Kommentar: Willkommenskultur reloaded?

Bild: Uhmus/CC BY-SA-2.0

Willkommenskultur soll nach einer Studie wieder mehr Zuspruch erhalten. Der völlig schwammige Begriff taugt wenig für praktische Politik

"Gesellschaftliche Willkommenskultur findet wieder mehr Zuspruch", lautet das Resümee einer Studie der Mercator-Stiftung. Es ist die dritte Studie der Mercator-Stiftung zu dem Thema. 2014 und 2016 gab es schon eine Befragung, so dass sich nach Meinung der Wissenschaftler ein Trend feststellen lassen kann.

So gab es 2014 noch eher Zustimmung für die Willkommenskultur. 2016, auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszuzugs, sank diese rapide ab. Jetzt, so der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick, seien die Menschen wieder so offen wie vor der Krise, sogar eine klein wenig offener. Nur ist es schon problematisch, dass die Zustimmungswerte zur Willkommenskultur mit dem Ansteigen und Fallen der Zahlen der Migranten in Beziehung gesetzt wird. Es wäre doch dann zumindest nach der Stärke und dem Einfluss der migrationskritischen Propaganda und ihren Wirkungen zu fragen.

Postmoderne Begriffsschwurbelei

Auch der Begriff Willkommenskultur sollte doch mal genauer definier werden. Was verstehen denn die Menschen darunter, die diesem Begriff positiv oder negativ gegenüber stehen? Ebenso müssten die Begriffe Vielfalt und offene Gesellschaft, die in der Studie auch mehrmals vorkommen, genauer definiert werden. Etwas konkreter wird es in den unteren Abschnitten.

Nach dem deutlichen Anstieg von 5,5% (2014) auf 16,4% der Befragten, die sich 2016 dafür aussprachen, dass sich Neuhinzukommende erst einmal mit weniger zufrieden geben sollten, wird diese Forderung wieder leiser. Dennoch spricht sich 2018 immer noch knapp jeder Achte (11,7%) für Etabliertenvorrechte aus. Gleichzeitig fordern immer noch deutlich mehr als ein Drittel der Befragten ohne Migrationshintergrund (38%) ein, jüngere Migranten in ihre Schranken zu weisen (2016: 41%, 2014: 26%).

Die Forderung nach einer Wiederbelebung deutscher Werte und Traditionen geht zurück. Auch diejenigen, die fordern, dass sich Neuankömmling in der Schlange hinten anstellen sollen, werden weniger. Diese Abschwächung der Deutsche-Zuerst-Positionen wäre auf jeden Fall ein positives Ergebnis, wenn sie sich in praktischen Wahlverhalten und politischer Positionierung niederschlagen würde.

Ein Detail der Studienergebnisse ist noch erwähnenswert. Unter Menschen mit Migrationshintergrund ist die Zustimmung zur Willkommenskultur um 10 Prozent zurückgegangen. Das ist nicht verwunderlich. Menschen, die hier, mit welchen Status auch immer, erst mal bleiben können, sehen in anderen Migranten den Konkurrenten, den sie fürchten. So setzt sich das Konkurrenzprinzip des Kapitalismus auch in dem Bereich durch.

Man könnte die Ergebnisse der Studie insgesamt so interpretieren, dass sich wieder mehr die Erfordernisse der kapitalistischen Ökonomie gegenüber völkischen Vorstellungen durchsetzen. Schließlich sind die offene Gesellschaft und die Vielfalt heute ein Erkennungszeichen des modernen Kapitalismus, und auch die Willkommenskultur hat ihre ökonomische Grundlage im Arbeitskräftemangel in Deutschland.

Was sagt es über eine Gesellschaft, wenn der Begriff der Rettung Konjunktur hat?

Diese ökonomischen Grundlagen werden von manchen Befürwortern der Willkommenskultur ignoriert. Dabei wird dermaßen moralisiert, dass sie kaum noch rational diskutiert werden können. Als Beispiel soll eine Leserin der Taz zu Wort kommen, die angesichts toter Migranten im Mittelmeer schreibt: "In der aktuellen Situation versage auch ich, ich weiß nicht mehr, was ich tun kann." Nach weiteren zwischen Selbstanklage und Weltschmerz changierenden Bekenntnissen, schreibt die Leserin, was sie eigentlich will: "retten".

Dieser Begriff hat nicht nur bei Flüchtlings- sondern auch bei der Klimabewegung Konjunktur. Tausende Schüler inszenieren eine konformistische Revolte und inszenieren sich als Klimaretter. Der Kapitalismus wird immer ausgeblendet, wenn es ums Retten geht. Da wurden die Lebensbedingungen der Menschen schon so verschlechtert, dass Retten als einzige Alternative erscheint. Dabei müsste doch für eine Welt gekämpft werden, in der es keine Retter mehr geben muss. Das Schlüsselwort wäre dann Solidarität.

Es ist kein Zufall, dass dieser Begriff in der Mercator-Studie nicht auftaucht. Für eine Kooperation mit Migranten sind Solidarität und festgeschriebene Regeln auf jeden Fall wichtiger als vage Begriffe wie Willkommenskultur und Vielfalt. Sie vernebeln eher gesellschaftliche Zustände, als dass sie etwas erklären.

Vielleicht haben jetzt einige tausend Menschen etwas mehr Rechtssicherheit, die dafür gebürgt haben, dass Migranten legal nach Deutschland einreisen konnten. Sie haben unterschrieben, dass sie für etwaige Kosten des Migranten aufkommen, bis er als Asylbewerber anerkannt ist. Doch die Ämter wollten die anfallenden Kosten auch danach den Bürgen aufbürden. Das hätte manche in den Ruin getrieben. Nun werden die Kosten in den meisten Fällen erlassen. Von dem Gezerre um die Bürgschaften waren Menschen betroffen, die Geflüchteten den gefahrvollen Weg beim Transfer erspart haben und damit sicher auch Leben gerettet haben. (Peter Nowak)

Anzeige