Kommissar Rex an der Mauer erschossen?

Holen wir uns die Agency zurück

Eine zentrale Hypothese der "Human Animal Studies" besagt, dass auch Tiere eine "Agency" haben. Was das bedeutet, wurde auf der Konferenz "Tiere unserer Heimat" im Eingangsvortrag zu "Zoo-Systemen" deutlich. Nicht etwa die internationalen Kooperationen der Zoos in Ost- und Westberlin im Ringen um die diplomatische Anerkennung der DDR standen im Vordergrund, sondern die "tierlichen Realitäten" - also die vermeintlichen Sichtweisen der Tiere selbst.

Statt die Biologie zu bemühen, um Erkenntnisse über das Verhalten von Tieren in freier Wildbahn zum Maßstab für eine artgerechte Haltung zu nehmen, wird nach Agency gesucht. Im Falle der Zoo-Systeme war dies die Feststellung, dass "kräftige Tiere" gelegentlich ihren Käfigen entwischt seien. Um diese Banalität als Pointe zu akzeptieren, muss man wissen, dass die human animal studies aus der Tierrechtsbewegung heraus entstanden sind, die annimmt, dass Tiere "Subjekte" sind und Rechte haben. Aus dieser Perspektive ist die Trennung zwischen Mensch und Tier nichts als Konstruktion. Denn Tiere verändern angeblich mit eigener Agency die Welt und gehören daher ins Reich der Geschichte - nicht etwa zur Natur oder zur "Umwelt".

Die These ist ein Zerfallsprodukt linker Gesellschaftskritik, das sich in den akademischen Betrieb gerettet hat. Ursprünglich war die Kritikfigur der Agency ein Gegenentwurf, um gesellschaftlich unterdrückte Stimmen aus der Opferrolle zu holen. Statt etwa Frauen nur als passive Opfer des Patriarchats zu kritisieren, rekonstruierten engagierte Wissenschaftler_innen Geschichten von widerständigen und aktiven Frauen in allen Epochen. Eine ähnlich differenzierte Kritik ergab sich z.B. in den Postcolonial Studies, ebenso seit den 1960er Jahren in der New Labour History mit ihren Forschungen zu Arbeit und Arbeiter_innenbewegung.

Mit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus und dem Utopieverlust der politischen Linken wurden Subjekte wie "die Arbeiterklasse" oder "wir Frauen" jedoch zunehmend fragwürdig. Stattdessen bekamen nun die lieben Tiere ihre Agency zugesprochen. Die entstehende Tierrechtsbewegung übertrug das Vokabular von Ausbeutung und Entrechtung auf Tiere, fügte der Triade von "class, race, gender" ein neues Herrschaftsverhältnis hinzu und kritisierte alle, die zwischen der Ausbeutung von Milchkühen und Sklaven noch Unterschiede erkennen wollten.

Akademisch passte dies perfekt in die Zeit nach dem Mauerfall, in der die Postmoderne nicht nur den Marxismus, sondern auch den Humanismus entsorgte. Die Human Animal Studies (HAS) konnten sich als Pointe eines philosophischen Antihumanismus inszenieren, als radikalste Dekonstruktion der Philosophiegeschichte. Gleichzeitig bedienen sie den akademischen Profilierungszwang, der alle paar Jahre eine neue Sau durchs Dorf treiben muss: Nach dem cultural turn, dem linguistic turn, dem spatial turn, dem iconic/visual turn, dem body turn und dem emotional turn ist jetzt also der animal turn an der Reihe.

Dass man sich mit mehr als zwei turns auch schnell im Kreis dreht, fällt dabei nicht auf. Denn das Prägen von Begriffen dient im akademischen Betrieb nicht allein der Wahrheitsfindung, sondern ist vor allem eine Strategie, um sich von der Konkurrenz zu unterscheiden. So entsteht die "academic fashion": der Paradigmenwechsel als Modetrend, dem sich niemand so recht entziehen mag, um nicht als altmodisch zu gelten. Doch die vermeintliche Innovation wird schon im Moment ihrer Entstehung zur Orthodoxie, zum Mitmachen genügt reiner Opportunismus.

Selbst eine Institution wie der Deutsche Historikertag kann sich dem nicht entziehen. So kam man 2014 auf der Historikertags-Sektion "Tiere als Verlierer der Moderne" zu folgendem Fazit: "Die Perspektive der Rinder einzunehmen sei nicht einfach für ein historisches Fach, positive Effekte in Hinblick auf Arbeit und Freizeit für beide Spezies anzunehmen, sei aber naheliegend: Mensch und Tier entkamen dem Stall durch Einsätze an frischer Luft, wodurch etwa Krankheiten eingedämmt wurden."4

Die Historikerzunft als Rinderherde, die frische Luft braucht - keine Satirikerin hätte diese Zeilen erfinden können. Doch der Herdentrieb ist enorm und niemand will Abseits stehen - und so ist laut einer Besprechung auf H-Soz-Kult der Animal Turn "längst in vollem Gange".5

Wichtig ist: Die neuen turns und Thesen müssen radikal klingen, dürfen aber keinesfalls herrschende Interessen oder gar staatliches Handeln in Frage stellen. Damit unterscheidet sich die academic fashion von einer älteren Variante, der Integration kritischer Ansätze. Hierbei wurden Ideen radikaler sozialer Bewegungen mit etwas Forschungsgeld aufgegriffen und in herrschende Diskurse eingebaut. Klassische Beispiele sind der "Kathedersozialismus" der Bismarckzeit oder die 1968er mit ihrem Marsch durch die Institutionen.

Die academic fashion spart demgegenüber einen kompletten Fertigungsschritt ein: Sie muss nicht erst integriert werden, da ihr jeder Bezug zu politisch-gesellschaftlicher Praxis fehlt. Sie ist von Anfang an rein wortradikal.Problematisch ist daran vor allem der für die Human Animal Studies charakteristische Relativismus, der menschliches und tierisches Leben auf eine Stufe stellt - was nicht die Stärkung von Menschenrechten, sondern deren Auflösung bedeutet.

Dies lässt sich anhand eines Berichts zur Abschlusstagung der Forschungsgruppe "Gewaltgemeinschaften" illustrieren. Die Tagung diskutierte unter anderem die Verbrechen von Landsknechten im Dreißigjährigen Krieg und deutscher Paramilitärs im Baltikum 1919 - präsentierte also spannende Forschungen zu einem bitteren Thema, das zu aktueller Reflexion geradezu einlädt. Genau diese vermeidet der Veranstaltungsbericht jedoch peinlich. Stattdessen endet der Bericht mit den Worten "Möglicherweise bieten sich im Zuge des Aufkommens der "animal studies" auch vergleichende Studien an, die Gruppengewalt und individuelles Gewaltverhalten jenseits der gängigen Grenzen komparativ erforschen."6 Es gruselt vor dem Gedanken, dass die Human Animal Studies demnächst vielleicht Einzug halten in die vergleichende Genozidforschung.

Zwar spricht nichts dagegen, Tiere oder die Interaktion von Mensch und Tier zu untersuchen und Tierquälerei anzuprangern. Das Problem ist jedoch der radikale Antihumanismus der Human Animal Studies, durch den jeder Begriff von Gesellschaft als Produktion und Interaktion von Menschen mit der Natur bedeutungslos wird. Sobald die Trennung von Natur- und Kulturgeschichte entfällt, ist der Rassismus des atlantischen Sklavenhandels nicht mehr unterscheidbar vom "Speziesismus" eines Schweinemastbetriebes.

Diese Auflösung von Gesellschaft passt nur zu gut zu den neoliberalen Leitbegriffen unserer Zeit und lässt an Margaret Thatchers Diktum denken: There is no such thing as society. There are individual men and women" - and animals, wäre hinzuzufügen.7 Die politische Praxis von HAS und Tierrechtler_innen verharrt dementsprechend allzu oft in der Konsumsphäre: korrekte Ernährung des Einzelnen ersetzt das kollektive Ringen um gesellschaftliche Ziele. Es gibt genügend gute Gründe, die gegenwärtige Tierverwertung zu kritisieren, ökologische, ökonomische oder die Zustände in Massentierhaltungsanlagen. Aber dazu braucht es weder Tierrechte noch Agency. Der Maßstab bleibt der Mensch.