Kommentar zum Weltwirtschaftsforum: Messe der Scheinheiligkeit

Marschieren vereint. Bild: World Economic Forum / Walter Duerst

Die Reichen und Mächtigen suchen Rettung im Ablasshandel

In Davos versammeln sich zum Weltwirtschaftsforum wieder einmal die Reichen und Mächtigen, zumindest einige davon. Willkommen war auch der neue Regierungschef von Brasilien, Jair Bolsonaro, dem das WEF eine Bühne bot. Gut nachvollziehbar, denn Bolsonaro, der die vergangene Militärdiktatur schätzt, will keine sozialen Reformen, sondern mit der Hilfe des Militärs und auch mit Gewalt vor allem den Wohlstand der Reichen sichern. Das kommt vermutlich im Publikum an.

Und er durfte auch propagieren, obgleich das WEF doch den Klimawandel und den Umweltschutz so hoch ansetzt und Umweltrisiken ganz oben im Bericht über die globalen Risiken stehen, dass Umweltschutz und Wirtschaft "harmonieren" sollen. Das heißt, er will weitere Gebiete des Regenwalds der ökonomischen Nutzung öffnen. "Safeguarding our Planet" ist allerdings ein Motto des Treffens.

Versammelt haben sich wieder einmal 3.000 derjenigen, die sich wichtig nehmen und sich zeigen wollen. Trump wäre wohl auch gerne zu seinen Mitmilliardären gekommen, aber der Streit um den Shutdown und die Mauer ließen es nicht zu. Das Treffen steht unter dem Motto "Globalisierung 4.0". Für Unterstützung sorgte auch eine Umfrage, die angeblich demonstrieren sollte, dass die Menschen auf der ganzen Welt die Globalisierung und damit die sich erweiternde Kluft zwischen Arm und Reich begrüßen. Es ist eine Schmierenkomödie, bei der einige "Gutmenschen" wie dieses Jahr David Attenborough als Feigenblatt verwendet werden. Der Frauenanteil ist bei der Männerveranstaltung weiterhin unterirdisch.

Die Reichen, wir haben schon berichtet, sind wieder reicher geworden, was die Ungleichheit verstärkt hat, und sie wollen ihr Vermögen sichern und immer weiter reich werden. Dazu gibt man sich gerne als Weltretter, wo es doch nur um die Rettung des wie auch immer erworbenen Eigentums geht. Klaus Schwab, der Leiter des WEF, sieht sogar die Globalisierung als Rettung vor der Klimaerwärmung, auch wenn die globalen Konzerne dazu kaum Anstrengungen unternehmen.

In früheren Zeiten musste das Weltwirtschaftsforum mit größeren Protesten rechnen, 2001 fand das Treffen schon einmal in New York statt (Von den Bergen in die Stadt). Aber der Kampf gegen die Eliten ist Geschichte geworden, die Menschen wählen inzwischen aus Protest Milliardäre und neoliberale Populisten.

Die Schweiz schätzt das Forum, immerhin gibt sie auch dieses Mal etwa 9 Millionen Franken an Steuergeldern alleine für Sicherheit aus, nur ein Viertel davon soll das WEF übernehmen.

WEF-Motto: "Meaningful Life: Discovering Happiness".Bild: World Economic Forum / Jakob Polacsek

Mindestens 1500 Privatjets

Die Prominenz der Reichen und Mächtigen hält sich natürlich nicht wie die unteren Chargen länger auf dem Treffen auf, man düst buchstäblich kurz ein und hält, wie die NZZ süffisant bemerkt, Speed-Dating-Sitzungen, um gleich wieder abzubrausen. Das tut dem Klima, das das WEF doch so wacker retten will, nicht gut, demonstriert aber, dass man Geld und wenig Zeit hat, also wichtig ist. Allein der Flughafen Zürich rechnet mit zusätzlichen 800-1000 Starts und Landungen, wie die NZZ wohlwollend berichtet. Denn die Reichen und Mächtigen scheißen auf das Klima und fliegen mit ihren Privat- oder Staatsjets, um sich nicht unters einfache Volk mischen zu müssen. Deswegen fliegt man dann auch mit dem Hubschrauber gerne zum Treffen, um die öffentlichen Straßen zu meiden.

Schätzungen gehen davon aus, dass WEF-Teilnehmer mit mindestens 1500 Privatjets einfliegen, es ist auch von bis zu 2000 die Rede. 2017 waren es 1300. Das kommt gut an, wenn von Globalisierung und Klimaschutz die Rede ist. Besonders gerne nutzen das Teilnehmer aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Keine andere globale Veranstaltung würde einen solchen Bedarf an Privatflugzeugen haben. Und es würden mehr und mehr größere Flugzeuge gebucht, man will ja nicht als Knauser dastehen.

Beim WEF steht man auf den Ablasshandel. Die sündigen Seelen kommen zwar nicht gegen einen Obolus in den Himmel, was mitunter zur Rebellion in der Kirche und zur Reformation geführt hat, aber das WEF oder die Reisenden würden doch ihre Klimabelastungen kompensieren. Dominique Waughray, Leiterin der exotischen Abteilung für "Global Public Goods" bei der WEF, sagte der AFP, man dränge die "Partner aus der Wirtschaft und andere" dazu, Kompensationen zu tätigen. Die meisten Politiker würden wegen der Sicherheit fliegen, aber man würde das ja kompensieren. Das mag man glauben oder nicht, aber Kompensationen ändern wenig, wichtiger wäre, das Verhalten zu ändern. Aber damit würde das WEF seine Existenzgrundlage untergraben. Lieber Ablass zahlen und Kirche bleiben.

Was in Davos nicht gefällt, ist der Vorschlag des Shootingstars der Demokraten, der frisch gewählten Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, dass Reiche mit einem Vermögen von über 10 Millionen US-Dollar 70 Prozent Einkommenssteuern zahlen sollen. Nach einer Umfrage würden dies 60 Prozent der Amerikaner und sogar 45 Prozent der Republikaner befürworten. (Florian Rötzer)

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