Koloniales Denken in der Medikamentenforschung

Robert Koch (der dritte von rechts) und seine Begleiter auf der Deutschen Cholera-Expedition in Ägypten 1884. Bild: KRUIF, Paul de. Mikrobenjäger/gemeinfrei

Ungleichbehandlung in der Medizinforschung: Bis heute werden in medizinischen Studien je nach Weltregion verschiedene Standards zugrunde gelegt

Im April 2020 - die Welt suchte dringend nach einen Impfstoff gegen Corona - löste eine Diskussion französischer Experten Protestwellen aus: Camille Locht, Präsident des Nationalen Instituts für Gesundheit und Medizinische Forschung in Frankreich, und Jean Paul Mira, Chef einer Intensivstation eines Pariser Krankenhauses, sprachen über die Möglichkeit, einen Lebendimpfstoff an der afrikanischen Bevölkerung testen zu lassen.

Der Vorschlag löste Empörung in den sozialen Medien aus und brachte eine kontroverse Debatte über globalen Rassismus in Gang. Afrika sei doch kein medizinisches Labor, erklärte etwa Didier Drogba, ehemaliger Spieler der Elfenbeinküste und verurteilte entschieden die "rassistischen und verachtenden Worte" der Franzosen. Kurz darauf gab Jean-Jacques Muyembe, Präsident des Biologieinstituts im Kongo, bekannt, die Tests in seinem Land durchführen lassen zu wollen.

Die Tatsache, dass der Kongo einer Testreihe relativ offen gegenüberstand, ist wohl auf die frühere Suche nach einem Impfstoff gegen Ebola zurückzuführen: Die Epidemie konnte Ende 2019 mit Hilfe zweier Impfstoffe, die sich rund 290.000 Menschen verabreichen ließen, eingedämmt werden.

Muyembes Vorstoß wiederum veranlasste Aktivisten, auf der Kampagnenplattform Change.org eine Petition mit der Aufforderung zu lancieren, die Impfstoff-Tests gegen Corona im Kongo zu unterlassen. Schließlich versicherte Muyembe, die Kongolesen sollten nicht als "Versuchskaninchen" herhalten müssen. Wenig später entschuldigten sich auch die beiden Franzosen: Klinische Tests des Impfstoffs würden nun in Europa und Australien durchgeführt.

Eine Versuchsreihe in Afrika sollte, falls überhaupt, dann parallel dazu verlaufen. Interessant wäre hier zu erwähnen, dass zu diesem Zeitpunkt in Afrika offiziell etwa halb so viele bestätigte Corona-Fälle gezählt wurden wie in Deutschland.

"Tests mit Tradition"

Grundlos ist die Angst vor Versuchen mit Medikamenten in Afrika nicht. Schon vor hundert Jahren boten afrikanische Kolonien ein ideales Experimentierfeld für Mediziner aus Europa. So führte man in Westafrika Tausende Menschen, die man als infiziert einstufte, in Konzentrationslager zusammen, wo sie in unzumutbaren Bedingungen dahinvegetierten. Es mangelte an Decken, Nahrung und sauberem Wasser. Viele starben allein deshalb.

Bei den Experimenten, die man an den Menschen vornahm, sei es weniger darum gegangen, die Zahl der Überlebenden zu steigern, so die Aussage eines Arztes, als vielmehr darum, zu testen, wie hoch die Dosis der Medikamente sein muss, damit sie am verträglichsten ist und die wenigsten Menschen daran sterben.

Anfang des 20. Jahrhunderts wütete eine Reihe von Tropenkrankheiten wie Malaria, aber auch Fieber- und Infektionskrankheiten. Darunter gab es auch die Schlafkrankheit, die von der Tsetse-Fliege über so genannte Trypanosomen übertragen wird. Die Parasiten breiten sich über den Blut- und Lymphweg im ganzen Körper aus. Die Patienten bekommen Fieber, Ödemen, Herzrasen und dämmern vor sich hin, bevor sie sterben.

Im Jahre 1906 brachen Robert Koch und der Oberarzt Friedrich Karl Kleine im Auftrag der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes und des Reichsgesundheitsrats in die deutsch-afrikanischen Kolonien auf, um die Krankheit zu bekämpfen. Die Ärzte sollten die am schwersten betroffenen Gebiete identifizieren und Therapiemöglichkeiten ausloten.

Nicht zuletzt sei es vor allem darum gegangen, die Arbeitskräfte und Soldaten vor Ort zu erhalten, berichtet Klaus Janitschke, ehemaliger Leiter des Fachgebietes Klinische Parasitologie am Robert-Koch-Institut (RKI). Denn die Kolonialherren waren auf gesunde Arbeitskräfte vor Ort angewiesen, um den Kontinent und seine Rohstoffe effizient ausbeuten zu können.

Menschen starben am Atoxyl

Mehr als 1.000 Patienten am Tag wurden in Laken an einem Stock hängend zu den Ärzten gebracht, die sie mit dem arsenhaltigen Medikament Atoxyl behandelten, das die Krankheitssymptome lindern sollte. Doch im Blut lebten die Parasiten weiter. Weil das Mittel nicht lange genug wirkte, erlitten die Patienten Rückfälle. Obwohl er um die Risiken wusste, verdoppelte Koch die Dosis - mit fatalen Folgen: Viele Patienten litten an Schmerzen und Koliken, manche erblindeten. Jeder zehnte Patient starb. Bevor Koch 1907 die Heimreise antrat, ernannte er Karl Kleine zu seinem Nachfolger und Leiter der Schlafkrankheitsbekämpfung.

Zurück in Berlin schlägt Koch dem Reichsgesundheitsamt vor, eigene Lager für Schlafkranke zu errichten und Atoxyl konsequent zu nutzen. Jahrelang probierte er geringere Dosen von Atoxyl und anderen arsenhaltige Präparate aus. Schließlich entwickelte ein ehemaliger Mitarbeiter von Paul Ehrlich 1916 den Wirkstoff Bayer 205. Das später als "Germanin" gehandelte Medikament fand als erstes marktfähiges Tropenmittel breite Anwendung.

Fünf Jahre später testete es Kleine erstmalig an Schlafkranken in Nordrhodesien (heute Sambia). Aufgelöst in Regenwasser, injizierte er das weiße Pulver tausenden Erkrankten - mit einer Heilungsrate von nahezu 100 Prozent.

Robert Koch habe genau gewusst, dass er diese Tests an Deutschen nicht hätte durchführen können, erklärt Jürgen Zimmerer von der Uni Hamburg. Zwar habe er die Menschen nicht bewusst infiziert, um Medikamente auszuprobieren. Dennoch hat er Medikamente mit schwersten Nebenwirkungen, vor allem Atoxyl, an Erkrankten zwangsweise getestet und dabei ihr Leben aufs Spiel gesetzt. Denn das war sehr schmerzhaft und führte bis zur Erblindung.

Zum einen hielten damalige Kolonialmediziner für Siedler, Missionare, Kolonialbeamte und Militärs die medizinische Grundversorgung aufrecht, weiß der Historiker. Im Gegensatz dazu diente die Versorgung der afrikanischen Untertanen dem alleinigen Zweck, deren Dienstleistungen für die Kolonien rentabel zu machen. Innerhalb der kolonialen Strukturen waren Ärzte wie Robert Koch bereit, Medikamente, deren schwerste Nebenwirkungen bekannt waren, an den Menschen zu testen, auch ohne deren Einwilligung. Hierin zeigt sich auch der damals vorherrschende Rassismus.

Ob Koch auch in Deutschland die Entdeckung einer Therapie über das individuelle Leid gestellt hätte, kann im Nachhinein nicht mehr geklärt werden, denn Versuche an Deutschen waren tabu.

Verletzt die WHO ethische Leitlinien?

Auch heute ist koloniales Denken in der Medikamentenforschung weit verbreitet. Das zeigt sich am Beispiel von Mosquirix. Der Impfstoff wurde in den 1980er Jahren gegen Malaria entwickelt. Jährlich sterben 400.000 Kinder an der Krankheit. Allerdings sind Säuglinge - nach vier Impfdosen - kaum geschützt und Kleinkinder nur zu etwa 30 Prozent. Nachdem die Impfung verabreicht wurde, gab es mehrere Fälle von Hirnhautentzündung.

Zudem erhöhte sich die Sterblichkeit bei den Mädchen. 2015 empfahl die europäische Arzneimittel-Agentur in einer wissenschaftlichen Stellungnahme, Mosquirix nur begrenzt einzusetzen. Daraufhin initiierte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Studie mit Mosquirix in Ghana, Kenia und Malawi. Weder war die Studie durch die Ethikkommission überprüft, noch wurde eine Einwilligung der 720.000 Kinder eingeholt, kritisiert der Bio-Ethiker Charles Weijer.

Der Wissenschaftler an der Western University in Kanada zeigt sich schockiert über den Ablauf der Studie. Trotz internationaler ethischer Vorgaben gebe es immer noch Beispiele für koloniale Wissenschaft. Von jeder einzelnen mangelhaft durchgeführten Studie könnten Zehntausende oder Hunderttausende Menschen betroffen sein. Doch ihre Fehler will die WHO nicht zugeben. Die Regierungen wurden aufgefordert, zufällig festzulegen, ob der Impfstoff in einem Bezirk gegeben wird oder nicht.

Auf diese Weise wollte man Mosquirix weiter erforschen. Doch für die Teilnehmenden war nicht klar zu erkennen, ob es sich um eine Studie handelte, oder ob bereits ein Impfstoff eingeführt wurde. Eltern, die ihre Kinder impfen lassen wollten, seien nicht darüber informiert worden. Auf diese Weise wurden 720.000 Kinder nichtsahnend und ohne das Einverständnis ihrer Eltern zu Probanden. Das ist nicht nur eine Verletzung internationaler Ethik-Regeln, sondern eine Menschenrechtsverletzung, so Weijer

Die WHO stellt die Impfung der Kinder als Pilotprojekt zur landesweiten Einführung des Impfstoffs dar. Doch aus ihrer Website gehe hervor, dass sie die Einführung von Mosquirix als cluster-randomisierte Studie geplant habe, kritisiert Charles Weijer. Wäre diese Studie in Europa oder Kanada oder den Vereinigten Staaten durchgeführt worden, hätte man sie vorher einer Ethikkommission vorlegen und die informierte Einwilligung aller Teilnehmer einholen müssen.

Dass es in Afrika anders lief, erklärt sich der Bio-Ethiker durch eine koloniale Denkweise, die unterbewusst weiter existiere: Weil Wissenschaftler glauben, ein Malaria-Impfstoff sei wichtig für Afrika, ziehen sie ihre Studien einfach durch. Dabei gehen sie nach einem anderen Standard für die Forschung vor, als er in reichen Ländern angewendet wird.

Studienteilnehmerinnen werden ihrem Schicksal überlassen

Dass der medizinischen Behandlung in armen Regionen andere Standards zugrunde liegen, zeigt sich auch in Indien. Hier ist Gebärmutterhalskrebs eine der am häufigsten tödlich verlaufenden Krebsdiagnosen bei Frauen über 15 Jahren. Sandhya Srinivasan, Redakteurin beim Indischen Journal für Medizinethik, recherchierte zu drei Studien, die von 1998 bis 2015 an 374.000 Frauen aus ländlichen Gegenden und in den Slums von Mumbai durchgeführt wurde.

Es wurde untersucht, ob eine einfache optische Methode zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs taugt - als Alternative zum bis dahin üblichen Pap-Test, bei dem ein Zellabstrich vom Fachpersonal vorgenommen wird.

Finanziert wurden die Studien von Institutionen aus Industrieländern, darunter der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. Während 233.000 Frauen die Vorsorgeuntersuchungen erhielten, wurden 141.000 Frauen in der Kontrollgruppe über Gebärmutterhalskrebs und deren Behandlung nur informiert. Obwohl sie Teil der Studie waren, wurden sie nicht behandelt. Im Ergebnis starben 254 Frauen aus der Kontrollgruppe.

Diese hätten zumindest den Pap-Test bekommen müssen, der in Indien seit den 1970er Jahren verbreitet ist, kritisiert Sandhya Srinivasan. Stattdessen blieben sie sich selbst überlassen. In einem reichen Industrieland hätte die Mindestversorgung der Probanden außer Frage gestanden.

Probanden sollen vom Impfstoff profitieren können

Der Nachweis, ob ein Impfstoff wirkt oder nicht, gelingt letztlich nur an einem echten Menschen. Daher sind medizinische Tests nicht per se schlecht - solange sie freiwillig und im geschützten Rahmen durchgeführt werden und der Impfstoff auch nach dem Test den Teilnehmenden zur Verfügung steht.

Grit Kienzlen hält eine Testreihe zu Corona-Impfstoffen grundsätzlich für akzeptabel. Allerdings sollten mehrere Bedingungen erfüllt sein: Erstens müssten die Patienten ihre informierte Einwilligung geben. Zweitens dürften die Menschen nicht aus Armutsgründen an der Studie teilnehmen. Sondern der Anreiz müsste in einer besseren Gesundheitsversorgung liegen. Drittens sollten die Impfstoffe später auch sehr schnell den Orten zur Verfügung stehen, wo sie getestet werden, fordert die Wissenschaftsjournalistin beim Deutschlandfunk.

Denn würden die Tests in Afrika durchgeführt und die Impfstoffe zuerst in den reichen Industrieländern verteilt, was wären die Menschen dann anderes gewesen als nur "Versuchskaninchen"? (Susanne Aigner)