Kommentar: Wenn Deutschland ein Vorbild für die Energiewende wäre

Symbolbild: TP

Die Berliner Energy Watch Group will mit einer Simulation der Energieversorgung weltweit Erneuerbare Energiequellen forcieren

Unter dem Titel Global Energy System based on 100% renewable Energy - Power, Heat, Transport and Desalination Sectors wurde im April eine Studie vorgestellt, die eine sektorenübergreifende stundenscharfe Simulation des globalen Energiesystems bieten will (Retten uns die Kinder?). Als deutscher Ansprechpartner für die gemeinsam mit der finnischen LUT University durchgeführte Studie wird die Berliner Energy Watch Group (EWG) genannt. Präsident der EWG ist der frühere grüne MdB Hans-Josef Fell, der vielfach auch als der Vater des EEG bezeichnet wird.

Was will die Studie sagen?

Die Kernaussage lautet: "100% Erneuerbare kostengünstiger als derzeitiges Energiesystem." Man propagiert dabei eine vollständige weltweite Energiewende in den Bereichen Strom, Wärme, Verkehr und Meerwasserentsalzung bis 2050 und will darstellen, dass ein "1,5°C Szenario mit einem kostengünstigen, sektorenübergreifenden und auf hoher Technologievielfalt beruhenden globalen 100% Erneuerbare-Energien-System, welches ohne negative CO2-Emissionstechnologien auskommt", möglich sei.

Die Studie basiert auf viereinhalb Jahren Forschung und Analysen von Datenerfassungen und technischen und finanziellen Modellierungen und will den Beweis antreten, dass die Wende hin zu 100% Erneuerbaren Energien gegenüber dem heutigen, konventionellen fossil-nuklearen System wirtschaftlich konkurrenzfähig ist. Wobei die Aussage, dass 100% Erneuerbare Energien günstiger seien, durchaus kritisch zu sehen ist, wenn man feststellt, dass die Energiekosten für ein vollständig nachhaltiges Energiesystem von 54 €/MWh im Jahre 2015 auf 53 €/MWh im Jahre 2050 sinken würden.

Da erscheint der Unterschied einerseits durchaus marginal und anderseits wird nicht automatisch berücksichtigt, dass die Kostensenkung einen Reboundeffekt verursachen kann, wie er sich in Europa am Beispiel der immer größeren TV-Geräten zeigt, welche dem Energieeinspareffekt in die Quere kommen.

Weitere Entwicklungen, die gerade in Südostasien auffällig sind, sind die zunehmende Installation von Airconditionsystemen, die installiert werden, obwohl die Gebäude so gut wie gar nicht gedämmt werden. Und wer bei der Energie im Mobilitätssektor auf Elektrizität setzen will, muss erst einmal die Bahntrassen ertüchtigen, so dass die Züge bei der Geschwindigkeit mit den zumeist gut ausgebauten Bussystemen mithalten können.

Beim Individualverkehr auf die E-Mobilität zu setzen, hört sich zwar auf den ersten Blick spannend an, es muss jedoch an zwei Fronten gekämpft werden: Die eine besteht in der bis heute praktisch nicht vorhandenen Ladenetzinfrastruktur, und die viel grundlegendere besteht in der Verfügbarkeit von Akkusystemen, die bei den in der Folge des Klimawandels steigenden Temperaturen nicht schlapp machen.

Zudem habe sich viele Familien in den letzten Jahren gerade ihren Pickup auf Raten gekauft, so dass für die nächsten Zehn Jahre erst einmal abgezahlt werden muss. Die Kinder wollen Mopeds, damit sie sich schon ab dem Alter von zehn Jahren entsprechend lautstark motorisiert bewegen können. Elektromobile finden sich bis ins letzte Dorf heute als Elektrorollstühle für die Großeltern, die nicht mehr so gut zu Fuß sind.

Deutschland war mal ein Vorbild bei den Erneuerbaren

Die Studie bietet zwar durchaus viele Zahlen, auf deren Basis man für die Einführung Erneuerbarer in die Energiesysteme argumentieren könnte, es fehlt jedoch ein wichtiger Punkt, der dabei helfen könnte, den Umschwung auch in Regionen zu schaffen, in welchen solche Argumente nicht erfolgreich eingesetzt werden können. Letztlich zählt nur der wirtschaftliche Vorteil für die jeweiligen Entscheider oder zumindest der Zuspruch, welchen der Entscheider erhält, wenn er einem guten Vorbild folgt. Und an dieser Stelle führt auch die aktuelle Studie nicht wirklich weiter, denn an guten Vorbildern mangelt es inzwischen.

Hans-Josef Fell, Autor des Gesetzesentwurfs des EEG 2000 und heute Präsident der Energy Watch Group gibt auf Anfrage von Telepolis zu diesem Punkt zu bedenken:

Deutschland war im letzten Jahrzehnt mit dem EEG auch politisch Vorreiter für die Erneuerbaren Energien in der Welt. Leider wurde mit den vielen EEG Novellen unter Kanzlerin Merkel Stück für Stück der Ausbau der Erneuerbaren Energien massiv gedrosselt, weshalb Deutschland nun seine Klimaschutzziele nicht einhalten kann. Insbesondere der Wechsel von der festen Einspeisevergütung hin zu Ausschreibungen drosselte den Ausbau der Erneuerbaren Energien und verminderte das ehemals erfolgreiche bürgerliche Investment. Dieser Politikwechsel wird nun in vielen Ländern kopiert, zum Schaden von Klimaschutz, sowie demokratischer Teilhabe beim Ausbau der Erneuerbaren Energie. (Hans-Josef Fell)

Die ganzen guten Vorschläge, welche in der Studie unterbreitet werden, wie die Förderung der Sektoren- oder Sektorkopplung sowie der privaten Investitionen, welche vornehmlich durch feste Einspeisevergütungen angereizt werden können, und Steuervergünstigungen für Erneuerbare bei gleichzeitiger Einstellung von Subventionen für fossile Brennstoffe lassen sich international nur schwerlich umsetzen, solange Deutschland in der Praxis diese Vorschläge selbst nicht verfolgt. Wer soll da glauben, dass die Aussichten für eine nachhaltige Umgestaltung der weltweiten Energiewirtschaft so positiv sind, wenn sich selbst Deutschland inzwischen der Weiterentwicklung der Energiewende verweigert. (Christoph Jehle)