem Schnitt von oben gut zu sehen; dazu kommen unten die beidseitig am äußeren Gehirnrand gelegenen Gyri angulares. Bild: J. Graner, T. R. Oakes, L. M. French und G. Riedy[2]; CC BY 3.0[3]

Als Erklärung wird nun angeboten, dass einerseits bei Schizophrenen eine Ich-Störung vorliege, andererseits bei diesen Patienten Abweichungen des Ruhezustandsnetzwerks gefunden worden seien. Diese und einige andere ähnliche Funde würden darauf hindeuten, dass dieses Netzwerk das Ich- oder Selbstkonzept erzeugt.

Dieses Argumentationsmuster ist so beliebt wie suggestiv: Weil A (Ich-Störung) mit S (Schizophrenie) zusammenhängt, und B (Abweichung des Netzwerks) mit S zusammenhängt, hängt vielleicht auch A mit B zusammen (also das Ich-Konzept dem Gehirnnetzwerk). Vielleicht, muss man betonen, vielleicht aber auch nicht.

Das ist wichtig, da die meisten Erklärungen mit den Methoden der bildgebenden Hirnforschung nach diesem Muster funktionieren. Sie könnten also stimmen - sie könnten genauso gut aber auch falsch sein. Es handelt sich daher bestenfalls um vorläufige Erklärungen, auch bei den anderen Beispielen der Neurowissenschaften, die Lehmann diskutiert.

Nebenbei noch eine Bemerkung zum Namen des Ruhezustandsnetzwerks: Dieses wurde so genannt, als Hirnforscher sich fragten, was im Gehirn von Versuchspersonen vorgeht, die nichts tun, also im "Ruhezustand" oder Englisch eben im "Default Mode" sind.

Die Plausibilität dieser Benennung können Sie Zuhause nachprüfen: Tun Sie einmal nichts! Ihnen wird auffallen, dass das gar nicht so einfach ist. Nichts! Wahrscheinlich entstehen Gedanken, Erinnerungen, Ablenkungen ... Meditierende können ein Lied davon singen, wie schwierig Nichtstun ist. Manche Leute können nicht meditieren, weil dann unerträgliche Ängste und Gedanken hochkommen.

Wenn Hirnforscher so vom Ruhezustand sprechen, dann meinen sie schlicht, dass Versuchspersonen ohne konkrete Aufgabe in der Röhre eines Kernspintomographen liegen. Psychologisch wie phänomenologisch ist dieser Zustand aber überhaupt nicht klar definiert. Wir können uns ziemlich sicher sein, dass die Menschen nicht nichts tun.

Kommen wir zurück zur Eingangsfrage: Was ist eigentlich Schizophrenie? Schließlich werden hier ja eine Reihe von Dingen miteinander in Beziehung gebracht: Ich, Gehirnnetzwerk, psychische Störung. Machen wir es nicht zu kompliziert, und halten wir uns an die fünf im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM-5 genannten Symptome: (1) Wahnvorstellungen, (2) Halluzinationen, (3) unorganisierte Sprache, (4) stark unorganisiertes oder krampfhaftes Verhalten und (5) sogenannte Negativsymptome wie eingeschränkter Gefühlsausdruck.

Von diesen fünf müssen mindestens zwei über einen "signifikanten Zeitraum" bestehen und mindestens eines der Symptome muss (1), (2) oder (3) sein. Kombinatorisch komme ich damit auf mindestens 22 Möglichkeiten, die diese Bedingungen erfüllen. (Freunde der Kombinatorik mögen dies noch einmal genau nachprüfen.) Alle diese Varianten fassen wir unter einem Wort zusammen, nämlich Schizophrenie, wobei die Symptome (1) bis (5) natürlich schon sehr komplexe Begriffe sind.

Der springende Punkt ist, dass "Schizophrenie" also kein Ding ist, sondern schlicht ein Oberbegriff, den sich Experten ausgedacht haben, um tausende von möglichen Wahrnehmungen zusammenzufassen. Wir alle sind Experten des Verdinglichens, in Fachsprache "reifizieren" (von lat. res = Ding). Verdinglichungen können äußerst praktisch sein.

Philosophisch schräg wird es, wenn jemand solchen "Dingen" kausale Eigenschaften zuschreibt, etwa der Form: Wegen meiner Schizophrenie habe ich Halluzinationen, wegen meiner Depressionen bin ich niedergeschlagen, wegen meiner Angststörung traue ich mich nicht aus dem Haus, wegen meiner Aufmerksamkeitsstörung kann ich nicht aufpassen. Umgekehrt ist es richtig: Weil ich (unter anderem) Halluzinationen habe, niedergeschlagen bin, Angst habe, mich nicht konzentrieren kann, gibt man mir die Diagnose Schizophrenie, Depression, Angststörung, ADHS.

Es handelt sich also nicht um echte Dinge in der Welt, wie Bäume, Tische oder Stühle, sondern um eine Redeweise, um eine Sprachpraxis. Damit ist mitnichten gesagt, dass es die Probleme nicht gibt oder dass die Menschen nicht leiden. Es ist schlicht aufgezeigt, dass manche Wörter eine soziale Funktion erfüllen. Daher ändern sie sich auch im Laufe der Zeit, wie es eben bei Diagnosen wie Schizophrenie, Depression, Angststörung oder ADHS zweifellos der Fall ist.

Warum ist das nun relevant? Weil Menschen (u.a. Konrad Lehmann) behaupten, mit den Methoden der Hirnforschung könne man diese "Dinge" erklären, die schlicht Teil einer sinn- wie funktionsstiftenden sozialen Praxis sind. Wäre es aber nicht ein sehr komischer Zufall, wenn die Natur beim Einrichten unserer Gehirne berücksichtigt hätte, in welcher Weise wir in einer bestimmten Kultur und in einer bestimmten Zeit Sprache verwenden? Man müsste fast schon an eine höhere Intelligenz glauben, die das Universum erschaffen hat, nähme man diesen Gedanken ernst!

Mit anderen Worten: Manche Begriffe sind soziale Konstrukte. Wer jetzt denkt, damit sei "Schizophrenie" ins Reich der Fabelwesen verbannt, der irrt sich. Mitunter haben die Betroffenen, wie gesagt, Probleme oder gar schwerste Probleme. Die Diagnose ist eine Reaktion des heutigen Gesundheitswesens darauf; sie bestimmt auch, wie die Gesellschaft mit diesen Menschen umgeht.

Da sie für manche Personen beinahe vernichtend ist, schlägt etwa der Maastrichter Psychiatrieprofessor und Schizophrenieexperte Jim van Os[4] vor, den Begriff abzuschaffen. In provokanter Manier formuliert er das manchmal so: "Es gibt keine Schizophrenie." Kollegen warfen ihm daraufhin vor, er würde die Antipsychiatrie der 1970er Jahre wiederbeleben.

Auch unser Begriff von Verantwortlichkeit ist so ein soziales Konstrukt. Wenn Sie einmal vor Gericht stehen, werden Sie am eigenen Leib erfahren, was es heißt, verantwortlich gemacht zu werden. Wenn die Protagonisten der Willensfreiheitsdebatte Recht haben, dann geschieht das, obwohl niemand jemals verantwortlich war. Hier kollidiert die Ebene des Seins mit der des Normativen: Wir machen Menschen verantwortlich, weil das unsere soziale Praxis ist.

Die Beispiele ließen sich ewig fortsetzen: Ob jemand als Soldat, als feindlicher Kämpfer, als Rebell oder Terrorist angesehen wird, hat schwerwiegende Folgen; auch dies sind in Gesetzen oder gesetzesähnlichen Strukturen festgelegte Begriffe, also soziale Konstrukte. Oder denken Sie daran, ob jemand Flüchtling ist, Arbeitsmigrant, sozialer Schmarotzer, und so weiter. Kehren wir aber nach diesem Exkurs zurück zum eigentlichen Thema.

In Lehmanns Liste hatten wir noch die anderen Begriffe: Leib, Seele, Körper, Geist, Bewusstsein, Ich, Subjektivität, Qualia. Ob diese Wörter eher für Dinge wie Tische und Stühle stehen oder für "Dinge" wie Schizophrenie, das kann und will ich hier nicht abschließend erklären. Das Leib-Seele- oder Körper-Geist-Problem lösen zu wollen, ohne sich dessen bewusst zu sein, halte ich aber für aberwitzig.

An dieser Stelle nur so viel zu den Begriffen: Der Leib ist eine veraltende Bezeichnung für den Körper; mit dem Wort will man vielleicht einen lebendigen, "beseelten" Körper von anderen Körpern unterscheiden. Welche Funktion "Seele" außerhalb theologischer Diskurse, der Poesie und Redewendungen ("die Seele schmerzte", "Seelenklempner") spielt, ist mir nicht klar. Der Körper eines Menschen scheint mir recht eindeutig abgegrenzt, nämlich durch die Außenhaut.

Mit dem Geist (englisch mind) verhält es sich schwieriger: Als Substantiv (Dingwort) suggeriert der Begriff, dass es ein eigenes Ding "Geist" gibt; Ähnliches gilt für "Ich". Um Probleme der Verdinglichung wie bei der Schizophrenie zu vermeiden, ist mein Vorschlag: Reden wir vielmehr von geistigen oder psychischen Prozessen.

Hier kommt ein wesentlicher Beitrag der Philosophie ins Spiel. Was ist denn, je nach Vorliebe der (Fremd-) Sprache, Geistiges, Mentales (von lat. mens) oder Psychisches (von gr. Psyché)? Eben dasjenige, das sich auf etwas bezieht, in der Fachsprache: intentionaler Gehalt. Der Gedanke an ein Auto, genauer gesagt der gedankliche Prozess als etwas sich in der Zeit Vollziehendes, bezieht sich eben auf dieses Auto. Oder auch die Erlebnisqualität eines Prozesses, in der Fachsprache: phänomenaler Gehalt. Das ist das, was etwa beim Betrachten des blauen Himmels als Qualität der Blauwahrnehmung erlebt wird.

Damit fallen auch die mysteriösen "Qualia" vom Tisch, ein Begriff, den man sowieso in der Allgemeinsprache nicht versteht. Vielleicht haben sich Philosophen einmal gedacht, wenn es Bewusstseinserlebnisse gibt, dann müsste es auch solche Dinge geben, Qualia, wie es eben Bäume, Tische und Stühle gibt. Dieses verdinglichende Denken bringt uns aber nicht weiter, verwirrt uns im Gegenteil vielleicht.

Man könnte schließlich weiter Fragen: Und was ist Bewusstsein? Eine Eigenschaft von Prozessen, eben phänomenaler Prozesse. Und das Subjekt? Dasjenige, das diese Prozesse hat, also den phänomenalen Gehalt erlebt. Mir ist klar, dass damit nicht alle Fragen vom Tisch sind, doch kommen wir so beim Verstehen und vielleicht sogar Überwinden des Leib-Seele-Problems einen Schritt weiter:

Jetzt kommt nämlich nicht mehr die Frage auf, was Leib und Seele sind, oder moderner gesprochen: Körper und Geist, und wie sich die zwei Dinge zueinander verhalten. Anstatt von mehr oder weniger mysteriösen Dingen zu reden, sprechen wir von Prozessen, die sich in der Welt vollziehen. Wie beziehen wir uns auf diese Prozesse? Mit Sprache. Und auch die Naturwissenschaften sind eine Sprachpraxis.

Der Standpunkt eines Materialisten, den Lehmann als gescheitert ansah, würde bedeuten: Es gibt nur materielle Prozesse. Dass man inzwischen auch vom "Physikalismus" spricht, liegt nicht nur daran, wie Lehmann erklärt, dass Physikern irgendwann aufgefallen ist, dass Energie (und was ist mit Information?) grundlegender als Materie sein könnte.

Den Begriff haben nämlich mit Otto Neurath und Rudolf Carnap bedeutende Wissenschaftstheoretiker des 20. Jahrhunderts eingeführt. Sie hatten dabei die These im Sinn, dass nur solche Aussagen eine Bedeutung haben, die sich letztlich in der Sprache der Naturwissenschaft beziehungsweise Physik ausdrücken lassen; das entspricht dem logischen Empirismus. Wie dem auch sei, Lehmann hat Recht, dass Materialismus und Physikalismus heute mehr oder weniger synonym verwendet werden.

Kehren wir aber zum Leib-Seele-Problem zurück: Dieses besteht jetzt in der Frage, wie sich geistige/mentale/psychische Prozesse zu materiellen/physikalischen Prozessen verhalten. Die Frage, was Erstere sind, ließ sich oben zumindest vorläufig beantworten; es ist anzumerken, dass Letztere auch nicht trivial sind. Die Philosophin Barbera Montero bezeichnete es einmal als "Körperproblem" (body problem), dass sich die Frage, was genau das Physikalische ist, nicht eindeutig beantworten lässt.

Philosophen machen es sich manchmal leicht und sagen: Es ist eben das, wovon die Physik handelt. Als ob sich das nicht im Laufe der Zeit ändern würde! Und was würde passieren, wenn Physiker eines Tages Bewusstsein erforschten? Dann fiele Psychisches und Physikalisches per Definition zusammen.

Wenn wir an den Panpsychismus denken, den auch Lehmann diskutierte, erscheint das gar nicht mehr so abwegig: Immerhin liebäugeln mit Christoph Koch und Giulio Tononi auch zwei führende neurowissenschaftliche Pioniere auf dem Gebiet der Bewusstseinsforschung mit dem Gedanken, dass Bewusstsein ein Grundbaustein des Universums ist, im Falle Tononis jedenfalls ab einem bestimmten Grad der Komplexität informationsverarbeitender Systeme.

Aber bleiben wir noch etwas länger beim Leib-Seele-Problem: Wie verhalten sich also die beiden Arten von Prozessen (psychisch und physikalisch) zueinander? Woher wissen wir überhaupt, dass es solche gibt? Aus der Erfahrung. Auch physikalische Prozesse müssen beobachtet werden, um sie beschreiben zu können.

Das geschieht heute im Wesentlichen mit den Methoden der Experimentalphysik und anderer Naturwissenschaften. Im Falle der psychischen Prozesse kommt zur eigenen Erfahrung und der Erfahrungen anderer, über die wir uns verbal wie nonverbal verständigen, auch die psychologische Wissenschaft.

Konrad Lehmann kommt schließlich auf das Problem der mentalen Verursachung zu sprechen:

Alle ontologischen Modelle (außer dem Dualismus) sind sich einig, dass die Welt "kausal geschlossen" ist: Jeder materielle Zustand der Welt wird vollständig und ausschließlich vom vorangegangenen Zustand verursacht. Der physische Zustand zum Zeitpunkt tn ist hinreichend, um den physischen Zustand zum Zeitpunkt tn+1 zu erklären. Zusätzlich verursachen materielle Zustände im Materialismus auch noch mentale Zustände - wie auch immer sie das tun - und sind ebenfalls hinreichend, um diese zu erklären. Daraus folgt aber, dass keine andere Bedingung notwendig sein kann, um den physischen Zustand tn+1 oder die mentalen Zustände zu erklären.

Konrad Lehmann

Hier vermischt Lehmann leider Seinsaussagen (ontologisch) mit Wissensaussagen (epistemisch). Ob die Welt kausal geschlossen ist oder nicht, ist eine Aussage darüber, wie die Welt ist; was wir aber erklären können, ist eine Aussage darüber, was wir wissen können. Die beiden können Hand in Hand gehen, müssen es aber nicht: Beispielsweise könnten prinzipiell kausal deterministische Prozesse für uns unerklärbar sein; oder kausal indeterministische Prozesse könnten durch uns erklärt werden.

Um mit dem Determinismusproblem nicht noch ein weiteres Fass ohne Boden aufzumachen, sei darauf verwiesen, dass Kausalität nicht so eine grundlegende naturwissenschaftliche Kategorie sein muss, wie das Zitat es unterstellt. In den Natur- und Sozialwissenschaften, sicherlich in den Neurowissenschaften und der Psychologie, wird beispielsweise oft mit probabilistischen Kausalbegriffen gearbeitet:

Prozess A verursacht Prozess B probabilistisch, wenn das Eintreten von A das Eintreten von B wahrscheinlicher macht, und dies nicht allein auf einen Prozess C zurückzuführen ist, der A und B probabilistisch verursacht. Das hört sich nur auf den ersten Blick kompliziert an und ist uns tatsächlich gut vertraut. Eine Aussage wie diejenige, dass Rauchen die Gesundheit gefährdet, entspricht diesem Schema.

Natürlich geht es um einen Kausalzusammenhang, wenn man sagt, dass Rauchen Lungenkrebs verursachen kann. Der Zusammenhang ist probabilistisch, denn niemand weiß, nach wie vielen Zigaretten der Krebs entsteht, sodass man eine Zigarette vorher aufhören könnte. Es handelt sich zudem um wissenschaftlich bestätigte Aussagen und es gibt konkrete Versuche einer mechanistischen Erklärung, auch wenn viele Fragen ungeklärt sind und es vielleicht für immer bleiben werden.

Lehmanns Aussage unterliegt ein linearer und jedenfalls in seiner Allgemeinheit wissenschaftlich unbrauchbarer Kausalitätsbegriff. Denken wir beispielsweise auch an eine Feedback-Schleife, in der System A System B verstärkt, System B aber A hemmt. Solche Schleifen gibt es im Gehirn zuhauf. Es gibt ganz klar einen Ursache-Wirkung-Zusammenhang, doch wer genau verursacht hier was? Wo fängt es an, wo hört es auf?

Mit diesem linearen Denken fährt Konrad Lehmann fort, wenn er schließlich schreibt: "Die mentalen Zustände können also weder andere mentale Zustände bewirken - denn die sind ja schon durch die Materie erzeugt -, noch können sie auf die Materie zurückwirken - denn deren Veränderungen sind ja vollständig in der kausal geschlossenen materiellen Welt begründet."

Das stimmt aber nur unter der Annahme, dass ein Prozess bloß eine vollständige Ursache haben kann. Stellen wir uns eine standrechtliche Verurteilung vor: Fünf Soldaten erschießen einen Deserteur. Es ist zwar nicht wahrscheinlich, doch aber möglich, dass die fünf Kugeln den Unglücklichen zum selben Zeitpunkt treffen und töten. Lehmann müsste sagen: Wenn eine Kugel den Mann umbringt, können es die anderen vier nicht. Das ist aber doch möglich!

An mentaler Verursachung ist auch nichts Mysteriöses. Man braucht sich nur einen Wald vorzustellen, schon entstehen entsprechende Gehirnaktivierungen; diese lassen sich ebenfalls messen, sonst würden Computer-Gehirn-Schnittstellen überhaupt nicht funktionieren.

Auch aus der Wissenschaft wissen wir zum Beispiel, dass Prüfungsstress bei Studierenden Erkältungen wahrscheinlicher macht (S. Stewart-Brown, 1999, British Medical Journal). Dabei geht es beispielsweise um die Prüfung (intentionaler Gehalt) und das Erleben von Unruhe oder gar Angst (phänomenaler Gehalt). Solche Prozesse können wir gar nicht anders beschreiben als psychisch! Und doch sind sie kausal wirksam in der Welt. Auch hier gibt es Hypothesen über die Mechanismen, wie beim erwähnten Lungenkrebsbeispiel.

Um es zusammenzufassen: Philosophie, Psychologie und Physik müssen sich nicht widersprechen; sie können sich auch sinnvoll ergänzen. Das Leib-Seele-Problem ist, so verstanden, kein prinzipielles, sondern ein offenes Problem, das zu philosophischen Analysen einlädt und empirische wie theoretische Forschung erfordert. Vom Leib-Seele-Problem, wie Lehmann und viele andere es formulierten, können wir uns verabschieden.

Natürlich ist es ein Rätsel, wie Bewusstseinsprozesse entstehen und was sie bewirken. Dass es sie gibt, das müssen wir aber nicht bezweifeln.

Der Materialismus/Physikalismus wurde oft so formuliert, dass Psychisches nichts anderes ist als Physikalisches. Das klingt so, als würden wir etwas verlieren, von dem wir doch wissen, dass es besteht. Formulieren wir es einmal anders herum, dann wird daraus eine spannende Herausforderung: Körper ist Geist! Wie kann es nur möglich sein, dass in einem Körper, in einem Nervensystem Bewusstseinsprozesse entstehen?

Die Befunde, die angeblich zeigen, dass Psychisches nur Physikalisches sei, denken wir an Läsionsstudien (also Studien nach Gehirnschäden) oder Experimente mit elektrischer Stimulation des Nervensystems, sind doch überhaupt nicht neu - sie wurden uns nur in den letzten zwanzig Jahren immer wieder als neu verkauft. Warum? Weil Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in zunehmendem Maße auf die Medien angewiesen sind und öffentliche Aufmerksamkeit genießen.

Schon in der Antike gab es Untersuchungen etwa an Gladiatoren mit Kopfverletzungen; man denke an den griechischen Arzt und Anatomen Galenos von Pergamon, der später in Rom tätig war. Aus dem alten Ägypten sind Therapien überliefert, Kopfschmerzen mit Zitteraalen (elektrische Stimulation des Gehirns) zu behandeln. Und wie lange schon werden psychedelische Drogen in allen Kulturen der Welt zur Bewusstseinsveränderung verwendet? Trinken Sie ein paar Biere und erleben Sie es selbst!

Man muss keine Probleme erfinden, wo es sie nicht gibt. Man sollte aber umgekehrt auch nicht unterstellen, dass bunte Aktivierungswolken, die man auf einen anatomischen Gehirnschnitt projiziert, viel erklären. Es handelt sich schlicht um statistische Konstrukte (etwa t-Werte) für einen physikalischen Stellvertreter (Magnetfeldunterschiede) für einen biologischen Stellvertreter (Blutflussunterschiede) dessen, was bestimmte Aspekte neuronaler Prozesse sein könnten.

Das Leib-Seele-Problem, so verstanden, ist eine offene Herausforderung, kein unlösbares Problem. So viel steht aber fest: Die Methoden, um es zu knacken, müssen wir erst noch erfinden.

Stephan Schleim schrieb 2005 beim Bewusstseinsphilosophen Thomas Metzinger seine Magisterarbeit zum Leib-Seele-Problem. Danach wechselte er in die bildgebende Hirnforschung für ein Promotionsprojekt über moralische Entscheidungen. Heute lehrt und forscht er als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologe an der Universität Groningen. Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder"[5] des Autors.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3729372

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.heise.de/tp/features/Denken-mit-Leib-und-Seele-3593478.html
[2] http://journal.frontiersin.org/article/10.3389/fneur.2013.00016/full
[3] http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
[4] http://en.wikipedia.org/wiki/Jim_van_Os
[5] http://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/