Kommentieren ist ein Privileg

Internettrolle oder Internetwutbürger - der Fluch aller Foren. Bild: wiki-vr/JNL/FAL

In den USA haben Online-Ausgaben von Zeitungen begonnen, Geld für das Kommentieren von Artikeln zu verlangen, um die Diskussionskultur zu heben und weitere Einkünfte zu erzielen

Die Geschäfte bei Online-Medien gehen schlecht. Die Werbung reicht meist nicht zur Finanzierung, zudem fressen Ad-Blocker Einnahmen weg. Bezahlschranken einzuführen, ist ein riskantes Unternehmen. Dazu kommt der Übergang zu den Mobilversionen und Apps, wo bislang noch weniger verdient werden kann und die Aussichten trüb sind.

Kürzlich schrieb die New York Times, dass Nachrichten-Websites zwar schon immer ein schweres Leben hatten, jetzt aber würde bei deren Betreibern Panik ausbrechen. Die Werbeeinnahmen reichen bei weitem nicht aus, zudem ist die Zeit, in der die Zahl der Leser ständig zugenommen hat, lange vorbei. Nun stagniert der Traffic, wenn er nicht zurückgeht. Viele Menschen besuchen die Websites nicht mehr, es reicht ihnen, die Infos als Happen auf Facebook, Twitter oder anderen Sozialen Netzwerken zu sehen.

Die Werbeausgaben haben sich angepasst. Im ersten Quartal gingen in den USA 85 Cents von jedem für Online-Werbung ausgegebenen Dollar an Google oder Facebook. Risikokapital werde kaum mehr in neue Projekte investiert. Ob neue Strategien wie das Umschalten auf mehr Video helfen, ist zweifelhaft, erhöht aber die Kosten. Folge ist, dass Stellen abgebaut werden, etwa bei Mashable, Salon oder BuzzFeed.

Mittlerweile hat es auch die großen Medien erwischt. Darauf hat Meedia.de hingewiesen. Der britische Independent hat seine Druckausgabe bereits eingestellt und damit vielleicht erst recht den Untergang riskiert. Die Financial Times konnte zwar auch die digitalen Abos steigern, hat aber doch Geldschwierigkeiten, so ein Memo des Managing Director, über das Politico.eu berichtet. Es stehen Maßnahmen zur Kostenreduzierung bei Reisekosten oder frei werdenden Stellen an. Der Guardian will 250 Stellen abbauen, auch die New York Times plant angeblich, so die New York Post, einige hundert Stellen zu streichen.

"Toxic commenters gone"

Kein Wunder, dass neue Ideen aufkommen, wie man Nachrichtenseiten mit finanzieren könnte. So kommentieren die Leser gerne und aktiv Berichte und diskutieren untereinander in den Foren, sofern Online-Medien sich noch erlauben, solche zu führen, weil auch deren Betrieb Kosten verursacht, zumal sich hier gerne auch Wutbürger tummeln, die rechtliche Probleme bereiten können oder das Ansehen der Online-Publikation nicht heben, sofern nicht rigoros und zeit- sowie personalaufwändig kontrolliert und gesperrt wird.

Michael Robertson, einstiger Gründer von MP3.com, hat nun SolidOpinion.com ins Leben gerufen. Geschäftsidee: Die Forenbenutzung durch Gamification und eine Bezahlschranke zu Geld zu machen, indem Kommentatoren dafür bezahlen, im Ranking nach oben zu rutschen, während gleichzeitig die Qualität der Forumsbeiträge gehoben und Trollen das Leben schwerer gemacht werden soll: "Toxic commenters gone" wird versprochen: "Your user base is your troll shield!"

Der Verlag Tribune Publishing, der die Chicago Tribune oder die Los Angeles Times herausgibt, ist schon einmal eingestiegen. Vorsichtig und versuchshalber bei der Website der kleineren San-Diego Union-Tribune. Erst einmal können Nutzer sich im Forum Punkte verdienen, für die sie eine bessere Platzierung ihrer Kommentare erwerben können, wenn sie die Website regelmäßig besuchen und Kommentare schreiben. Sie können aber auch Punkte kaufen.

Ganz wichtig erscheint die erzieherische Komponente, überhaupt will man das Verhalten ausgeklügelt tunen. "Positives Verhalten" wird mit Punkten belohnt. Als Beispiele dafür werden Kommentare genannt, die von anderen geliked oder selbst häufig kommentiert werden. Das kann allerdings auch nur bedeuten, dass sich eine Gruppe mit bestimmten Meinungen lautstark macht. Für den ersten Besuch gibt es 50 Punkte, für jeden weiteren Tag 5 Punkte, für das Sharen eines Links 2 Punkte, für den ersten Kommentar unter einem Artikel 3 Punkte. Für einen Kommentar 1 Punkt, für eine Antwort darauf 2 Punkte. Punkte verliert, wessen Kommentare wegen der Verletzung der Forumsregeln markiert oder gesperrt werden. Bezahlt werden muss mit Punkten das Posten von Fotos und Videos, das Ignorieren eines Autors kostet 20 Punkte, das Deaktivieren von Antworten zu einem Kommentar 30 Punkte.

22 Punkte gibt es für einen Dollar, maximal kann man 880 Punkte für 10 US-Dollar kaufen. Mindestens 15 Punkte sind notwendig, um einen Kommentar weiter nach oben zu pushen. Dort sind drei markierte Plätze an der Spitze für "promoted comments" reserviert, die die Leser als erstes unter den Artikeln sehen. Man muss freilich nicht seinen eigenen Kommentar puschen, man kann auch den einer anderen Person fördern. Wollen mehrere Leser ihre Kommentare oben sehen, dann gewinnt der Meistbietende. Zum Anreiz werden diejenigen gelistet, die am häufigsten kommentieren, und diejenigen, die am beliebtesten sind.

Die ersten Plätze sind in den Suchmaschinen-Rankings heiß umkämpft und Gold wert, das will man nun auf die Foren umsetzen. Allerdings dürfte der Erfolg hier doch etwas bescheidener sein, denn ganz vorne werden eben auch hier Trolle und andere Aufmerksamkeitsjäger sein wollen. Gewiefte Leser werden die ersten Positionen daher eher außer Acht lassen. Sollten die gekauften ersten Positionen nicht wiederum viele Kommentare erhalten, dürfte sich das Geschäftsmodell schnell erledigt haben. Allerdings ist es auch eine Spielwiese, gut möglich, dass sich Leser herausgefordert sehen - und dafür auch zahlen -, um im Ranking oben zu stehen oder durch ihre Punkte Privilegien zu genießen. Wer 100.000 Punkte hat, wird zum Monitor - und so auch sichtbar ausgezeichnet - und kann Bemerkungen hinzufügen, mit 30.000 Punkten wird man zum Senior Editor und kann Antworten deaktivieren, als Editor kann man ein Video einbetten etc.

Weiter getrieben hat das Geschäftsmodell das jüdische Magazin Tablet. Hier muss jeder Leser zahlen, der einen Kommentar schreiben will. Die Kosten gleichen einem normalen Abo. Die Freiheit zum Kommentieren kostet 2 Dollar pro Tag, 18 Dollar im Monat oder 180 Dollar im Jahr.

Chefredakteurin Alana Newhouse begründet die Einführung der Bezahlschranke für das Forum, damit die anonymen Trolle bändigen zu wollen, die die Autoren bösartig belästigen und Beleidgungen oder Schlimmeres äußern, aber eine Möglichkeit offen zu lassen, seine Meinung kundzutun, was auch bedeute, dass der Beitrag als eine Art Spende oder als Geste der Befürwortung einer "guten Konversation" verstanden wird. Seitdem wird weniger kommentiert, aber es wäre Newhouse auch nicht ums Geld gegangen, dafür würden jetzt die Autoren nicht mehr bespuckt, "weil versucht wird, die Facebook-Freunde zu beeindrucken". (Florian Rötzer)

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