Kollateralschaden in der Gesellschaft

Die Berichterstattung über den Mord an einer Ägypterin in einem Gerichtssaal in Dresden zeigt auf, wie Medien überwiegend an den tiefer gehenden Ursachen vorbei berichten

Das Drama begann mit einem Wortgefecht auf einem Kinderspielplatz und endete mit tödlichen Messerstichen in einem Gerichtssaal. Die Ägypterin Marwa El-Sherbini geriet wegen eines Schaukelplatzes mit dem Deutschrussen Alex W. in einen Streit. Dieser sagte bei der Auseinandersetzung zu Marwa S. u. a. "Terroristin!" und "Islamistin!". Die Ägypterin klagte gegen die Beleidigungen vor einem Gericht. Alex W. wurde zu 780 Euro Geldstrafe verurteilt. In einer Berufungsverhandlung kam dann die Eskalation: Alex W. ersticht Marwa S. mit 18 Messerstichen, ihr Mann, der ihr zu Hilfe eilt, wird von einem Polizisten ins Bein geschossen.

Was auf den ersten Blick wie die Momentaufnahme des alltäglichen Wahnsinns einer Gesellschaft wirkt, deren Mitglieder sich aus Nichtigkeiten mitunter einen Kampf bis aufs Blut liefern, verweist bei näherer Betrachtung auf die Auswüchse einer gefährlichen "Kampf-der-Kulturen-Ideologie", wie sie sich verstärkt seit dem 11. September 2001 in das kollektive Bewusstsein der Bürger eingebrannt hat. Doch dieser Aspekt geht in der Berichterstattung unter. Der Diskurs in den Medien dreht sich weitestgehend um die Verlautbarungen der Staatsanwaltschaft, nämlich, dass das Motiv für die Tat auf einen "fremdenfeindlichen" Hintergrund zurückzuführen sei. Wenngleich die Motivlage des Täters durchaus im Kontext Rassismus einzuordnen ist, kann man bei dieser einseitigen Berichterstattung davon ausgehen, dass die Ursachen für das Verbrechen nicht vollständig aufgearbeitet werden.

"Terroristin!", "Islamistin!", es sind diese beiden Ausdrücke von Alex W., die einen Einblick in die Denkweise des Täters geben. Die Äußerungen verweisen darauf, dass das Verbrechen im Gerichtssaal nicht einfach nur unter dem Aspekt Fremdenfeindlichkeit betrachtet werden darf. Ein Abgleich der veröffentlichten Informationen durch die Staatsanwaltschaft mit der medialen Berichterstattung zu dem Fall verweist auf eine Schieflage der publizistischen Aufarbeitung.

Die Süddeutsche Zeitung schreibt etwa:

Das Motiv war nach Überzeugung der Ermittler Ausländerhass.

SZ

und zitiert Islamforscher Peter Heine, der sich in der Bild-Zeitung geäußert hat:

"Die Wut in der ägyptischen Bevölkerung sollten wir sehr ernst nehmen", sagte Heine der Bild-Zeitung. "Sie ist echt und nicht vom Regime organisiert, und die Lage kann noch aus dem Ruder laufen. Es besteht auch die Gefahr, dass Hasspredigern die Situation in die Hände spielt, nach dem Motto: Seht ihr, die Deutschen halten uns für Feinde."

SZ

In einem weiteren Artikel verweist die SZ auf eine Demonstration in Ägypten zu dem Vorfall:

Die Beerdigung geriet zur Demonstration. Einige der Trauergäste riefen "Nieder mit Deutschland" und "Wir wollen Vergeltung". Es waren aber auch nachdenklichere Stimmen zu hören: "Warum wurde Marwa getötet?", stand auf einem Transparent.

SZ

und ist um Erklärungen bemüht:

Die mörderische Tat des erst 2003 nach Deutschland gekommenen Mannes sagt daher mindestens so viel über die in Russland vorherrschende Islamphobie aus wie über Fremdenfeindlichkeit in Deutschland.

SZ

Bei Spiegel-Online heißt es:

"Lasst die Saat des Extremismus nicht aufgehen", forderte Nabil Yacoub vom Dresdner Ausländerrat. Ägyptens Botschafter Ramsi Ess Eldin Ramsi sagte, die junge Mutter sei ein Opfer von blindem Hass und Fanatismus geworden, die ihre Quelle in der Ignoranz hätten. Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering mahnte politische Konsequenzen an: Rechtsextremisten und Rassisten dürften keine Chance mehr haben, sich in Parteien zu organisieren.

Spiegel

Und Focus geht auf die Gründe der Tat ein:

Der Mann, der die Ägypterin Marwa S. im Dresdner Landgericht tötete, war offensichtlich Rassist. Nach FOCUS-Informationen bereitete er sich auf die Tat gezielt vor. Der Russlanddeutsche Alex W. erklärte nach FOCUS-Informationen in der Verhandlung, in der er sich wegen der Beleidigung der 31-Jährigen zu verantworten hatte, dass "nichteuropäische Rassen" kein Recht hätten, in Deutschland zu leben. Daraus habe W. sein Recht ableiten wollen, die in Dresden als Apothekerin tätige Ägypterin als "Islamistin" und "Terroristin" beleidigen zu dürfen. Prozessbeteiligte berichteten, dass Alex W. ruhig erklärt habe: "Ich finde es nicht in Ordnung, dass diese Monster nach dem 11. September nicht rausgeschmissen wurden."

Focus

Die Bild-Zeitung greift einen Besuch der Dresdner Staatsministerin Maria Böhmer bei dem Witwer der Ermordeten auf:

Der Messermord an der Ägypterin Marwa E. (31) im Dresdner Landgericht - jetzt besuchte Staatsministerin Maria Böhmer (CDU) den verletzten Witwer im Krankenhaus. Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung ist, sagte: "In Deutschland ist kein Platz für rassistisch oder religiös motivierte Gewalt." Der ägyptische Botschafter in Deutschland, Elsayed Ramzy, forderte von der Bundesregierung eine "eindeutige Geste" - in welcher Form, ließ er offen.

Bild

Die FAZ geht auf die Trauerfeier in Deutschland ein:

Zum Gedenken und Protest gegen die Tat hatte am Samstag in Dresden eine Trauerfeier stattgefunden, an der rund 1500 Personen, unter ihnen auch der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, Justizminister Geert Mackenroth (CDU) und Kultusministerin Eva-Maria Stange (SPD), teilgenommen hatten. Auf der Veranstaltung wurden Plakate mit Texten wie "Mein Schleier ist keine Sünde" oder "Unsere geliebte Schwester Marwa ist eine Märtyrerin, denn sie starb für ihre Religion (Islam!!!)" oder "I love Palestine" hochgehalten. Andere betonten das Leid des Kindes der Ermordeten: "Ich habe meine Mutti verloren", stand über vielen Bildern Marwa el-Sherbinys und ihres dreijährigen Sohnes. In mehreren islamischen Staaten gab es zudem antideutsche Demonstrationen.

FAZ

Exemplarisch verdeutlicht diese kleine Presseschau, dass in nahezu der gesamten Auseinandersetzung im Pressemainstream zu dem Fall einzig das Thema Fremdenfeindlichkeit bzw. Rassismus im Vordergrund steht sowie aktuelle Entwicklungen nachrichtlich dargestellt bzw. kommentiert werden.

Obwohl die Aussagen des Täters darauf schließen lassen, dass sein Hass gegen Muslime auf Denkkonstrukte zurückzuführen sind, wie sie die politische und mediale Auseinandersetzung zur Hochzeit des "Kampfes gegen den Terror" erzeugt haben, ist in den Medien kaum eine Spur von kritischer Reflexion über die heute auftauchenden Kollateralschäden in der Gesellschaft, für die der Grundstein nach den Anschlägen in den USA gelegt wurde, zu finden.

Immer wieder wurde von Schläfern gesprochen, die mitten unter "uns" lebten und jederzeit zu todbringenden Terroristen aktiviert werden könnten. Immer wieder wurde auf ein weltweites Netzwerk von religiösen Extremisten verwiesen, die allesamt bereit seien, die westliche Welt in den Abgrund zu bomben. Parteiübergreifend sprachen Politiker (und sie tun es noch immer) von den Gefahren des islamistischen Terrors, mit denen die Menschen nun leben müssten. Man mag einwenden, dass Alex W. erst 2003 nach Deutschland gekommen ist, doch verlief die Berichterstattung in Russland nicht viel anders als in Deutschland.

Gewiss, die Ermordung von Marwa S. ist ein extremer Einzelfall, aber dass auch andere Köpfe islamophobe Denkmuster entwickelt haben, davon ist auszugehen.

Die Rolle der Politik und der Medien ist dabei zwiespältig, wie sie nicht zwiespältiger sein kann. Einerseits wurde nach den Anschlägen in den USA vor einer generellen Verurteilung von Muslimen gewarnt. Mit einer Symbolpolitik, die beispielsweise in demonstrativen Treffen mit muslimischen Geistlichen mündete, traten Amtsträger einem Kampf der Kulturen entgegen. Und genau das tun sie auch heute noch: Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach dem ägyptischen Staatspräsidenten ihr Beileid aus, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier kondolierte dem Ehemann der Ermordeten und diverse Politiker setzten sprachliche Akzente zum friedlichen Umgang mit muslimischen Mitbürger.

Auf der anderen Seite war es eben auch die Politik, die sich hier als Friedensträger inszeniert, die durch unzählige symbolisch-politische Akte und fragwürdige Entscheidungen im Zuge der "Kampf-gegen-den-Terror-Doktrin" zur Entstehung eines Feindbildes Islam beigetragen hat.

Nicht minder zwiespältig: die großen Medien. Durch einen teilweisen desaströsen Journalismus waren sie es, die sich in weiten Teilen distanz- und kritiklos zum politischen Sprachrohr machten, aus dem immer wieder neue Botschaften drangen, die vor weiteren, noch schlimmeren Terroranschläge warnten. Es gab kaum eine Nachrichtensendung, in der nicht ein so genannter "Terrorismusexperte", der sich gewöhnlich auf "Geheimdienstkreise" stützte, das Bild der drohenden Apokalypse durch islamistische Terroristen an die Wand malte. Eines der Resultate aus dieser Berichterstattung war und ist eine diffuse Angst in der Bevölkerung vor Muslimen.

Zwar wurde durchaus immer wieder betont, zwischen "islamistisch" und "islamisch" müsse unterschieden werden, aber wenn diese Aussagen von Terrorszenarien und Signalwörter wie Bedrohung oder Gefahr flankiert werden, ist davon auszugehen, dass Teile der Bevölkerung sich längst "ihr" Bild gemacht haben und nicht mehr groß differenzieren.

Und so verwundert es nicht, dass selbst der sächsische Polizeipräsident Frau Marwa S. zu einer Islamistin macht:

Nach Angaben eines Sprechers im sächsischen Innenministerium stammt die Frau aus einem arabischen Land. Polizeipräsident Merbitz hatte gesagt, die Frau sei "islamistischer Abstammung".

Stern

Doch unabhängig vom "sprachlichen Fehlgriff" des Polizeipräsidenten: Weder Medien noch Politik zeigen sich bereit, ihr Verhalten, wie sie es nach dem 11. September 2001 an den Tag gelegt haben, zu überdenken und kritisch aufzuarbeiten. Immerhin spricht zumindest der Tagesspiegel das Problem im Fall Marwa S. an:

Die Assoziation "Islam, Islamist, Terrorist", das alles ausgelöst durch den Anblick eines Menschen mit etwas dunklerer Haut und einem Kopftuch, lässt sich schwer als Einzelfall abtun. Seit Deutschland kaum nach dem 11. September 2001 den Krieg gegen den Terror durch Einführung der Rasterfahndung gegen alle eröffnete, die Bart oder Kopftuch und große muslimische Frömmigkeit zeigen, ist diese Assoziation in viel zu vielen Köpfen.

Tagesspiegel

Die Assoziation "Islam, Islamist, Terrorist", wie sie im Tagesspiegel angeführt wird, führt zum eigentlichen Problem des Falles. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass in der nächsten Zeit durch weitere Details zu Alex W., die veröffentlicht werden, das Bild einer fremdenfeindlich motivierten Straftat noch stärker gezeichnet wird. Die Medien werden durch ihre Berichterstattung dazu beitragen, dass die Ermordung Marwa S. auf der Ebene "Fremdenfeindlichkeit" diskutiert wird. Eine Auseinandersetzung mit dem Thema Islamophobie wird nur sehr oberflächlich stattfinden. Die Versuche einzelner Politiker, den fatalen politischen Kurs, wie er nach dem 11. September eingeleitet wurde, zu beleuchten, werden vermutlich im Nichts verlaufen. Eine breitere Diskussion über die Sinnstifter des Verbrechens wird es nicht geben.

Kommentare lesen (287 Beiträge)
Anzeige